Buchrezicenter.de

neuauflage

  • Rezi-Tipp

  • Verlage

  • Archive



Archiv für August, 2009

Mordakte Kasino

Erstellt von Michael Drewniok am 31. August 2009

van-dine-mordakte-kasino-cover-2009S. S. van Dine
Mordakte Kasino

Originaltitel: The Casino Murder Case (New York : Charles Scribner’s Sons 1934/London : Cassell & Co. 1934)
Diese Neuausgabe: Mai 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic Nr. 18467)
Übersetzung: Leni Sobez
191 S.
EUR 7,95
ISBN-13: 978-3-596-18467-5
www.fischerverlage.de

Das geschieht:

Der aktuelle Fall des Privatermittlers Philo Vance beginnt mit einem anonymen Brief. Sein unbekannte Verfasser (oder ist es eine Verfasserin?) kündigt düster Mord & Totschlag in einer renommierten Familie aus New York City an: Die Llewellyns gehören zum alten Geldadel der Stadt. Unter der Fuchtel von Mrs. Anthony Llewellyn, der Matriarchin des Clans, residieren feudal aber nicht glücklich in der Familienvilla:

- Richard Kinkaid, Bruder der Hausherrin; vom Vater wurde er weitgehend enterbt und ist deshalb auf die Einkünfte seines allerdings lukrativen Spielkasinos angewiesen.
- Lynn Llewellyn, Sohn derselben; seiner Mutter ist er beinahe ödipal ergeben, den Onkel hasst er. Besessen arbeitet er an einem System, mit dessen Hilfe er die Kasinobank sprengen und Kinkaid demütigen will.
- Amelia Llewellyn, Lynns Schwester; sie dilettiert als Künstlerin und beginnt sich zu einer gelangweilten, zynischen Jungfer zu entwickeln.
- Virginia Vale, Lynns Gattin; der ehemalige Varieté-Star wird von der Schwiegermutter terrorisiert und fühlt sich auch sonst – und mit Recht – unwillkommen in ihrem ‘Heim’.
- Morgan Bloodgood, Kinkaids Spielaufseher und Chefcroupier, ist ein undurchsichtiger Mann, der Amelia den Hof macht und sich deshalb oft in der Familienvilla aufhält.
- Dr. Allan Kane plant offenbar Ähnliches und lässt sich deshalb ebenso eifrig dort blicken.

Die Lunte am familiären Pulverfass brennt, und Vance ist gewarnt. Mit seinem Sekretär und John F.-X. Markham, dem Distrikt-Anwalt von New York, betritt er dennoch zu spät die Szene: Als das Trio Kinkaid in seinem Kasino aufsucht, werden sie Zeugen, wie Lynn nach einem hohen Roulette-Gewinn vergiftet zusammenbricht. Während sein Leben knapp gerettet werden kann, stirbt daheim Gattin Virginia durch ein weiteres Gift-Attentat. Sie bleibt nicht das letzte Opfer des unheimlichen Mörders sein, der seine Taten so geschickt plant, dass nicht einmal Vance das Gift identifizieren kann, mit dem getötet wird. Doch der Detektiv holt bald auf – und erregt dadurch die Aufmerksamkeit des Killers, der zu dem Schluss kommt, dass nur ein Dreifachmord ihm (oder ihr) einen endgültigen Sieg bescheren kann …

“The bigger they come …”

Die 1930er Jahre waren keine gute Zeit für den Kriminalschriftsteller S. S. van Dine. Berühmt war er mit klassischen “Whodunits” geworden, die dem Genre zwar keine neuen Impulse gaben, es aber auf manchmal geniale Weise ausloteten und interpretierten. Die ersten sechs Philo-Vance-Romane gehören nach Ansicht der Literaturkritik zum Kanon der ewigen Klassiker.

“Mordakte Kasino” ist kein ‘schlechter’ Roman. Eigentlich setzte van Dine die Vance-Reihe fort, wie er sie begonnen hatte: In abgeschlossenen Räumen – dem Familiensitz der Llewellyns bzw. dem Kinkaidschen Kasino – und in Anwesenheit einer namhaft gemachten Schar potenzieller Verdächtiger geschehen diverse Morde. Dieses Mal kommt Gift zum Einsatz, ein Instrument, das nicht die direkte Anwesenheit des Täters erfordert. Das ist nicht nur heimtückisch (und unsportlich), sondern erschwert auch die Ermittlungen erheblich, zumal das dieses Mal zum Einsatz kommende Mittel sich nicht nachweisen zu lassen scheint.

Van Dine stellt – ‘vertreten’ durch Philo Vance – sein einschlägiges Wissen über in Mörderkreisen ‘beliebte’ Gifte unter Beweis. Mit dem möglichen Einsatz “Schweren Wassers” wird die Palette um ein bizarres Mittel erweitert. Aber van Dine, der Hintertürchen in einem Krimi verdammte, findet letztlich zu einer logischen und gleichzeitig überzeugenden Auflösung zurück.

Grundsätzlich wird “Mordakte Kasino” dadurch zum Vance-Krimi, wie wir ihn kennen und schätzen. Die Vorbehalte rühren womöglich aus dem Wissen um die Skepsis der Kritik (s. o.) her, denn die Lektüre ist durchaus unterhaltsam. Nüchtern und sachlich beschreibt van Dine Schauplätze, legt Indizien offen, hält uns an der Leine, wie wir es wünschen, wenn wir miträtseln möchten, wer hinter den Morden steckt. Auch das große Finale lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Die letzten Rätsel werden vor dem Lauf des entsicherten Revolvers enthüllt, die der Täter auf den Detektiv richtet.

“… the harder they fall”

So sollte man sich das Vergnügen an diesem alten oder sogar altmodischen Krimi nicht verderben lassen. Dass S. S. van Dine unter die Räder eines sich drastisch verändernden Publikumsgeschmacks geriet, liegt viele Jahrzehnte zurück. Wie Lars Schafft in einem seiner beiden ausführlichen Nachworte beschreibt, wurde van Dine zum prominenten Opfer des “Hard-Boiled”-Krimis. Harte Jungs mit großkalibrigen Knarren übernahmen in den 1930er Jahren das Ruder. Die neuen Stars des Genres hießen Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Der Ton wurde rau und war (scheinbar) der Wirklichkeit abgelauscht. Die künstliche und isolierte Welt des Philo Vance (der in “Mordakte Kasino” gerade mit der Abfassung einer wissenschaftlichen Monografie über sumerische Töpferei beschäftigt ist) erschien – zumal angesichts der Weltwirtschaftskrise mit ihren politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verwerfungen – überkommen und lächerlich.

Lars Schafft beschreibt die für van Dine dramatischen Folgen. Dieser schrieb ausschließlich Philo-Vance-Romane, die sein Auskommen sicherstellten, zumal Hollywood zuverlässig die Filmrechte erwarb. Mit “Mordakte Kasino” begannen die Verkaufszahlen einzubrechen. Van Dine blieb notgedrungen bis zum bitteren Ende seinem Detektiv treu, doch vermutlich ersparte ihm sein relativ früher Tod im Jahre 1939 eine ernsthafte Finanzkrise.

Die “Mordakte Kasino” in Deutschland

Auch in Deutschland war van Dine mit seinen Vance-Romanen erfolgreich. Sie wurden regelmäßig und schnell übersetzt, bis das “Dritte Reich” dem in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre einen Riegel vorschob. “Mordakte Kasino” erschien als “Der Mord im Kasino” 1935 im Goldmann-Verlag; diese Ausgabe wurde 1951 erneut aufgelegt.

Die aktuelle Ausgabe basiert indes auf einer neu übersetzten Fassung des Jahres 1974, die nicht nur gekürzt ist, sondern sich auch recht altmodisch liest. Dies wird freilich erst im Vergleich mit den ungekürzten und neu übersetzten Vance-Romanen deutlich, die zwischen 1987 und 2003 in der “Kriminal-Bibliothek” des DuMont-Verlags erschienen. Deren Einstellung machte weiteren Neuausgaben ein Ende, sodass der Leser, der nicht zum Originaltext greifen möchte, zu Recht froh sein darf, auf den Fischer-Crime-Classic-Band zurückgreifen zu können, der als Boni gleich zwei informationsreiche Nachworte des “Krimi-Couch”-Chefredakteur Lars Schafft enthält, der einerseits über “Mordakte Kasino” als Wendepunkt im van Dineschen Schaffen schreibt und andererseits einige oft vergessenen Meister des frühen US-amerikanischen Kriminalromans vorstellt.

“The Casino Murder Case” als Film

Philo Vance gehörte in den frühen 1930er Jahren zu den Detektiven, die nicht nur literarisch, sondern auch im Film zu Ruhm gelangten. Hollywood griff gern auf van Dine zurück, zumal die Umsetzung nicht kostenintensiv war und kalkulierbar blieb: In dieser Ära der Geschichte wurden Filme wie am Fließband produziert. Da die großen Studios selbst Kino-Ketten besaßen, war gewährleistet, dass auch B-Movies ihr Publikum fanden.

“The Casino Murder Case” wurde 1935 vom Routinier Edwin L. Marin (1899-1951) inszeniert. Seinen Namen wird man in den Hollywood-Annalen höchstens als Fußnote finden; Marin gehörte zum Heer jener Regisseure, die in erster Linie für ihre Fähigkeit bekannt (und von ihrem Arbeitgeber geschätzt) wurden, Filme möglichst rasch, problemfrei und im Budgetrahmen zu realisieren. “The Casino Murder Case” ist deshalb ein B-Movie reinsten Wassers, das wohl ein wenig zu originalgetreu der Romanvorlage folgte, um erfolgreich zu werden: Es gab keine Romanze, und der Krimi-Plot war keineswegs fesselnd genug, um dies auszugleichen. Da half es wenig, dass Florence Ryerson und Edgar A. Woolf das Drehbuch schrieben; vier Jahre später schrieben sie am Buch zum ewigen Klassiker “Der Zauberer von Oz” mit Judy Garland in der Hauptrolle mit.

Die Schauspieler gehörten zum Stammpersonal des Metro-Goldwyn-Mayer-Studios. Mit Paul Lukas (1891-1971) war die Hauptrolle trotzdem durchaus ansprechend besetzt; im Verlauf seiner mehr als 50-jährigen Karriere zeigte sich Lukas als gewandter Schauspieler, auch wenn es zu echtem Starruhm nie reichte. Aus der Schar der übrigen Darsteller ragen Rosalind Russell und Leo G. Carroll heraus, die freilich erst später bekannt wurden.

Autor

S. S. Van Dine wurde als Willard Huntington Wright am 15. Oktober1888 in Charlottesville, Virginia, geboren. Er besuchte diverse Colleges und schließlich die renommierte Harvard University. Dort wurde er als bester Student in den Fächern Anthropologie und Ethnologie ausgezeichnet. 1907 wechselte Wright in die Literaturredaktion der “Los Angeles Times” und schrieb Kritiken zu Büchern und Theaterstücken. Ab 1915 arbeitete Wright als Kunst- und Musikkritiker. Daneben verfasste Wright eine Reihe von Büchern über Kunst, Literatur und Musik, die in Fachkreisen als Standardwerke galten. 1916 entstand auch ein erster Roman.

1925 wurde Wright krank. Zwei Jahre ans Bett gefesselt, vertiefte er sich in das Studium sämtlicher bis dato erschienener Kriminalromane. Was er las, missfiel ihm meist, und er beschloss, dem Genre höchstpersönlich Logik und Klasse einzuhauchen. Diese Fassung der Wrightschen Biografie wird immer noch gern nacherzählt; die Wahrheit ist profaner: Der gelehrte Mann war seiner Leidenschaft für Alkohol und Drogen erlegen und darüber arbeitslos und pleite geworden.

“The Benson Murder Case” (dt. “Der Mordfall Benson”) markiert den Auftritt des reichen, unabhängigen, hochintelligenten Privatgelehrten und Amateurdetektivs Philo Vance. Um seine wissenschaftliche Reputation zu schützen – so streng waren die Sitten einst – wählte Wright vorsichtshalber ein Pseudonym als Verfassernamen: Van Dyne war der Name seiner Großmutter mütterlicherseits.

Philo Vance schlug buchstäblich ein. Binnen kurzer Zeit war Wright finanziell saniert und konnte im Luxus leben wie sein Detektiv. Er hütete zunächst seine Identität, die schließlich doch gelüftet wurde, als Wright sich literaturwissenschaftlich auch dem Krimi widmete und u. a. Gebote für seine schreibenden Kollegen formulierte, die sämtlich einen nachvollziehbaren Plot einforderten.

Wright schrieb insgesamt zwölf Philo Vance-Romane, die sämtlich verfilmt wurden. Auch für das Radio wurden sie bearbeitet. Seinen Reichtum genoss Wright in vollen Zügen. Als er am 11. April 1939 in New York City an einem Herzanfall starb, belief sich sein Erbe auf gerade noch 13.000 Dollar.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Historisch, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Creature

Erstellt von Michael Drewniok am 30. August 2009

freedman-creature-coverDave Freedman
Creature

Originaltitel: Natural Selection (New York : Hyperion Books 2006)
Übersetzung: Hanne Hammer
Deutsche Erstveröffentlichung: April 2007 (Ullstein Verlag/TB Nr. 26602)
519 S.
ISBN-13: 978-3-548-26692-3
Sonderausgabe: Juni 2008 (Ullstein Verlag/TB Nr. 26936)
519 S.
ISBN-13: 978-3-548-26936-8
www.ullstein-taschenbuch.de

Das geschieht:

Touristen entdecken während eines Bootstörns vor der Küste von Los Angeles mutierte Rochen, die Luft atmen, fliegen können und über ein großes Maul mit scharfen Zähnen verfügen. Die Wesen machen sich aus dem Staub, doch die Kunde dringt an das Ohr des Geschäftsmanns Harry Ackerman. Der hat ein Meeresaquarium eröffnet, das gigantische Manta-Rochen ausstellen sollte, die leider sämtlich das Zeitliche segneten; der Wasser-Zoo steht vor der Pleite. Die Flügelrochen wären ein lukrativer Ersatz.

Ackerman beauftragt die Wissenschaftler und Abenteurer Jason, Lisa, Darryl, Craig, Monique und Phil, die ohnehin in seinem Sold stehen, nach den seltsamen Fischen zu fahnden. Das Sextett ist nicht begeistert, doch da der Rausschmiss droht, macht man sich ans Werk. Die Gruppe folgt den Kreaturen, die sich gut zu verbergen wissen und unbemerkt an Größe und Flugtauglichkeit zunehmen. Deshalb kann sich ein erster Rochen, gewaltig wie ein prähistorischer Flugsaurier und mit einem Schnappmaul von der Größe eines Müllwagenhecks, im dichten Wald der kalifornischen Küste einnisten, den er des Nachts zum Sturm auf das Binnenland verlässt, wo er reiche, zweibeinige Baute wittert.

Die Suche nach der Kreatur wird zum Wettlauf mit dem Tod, denn es ist nur eine Frage der Zeit, wann es zu Opfern unter den ahnungslosen Bürgern kommen wird. Aber soll sie denn gefunden werden? Die Frage stellt sich Jason, als sich die Zeichen mehren, dass man ihn und sein Team sabotiert. Eine dritte Partei mischt sich in das ein, was eigentlich eine wissenschaftliche Mission sein sollte, und sorgt für eine drastische Steigerung der Lebensgefahr, als das Wesen auf seine Verfolger aufmerksam wird und dabei eine dämonische Intelligenz unter Beweis stellt …

Anti-Werbung schürt Vorurteile

„Die Natur schlägt zurück.“ – „Sie kommen aus der Tiefsee. Keiner hat sie je zuvor gesehen.“ – „Gruselig, fundiert und glaubwürdig.“ – „Löst beim Lesen eine instinktive Urangst aus.“ Das sind nur vier Zitate des rückwärtigen Klappentextes zu diesem Roman, die bei jedem erfahrenen Leser Fluchtinstinkte wecken: Hier versucht ein Verlag, mit lautem Marktgeschrei Trash mit beschränkter Haltbarkeit anzupreisen, von dem bereits deutlich Bockmistgestank aufsteigt.

Aus diesem Grund musste „Creature“ mehr als ein Jahr ein Mauerblümchendasein im Bücherschrank des Rezensenten fristen. Immer wieder mogelte sich dieser Band zwar auf den Stapel der noch zu lesenden Bücher, um erwischt und rüde zurückgeschoben zu werden. Sonnenschein und Sommerlaune schwächten indes die Abwehrreflexe; für die Halbzone zwischen Wachen und Dösen bedarf es einer bestimmten Art von Lektüre.

Überraschung: „Creature“ ist ein zwar Genregewächs trübsten Wassers, das indes für ausgesprochenes Lesevergnügen sorgt. Wer hätte das von einer Geschichte gedacht, die sich um das gefräßige Wüten flugfähiger Riesenrochen dreht? (Weiß jede/r Leser/in, was ein Rochen ist? Das sind Fische, die wie Unterwasser-Fledermäuse aussehen; sie schmecken übrigens recht gut, wovon ich mich als Neffe eines Fischers vergewissern konnte.)

Ein gewisses Maß an Schwachsinn verkraftet jede gute Geschichte; dass diese ihren lächerlichen Plot nicht nur überlebt, sondern ihn zu einer wirklich guten i. S. von unterhaltsamen Geschichte entwickelt, kommt unerwartet. Dabei erfindet Verfasser Dave Freedman in seinem Romandebüt wahrlich das Rad nicht neu. Er dekliniert treu und brav durch, was das „Monstervieh“-Genre an Regeln vorgibt.

Klischees müssen nicht tödlich sein

Wer „Panik in New York“ („The Beast from 20.000 Fathoms“, 1953) gesehen oder „Meg“ und „Höllenschlund“ von Steve Alten gelesen hat, wird die Module, aus denen Freedman seine Mär zusammensteckt, sämtlich wiedererkennen: Im tiefen Meer und daher an einem unheimlichen Ort und unbeobachtet brütet Mutter Natur ein übles Ei aus. Als Kindsvater fungiert gern der dumme Mensch, der das Meer mit Giftabfällen und genetisch brisanten Abwässern tränkt. Es entsteht eine Kreatur oder wie in unserem Fall eine ganze Horde von Kreaturen, die zunächst im Geheimen bedrohlich munkeln, bevor sie zum offenen Angriff auf die Menschheit übergehen und dieser die Herrschaft über die Erde streitig machen. Die örtliche Ordnungsmacht betritt mit Feuer und Rauch die Szene und wird in die Flucht getrieben, denn in der Regel ist es eine kleine Gruppe von idealistischen Wissenschaftlern u. a. Außenseitern, die des Rätsels Lösung entdecken und die Bedrohung abwenden können, obwohl sie von ignoranten Politikern, bärbeißigen Generälen, geldgeilen Industriekonzernen u. a. Öko-Schweinen behindert werden. Meist bleibt bei allem Trubel noch ein wenig Raum für eine Lovestory innerhalb des Forscherteams.

Was für „Creature“ einnimmt, ist die Unverdrossenheit, mit der Freedman die Handlung über diese ausgefahrenen Geleise toben lässt. Er mag kein ‚guter‘ Schriftsteller sein, doch er versteht sein Handwerk, quasi filmische Spannung auf solidem B-Movie-Niveau zu schüren. Die Handlung fliegt von Höhepunkt zu Höhepunkt, Leerlauf gibt es nicht. Tief unter Wasser, auf hoher See, im dichten Küstendschungel und in zappendusteren Höhlen sind unsere Helden unermüdlich zugange. Liebevoll sind die Attacken der Monsterrochen in Szene gesetzt. Die ‚Fakten‘ mögen blühender Blödsinn sein, doch sie klingen gut bzw. überzeugend, bis man vor seinem geistigen Auge tatsächlich Rochen fliegen sieht: Biobabbel als Pendant zum Technobabbel der „Star-Trek“-Serien.

Persönlichkeit wird übertrieben …

Sechs Männer und Frauen umfasst unser Forscherteam, wobei die Herren zu differenzieren sind. Da haben wir Jason, den Helden – aufrecht, von wahrem wissenschaftlichen Geist beseelt, deshalb ohne Geld und Prominenz aber trotzdem von den Frauen bzw. der einen Frau, die’s wert ist (= Lisa), begehrt – und seine treuen Freunde, die nicht ganz so schlau aber treu sind. Die Frauen: selbstverständlich hübsch aber auch klug und jeglichem Schlampentum abhold, weshalb die amourösen Tändeleien, die Verfasser Freedman dem Geschehen aufpfropft (falls Hollywood anbeißt), eher antiseptisch und pennälerhaft wirken.

Abzug gibt’s auch für die Charakterisierung der weiblichen Heldin Lisa, die einerseits noch fanatischer als der gute Jason für die Reinheit der Forschung kämpft und sich andererseits wundert, wieso der ihre sparsam und sittsam gesetzten Signale, die zu Balz bzw. Brautwerbung auffordern, permanent ignoriert. Leider kommt ihr der Gedanke nicht, dass sie damit sowie mit ihrer ständigen Besserwisserei zur politisch korrekten Nervensäge mutiert.

Einen Judas gibt es in der Runde von Jasons Öko-Jüngern! Wer das ist, merkt der Leser so früh, dass er sich für Verfasser Freedman schämt, der freilich mit der Figur des Harry Ackerman noch eins draufsetzt. Schurkiger und schleimiger geht’s wirklich nicht: ein Bösewicht nicht auf B- sondern auf Buh-Movie-Niveau! Aber die Strafe bzw. die Gelegenheit zur Sühne lässt nicht auf sich warten.

Glücklicherweise kann der Grusel-Rochen punkten, was damit zusammenhängen mag, dass er nicht sprechen kann und auch sonst nie vermenschlicht („Monster böse!“) wird. Stattdessen leistet er einen guten Horror-Job, indem er unheimlich aussieht, sich entsprechend benimmt und süße Bärenbabys sowie wackere Durchschnittsbürger frisst. Weil sich die Handlung ausgiebig solchen Szenen widmet, überwiegen die positiven Aspekte eines Romans, dessen Lektüre schamvoll verdrängt wird, sobald das Hirn des Lesers wieder mit voller Kraft arbeitet …

[md]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Amazon.de (Sonderausgabe)

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
.
www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
.
Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
.
Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
.
Die Gewinner der Preisrätseltitel:
.
1. Claudia Keller
2. Mark Gork
3. Helmuth Golser
4. Frank Kunhenn
5. Martina Brenner
.
Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

Abgelegt unter Abenteuer, Horror, Mystery, Phantastik, beendete Preisrätsel | 1 Kommentar »

Der Mann unter der Treppe

Erstellt von Michael Drewniok am 29. August 2009

hermanson-mann-coverMarie Hermanson
Der Mann unter der Treppe

Originaltitel: Mannen under trappan (Stockholm : Albert Bonniers Förlag 2003)
Deutsche Erstausgabe: Juli 2007 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 5875)
Übersetzung: Regine Elsaesser
269 S.
ISBN-13: 978-3-518-45875-4
Neuausgabe: Juni 2009 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 46100)
530 S. (Doppelband mit M. Hermansons Buch “Muschelstrand”)
ISBN-13: 978-3-518-46100-6
www.suhrkamp.de

Das geschieht:

Für Fredrik Wennéus läuft das Leben beruflich und privat denkbar glatt. Als ehrgeiziger und arbeitseifriger Sekretär im Amt für Wirtschaftsförderung der kleinen schwedischen Stadt Kungsvik bei Göteborg ist er bei seinen Vorgesetzten gut angesehen. Verheiratet ist Fredrik mit der schönen Paula, einer Malerin, der Werke allmählich das Interesse der Kunstwelt erregen. Das junge Paar hat zwei Kinder.

Fabian und Olivia sollen nicht in der Stadt, sondern auf dem Land aufwachsen. Fredrik und Paula suchen nach einem entsprechend gelegenen Haus, das sie schließlich tatsächlich finden. Der Preis, den die ins Altersheim umgezogene Vorbesitzerin fordert, ist erstaunlich niedrig. Bald sind die Verkaufsmodalitäten geregelt, und die Familie zieht in ihr neues Heim ein.

Dort muss Fredrik freilich eine unerfreuliche Entdeckung machen: Ein kleiner, verwilderter und unheimlicher Mann, der sich “Kwådd” nennt, macht sein Wohnrecht als Untermieter geltend. Er lebe unter der Treppe und störe dort niemanden, so sein Argument, das Fredrik keineswegs gelten lassen möchte. Seine Nachforschungen ergeben, dass unter besagter Treppe ein unterirdischer Gang unter das Haus führt. Dort muss Kwådd sich verborgen halten, wenn er nicht durch Haus und Garten geistert.

Nur zu gern möchte Fredrik den ungebetenen Mitbewohner loswerden. Doch der ist schwer zu fassen. Maßlos überforderte ‘Mietgelder’ zahlt er ohne mit der Wimper zu zucken. Als Fredrik nachdrücklich den Auszug fordert, reagiert Kwådd aggressiv. Er schießt Pfeile auf seinen Verfolger ab und zeigt ein ungutes Interesse an Paula und den Kindern. Bald eskaliert der Kampf zwischen Fredrik und Kwådd, was nicht ohne tragische Folgen – und Leichen – bleibt …

Die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen

Das verfluchte Haus ist ein klassisches Motiv der phantastischen Literatur. Der Gedanke, dass sich das Grauen ausgerechnet dort manifestiert, wo wir Zuflucht vor den Anforderungen des Alltagslebens suchen, erschreckt uns maßlos. Wohin können wir noch gehen, wenn uns das Heim nicht gegönnt wird? Wohl oder übel müssen wir dort ausharren – wer kann es sich schon leisten, es umgehend per Umzug zu verlassen? – und uns dem Schrecken stellen. Nicht immer gelingt der Sieg, oft müssen Opfer gebracht werden. Nach dem Finale ist im besessenen Haus vielleicht wieder Ruhe eingekehrt, doch die dürfen nicht alle Bewohner genießen.

Fredriks Kampf mit dem “Mann unter der Treppe” ist dafür ein Paradebeispiel. Die Geschichte beginnt so trügerisch harmonisch, dass nicht einmal der erfahrene Leser zweifelt, dass dies viel zu schön ist, um wahr zu sein. Wer zwischen den Zeilen liest, erkennt schon jetzt und noch vor dem ersten Auftritt Kwådds diverse Risse im scheinbar festen Gefüge der heilen Familie Wennéus.

Das wertet diesen Roman von einer Gruselgeschichte zum Psycho-Thriller um. Den liebt vor allem die Literaturkritik viel stärker als ein schnödes Grusel-Garn. Dafür gibt es (manchmal, aber nicht immer) Gründe: Der Psycho-Thriller ist anspruchsvoller; er beschreibt ein Geschehen, das wie beschrieben nicht unbedingt stattfinden muss. Ins Spiel kommt stattdessen die Tatsache, dass die Welt, wie wir Menschen sie registrieren, eine Interpretation unseres Gehirns ist. Vermag dieses Organ aufgrund einer Störung nicht mehr zu entschlüsseln, was Augen, Ohren oder Nase als Input liefern, verschiebt sich der Fokus der Wahrnehmung in Bereiche, die gern mit dem Begriff “Wahn” bezeichnet werden.

Lautlose Lawine des Verderbens

Womit der aufmerksame Leser dieser Zeilen vermutlich den Aha!-Effekt der Geschichte erfasst haben dürfte. (Und falls nicht, so stößt ihn der Klappentext gleich mehrfach mit der Nase darauf.) Aber gemach – so einfach ist die Sache nicht! In Sachen Kwådd hält Autorin Hermanson im Finale eine Überraschung parat. Faktisch kommt es auf den Mann unter der Treppe ohnehin nicht an. Kwådd ist vor allem Katalysator eines Prozesses, der wie schon erwähnt in Gang gekommen ist, bevor die Familie ihr neues Heim bezieht.

Parallel zur Kwådd-Strang der Handlung schildert Hermanson ebenso subtil wie routiniert den schleichenden Zerfall einer Persönlichkeit. Fast unmerklich nehmen die Indizien zu. Fredrik sieht sich zunehmend isoliert und unter steigendem Druck. Kwådd wird zu seiner fixen Idee und zum Symbol für das, was in seinem Leben schiefläuft. Sein Verhalten spiegelt sich in den Reaktionen seiner Mitmenschen wider. Der Leser beginnt zu begreifen, was da vor sich geht. War er bisher an Fredriks Seite, möchte er sich später von ihm lösen. Doch das gestattet Hermanson erst, als Fredriks Welt in Scherben liegt.

Nachträglich dechiffriert sie die rätselhaften Ereignisse. Wir erfahren, was realiter geschehen ist. Aber auch dieser Eindruck täuscht, die auf Fredriks Kosten tragisch zurückgewonnene Sicherheit wird mit dem letzten Absatz erneut und dieses Mal ohne Auflösung erschüttert.

Unterhaltsam aber nicht originell

“Der Mann unter der Treppe” ist ein Roman, der sich zügig liest. Er unterhält, und Hermanson versteht ihr Handwerk. Sie bedient sich einer betont simplen Sprache und bleibt im Ton sachlich. Klassisches Spuken entfällt. Sentimentale Effekthascherei, sonst ein beliebter Bauernfänger-Trick nicht nur in der Phantastik, erspart sie uns. Fabian und Olivia werden nie vom bösen Troll gejagt oder von ihm besessen.

Diesen Kwådd charakterisiert Hermanson mit beachtlichem Geschick. Er ist an sich nicht bösartig, sondern pocht nur energisch auf sein Heimrecht. Erst Fredrik, der den Fremdkörper in seinem Vorzeige-Heim eliminieren will, weckt den Dämonen in Kwådd. Im Verlauf der einsetzenden Auseinandersetzung entzieht die Autorin sich der ‘Pflicht’, die wahre Natur des Mannes unter der Treppe aufzudecken. Kwådd bleibt ein Mysterium, und das ist ein Pluspunkt.

Insgesamt hinterlässt “Der Mann unter der Treppe” aber keinen nachhaltigen Lektüre-Eindruck. Zu glatt ist das Geschehen durchkonstruiert. Es läuft auf ein Ende zu, das wir in seinen Details zwar nicht kennen aber deutlich vorahnen. Abweichungen gibt es nicht. Wem die gekonnte und elegante Variation des Bekannten genügt, wird sich unterhalten. “Aufregend”, “beunruhigend” oder “ein richtiger Schauerroman” (Zitate aus diversen schwedischen Rezensionen, die im Klappentext aufgelistet werden) ist “Der Mann unter Treppe” jedoch nicht.

Autorin

Marie Hermanson wurde 1956 als Kind eines Lehrer-Ehepaares geboren. Sie wuchs in Sävedalen, am Rande von Göteborg auf, wo sie – inzwischen verheiratet Mutter zweier Kinder – weiterhin lebt und arbeitet.

Hermanson studierte Literaturwissenschaft und Soziologie an der Universität von Göteborg. Nebenbei arbeitete sie als Pflegekraft in einer psychiatrischen Klinik. Nach Abschuss ihres Studiums arbeitete Hermanson als Journalistin für verschiedene Tageszeitungen.

Als Erzählerin debütierte sie 1986 mit einer Sammlung von Erzählungen (“Es gibt ein Loch in der Wirklichkeit”), die durch Märchen und Mythen geprägt wurden. Weitere Geschichten sowie Romane folgten, in denen sich ebenfalls Reales und Irreales unmerklich mischen.

[md]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Amazon.de (Ausgabe im Doppelband)
Titel bei Amazon (Großdruck-Ausgabe)

Abgelegt unter Belletristik, Horror, Krimi & Thriller, Mystery, Phantastik | Keine Kommentare »

Sniper

Erstellt von Michael Drewniok am 28. August 2009

child-sniper-cover-tb-2009Lee Child
Sniper


Originaltitel: One Shot (London : Bantam Press 2005/New York : Delacorte Press 2005)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe: Februar 2008 (Blanvalet Verlag)
477 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0237-9
Als Taschenbuch: Juni 2009 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 37208)
477 S.
ISBN-13: 978-3-442-37208-9
www.blanvalet-verlag.de

Das geschieht:

Eine mittelgroße und weithin unbekannte Stadt im US-Staat Indiana rückt schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit, nachdem James Barr, vor vielen Jahren Elitesoldat und ausgebildeter Scharfschütze, mit einem Präzisionsgewehr kaltblütig fünf Menschen erschossen hat. Schnell hat die Polizei den Schützen verhaftet. Der weigert sich zu gestehen und spricht nur zwei Sätze: “Sie haben den Falschen” und “Lassen Sie Jack Reacher herkommen.”

Der ehemalige Militärpolizist Reacher, der seit seiner Entlassung aus dem Militärdienst unstet durch die USA vagabundiert, ist höchst verwundert, als er aus dem Fernsehen von diesem Wunsch erfährt. Er hat vor 14 Jahren gegen Barr ermittelt, als dieser im ersten Golfkrieg durchdrehte und mit seinem Hochleistungsgewehr vier Männer umbrachte. Der Fall wurde damals vom Militär vertuscht, und Barr blieb unbestraft, was Reacher hart ankam.

Neugierig geworden reist der Ex-Polizist nach Indiana. Dort halten Polizei und Staatsanwaltschaft die Indizien für einen wasserdichten Fall in ihren Händen. Reacher stimmt ihnen zu. Nur aufgrund der inständigen Bitten von Barrs Schwester und der hartnäckigen Verteidigerin Helen Rodin ermittelt er privat noch einmal selbst – und sticht in ein Wespennest. Reacher wird beschattet, dann in eine Falle gelockt und überfallen. Als das nicht fruchtet, hängt man ihm einen Mord an.

Doch die Unbekannten haben sich mit dem Falschen angelegt. Reacher entdeckt, dass der Massenmord Teil einer Verschwörung ist. Die Polizei und seine Verfolger hart auf den Fersen setzt er seine Nachforschungen fort – bis es an der Zeit ist zu einem Gegenangriff überzugehen, dessen Vehemenz sogar seine skrupellosen Feinde in Furcht und Schrecken versetzt …

Mord als elendes Handwerk betrachtet

Zumindest in einem Punkt passt der deutsche Titel besser als das originale “One Shot”: Auslöser der rasanten Geschichte ist tatsächlich ein Scharfschütze, der militärisch für den Zweck ausgebildet wurde, aus dem Hinterhalt und aus der Entfernung Menschen zu töten – “wegzuputzen” (to snipe).

Allerdings ist für James Barr nach seinem kurzen Auftritt auf den ersten Seiten seine Rolle eigentlich gespielt. Wir werden ihn nur noch kurz und dann hilflos an ein Krankenhausbett gefesselt erneut treffen. Er hat seinen Zweck erfüllt, denn “Sniper” ist alles andere als ein weiterer Bodycount-Thriller, in dem das Töten aus großer Distanz zelebriert wird.

Stattdessen ist der neunte Fall für Jack Reacher fast über die gesamte Distanz ein klassischer “Whodunit”? Die Hauptfigur wird mit einem offenbar unmöglichem Mord konfrontiert: Die Beweise gegen den Täter wirken absolut lückenlos. Selbst Reacher kann mit seiner beachtlichen Erfahrung lange keine Lücken in dem Bollwerk der Indizien finden.

Geschickt arbeitet Autor Child gerade dies als Wendepunkt heraus. Die ‘Beweise’ sind ZU perfekt. Als Reacher erst einmal eine lose Faser – den einen Schuss (“one shot”), der zum Schlüssel wird – gefunden hat, dröselt er nach und nach ein beachtliches Komplott auf. Bereits diese Schilderung fesselt das Publikum, denn Child ist ein fabelhafter Erzähler, obwohl – oder weil? – er sich auf kurze, knappe Sätze beschränkt. Sich auf das Wesentliche zu beschränken ist eine Kunst, die gerade im modernen Unterhaltungsroman nicht gerade viele Schriftsteller beherrschen, weil sich hier Schwatzsucht & Seifenoper viel zu breit gemacht haben.

Der Plot als Hase – mit Hakenschlägen

Mit der Aufdeckung des Komplotts geht der Krimi in die nächste Runde: Wer sind die Hintermänner? Wieso wurde in großem Stil gemordet? Diese Fragen stellt der Leser umso nachdrücklicher, nachdem Child Reacher in eine Ecke gedrängt zu haben scheint, aus der dieser nicht mehr entkommen kann. Dass ihm genau das gelingt, wissen die erfahrenen Reacher-Fans natürlich, doch sie können sich darauf verlassen, von Child überrascht zu werden.

“Sniper” funktioniert darin sogar noch besser als sonst. Child fährt den Anteil drastischer Gewalt erstaunlich weit zurück. Im Mittelteil verprügelt Reacher einige Mietstrolche, und im Finale lässt er wieder Genicke krachen und Kehlen klaffen. Ansonsten hält er sich zurück und ermittelt; systematisch, ideenreich und mit einem Rattenschwanz von Polizisten und Gangstern hinter sich, die er mit immer neuen Finten in die Irre führt. Dabei wirkt er nie wie ein unbesiegbarer Supermann, sondern überzeugt durch stoische Professionalität.

Angesichts der sauber inszenierten Verschwörung muss die Auflösung ein wenig enttäuschen. Soviel Aufwand scheint für die Tat, die es zu verschleiern galt, reichlich übertrieben. Doch das ist eine Kritik, die sich auch an manchem Krimiklassiker üben lässt. Irgendwann musste Reacher zudem seinen Killerinstinkt wieder tatkräftig zum Einsatz bringen. Diese Seite seines Wesens hat schließlich ihre eigenen Fans.

Kein Mann ohne Namen

Immer noch zieht Jack Reacher durch sein großes Heimatland. Was vor vielen Jahren als wütender Rückzug aus einer Welt begann, die ihn einfach ausgemustert hatte, ist nun seine Lebensart geworden. Reacher reist, lässt sich treiben, beobachtet – und greift ein, wenn er sich betroffen fühlt. Die Entscheidung trifft nun er, und das ist ihm die liebste Errungenschaft seines eigenartigen Lebens.

Der Wanderer ohne Wurzeln ist die ideale Figur als Kontrollinstanz außerhalb der gesetzlichen Normen, die einen moralischen Kern oft nicht mehr erkennen lassen. “Für einen denkenden Menschen ist es nicht möglich, in einem Gesellschaft wie der unseren zu leben, ohne sie ändern zu wollen.” (S. 411) Das ist Reachers Credo, und er ist weiterhin bereit seinen Teil beizutragen. Das fällt ihm als Außenseiter leichter, denn er ist quasi unsichtbar.

Selbstverständlich tritt Reacher weiterhin gegen überlebensgroß gezeichnete Gegner an. Figuren wie der bizarre “Zec” sind der reinen Unterhaltung geschuldet. Ihr monströses Äußeres spiegelt innere Anomalien wider, die ihnen furchterregende aber letztlich übertriebene Übeltaten ermöglichen. Dass der Zec und seine malerisch vertierten Spießgesellen in gewisser Weise selbst Opfer und gleichzeitig Kapitalverbrecher sind, soll schockierend wirken, ist aber so übertrieben, dass es als Mittel zum Zweck allzu deutlich erkennbar wird.

Besser gezeichnet sind die übrigen Figuren. Dabei entsprechen auch sie grundsätzlich bekannten Klischees: der ruhmsüchtige Staatsanwalt, die altruistische Verteidigerin (sie ist die Tochter des Anwalts, was für dramatische Verwicklungen sorgt), der harte aber gerechte Bulle, die treue Schwester (als moralischer Ankus), der reumütige Killer, das rauflustige Großmaul (das von Reacher auf dasselbe kriegt). Doch Child setzt sie ökonomisch ein, statt auf ihnen herumzureiten; er stellt sie in den Dienst seiner Geschichte, die ihm über allem steht. Nur einmal und dann mit negativer Wirkung verlässt er diesen Pfad, als er Reachers alte Flamme Eileen Hutton ins Geschehen bringt, deren Auftauchen offenbar nur Anlass für einen vom Verlag geforderte Liebesnacht geben soll, die Child denn auch (absichtlich rachsüchtig?) unglaubhaft und peinlich hölzern darstellt.

Das sind lässliche Sünden. Es überwiegt das Vergnügen am reinen, ohne jedes Schielen auf ‘literarische’ Qualitäten handwerklich druckvoll umgesetzten, die Intelligenz des Lesers nie beleidigenden Thriller, der Lust macht auf eine Fortsetzung der Reacher-Odyssee, die darüber hinaus noch möglichst lange andauern mag!

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie “Prime Suspect”/”Heißer Verdacht” oder “Cracker”/”Ein Fall für Fitz”) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‘freigestellt’.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling “Killing Floor” (1997, dt. “Größenwahn” aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei Null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

[md]

Titel bei Amazon (gebunden)
Titel bei Amazon (Taschenbuch)

Abgelegt unter Abenteuer, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Die wundersamen Abenteuer des Mulla Nasrudin

Erstellt von Günther Lietz am 27. August 2009

Bei Amazon.deThomas Poppe
Die wundersamen Abenteuer des Mulla Nasrudin

steinbach sprechende bücher, Schwäbisch Hall,10/2008
1 CD, Hörbuch, Belletristik, märchenhafte Parabel, Humor, 978-3-88698-942-3, Laufzeit: ca. 72 Min., gesehen 1/09 für EUR 14.99
Textauswahl mit Musik von Mourad X
Gelesen von Till Hagen
Cover von N. N.
www.sprechendebuecher.de
www.mouradx.de
www.tawabil.de

Ist es im deutschsprachigen Raum ein Schelm wie Till Eulenspiegel, der mit Witz, List und Verstand die braven und humorlosen Spießbürger an der Nase herumführte und viele Generationen amüsierte, so ist es in der islamischen Welt von Russland bis zu den Philippinen, von Nordafrika bis China eher Mulla Nasrudin, der mit seinen Streichen zum festen Bestandteil des Repertoires der Geschichtenerzähler gehört.

Thomas Poppe bietet nun eine Auswahl von kurzen und sehr kurzen Geschichten, die von humorvollen Anekdoten bis hin zu frechen Witzen reichen. Die meisten der gut 75 Texte sind auch im Vortrag kaum länger als eine Minute.

Inhaltlich haben sie eine große Bandbreite. Sie sind belehrend wie „Wirklichkeit und Wahrheit“, in der er dem König eines Landes und seinen Wachen klar macht, dass es nicht möglich ist, die Menschen durch die Androhung der Todesstrafe zu wahrheitsgetreuen Aussagen zu bewegen, da die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt. Dann macht er deutlich, dass „Dankbarkeit seine Grenzen hat“, wenn ein Nachbar immer und immer wieder betonen muss, dass er den anderen vor dem Sturz in einen Weiher gerettet habe. Nicht zuletzt nutzt er in „Nächstenliebe“ die Großzügigkeit eines Mannes, der sich eigentlich vorgenommen hat, sich nicht noch einmal von ihm narren zu lassen, erneut aus.

Der Schelm tritt immer wieder in wechselnden Rollen auf, als Meister, Lehrer, Richter, Arzt, Bettler oder Narr, der zumeist an seinem großen Turban zu erkennen ist und auf einem Eselchen durch das Land reitet.

Die Anekdoten und Witze greifen nur all zu menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen auf, die nicht nur im islamischen Raum zu finden sondern auf der ganzen Welt gültig sind. Man kann über die frechen Streiche und pfiffigen Dialoge lachen, ohne sich verletzt zu fühlen. Dann halten die Texte einem gleichzeitig aber auch den Spiegel vor und man kommt nicht umhin, über sich selbst, seine Vorurteile und seine Handlungsweisen nachzudenken.

Trotz des immer wieder deutlich spürbar erhobenen Zeigefingers und des belehrenden Untertons kommt die Unterhaltung nicht zu kurz, denn Till Hagen erzählt die kleinen Geschichten pointiert und lebhaft wie ein richtiger Geschichtenerzähler. Die stimmungsvollen Musikstücke von Mourad X sorgen zudem dafür, dass die richtige Atmosphäre entsteht.

So bietet „Die wundersamen Abenteuer des Mulla Nasrudin“ für jung und alt humorvolle Unterhaltung, die vor allem in der Grundaussage leicht zu verstehen ist, auch wenn Kinder den einen oder anderen Hintergrund anhand ihres fehlenden Wissens noch nicht ganz nachvollziehen können. Das trübt den Gesamteindruck jedoch nicht. (CS)

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Belletristik, Hörbuch & Hörspiel, Satire & Humor | Keine Kommentare »

Marsmenschen auf Malle – Reportagen und Geschichten aus Mallorca

Erstellt von Günther Lietz am 27. August 2009

Bei Amazon.deWilhelm Ruprecht Frieling
Marsmenschen auf Malle – Reportagen und Geschichten aus Mallorca

Internet-Buchverlag, Berlin, 2. Auflage: 9/2008
PB, zeitgenössische Belletristik, Satire, Humor, Surrealismus, 978-3-941286-30-6, 124/1480
Titelgestaltung von Ulrich Bogun unter Verwendung eines Gemäldes von Jan Bouman
www.internet-buchverlag.de
www.ruprechtfrieling.de

Alle Jahre wieder ergießen sich deutsche Touristenströme über die Sonneninsel Mallorca. Viele fliegen nur dorthin, um die Sau raus zu lassen – denn Ballermann interessiert sich bloß für Disco, Strand, Sangria-Eimer und willige Busenwunder. Kultur? Das Wort ist in seinem Vokabular nicht enthalten, und wenn er es hört, grübelt er vermutlich, ob das etwas zu trinken ist.

Entsprechend einseitig ist das Bild, welches man gemeinhin von dem Ferienparadies und seinen Gästen hat. Allerdings scheint es auch ein anderes, weniger bekanntes Mallorca zu geben, das man jedoch nur findet, wenn man die Insel abseits der Touristenhochburgen erkundet. Wilhelm Ruprecht Frieling hat gesucht und gefunden – und macht keinen Hehl daraus, dass ihm dieses Mallorca sehr viel besser gefällt.

In 15 Kurzgeschichten bringt er seine Impressionen auf bissige Weise zum Ausdruck. Dabei nimmt er sowohl die Verhaltensweisen der „Marsmenschen auf Malle“ und der „Klingonen auf Klassenfahrt“, diesen Aliens, die fremd wirken und sich auch gar nicht den Geflogenheiten anpassen wollen, auf die Schippe, aber auch die der kauzigen Einheimischen, die man „Beim Herrenfriseur“ trifft oder die „Die Schreckensnacht der Schnecken“ zu verantworten haben. Selbst dem, was das einheimische Getier beschäftigen mag, geht er nach in „Wenn schwarze Schweine träumen“.

Ob man nun selber einmal auf Mallorca war oder nicht, spielt keine Rolle, denn jeder kann über die skurrilen Anekdoten und eloquenten Schilderungen schmunzeln, so auch über die Probleme, die „Der schwarze Schimmel“ durch einen Übersetzungsfehler aufwirft, oder die verlockenden Anzeigen über erotische Dienstleistungen, die sogar das Gerademachen der Zähne anbieten – „Dauergeil in Palma“ durch S & M, oder was ist los…? Jedenfalls muss man ständig aufpassen, dass man nicht in die „Sex-Falle“ gerät.

Der Autor versteht es, durch manchmal schlüpfrige Titel und Anspielungen die Neugierde der potentiellen Leser zu wecken. Lässt man sich auf seine Geschichten ein, darf man sich über treffende, sarkastische Kommentare amüsieren. Wer weiß, so mancher mag sich sogar in den Geschichten wieder erkennen… Trotzdem schwingt in den Erzählungen auch die Liebe zu dem anderen Mallorca mit, das von den Marsmenschen weitgehend verschont geblieben, originär und sehr viel interessanter ist.

„Marsmenschen auf Malle“ beinhaltet ein buntes Allerlei an Eindrücken, das Globetrotter dazu einlädt, die Insel neu zu entdecken. Für Ballermann ist das natürlich nichts – und das ist auch gut so, damit nicht auch der Rest von Mallorca zur Marsianerkolonie verkommt. (IS)

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Belletristik, Satire & Humor | Keine Kommentare »

CIA – Die ganze Geschichte

Erstellt von Michael Drewniok am 27. August 2009

weiner-cia-cover-tb-2009Tim Weiner
CIA – Die ganze Geschichte

Originaltitel: Legacy of Ashes – The History of the CIA (New York : Doubleday, a division of Random House 2007)
Übersetzung: Elke Enderwitz, Ulrich Enderwitz, Monika Noll, Rolf Schubert
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2008 (S. Fischer Verlag)
864 S.
ISBN-13: 978-3-100-91070-7
Als Taschenbuch: Mai 2009 (Fischer Taschenbuchverlag/TB Nr. 17865)
864 S.
ISBN-13: 978-3-596-17865-0
www.fischerverlage.de

Frankensteins Spitzel- und Terror-Monster

“Der Krieg ist der Vater aller Dinge”, sprach der Philosoph Heraklit schon im 6. Jh. vor Chr., aber er fuhr so fort: “Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.” Dieser Teil wird im Zitat gern unterschlagen. Damit wollte Heraklit auf die Ambivalenz der Dinge hinweisen, die ein Krieg hervorbringen kann.

Man könnte meinen, der weise Mann habe bereits vor 2500 Jahren die Gründung der “Central Intelligence Agency” und ihr Scheitern vorausgesehen. Denn ein Kind des Krieges, des II. Weltkriegs sogar, ist diese CIA, die ursprünglich Nachrichten aus aller Welt sammeln, sichten und auswerten sollte, die für die politische Alltagsarbeit des US-Präsidenten von Relevanz sein konnten.

In sechs Kapiteln berichtet der Journalist Tim Weiner, wie einer an sich guten Idee ein Monster entsprang, das die Weltgeschichte auf kriminelle Weise veränderte und entscheidende Mitschuld daran trägt, dass die heute stärkste Großmacht auf Erden Instrumente wie Mord und Folter in ihre Politik aufgenommen hat.

“Anfangs wussten wir nichts”, überschreibt Weiner das erste Kapitel, das die Gründerjahre der CIA unter Präsident Truman (1945-1953) beschreibt. Der Kampf gegen die Nazis und die Japaner war gewonnen, der Kalte Krieg mit der Sowjetunion und China stand bevor. Um ihn nicht militärisch führen zu müssen, waren Informationen nötig, die der neue Gegner selbstverständlich sorgfältig geheim hielt. Von der Informationsbeschaffung bis zum Informationsdiebstahl war es daher nicht nur gedanklich ein kurzer Weg.

Doch Hektik, Unkenntnis und Ratlosigkeit wurden die drei grundsätzlichen Pfeiler der CIA, die ohne Wissen um die Mechanismen erfolgreichen Spitzelns den Feind hinter dem Eisernen Vorhang ausspionieren sollte. Jeder wusste, dass man eine solche Institution benötigte, doch niemand hatte einen Ahnung, wie sie aufzubauen und zu organisieren war.

Dies blieben keine Anfangsschwierigkeiten. “Die CIA unter Eisenhower, 1953 bis 1961″, lernte rein gar nichts aus ihren Fehlern, sondern ergänzte die lange Liste falsch geplanter und fehlgeschlagener Spionage-Einsätze um eine neue Todsünde: Die CIA begann politisch aktiv zu werden, indem sie missliebige Regierungen und Gruppierungen zu unterwandern und aus dem Feld zu schlagen suchte. Verbündete oft zweifelhafter Herkunft wurden mit Geld und Waffen versorgt, Sabotageakte und Attentate gefördert, die Autonomie der betroffenen Nationen und das Recht mit Füßen getreten. Korea und Kuba bildeten die Klammer für die CIA-Aktivitäten dieser Jahre, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie aufflogen, fehlschlugen und ein blutiges Ende nahmen; meist geschah dies alles gleichzeitig.

“Unter Kennedy und Johnson” komplettierte die CIA nicht nur die außenpolitischen Debakel durch den Vietnamkrieg. Die US-Regierung begann den Geheimdienst zur Bespitzelung der eigenen Bürger zu missbrauchen. Wachsende Kritik an den Menschenrechtsverletzungen durch die und den Diskriminierungen in den USA machte dem politischen Establishment zu schaffen, das keineswegs daran dachte, sich mit der Opposition und ihren gerechtfertigten Forderungen arrangieren, sondern diese den “Commies” gleichsetzte und als Staatsfeinde betrachtete.

Pikanterweise begann der Abstieg der CIA ausgerechnet unter den Präsidenten Nixon und Ford (1968-1977) – pikanterweise deshalb, weil der paranoide Nixon, den seine Watergate-Schnüffeleien zu Fall brachten, nicht einmal den Hightech-Spitzel der CIA traute. Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam, die CIA einer endlosen Serie von “Reorganisationen” unterzogen, die sämtlich torpediert wurden und die bekannten Zustände konservierten. Die CIA verwaltete sich weiterhin am liebsten selbst und agierte ohne Zustimmung der Regierung. So kam es, dass seit den 1970er Jahren afghanische Rebellen im Kampf gegen die sowjetischen Invasoren mit modernen Massenvernichtungsmitteln ausgerüstet wurden, die sie später zur Errichtung strikt antiwestlicher Gottesstaaten befähigten: Das Terror-Problem der USA ist weitgehend hausgemacht.

“Die CIA unter Carter, Reagan und George H. W. Bush” setzte 1977 bis 1993 die Reihe der blamablen Fehlschläge fort. Der redliche Carter wollte die CIA zerschlagen, und selbst der intellektuell beschränkte Reagan bemerkte die Ahnungslosigkeit der gar nicht ‘intelligenten’ Agenten, die vom Fall der Berliner Mauer oder vom Zusammenbruch des Ostblocks eiskalt überrascht wurden. George Bush der Ältere reihte sich ein, als er den wackligen und geschönten Berichten über einen atom- und chemiewaffengerüsteten Irak Glauben schenkte und den ersten Golfkrieg entfesselte.

“Die Abrechnung” erfolgte 1993 bis 2007 unter Clinton und George W. Bush. Der zweite Golfkrieg wurde ebenfalls unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geführt, die zornige Gegenreaktion im Nahen Osten vom Geheimdienst entweder falsch interpretiert oder ignoriert. Den traurigen Höhepunkt bildete die Attacke auf das World Trade Center im September 2001 – eine Terroraktion, von der sogar die CIA längst wusste, ohne entsprechende Schritte zu einzuleiten. Als Konsequenz büßte die Agency 2006 ihre Vormachtstellung ein – sie untersteht nun dem Nationalen Nachrichtendienst und wird abermals neu organisiert …

Gut gemeint aber mörderisch mutiert

Tim Weiners Geschichte der CIA ist ein Buch, das sich im Grunde nur in kurzen Abschnitten lesen lässt, weil die Lektüre garantiert zu erhöhtem Blutdruck und ungesunden Wutanfällen führt. Das Schlimme ist, dass selbst Weiners Kritiker dem Verfasser zugestehen müssen, wie redlich er recherchiert und ausgewertet hat, was er in jahrzehntelangem Quellenstudium sowie im Rahmen unzähliger Interviews in Erfahrung bringen konnte.

Man wünscht sich verzweifelt eine logische Erklärung dafür, wie eine Institution, die Tod und Leid über die Welt gebracht und Unsummen für groteske und höchst kriminelle Aktionen verprasst hat – Geld, das dem Sozial- und Gesundheitswesen oder der Bildung entzogen wurde –, sich mehr als sechs Jahrzehnten nicht nur halten konnte, sondern wuchs und gedieh und ihre üblen Machenschaften weiterhin fortsetzt.

Weiner liefert diese Erklärung, aber sie befriedigt nicht, weil sie Binsenweisheiten zu einer Dimension verhilft, die schlicht atemberaubend i. S. von niederschmetternd ist: Angst und Ahnungslosigkeit schufen eine Einrichtung, die unkontrolliert Ziele verfolgen konnte, die nicht selten von psychisch kranken oder offen kriminellen Menschen formuliert wurden und schließlich sakrosankt wirkte: ein Monster, das nach außen menschlich wirkt, während es insgeheim ganze Kontinente verwüstet und ins Unglück stürzt.

Seinen Widersachern macht es Weiner schwer. Er überzieht sie mit Daten und Fakten. Wer seiner Auswertung nicht trauen mag, kann sie ab S. 669 anhand 664 oft mehrseitiger Anmerkungen nachprüfen, die bis zur Seite 834 noch einmal ein eigenes Buch ergeben. Dabei konfrontiert Weiner Worte mit Taten. Die Diskrepanz ist deutlich und lässt sich schwerlich wegerklären.

Eine wertvolle Informationsquelle stellten die Männer und Frauen dar, die für die CIA gearbeitet haben, die Strukturen dort kennen und unglücklich über die Realität einer ebenso ineffizienten wie illegal arbeitenden Einrichtung waren. Als Achillesferse der CIA entpuppte sich stets die Unfähigkeit des Menschen, Geheimnisse zu wahren oder unter den Tisch zu kehren. “Es gibt kein Geheimnis, das die Zeit nicht enthüllt” – mit diesem Zitat des Schriftstellers Jean Racine (1639-1699) leitet Weiner sein Mammut-Werk ein.

Ist Weiner einseitig? Ihm dies vorzuwerfen ist schwierig, sollte auch nur teilweise zutreffen, was er ans Tageslicht befördert hat. Die “Falken” zürnen, weil sie an der Willkür als Mittel im Kampf gegen den Terror festhalten wollen und ein Buch wie dieses, das viele heilige Kühe der politischen, wirtschaftlichen oder militärischen US-Geschichte förmlich schlachtet, als kontraproduktiv betrachten. Im Zweifelsfall sind freilich auch die Moralisten Hilfe suchend zur CIA gelaufen, wenn es irgendwo brannte und die Wiederwahl in Gefahr war.

Übrigens ist Weiner nicht grundsätzlich gegen Spionage. Ein geschickter Geheimdienst kann gefährliche Pläne des Gegners offenlegen und diesem damit den Wind aus den Segeln nehmen. Weiner prangert vor allem miserable Spionage an, weil mangelhafte oder fehlende Informationen immer kontraproduktiv sind und die USA in den Vietnamkrieg und andere Desaster geführt haben.

Kriminelle Geschichte oder Geschichte als Krimi?

Sollte jemand bisher der Ansicht gewesen sein, dass Geschichte langweilig ist, wird ihn die Lektüre dieses Buches eines Besseren belehren. “CIA” ist ein Werk, das jeden Thriller deklassiert, denn wieder einmal ist die Realität stärker als jede Fiktion. Weiner kann beweisen, was er schreibt, was Schilderungen ermöglicht, für die man jeden Schriftsteller mit Hohn und Spott übergießen würde. Wer würde ohne entsprechende Belege glauben, dass der US-Geheimdienst ernsthaft probte, Tokio in der Endphase des II. Weltkriegs mit Brandbömbchen zu verheeren, die man den dort beheimateten Fledermäusen umschnallen wollte …? Mit solchen und ähnlich bizarren Anekdoten lockert Weiner seinen Text immer wieder auf. Das Lachen bleibt dem Leser im Halse stecken, wenn er unmittelbar darauf informiert wird, wie viele meist unschuldige Menschenleben solcher Schwachsinn kostete.

Weiner schließt mit der Hoffnung, die ‘neue’ CIA von 2006 werde endlich ihren eigentlichen Aufgaben gerecht. Er will dies annehmen, denn er glaubt wie gesagt an das Konzept der CIA. Die unerfreuliche Realität hat er aufgedeckt, was er jedoch nicht als wütende Attacke, sondern als Warnung versteht. Die CIA ist für Weiner trotz ihrer Sünden ein Teil der US-Regierung geworden. Sie lässt sich hoffentlich umstrukturieren und zukünftig besser kontrollieren, darf aber nicht abgeschafft werden. Dieses Fazit wird vielen (deutschen) Lesern nicht schmecken, doch Weiner ist letztlich Amerikaner, der an das politische, ökonomische und moralische Primat ‘seiner’ USA glaubt.

Wen interessiert in Deutschland die CIA?

Die deutsche Ausgabe von “CIA – Die ganze Geschichte” wurde von vier Übersetzern bearbeitet, um so ein zum Original möglichst zeitnahes Erscheinen zu ermöglichen. Brüche oder stilistische Unterschiede lassen sich nicht feststellen; der seitenstarke Band liest sich wie aus einem Guss.

Wer sich fragt, wieso die Übeltaten der CIA so rasch einem deutschen Publikum nahe gebracht werden oder dieses interessieren sollten, wird durch ein separates “Vorwort zur deutschen Ausgabe” aus seinem Dornröschenschlaf geweckt: Selbstverständlich arbeiten der US-amerikanische und der deutsche Geheimdienst seit 1945 eng zusammen; die CIA stützte sich in den Anfangsjahren sogar gern auf die vorzüglich ausgebildeten Fachleute der Gestapo … Deutschland hat seinen Preis für die von der CIA ‘beratene’ und damit mitgeprägte Politik zahlen müssen und war u. a. für Jahrzehnte Pufferzone für eventuelle Atom-Attacken aus dem roten Osten, denn natürlich stationierten die USA ihre Raketen am liebsten dort, wo dies das eigene Land nicht in Gefahr brachte. Auch im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung hat sich die CIA nicht mit Ruhm bekleckert. Geheimdienstarbeit war offensichtlich schon globalisiert, als dieser Begriff noch gar nicht existierte. Frieden oder Stabilität hat sie der Welt nicht gebracht, aber Weiner macht uns klar, dass dies womöglich niemals geplant war oder ist.

Verfasser

Tim Weiner berichtet als Journalist seit mehr als zwei Jahrzehnten über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Er arbeitete in Washington, dem Herz der US-Politik, sowie in Mexiko City als Auslandskorrespondent. 1988 wurde er für eine vom “Philadelphia Inquirer” veröffentlichte Reportage, die geheime Schmiergeld-Praktiken des Pentagons und der CIA offenlegte, mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Weiner blieb dem Thema bzw. weitete seine Recherchen aus. Zwischen 1993 und 1999 schrieb er für die “New York Times” mehr als 100 Berichte über die CIA. Er gilt längst als einer der besten Kenner des US-amerikanischen Geheimdienstsystems. In “Legacy of Ashes” (dt. “CIA – Die ganze Geschichte”), seinem dritten Buch, fasste er die Ergebnisse seiner Nachforschungen 2007 zusammen. “CIA” erklomm die Bestseller-Listen und wurde mit dem “National Book Award Non-Fiction” 2007 ausgezeichnet.

[md]

Titel bei Amazon.de (Taschenbuch)
Titel bei Amazon.de (gebunden)

Abgelegt unter Bildung, Historisch, Krimi & Thriller, Sachbuch, Zeitkritik & Reportagen | Keine Kommentare »

Die Echsenwelt

Erstellt von Michael Drewniok am 26. August 2009

foster-echsenwelt-coverAlan Dean Foster
Die Echsenwelt

Originaltitel: Reunion (New York : Ballantine Books 2001)
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2008 (Bastei-Lübbe-Verlag/SF-TB Nr. 24375)
Übersetzung: Michael Neuhaus
Cover: Arndt Drechsler
398 S.
ISBN-13: 978-3-404-24375-4
www.luebbe.de

Das geschieht:

Philip Lynx, genannt Flinx, folgt weiterhin den Spuren der eigenen Geschichte (s. zuletzt “Der grüne Tod”) . Seine Existenz und seine telepathische Gabe verdankt er den grausamen eugenischen Experimenten der “Meliorare-Society”, die für ihre Untaten von der “Vereinigten Kirche” des Homanx Commonwealth – dem Bund der Menschen mit den insektoiden Thranx – zerschlagen und verboten wurde. Seither unterliegen sämtliche Informationen über die Society dem Kirchenbann.

Trotz strengster Sicherheitsmaßnahmen gelingt Flinx auf der Erde der Einbruch in die Datenbank der Kirche. Das Unternehmen endet als Katastrophe: Die einzige Datei, die Flinx seine Fragen beantworten könnte, wurde von einer unbekannten fremden Macht so manipuliert, dass die Nachforschungen eine gewaltige Explosion auslösen. Flinx muss die Erde fluchtartig verlassen.

Wenigstens kann er den Weg rekonstruieren, den die Datei genommen hat. Sie wurde in den Bordcomputer eines angeblichen Handelsschiffs kopiert, das eine Reise in die Außenbezirke des Commonwealth führt. Pyrassa, der Zielplanet, liegt im Kaiserreich der AAnn, jener expansionswütigen und feindseligen Reptilrasse, die nur die Macht des Commonwealth vor einem offenen Kampf zurückschrecken lässt. Im Untergrund tobt dafür umso erbitterter ein ‘kalter’ Krieg, was kluge Zeitgenossen die AAnn ausdrücklich meiden lässt.

Den wissbegierigen Flinx kann die Gefahr nicht schrecken. Doch Pyrassa droht ihm zum Grab zu werden. Er strandet auf der Oberfläche des öden und von gefräßigen Kreaturen heimgesuchten Planeten, stolpert über ein uraltes galaktisches Artefakt und fällt den AAnn in die Hände. Freilich hat er buchstäblich ein Ass im Ärmel: Pip, die fliegende Drachenschlange, die ihrem Herrn mit prall gefüllten Giftdrüsen zur Seite steht und denen, die Flinx in der Falle wähnen, eine böse Überraschung beschert …

Unendliches Abenteuer oder nur Drehen im Kreis?

Wenn dir als Autor zu einem von dir geschaffenen, auf dem Buchmarkt lukrativen und deshalb wertvollen Helden nichts mehr einfallen will, lass’ ihn nach den eigenen Wurzeln graben. Das Ergebnis ist eine Odyssee, die sich unendlich auswalzen und mit modulhaft angeflanschten Standard-Episoden bestreiten lässt.

Das ist die böse aber auch objektive Interpretation der Abenteuer von Flinx und Pip, die mit der “Echsenwelt” in die achte Runde geht, ohne dass die Gesamthandlung auf der letzten Seite entscheidend vorangeschritten wäre. Foster-SF war und ist routiniert abgespulte Action mit dem Wissen um jene Ingredienzien, die der typische Leser dieser Romane erwartet. Flott muss das Geschehen sein, der Plot darf nicht komplex werden. Politische, gesellschaftliche oder kulturelle Extrapolationen bzw. Gedankenspiele, die eine ‘literarische’ Science Fiction prägen (und sie zu Recht ehren), bleiben außen vor. Der Kosmos à la Foster ist zwar gewaltig aber simpel strukturiert.

Eigentlich ist er nur ein großer Abenteuerspielplatz. Hightech, über die sich der Verfasser Gedanken machen müsste, beschränkt sich auf recht wenige Schauplätze. Die Erde der Zukunft wirkt bei Foster wie die koffeinfreie Version der “Neuromancer”-Visionen eines William Gibson – oberflächlich hipp aber aus zweiter Hand und ziemlich keimfrei, wie überhaupt das Commonwealth arg an das “Star Wars”-Universum erinnert.

Schnell wechselt Foster deshalb in den ‘Wilden Westen’ des Commonwealth und präsentiert die alten, zeitgemäß leidlich aufgerüsteten Elemente des “Goldenen Zeitalters” der SF: bizarre Außerirdische, gefräßige Ungeheuer, Weltraum-Schurken, kosmische Rätsel und andere Widrigkeiten, die stets für einen turbulenten Zwischenstopp taugen.

SF und die Furcht vor dem Unbekannten

Foster ist Profi. Action-SF schreibt bzw. produziert er seit Jahrzehnten. Er weiß, was sein Publikum von ihm erwartet, und er liefert  es. Auch “Die Echsenwelt” ist anspruchsloses aber unterhaltsames Lesefutter – wenn es denn gelingt, die Ereignisse der sieben früheren Flinx/Pip-Romane sowie die Tatsache, dass “Die Echsenwelt” eine Melange aus Fosters “Eissegler von Tran-ky-ky” (Wunder & Schrecken eines Bizarr-Planeten) und “Das Tar-Aiym-Krang” (Schrecken & Wunder aus der Vergangenheit) ist, zu ignorieren.

Was den Telepathen und seine Drachenschlange einst interessant machte, ist längst erfunden, entwickelt und erzählt, Flinx’ Suche nach der eigenen Identität wirklich nur ein Vorwand, damit Foster die eingeführte Serie fortsetzen kann. Immer wieder stoßen wir auf Bekanntes: Flinx kämpft mit seiner unzuverlässigen Mutantenkraft, deren Versagen ihn zuverlässig in aufregende Bredouillen bringt, aus denen ihn die Gift spuckende Pip befreit. Flinx ist wieder auf der Erde, wo er bereits früher nach seiner Herkunft forschte. Flinx stößt in die Tiefen des Raums vor und stößt dort auf Gegner, die er und wir ebenfalls schon kennengelernt haben … So beginnt es und so setzt es sich fort.

Die Wiederkehr des Bekannten macht die Flinx/Pip-Romane zum kalkulierbaren Risiko für Leser, die vorab wissen möchten, worin sie ihre Lektürezeit investieren. Diesen Markt bedient natürlich nicht nur Foster; Neal Asher oder Alastair Reynolds beuten auf ähnliche Weise die Claims aus, die sie einst schufen.

Somit ist “Die Echsenwelt” zwar ein Roman voller überraschender Wendungen, kann aber keine echten Überraschungen bieten. Flinx wird weiter suchen und um sein Leben kämpfen müssen. Unter aufgedecktem Wissen werden nur neue Fragen zum Vorschein kommen, die weitere Fortsetzungen vorbereiten. Mit “Flinx Transcendent”, dem 14. (!) Abenteuer der Serie, werden alle offenen Fragen gelöst, verspricht Foster; kann oder mag man ihm das glauben …?

Autor

Alan Dean Foster wurde am 18. November 1946 in New York City geboren, wuchs jedoch in der Filmstadt Los Angeles auf. Dort studierte er Politikwissenschaften und Film und arbeitete für eine kleine Werbeagentur. Als Schriftsteller erlebte Foster seine erste Veröffentlichung bereits 1968 mit einer Kurzgeschichte. 1972 erschien ein erster Roman (“The Tar-Aiym Krang”), gleichzeitig der Auftakt zu einer inzwischen quantitativ eindrucksvollen Reihe von Romanen, die in Fosters ureigenem literarischem Kosmos, dem “Homanx Commonwealth”, spielen: einem Sternenreich, das gemeinschaftlich von den Erdmenschen und den Thranx, intelligenten Großinsekten, regiert wird.

Mit einer Veröffentlichungsrate von zwei bis drei Büchern pro Jahr gehört Foster zu den Handwerkern der Unterhaltungsliteratur. Er ist in zahlreichen Genres zu Hause und schrieb außer Science Fiction auch Fantasy-, Horror-, Kriminal-, Western oder Historienromane. Hinzu kommen zahlreiche Kurzgeschichten sowie Drehbücher für Film & Fernsehen, Scripts für Hörspiele, Computerspiele und andere Unterhaltungsmedien.

Fosters Arbeitstempo sowie seine Entscheidung für die eher kommerzielle Seite der Schriftstellerei ließen bisher kein Werk entstehen, das den Rang eines literarischen Klassikers beanspruchen könnte. Generell dominieren anspruchslose, allerdings sauber geplottete, mit lebendigen Figuren besetzte und flott geschriebene Geschichten, wobei der Anteil missratener und langweiliger Werke angesichts des Ausstoßes erstaunlich gering ist.

Privat liebt Alan Dean Foster ausgedehnte Reisen in entlegene Winkel der Welt. Er ist Sporttaucher und schreibt auch Artikel darüber. Mit seiner Familie lebt Foster in Prescott im US-Staat Arizona. Über sein Leben und Werk informiert er auf seiner lobenswert aktuell gehaltenen Website.

Hier liefert der Autor zudem ausführliche Hintergrundinfos (und Karten!) zum “Homanx Commonwealth” und seiner Geschichte.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Science Fiction | Keine Kommentare »

Die Stadt am Ende der Zeit

Erstellt von Günther Lietz am 26. August 2009

Bei Amazon.deGreg Bear
Die Stadt am Ende der Zeit

Heyne-Verlag 2009
895 Seiten
16,50 Euro
ISBN 978-3-453-52341-8

Quantenfäden und Esoterik

Träumen Sie von einer Stadt am ende der Zeit? – diese seltsame Frage zieht sich durch den Anzeigenteil amerikanischer Zeitungen, seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten finden sich in Gazetten aller Art seltsame kleine Anzeigen mit immer wieder dieser Frage. Eine Adresse ist angegeben, später eine Telefonnummer – doch nur wenige ahnen, was sich dahinter verbirgt. So unscheinbar wie nur möglich kündigt sich hier ein Kampf an, wie er größer nicht sein könnte: wird das Wissen aller intelligenten Spezies des Universums, gespeichert in einer Billionen Jahre alten Feste am Ende der Raumzeit, wird dieses Wissen überleben oder wird es verlöschen und dem Chaos anheimfallen?

Seit Jahrmillionen kämpfen die Bewohner der Stadt am Ende der Zeit gegen das allgegenwärtige Verschlingen, das Chaos welches die Struktur der Raumzeit, Informationen vernichtet und Leben beendet. Sie sind es, die durch Träume in die Vergangenheit ausholen um ihre an einem seidenen Schicksalsfaden hängende Existenz zu retten… Doch dieser Versuch ist nicht der einzige: auch das Chaos sendet seine Boten, apokalyptische Reiter, die die Träumer suchen und finden, auf das sie niemals ihr Ziel erreichen.

Greg Bears neuer Roman bemüht sich um eine epische Größe, geht aufs ganze: nichts anderes als das Ende von Zeit und Raum, die Existenz des Universums selbst wird gekämpft. Die Helden sind archetypische Figuren, Träumer und Visionäre, geleitet von seltsamen Kräften und Wesenheiten,  älter als die Zeit selbst. Leider jedoch holt Bear etwas zu weit aus und überlädt die Handlung seines Romans. Die Figuren wirken, einmal mit dem Unmöglichen ihrer Aufgabe konfrontiert, wie Schlafwandler, die an unsichtbaren Fäden durch die Handlung des Romans geführt werden. Der Konflikt zwischen den beschränkten Möglichkeiten einfacher Sterblicher und der Aufgabe, ein ganzes Universum vor dem Untergang zu bewahren, kann nur geradegebogen werden, in dem der Autor die Figuren an die Hand nimmt, ihnen den freien Willen abspricht und sie zu ausführenden Agenten irgendeiner mythischen Bestimmung degradiert. Damit verlieren die Figuren gerade das, was sie eigentlich ausmacht: ihre Menschlichkeit, ihre Begrenztheit, ihre Schwächen und Schrullen. Wieder mal ein Roman aus dem SF-Genre, der am Übermenschentum scheitert, den Alltag aus dem Blick verliert. Stattdessen verliert sich die Handlung in kosmisce-esoterische Spekulationen über Entropie und Schicksalsfäden – Schade!

Denn einzelne Phasen und Motive sind durchaus gelungen, an vielen Stellen ist die episch-mythische Erzählweise wirklich fesselnd, auch der Spannungsbogen ist nicht gänzlich flach und als Unterhaltung funktioniert das Buch streckenweise durchaus. Insgesamt enttäuscht es jedoch durch seine Gigantomanie und sein Abdriften in eine Esoterik, die manch einer als “Sense of Wonder” schätzen mag, die jedoch oft genug überzogen wirkt und letztendich keinen Bezug zum Leben der  Leser und Leserinnen erlaubt – SF als Realitätsflucht. Wer dagegen nichts einzuwenden hat, wird diesen Roman schätzen, wer jedoch von Literatur auch einen kritischen Bezug auf das hier und jetzt verlangt, der ist mit diesem Buch falsch beraten.

(Ralf Hoffrogge)

Titel bei Amazon.de

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
.
www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
.
Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
.
Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
.
Die Gewinner der Preisrätseltitel:
.
1. Ingrid Kühn-Becher
2. Holger Deutschmann
3. Verena Bosch-Müller
.
Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

Abgelegt unter Science Fiction, beendete Preisrätsel | Keine Kommentare »

Der Gnadenthron

Erstellt von Michael Drewniok am 25. August 2009

waites-donovan01-gnadenthron-cover-brcMartyn Waites
Der Gnadenthron


Originaltitel: The Mercy Seat (London : Pocket Books 2006)
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 63611)
Übersetzung: Ulrich Hoffmann
473 S.
ISBN-13: 978-3-426-63611-4
www.knaur.de

Das geschieht:

Keine 15 Jahre ist Jamal alt aber schon lange familien- und heimatlos. Als Strichjunge schlägt er sich in London durch. Sein Pech bleibt ihm treu: Aus einem Hotelzimmer lässt er einen Mini-Disc-Player mitgehen, der ausgerechnet dem “Hammer” gehört, einem in der Unterwelt gefürchteten Killer mit saphirblauem Schneidezahn, der seine Opfer auf dem “Gnadenstuhl” zu Tode zu foltern pflegt. Seine letzte ‘Sitzung’ hat er auf eine Mini-Disc aufgezeichnet, die Jamal mit besagtem Player in die Hände fiel.

Der Dieb weiß, was seine Beute im 21. Jahrhundert wert ist: Er wendet sich nicht an die Polizei, sondern an die Medien und verlangt viel Geld für die Disc. Als Kontaktperson fordert Jamal den Starreporter Joe Donovan. Der ist allerdings ein ausgebrannter und selbstmordgefährdeter Säufer, seit sein Sohn vor zwei Jahren spurlos verschwand. Erst das Angebot, die Ressourcen der Zeitung für eine ausgedehnte Suchaktion einzusetzen, lässt ihn wieder einsteigen.

Jamal hat sich inzwischen nach Newcastle abgesetzt. Er weiß, dass ihm Hammer auf den Fersen ist. Untergetaucht ist er ausgerechnet bei “Father Jack”, einem sadistischen Mafiosi, der von Jamals Coup Wind bekommen hat. Auch Donovan gerät in Schwierigkeiten. Der Journalist Gary Myers, der einen Korruptionsskandal recherchierte, wurde von Hammer gekidnappt. Unter der Folter hat Myers auch Donovans Namen genannt, und als dieser Verbindung mit Jamal aufnimmt, setzt er sich selbst auf Hammers Liste.

Gemeinsam nehmen Donovan und Jamal den ungleichen Kampf auf, in den sich zwei schlagkräftige Privatdetektive einmischen. Als Donovan in Erfahrung bringt, dass Hammer einen Auftraggeber hat und er dessen Namen zu enthüllen droht, ist sein Leben endgültig keinen Pfifferling mehr wert. Hammer ist ihm und Jamal ganz nah, und der Gnadenstuhl steht bereit …

Krimi aus der britischen Mitte = mittelmäßiger Krimi?

Newcastle-upon-Thyne ist eine Stadt im Norden Englands, gelegen etwa zwischen London und Edinburgh. Als Schauplatz kriminalliterarischer Aktivitäten ist sie bisher nicht bekannt geworden, einer Tatsache, der Martyn Waites offenbar ohne weitere Verzögerung abhelfen möchte. Intensiv bemüht er dafür jene modernen Ingredienzen, die – geschickt eingesetzt – Gesellschaftskritik suggerieren und als solche wohlwollend zur Kenntnis genommen werden.

Hier sind Reizthemen wie soziale Ausgrenzung, moralische Verrohung und globalisierte Menschenverachtung die Pfunde, mit denen Autor Waites wuchern möchte. Er mischt sicherheitshalber Folter, Pädophilie und “Spurlos-verschwunden”-Melancholie hinzu. Die daraus resultierende Übertreibung ist eine trittsichere Brücke zur Lächerlichkeit. Das Böse ist für Waites darüber hinaus nicht nur Wesenszug, sondern auch prägend für das Äußere. Diese Ansicht führt zu Figuren wie “Father Jack” und dem “Hammer”: Was jeweils als Kreatur aus der Hölle namens “Menschheit” geplant ist, wirkt eher wie eine Karikatur.

Das Böse wirkt blöde

Waites gibt sich erfolgreich große Mühe mit dem Ausdenken scheußlicher und detailreich geschilderter Brutalitäten. Weil er sie durch horrorfilmkompatible Klischee-Gestalten (Satanist mit blauem Zahn, Kinderschänder mit Mastschwein-Korpus) zum Einsatz bringt, verlieren sie an Intensität und verkommen zur Masche: Folter-Thriller à la “Hostel” oder “Saw” sind just erfolgreich, also rankt sich diese Geschichte um den “Gnadenstuhl”, der im ersten Drittel zum Einsatz kommt und später keine Rolle mehr spielt.

Die Weißkragen-Bösewichte scheinen zunächst nicht in dieses Bild zu passen. Bei näherer Betrachtung dominiert auch hier das Klischee: Wenn im Prolog “Mephisto” als aalglatter Herr & Meister seinen Folterknecht “Hammer” wüten lässt, begleitet er das mit jenem hochtrabenden Geschwätz, das Quentin Tarantino für seine Film-Gangster kultiviert hat. Die angebliche Ungerührtheit des smalltalkenden Schurken soll besondere Seelenkälte suggerieren. Dieser Kniff ist inzwischen jedoch so häufig zum Einsatz gekommen, dass er seine Wirkung verloren hat. Zumindest Waites kann ihm kein neues Leben einhauchen.

Zu “böse” passt “tragisch”?

Alles Leid der Welt lädt der Verfasser auf Jamals schmale Schultern. Er muss personifizieren, was falsch läuft in der modernen Großstadtwelt. Das wirkt eine gewisse Weile verstörend, weil Waites üble Dinge in klare Worte zu fassen weiß. Allmählich verliert er jedoch entweder die Konzentration oder das Interesse an Jamals Schicksal. Tritt er im letzten Drittel noch auf, wirkt das eher pflichtschuldig: Als Hauptfigur kann ihn sein geistiger Vater schwerlich spurlos verschwinden lassen.

Ins Zentrum rückt nunmehr Joe Donovan. Nicht nur in der Kriminalliteratur ist der angeschlagene Journalist, der im tiefsten Elend sich und seine Berufsehre wiederfindet, eine oft und gern eingesetzte Figur. Einmal mehr geht Waites auf Nummer Narrensicher. Also: Donovan wurde der Sohn entführt, das hat er nie verwunden, seine Ehe zerbrach, er säuft und schleppt einen gewaltigen Colt mit sich herum, den er sich von Zeit zu Zeit dramatisch an die Stirn hält. Wenn diese Charakterskizze sarkastisch klingt, dann liegt es abermals an Waites Hang zur Übertreibung.

Der Schar unserer vom Leben gar sehr gezausten Gutmenschen gesellt sich ein ungleiches Privatdetektiv-Duo hinzu. Er ist schwul und versinkt im Drogennebel, sie schleppt die Erinnerung an eine selbstzerstörerische Liebe mit sich herum. Glücklicherweise erwachen sie stets dann aus ihrem Kummer, wenn es mit brachialer Gewalt Schurkenschädel zu knacken gilt …

Möchte man die Biografie des Verfassers mit diesen grellen Effekten in Einklang bringen, ließe sich als Begründung Waites’ beruflicher Hintergrund anführen: Er arbeitete als Schauspieler für das Fernsehen, das auch in England auf dem Standpunkt steht, dass es ein Zuviel an knackigen Klischees gar nicht geben kann. Allerdings sollte man mit solchen Verallgemeinerungen Vorsicht walten lassen; möglicherweise hat Martyn Waites einfach verinnerlicht, dass es dem Verkaufserfolg nur nützen kann, wenn seine Werke so viel wie möglich von dem berücksichtigen, was den “Thriller der Woche” auf den Abgreif-Paletten moderner Buchhandelsketten auszeichnet …

Autor

Martyn Waites wurde in der Stadt geboren, in der seine Krimis spielen: Newcastle-upon- Tyne. Hinter ihm liegen jene obligatorischen Lehr- und Wanderjahre, die sich gut in der Biografie eines später erfolgreichen Schriftstellers machen. Waites listet u. a. Jobs als Straßenverkäufer, Barkeeper und Schauspiellehrer auf. Letzteres ließ ihn die Schauspielschule in Birmingham besuchen, die er nach drei Jahren abschloss. In den nächsten Jahren arbeitete Waites viel fürs Theater. Er trat in TV-Serien und Filmen auf, wobei er über Nebenrollen nie hinauskam.

In den frühen 1990er entstanden (nie veröffentlichte) Theaterstücke und erste Kurzgeschichten. Waites liebte die Werke von US-Autoren wie James Ellroy, James Lee Burke, Andrew Vachss, Eugene Izzi und anderen Vertretern des ‘harten’, zeitgemäßen, realistischen Krimis, den er in Großbritannien unterrepräsentiert fand. Er verinnerlichte die genannten Vorbilder und siedelte seine eigenen Geschichten in Newcastle an, wo er inzwischen nicht mehr lebte, seine Verbindungen jedoch aufrecht erhalten hatte.

1997 erschien “Mary’s Prayer”, der erste Roman einer Serie um den Reporter Stephen Larkin, der mit seinen privaten Problemen mindestens ebenso heftig zu kämpfen hat wie mit seiner Arbeit, die ihn immer wieder auf die Schattenseiten der modernen Wohlstandsgesellschaft führt. Diese Problematik prägte Waites auch dem Journalisten Joe Donovan auf, der 2006 in “The Mercy Chair” debütierte und Larkin offenbar abgelöst hat.

Über Leben und Werk informiert Martyn Waites auf seiner Website.

[md]

Titel bei Amazon.de

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
.
www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
.
Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
.
Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
.
Die Gewinner der Preisrätseltitel:
.
1. Andreas Sorg
2. Sigrid Lepper
3. Heinz von Vandillen
4. Juergen Fellmann
5. Peter Rodenkirchen
.
Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

Abgelegt unter Krimi & Thriller, beendete Preisrätsel | Keine Kommentare »