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Archiv für August, 2009

Das Tor der Zeit

Erstellt von Michael Drewniok am 25. August 2009

asher-tor-der-zeit-coverNeal Asher
Das Tor der Zeit

Originaltitel: Polity Agent (London : Tor, an Imprint of Pan Macmillan Ltd. 2006)
Deutsche Erstausgabe: Mai 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/Science Fiction Nr. 23308)
Übersetzung: Thomas Schichtel
Cover: Fred Gambino
589 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-23308-3
www.luebbe.de

Das geschieht

Die “Polis” ist in ferner Zukunft der von den Menschen und ihren Abkömmlingen und Verbündeten besiedelte Teil der Galaxis. Regiert wird das gewaltige Gebilde von künstlichen Intelligenzen (KIs), die über die gesamte Polis verteilt sind und mit “Earth Central” in Verbindung stehen.

Die KI Celedon, die in einem vergessenen Winkel der Polis eine Raumstation steuert, zu einer unbekannten Sonne beordert. Dort steht die Öffnung eines “Runcibles” bevor: Zwei Punkte im All werden durch ein künstliches Wurmloch verbunden, durch das sich gewaltige Strecken in Nullzeit überbrücken lassen. Diese Technik ist kompliziert und nicht ungefährlich, so dass weiterhin die ‘normale’ Raumfahrt dominiert. “Earth Central” hält zudem geheim, dass die Runcibles auch Zeitreisen ermöglichen. Die “Celedon” steuert ein Portal an, durch das Menschen aus der Zukunft eingetroffen sind.

“Earth Central Security”, die Sicherheitseinheit der Polis, schickt ihren Agenten Ian Cormac an Bord des Forschungsschiffs “Jerusalem” zum Ort des Geschehens. Er kontaktiert er die Gäste und erfährt, dass diese den Auftrag hatten, eine fremde Intelligenz, den “Erschaffer”, zu bergen. Doch durch die Supertechnik einer versunkenen Hochkultur – der Dschaina – wurden alle “Erschaffer” infiziert und assimiliert.

Den Suchenden gelang die Flucht in die Vergangenheit, doch unbemerkt hat sich Dschaina-Technik an ihre Fersen geheftet. Auf dem Planeten Celeron manifestiert sie sich als fünfte Kolonne und setzt zum Sturm auf die “Polis” an. Ein verzweifelter Abwehrkampf setzt ein, in den sich Cormac einschaltet. Unbemerkt bleibt, dass eine allzu neugierige Wissenschaftlerin mit einem Dschaina-Artefakt experimentiert und Geister dort weckt, wo sich niemand ihnen rechtzeitig entgegenstemmen kann …

Ein Epos wälzt sich in den nächste Runde

Der Kampf mit der Dschaina-Technik geht in die nächste Runde, die erneut viele, viele hundert Seiten währt: Allmählich beginnt sich so etwas wie eine Story aus dem wüsten Getümmel herauszuschälen, das Ian Cormac und seine hartgesottenen Mitstreiter/innen an immer neue Brennpunkte führt. Erneut geht es höchst spannend und actionreich zu. Gewaltige Kämpfe toben im All und auf diversen Planeten. Der Tod kommt schnell in Ashers Zukunftswelt, wobei stets noch Zeit für liebevoll im Detail geschildertes, grässliches Sterben bleibt: Der Einfallsreichtum des Verfassers ist schier unerschöpflich.

Das trifft noch mehr auf Ashers Schilderung einer Zukunft zu, die nicht auf die Darstellung bemerkenswerter Hightech beschränkt bleibt. Die “Polis” ist Heimat einer Gesellschaft, die sich neu definiert, indem sich die Grenzen zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz zu verwischen beginnen. Es gibt kaum noch Menschen, die sich nicht ‘verbessern’ ließen, um stärker, schneller und vor allem besser informiert zu sein. Diese Entwicklung ist nicht unproblematisch; über diverse Zwischenfälle informiert Asher durch Ausschnitte aus fiktiven historischen Darstellungen bzw. Rückblicke auf zentrale Ereignisse der “Polis”-Geschichte.

Diese eingeschobenen Infos sind auch deshalb wichtig, weil sich ohne sie inzwischen kaum ein Neuleser in Ashers “Polis”-Chronik zurechtfände. Der Verfasser selbst hat seinen Stoff bemerkenswert gut im Griff. Er bezieht die erfundene Vergangenheit seiner Zukunft in das aktuelle Geschehen ein. Allerdings beginnt er sogar diejenigen Leser, die ihm treu gefolgt sind, zu überfordern – zu gewaltig ist die Geschichte, die Asher zwar in Episoden erzählt, die sich jedoch zu einem Opus reihen, dessen Finale noch lange nicht in Sicht ist.

Hier hat bereits die Kritik eingesetzt. Asher beginnt seinen Quark allzu breit zu treten, um es etwas salopp auszudrücken. Hat er wirklich eine Vorstellung davon, wohin es mit seiner “Polis”-Saga geht, oder entscheidet er dies erst, wenn er eine neue Episode schreibt? “Das Tor der Zeit” ist ein 600-seitiges Werk, das trotz gewaltiger Effekte auf der Stelle tritt. Die wenigen neuen Erkenntnisse, die sich der Verfasser entreißen lässt, gehen in einem Meer grandioser, doch routiniert abgespulter Hit-and-Run-Szenen unter.

Lang, noch länger … viel zu lang

Lässt man sich davon nicht blenden, verlieren auch die detailreichen Schilderungen einer potenziellen Zukunft ihren Glanz. Asher serviert uns alten Wein in neuen Schläuchen, wenn er schon wieder von KIs und Sub-KIs und Sub-Sub- oder Als-ob-KIs usw. fabuliert. Die Dschaina-Knoten stellen erneut jeden Borg-Würfel in den Schatten, es wimmelt von bizarrer Kriegstechnik, Raum und Zeit werden zum gewaltigen Abenteuerspielplatz: Das kennen wir längst, und allmählich (er-) kennen wir, dass Asher auf Zeit spielt bzw. Buchseiten schindet. Viele Kapitel können – oder müssen – wir lesen, in denen sich Verräterin Orlandine ein kuscheliges Geheimversteck bastelt. Asher beschreibt die Bauarbeiten mit dem für ihn typischen, geradezu zügellosen Einsatz von Ideen. Trotzdem wirken diese Passagen so spannend wie eine Gebrauchsanweisung, und sie sind in ihrer Ausführlichkeit sinnlos für die eigentliche Handlung.

Asher outet sich (nicht nur) hier unfreiwillig als SF-Schriftsteller des 21. Jahrhunderts. Was die oft geschmähten Altmeister des Genres auf 250 Seiten sehr ökonomisch und ohne Längen realisiert hätten, walzt er auf Rekordumfang aus. Der routinierte Leser überrascht sich dabei, wie er (oder sie) bald ganze Textsequenzen überspringt und trotzdem den roten Faden nicht verliert. Schade um das investierte Hirnschmalz, denn Asher drischt wie gesagt Stroh, das ein wirklich engagierter Lektor abgeflämmt hätte. Im Zeitalter der Endlos-Serien ist so etwas freilich Vergangenheit, und Neal Asher ist definitiv kein Neuerer der SF, auch wenn er die Space-Opera entstauben konnte. Sein Technobabbel-Repertoire ist erstaunlich (und Thomas Schichtel, ein Fließbandarbeiter im Übersetzungsgewerbe, hält wacker mit), die beschriebenen Wunder wirken ‘realistisch’.

Dazu verschweigt Asher bei allem “Sense of Wonder” nie die negativen Seiten der schönen, neuen Welt. Damit sind nicht nur die spektakulären Krisen gemeint, für die z. B. die Dschaina-Relikte verantwortlich sind. In der “Polis” geht schief, was auch im realen Leben schief zu gehen pflegt. KIs drehen durch, Separatisten begehren auf, Supertechnik versagt, im Gebälk des Systems knirscht es mächtig. Aber auch diese Haken und Ösen, die Ashers Welt plastischer wirken lassen, werden nur bedingt in die Handlung integriert und dieser stattdessen viel zu oft aufgepfropft.

Figuren ersetzten Personen

Vor der sich über Lichtjahre erstreckenden Front gegen die Attacken der Dschaina-Knoten wirken die Figuren notgedrungen wie Flöhe auf einem Hundefell. Individualität ist in Ashers Welt eine behauptete, vor allem durch Äußerlichkeiten wie bizarre Implantate oder den Naturgesetzen Hohn sprechende Fähigkeiten bestimmte Eigenschaft. Das lässt die meisten Personen weniger eingängig als grotesk wirken.

Dagegen fällt Ian Cormacs Charakterisierung eher konventionell aus. Der undercover arbeitende Agent im All ist ein Klischee der Science Fiction. Das wird hier unterstrichen durch Cormacs Verweigerung jener Aufrüstung, durch die sich Menschen in monströse Cyborgs verwandeln. Cormac fungiert als Figur, mit der sich die Leser des 21. Jahrhunderts identifizieren können und sollen, weil er relativ ‘normal’ geblieben ist. Die Zweifel, ob dies nach seinem letzten Kampfeinsatz und den sich anschließenden ‘Reparaturen’ so geblieben ist, ziehen sich als eine von vielen Fragen durch das Geschehen. Außerdem findet Cormac dieses Mal eine Freundin, was einen weiteren Handlungsstrang in Gang setzt, der sich aus literarischen Mehrzweck-Modulen zusammensetzt. Hightech trifft auf altmodischen Sex; das Ergebnis liest sich vertraut und stellt in Ashers Interpretation keine Offenbarung dar.

Neben Cormac treten alte Bekannte wie Drachenkind “Narbengesicht” oder Golem Thorn, die ebenfalls ihre sattsam bekannten Rollen spielen. Das Böse tritt in glitzernder Schale aber im Grunde sehr klassisch auf: Orlandine ist ein weiblicher “mad scientist” mit den üblichen Anwandlungen von Größenwahn. Usurpator Thellant wird von der Dschaina-Tech besessen und tritt in die Fußstapfen des schier unkaputtbaren Skellor, dem Cormac & Co. ermüdend viele Buchseiten hinterher gejagt waren. Gut und Böse treten in immer neuen Masken auf, wechseln die Seiten, tarnen und täuschen manchmal sogar, ohne selbst davon zu wissen: Hier behält einmal mehr höchstens Verfasser Asher die Übersicht. Er schürzt die zahllosen Handlungsfäden zum finalen Knoten. Ist es soweit, stellt der Leser fest, dass er erschöpft und enttäuscht ist. Liegt es daran, dass die Auflösung wenig originell und das Ende schon wieder offen ist? Die Karawane schleppt sich weiter, die Fortsetzung ist bereits angekündigt. Da sich das Strickmuster bewährt hat, wird sie kaum neue Wege gehen und vor allem von den unerschütterlichen Fans der Serie ungeduldig erwartet werden.

Autor

Neal Asher wurde 1961 in Billericay in der englischen Grafschaft Essex geboren. Seine Kindheit und Jugend bezeichnet er als unspektakulär. Die Liebe zum Phantastischen erwachte früh; Ashers Eltern liebten das Genre, in dem ihr hoffnungsvoller Spross bereits im Alter von 16 Jahren recht unbekümmert erste Schritte sprich Schreibversuche unternahm.

Doch erst einmal holte die Realität den jungen Neal ein warf ihn u. a. in eine Firma für Stahlmöbel und andere obskure, in der Regel erfolglos ausgeübte Jobs, die offensichtlich in die Biografie jedes erfolgreich gewordenen Schriftstellers gehören. In der zweiten Hälfte der 1980er fasste Asher beruflich Fuß in der IT-Branche. Nebenbei begann er ernsthaft zu schreiben. Asher verfasste mit “Creatures of the Staff” den ersten Band der Fantasy-Trilogie “The Infinite Willows”, schrieb Kurzgeschichten, Drehbücher und wurde langsam aber sicher eine feste Größe in der britischen Phantastik.

2000 wurde Asher vom Verlag Pan Macmillan für gleich drei Romane unter Vertrag genommen. Diese rasanten und mit überbordender Fantasie geschilderten Abenteuer ließen die Weltraum- und Planeten-Abenteuer der SF-Vergangenheit aufleben und fanden auch im Ausland begeisterte Leser.

Informationen über Leben und Werk gibt Neal Asher auf seiner Website.

Diese ist aktuell, liebevoll gestaltet und prall gefüllt mit bio- und bibliografischen Angaben, die aber nicht gerade erschöpfend sind – Asher ist eine Plaudertasche, die sich gern in Anekdoten verliert und kräftig für sich die Werbetrommel rührt.

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Die schwarzen Tränen

Erstellt von Michael Drewniok am 24. August 2009

cassells-traenen-coverJohn Cassells
Die Schwarzen Tränen

Originaltitel: The Waters of Sadness (London : Andrew Melrose 1950)
Deutsche Erstausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 102)
Übersetzung: Anneliese von Eschstruth
183 S.
[keine ISBN]
(sfbentry)

Das geschieht:

In Indien ist Bauingenieur Abe Tanner zu Reichtum gekommen. Als alter Mann hat er im idyllischen englischen Landstädtchen St. Basil-in-the-Wold Kurer Keep, einen burgähnlichen Landsitz, erworben, auf dem er als Pensionär stilvoll residiert. Abe ist ein Querkopf, der niemandem traut. Deshalb hat er sich einen gepanzerten Tresorraum einbauen lassen, in dem er seinen liebsten Schatz lagert: die „Schwarzen Tränen“, eine Sammlung auserlesener Juwelen und Rubine, deren Wert mindestens 1 Mio. Pfund beträgt! Oft aber vergeblich haben Joe Batty, Tanners Leibwächter, jetzt Butler und bester Freund, und seine Stieftochter Catherine „Kit“ Dalgleish ihn gewarnt, dass dieser Schatz Räuber anlocken könnte.

Gerade hat Scotland Yard Tanner mitteilen lassen, dass die gefürchtete Schwanen-Bande in St. Basil gesichtet wurde. Der Alte bleibt stur, bis Kit im Park von Kurer Keep einen durch Kopf und Herz geschossenen Mann findet, der als Safeknacker Rafe Kirby identifiziert wird. Der hat mit der Schwanen-Bande nichts zu tun, sodass davon auszugehen ist, dass weitere Gauner nach den Schwarzen Tränen gieren.

Superintendent Flagg von Scotland Yard reist mit den Sergeanten Lott und Maturin nach St. Basil. Er stößt auf viel zu viele Verdächtige und einen alten Bekannten, den Betrüger Harry Wellington, der zugeben muss, es ebenfalls auf Tanners Vermögen abgesehen zu haben. Dann wird ein Attentat auf Wellington verübt, und wieder ist die Schwanen-Bande unschuldig: Eine dritte, bisher völlig unbekannte und skrupellose Gangster-Partei treibt ihr Unwesen! Sie steht kurz davor, aktiv zu werden, und Flagg muss sich eilen, um einen schwer bewaffneten Schurkentrupp vom Sturm auf Abe Tanners Burg abzuhalten …

Land-Idylle mit Gangster-Schlacht

Der Abstieg in die Kellergewölbe der (Kriminal-) Literatur ist eine spannende Angelegenheit. Man weiß nie, womit man wieder zurück ans Tageslicht kommt: mit einer Staublunge oder mit einer Lektüre-Überraschung. In diesem Fall ist die Freude besonders groß, da mit einer (Wieder-) Entdeckung eigentlich nicht zu rechnen war: Wie unterhaltsam kann ein Autor schreiben, der a) schon 1975 starb und b) mehr als drei Jahrzehnte durchschnittlich sieben Romane jährlich (!) auf den Buchmarkt brachte?

Allerdings gilt es mit solchen Pauschalurteilen vorsichtig zu sein, denn ein schneller Autor kann durchaus ein versierter Geschichtenerzähler sein. „John Cassells“ (der eigentlich William M. Duncan hieß – dazu unten mehr) darf dieses ehrenvolle Prädikat für sich beanspruchen, und mit „Die Schwarzen Tränen“ verdeutlicht er, wieso dies der Fall ist – wobei eine Kritik aus heutiger Sicht sicherlich völlig anders klingen dürfte als zur Entstehungszeit dieses Romans. Deutlich mehr als ein halbes Jahrhundert ist seither verstrichen. Diverse Sünden der Vergangenheit haben sich längst relativiert bzw. – quasi literaturalchimistisch – in Lesegold verwandelt.

Zu besagten ‚Sünden‘ gehört in erster Linie der Plot, der eigentlich die Bezeichnung „Schauergeschichte“ verdient. Knarziger Greis haust in einer mittelalterlich Burg und brütet über einem Schatz, auf den es eine Schar finsterer Raubgestalten abgesehen hat: Diese absurde Ausgangsposition wird gebührend, d. h. ohne Rücksicht auf Logik und den gesunden Menschenverstand, entwickelt. St. Basil-in-the-Wold und Kurer Keep verwandeln sich in einen vom Rest der Welt isolierten Mikrokosmos, dessen wunderliche Bewohner nach eigenem Gutdünken handeln. Ausflüge in die Hauptstadt ändern wenig an dieser ‚Alltagsflucht‘, da Cassells ein London schildert, in dem sich nicht nur Sherlock Holmes, sondern auch Charles Dickens gut zurechtfänden.

Ein in jeder Hinsicht zeitloses Vergnügen

England im Jahre 1950 dürfte selbst in der Provinz schwerlich so weit außerhalb der Restwelt gelegen haben, dass dort ein Privatkrieg zwischen Gangstern und der Polizei angezettelt werden konnte, zumal besagte Gauner sich so umständlich anstellen, dass sie ihre räuberischen Absichten selbst am nachhaltigsten sabotieren. Auch sonst leugnet Autor Cassells so nachdrücklich jeden Realitätsbezug, dass man beinahe annehmen möchte, er habe eine Krimi-Parodie verfassen wollen. Das darf freilich ausgeschlossen werden, da viele der insgesamt 33 (!) Flagg-Romane ähnlich verschrobenen Inhalts sind.

Also streifen theatralisch denkende und handelnde Gaunerbanden durch Englands Provinzen wie Banditen durch den Wilden Westen. Wieso auch nicht, findet doch die einheimische Bevölkerung offensichtlich nichts dabei. Abe Tanners durch seine wilde Zeit in den indischen Kolonien inspirierter Notfallplan klingt folgendermaßen:

“Ich besitze noch ein altes Lee-Enfield-Gewehr, damit knalle ich sie einen nach dem anderen ab wie …“

Zumindest theoretisch hat sich die Welt indes ein Stück weitergedreht:

“Johnny unterbrach ihn lachend: ‚Wenn Sie das tun, Mr. Tanner, wird man Sie dafür aufknüpfen.‘
Mr. Tanner war bass erstaunt. ‘Wird das hier so streng bestraft?’“

Nicht denken, sondern lesen und Spaß haben

Es sind Stellen wie diese, die den Leser stutzen lassen. Meint Cassell es wirklich ernst, oder treibt er seine Scherze mit uns? Eine Entscheidung ist kaum möglich; letztlich muss sich auch der Rezensent mit einem Verweis auf den berühmten „englischen Humor“ begnügen, der knochentrocken und rabenschwarz ist. (Ein Lob verdient an dieser Stelle die deutsche Übersetzung, die sich trotz ihres Alters vorzüglich liest und dem Comic-Charakter dieses Krimis gerecht wird.)

Zum bizarren Personeninventar gesellt sich gleichrangig ein selbst nach den Maßstäben der Kriminalliteratur exzentrischer Detektiv. Superintendent Flagg mag nominell ein Beamter von Scotland Yard sein. Tatsächlich ermittelt er wie weiland Sherlock Holmes rein eigenständig. Zwar reist er mit Personal an, doch die Sergeanten Lott und Maturin verschmelzen zu einem Doppel-Watson; sie stellen Fragen, die ihr Chef nie oder nur kryptisch zu beantworten gedenkt, erledigen die Fußarbeit und sind – hier ist vor allem Lott zu nennen – für die komischen Momente der Handlung zuständig.

Von einem Alkoholverbot im Dienst ist diesem Trio definitiv nichts bekannt. Vermutlich würde Flagg ohne regelmäßigen Bier- und Whiskey-Genuss die Fahndung einstellen müssen. Selbstverständlich werden Zigaretten und Zigarren in beachtlichen Quantitäten geraucht und dazu Mahlzeiten von gesundheitlich fragwürdiger Konsistenz genossen. Als Nachtisch gibt es Klagen und Grobheiten aus Flaggs Mund, denn als Genie ist es ihm gestattet, gegen gesellschaftliche Normen zu verstoßen: Dies sind weitere und für Genre-Fans unverzichtbare Merkmale eines „Cozy“-Krimis.

Es überrascht nicht, dass Cassells dem großen Finale und der triumphierenden Entlarvung der Strolche durch den Detektiv wiederum eine eigene Note gibt: Zum einen hat er uns, seinen Lesern, bereits früh enthüllt, wer die eigentlichen Bösewichte sind. Im letzten Drittel seiner Geschichte wechselt er immer wieder die Perspektive und schildert nicht selten identische Ereignisse aus unterschiedlicher Sicht.

Zum anderen wagt es Cassells tatsächlich, uns mit einem Sturm auf die Mauern von Kurer Keep zu konfrontieren. Nicht grundlos hat uns der Verfasser mehrfach auf die Funktion des alten Gemäuers als Wehranlage hingewiesen. Der Höhepunkt wird auf diese Weise turbulent, wobei einmal mehr die Fadenscheinigkeit des ‚Plans‘ sekundär bleibt, weil sie zur fröhlichen Naivität der Handlung passt. ‚Logisch‘ ist höchstens die Detektivarbeit, die den einschlägigen Regeln (und Klischees) des Kriminalromans folgt. Der zusätzliche Spaß an der schnurrigen Rahmenhandlung war so vom Verfasser vermutlich nicht intendiert. Viele Jahre später schlägt er sehr positiv zu Buche und komplettiert einen Krimi, der abseits eines manchmal lästigen Klassiker-Prädikats ‚nur‘ lesenswert ist.

Autor

John Cassells ist Peter Malloch ist Neill Graham ist Lovat Marshall – und mehr: Unter seinen diversen Pseudonymen stellt William Murdoch Duncan (1909-1975) sogar seinen Landsmann Edgar Wallace in den Schatten: Mehr als 200 Thriller verfasste dieser fleißige Schotte, den hierzulande und heute kaum noch jemand kennt, in nur drei Jahrzehnten. Die meisten Duncan-Romane sind einfach gestrickt. Das mussten sie auch sein, denn viel Zeit konnte ihr Autor nie auf sie verwenden, was andererseits nicht bedeutet, dass sie schlecht geschrieben wären.

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Der tote Raumfahrer

Erstellt von Michael Drewniok am 24. August 2009

hogan-raumfahrer-coverJames P. Hogan
Der tote Raumfahrer

Originaltitel: Inherit the Stars (New York : Ballantine/Del Rey 1977)
Übersetzung: Andreas Brandhorst
Deutsche Erstausgabe: 1981 (Moewig Science Fiction Nr. 3538)
252 Seiten
ISBN-13: 978-3-8118-3538-2
(sfbentry)

Das geschieht:

Im Jahre 2028 herrscht Friede auf Erden. Statt sich zu streiten, auszubeuten oder aufzurüsten, investieren die Nationen in Forschung und Wissenschaft. Die Belohnung bleibt nicht aus: Eindrucksvolle Raumschiffe durchstreifen das Sonnensystem, auf vielen Planeten und Monden gibt es Stützpunkte und Forschungsstationen. Der Erdmond wird kolonisiert und dabei ausgiebig vermessen. Dabei stößt man auf das Höhlengrab eines unbekannten Raumfahrers. “Charlie” wird er genannt, und er hat sich in der Luftleere des Mondes gut erhalten, obwohl er dort mehr als 50.000 Jahre gelegen hat. Die Aufregung ist groß, denn Charlie ist definitiv ein Mensch. Aber zu seinen Lebzeiten gab es keine Raumfahrt auf Erden.

Die UN-Weltraumorganisation (UNWO) heuert auf der ganzen Welt Fachleute an. Viele Monate werden kluge Köpfe zerbrochen, diskutieren und streiten die Wissenschaftler – und sie kommen voran: Charlie ist ein Bewohner des Planeten Minerva, der einst zwischen Mars und Jupiter durch unser Sonnensystem kreiste, aber vor 50.000 Jahren zerbarst. Doch wie kamen Menschen auf die Erde, und wie gelangten sie später auf den irdischen Mond?

Als ob dies nicht schon mehr als genug wäre, kommt auf dem Jupiter-Mond Ganymed das Raumschiff einer völlig unbekannten Spezies zum Vorschein. 25 Millionen Jahre ist es alt. Im Laderaum: Tiere aus der Frühzeit der Erde – und ein Urmensch. Die Ganymeder bilden ein wichtiges Steinchen im Charlie-Puzzle, aber wohin gehört es? Es braucht wiederum viel Zeit und einige aufregende Expeditionen durch das All, bis auch dieses Geheimnis gelüftet werden kann …

Eine Zukunft, die Gutes verhieß

Die “harte” Science Fiction ist ein ehrwürdiges Genre der Zukunftsliteratur. Bis in die 1960er Jahre dominierte sie die SF, doch später fristete sie lange ein Schattendasein, propagier(t)en ihre Vertreter doch eine Welt, die sich durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt stetig zum Besseren entwickelt. Dabei ‘wissen’ wir doch längst, dass die Technik an sich böse und die Wissenschaft zu kostspielig ist sowie die Zukunft nur Schlechtes bringen wird. Darüber wurden besonders in den 1970er Jahren viele deprimierende (aber durchaus hervorragende) SF-Geschichten verfasst. Verpönt war die in der Tat übertriebene Fortschrittsgläubigkeit der Gernsback-Ära. Über Bord ging leider auch der Spaß am Fabulieren, geopfert dem Bierernst professioneller und selbst ernannter Weltverbesserer.

Natürlich wird die Welt nicht am Fortschritt genesen, aber es bereitet durchaus Vergnügen sich vorzustellen, wie es sein könnte, würde es so funktionieren. Glücklicherweise darf man sich heute dieses unschuldigen Zeitvertreibs längst wieder erfreuen, ohne sich dafür im Keller verstecken zu müssen. Dass dies ist, verdanken wir unverzagten und fähigen Erneuerern wie Gregory Benford, Greg Bear, Robert L. Forward oder James P. Hogan.

Diese Zukunft ist heute Vergangenheit

“Der tote Raumfahrer” ist harte SF in Reinkultur. Davon künden die (der Kritik oft zu) ausführlichen Schilderungen einer zukünftigen Alltagswelt, die zu verfolgen fast dreißig Jahre später doppelten Spaß bereitet: Nun lässt sich nämlich feststellen, was Wirklichkeit geworden ist und was Spekulation blieb. Siehe da, Hogan lag manchmal gar nicht so falsch. Wir finden – noch unter anderen Namen – das Internet oder die Computertomographie.

Genauso oft lag Hogan daneben. Mit der Raumfahrt wird es wohl sogar in diesem 21. Jahrhunderts nichts mehr. Der Anschluss an eine viel versprechende Vergangenheit wurde verpasst, die Gegenwart sieht düster aus, abzuwarten bleibt, ob die markig angekündigten Kolonien im Weltraum tatsächlich Realität werden: Charlie muss wohl keine Entdeckung fürchten. Wohlstand für alle Menschen wird definitiv eine Fiktion bleiben; in gesellschaftlicher Hinsicht steht zu befürchten, dass die Cyberpunk-Unken das präzisere Bild einer unerfreulichen Zukunft zeichneten.

Jenseits der Spekulation erzählt Hogan eine SF-Geschichte als buntes Abenteuer, das weniger auf Action, sondern auf Köpfchen setzt und dennoch oder gerade deswegen fesseln kann. Auch dieser Aspekt – das Primat der Idee – wird der harten Science Fiction vorgeworfen. Da die Beschäftigung mit dem “Inner Space” des Menschen der Kritik seit seiner Entdeckung hart am Herzen liegt, gilt SF à la “Der tote Raumfahrer” mit ihrem schlüssig entworfenen und umgesetzten Plot als nicht “gesellschaftsrelevant”, als zu “rational”, als zu “technisch”. Dabei war genau dies ein Aspekt, der Hogan am Herzen lag; Stanley Kubricks Film “2001 – Odyssee im Weltall”, hatte er sehr genossen, aber weder verstanden noch die daraus resultierende Verwirrung als erwünschtes Resultat akzeptiert.

Als der Verstand noch triumphieren durfte

Wissenschaftler sind seltsame Zeitgenossen; sie beschäftigen sich mit praxisfernen Dingen, die den gesunden Menschenverstand übersteigen, und erwarten dafür auch noch finanzielle Mittel oder gar persönliche Entlohnung. Für diese Dreistigkeit wird ihnen seit jeher in Zeiten, da das Geld knapp wird, die Rechnung präsentiert: fort mit Schaden.

Vielleicht sähe die Welt ein wenig mehr der Zukunft ähnlich, die Hogan uns hier ausmalt, wenn Männer wie Victor Hunt, Gregg Caldwell oder Chris Danchekker mehr gälten. Andererseits weiß Hogan deutlich zu machen, wieso dies niemals geschehen wird: Sie sind einfach zu sehr Forscher und wissen ihre Ellenbogen nicht einzusetzen. Nur die Science Fiction verleiht ihnen Flügel. In der Realität würde die mit Köpfchen und Zusammenarbeit erzielte Lösung eines Rätsels, das hauptsächlich die menschliche Neugier befriedigt, fantastische Summen verschlingt und nur theoretisch Profit einbringt, niemals zu Stande kommen. Wie es funktionieren könnte, ist ein intellektueller, wenn nicht akademischer und im positiven Sinne naiver Lesespaß.

Denn es mag überraschen, aber “Der tote Raumfahrer” ist eine leichte Lektüre; dies sogar buchstäblich, denn mit 250 Seiten ist das Werk nach heutigen Maßstäben sträflich untermotorisiert. Daher stört es nicht, dass Hogans Protagonisten recht zweidimensional bleiben. Sie lieben ihren Job und gehen in ihm auf. Ein Privatleben haben sie nicht bzw. sie stellen es zurück. Seelische Verwirrungen, mit denen auch die moderne SF viel zu oft auf ein ‘literarisches’ Niveau gehievt werden soll, bleiben ausgespart, und siehe da, man vermisst sie wirklich nicht.

Und selbstverständlich geht das Abenteuer weiter: Hogan setzt die Saga vom Planeten Minerva und den Riesen vom Ganymed bis heute fort. Das gab mehr als genug Raum, um in die Breite zu gehen …

Autor

James Patrick Hogan wurde 1941 in London als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Seine Jugendjahre waren schwierig, da eine angeborene Deformation beider Füße umfangreiche Operationen erforderlich machten. Der junge James verbrachte viel Zeit in Krankenhäusern, lesend zumeist, was ihn nach eigener Auskunft und kaum verwunderlich nachhaltig prägte.

Die Schule verließ Hogan bereits mit 16 Jahren und versuchte sich wenig erfolgreich in vielen Jobs. Später ließ er sich zum Ingenieur mit den Spezialgebieten Elektronik und Digitaltechnik ausbilden, ging in die Computertechnik, begann sie im Dienste diverser Großkonzerne weltweit zu verkaufen und bildete schließlich eine neue Generation von Handelsvertretern aus.

Ende der 1970er Jahre verlor Hogan seinen Job, seine zweite Ehe scheiterte. Er beschloss, aus seinem Hobby, der Schriftstellerei, einen Beruf zu machen. Noch in Lohn und Brot hatte er 1977 “Inherit the Stars” geschrieben, der von Leserschaft und Kritik gut aufgenommen wurde. Die ersten Jahre waren dennoch schwierig, zumal Hogan ein drittes Mal heiratete und die Schar seiner Kinder auf sechs anwuchs.

In den späten 1980er Jahren zog die Familie ostwärts über den Atlantik und ließ sich in Irland unweit von Dublin nieder. In Pensalcola, Florida, hält sie sich aber ein Stückchen Heimaterde warm. Als Schriftsteller hat Hogan inzwischen sein Spektrum erweitert; dies nicht immer zur ungeteilten Begeisterung seiner Leser, die den schwungvollen SF-Spektakeln der früheren Jahre nachtrauern. Hogan schreibt inzwischen auch Polit- (“The Proteus Operation”, “Endgame Enigma”) und Techno-Thriller (“The Mirror Maze”).

Website: www.jamesphogan.com

Die “Giants”-Serie:

(1977) Inherit the Stars (dt. “Der tote Raumfahrer”) – Moewig Science Fiction Nr. 3538
(1978) The Gentle Giants of Ganymede (dt. “Die Riesen von Ganymed”) – Moewig SF Nr. 3556
(1981) Giants’ Star (dt. “Stern der Riesen”) – Moewig SF Nr. 3662
(1991) Entoverse – keine dt. Ausgabe
(2005) Mission to Minerva – keine dt. Ausgabe

[md]

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Arkham – Hexenstadt am Miskatonic

Erstellt von Günther Lietz am 24. August 2009

Arkham – Hexenstadt am Miskatonic
Lovecraft Country Collection, Band 1
Cthulhu Quellenband

(sfbentry)

Pegasus Press Hardcover (07/2009)
316 Seiten, ISBN 978-3-939794-81-3
Autoren: Keith Herber, Sam Johnson
Herausgeber: Christopher Lang
Illustratoren: Yörn Buttelmann, Manfred Escher, Björn Lensig, Chris Schlicht
Übersetzer: Jens Kaufmann, Christopher Lang, Markus Widmer, Kai Zimmermann

http://www.pegasus.de/709.html

Mit „Arkham – Hexenstadt am Miskatonic“ eröffnet Pegasus die Reihe „Lovecraft Country Collection“, in der die fiktiven Städte und Orte behandelt werden, die in Lovecrafts Erzählungen vorkommen und fester Bestandteil des Mythos-Rollenspiels wurden. Um vorliegenden Band zu gestalten, hat die deutsche Redaktion die beiden Bände „Arkham: Unveiling the Legend-Haunted City“ und „Miskatonic University: A Sourcebook“ übersetzt und zu „Arkham – Hexenstadt am Miskatonic“ verschmolzen. Natürlich fand auch eine redaktionelle Nachbearbeitung und Straffung des Ausgangsmaterials statt.

Das Buch selbst ist ein stabiler Hardcover mit gelungener Coverillustration. Das Papier ist hochwertig und das Layout übersichtlich gestaltet. Trotz einiger kleiner Spielereien, Werteblöcken, Fotos und Kartenmaterial, bleibt die grundlegende Ordnung erhalten. Mittels einem Inhaltsverzeichnis, einem thematisch sortierten Index und einem Personenverzeichnis findet sich der Leser hervorragend zurecht. Zudem liegt dem Buch ein großformatiger Stadtplan bei, der Arkham im Detail zeigt und eine üppige Nummerierung besitzt, die auf Örtlichkeiten im Buch verweist. Arkham ist eine Stadt, in der es so einiges zu entdecken gibt. Kenner der Erzählungen Lovecrafts werden übrigens viele Dinge wiedererkennen und -finden. Leider gibt es im Buch an den entsprechenden Stellen keinen Detailverweise auf die jeweiligen Geschichten. Aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen, ebenso wie ein fehlendes Lesebändchen.

Nach einem Vorwort erfährt der Leser erst einmal mehr über die Städte des Bundesstaats Massachusetts und werden dann in Arkahm willkommen geheißen, um mehr über die historische Seite der Stadt zu erfahren. Dazu gehört eine Chronik nach Lovecraft, die von 1643 bis 1935 reicht. Es wird auf das Leben in Arkham eingegangen, wie die Öffnungszeiten sind, Bankkredite, Verwaltung, Behörden und das Verbrechen. Diese ganzen Details sorgen für eine authentische Beschreibung der Stadt und erlauben dem Spielleiter das Alltagsleben einfließen zu lassen. Es wird auch aufgeführt, wo und wie Charaktere ihre Fertigkeiten verbessern können.

Da in der beschriebenen Epoche (die sogenannten goldenen Zwanziger des letzten Jahrtausends) Ruf und Ansehen von großer Bedeutung waren, gibt es dazu einen entsprechenden Abschnitt, bevor zum Stadtführer weitergeleitet wird. Dieser ist nach Stadtteilen und darin wiederum nach Gebäudenummern sortiert. Es gibt sehr viele Ortsbeschreibungen, in die auch Hintergrundwissen und Abenteuerideen verwoben wurden. Außerdem werden viele der Bewohner vorgestellt, die am jeweiligen Punkt angetroffen werden können. Die NSC werden dazu sogar mit Werten aufgeführt, so das der Spielleiter die Leute sofort aus dem Buch übernehmen kann.

Der Großteil des Buchs ist jedoch der Miskatonic-Universität vorbehalten. Fast zwei Drittel von „Arkham – Hexenstadt am Miskatonic“ drehen sich um die Universität, ihre Bewohner, Professoren, Studenten und Örtlichkeiten. So hat die Orne-Bibliothek ebenso ein eigenes Kapitel, wie das Universitätsmuseum und die Tunnel unter dem Campus. Neben der reinen Orts- und Personenbeschreibung, steht aber auch das Leben an der Universität im Mittelpunkt, ihre Geheimnisse, Studiengänge, Vereine, Organisationen und vieles mehr. Immerhin ist eine Universität dieser Größe bereits eine kleine Stadt. Und die Miskatonic-Universität wäre somit eine Stadt, die es in sich hat.

Die gesamte Thematik wird durch entsprechende Handouts unterstützt.So finden sich im Anhang Zeugnisse und Studienbücher für unterschiedliche Fachrichtungen. Immerhin führt das Spiel mit dem vorliegenden Band weg vom Einzelknaller, hin zur langfristigen Kampagne. Und die baut vor allem darauf, dass sich die Spielgruppe aus Studenten oder zumindest aus Charakteren mit Verbindung zur Universität zusammensetzt. Das ist ein spannender Aspekt, der durch die Handouts unterstützt wird. So können sich Charaktere Studiengänge aussuchen und halten schlussendlich ihr Zeugnis in den Händen. Allerdings sollte im Hinterkopf behalten werden, dass im Spiel viele Dinge vereinfacht und auch angepasst wurden. Das „Arkham – Hexenstadt am Miskatonic“ Studentenleben hat in dieser Form niemals stattgefunden, aber eine historisch korrekte Kampagne wäre zu kompliziert und würde zu viel Recherche benötigen. Die Vereinfachung der Thematik unterstützt somit ein spannendes Spiel.

Ganze zehn Seiten sind dem Spielleiter vorbehalten, damit dieser entsprechende Spiele auch gestalten kann. Die Geheimnisse der Universität werden weitgehend offenbart und es gibt gelungene Szenarioideen. Zudem finden sich im Anhang auch neue Zauber, nützliche Gegenstände und Informationen über vormenschliche Sprachen.

Die Übersetzung und Verschmelzung der beiden Originale ist sehr gelungen und flüssig zu lesen. Die Aufmachung des Buchs weiß zu begeistern und die Entwicklung weg vom Einzelknaller (One Shot) ist keinesfalls zwingend, aber eine erstrebenswerte Sache. Das dazu die Miskatonic-Universität in den Fokus rückt, sorgt für Stimmung. Immerhin sind es doch gerade die Studenten, die fürs Leben lernen sollen.

Die Bebilderung des Buchs ist hervorragend, leider gibt es nur wenig Kartenmaterial. Die Qualität der beigelegten Karte ist leider schlecht. Sie wirkt langweilig und gekünstelt, kann keinesfalls mit dem stimmigen Material aus dem Buch mithalten. Glücklicherweise kann das Buch aber auch ohne die Karte genutzt werden.

„Arkham – Hexenstadt am Miskatonic“ ist die gelungene Eröffnung der Reihe. Die hohe Qualität, der stimmige Inhalt und die Möglichkeit eine spannende Kampagne zu spielen, sprechen für sich. Top!

Der Quellenband ist übrigens Keith Herber (1949-2009) gewidmet, dem Begründer der Reihe.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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Paradies II

Erstellt von Michael Drewniok am 22. August 2009

derleth-paradies-ii-coverAugust Derleth (Hg.)
Paradies II

Originaltitel: Time to Come (New York : Farrar, Straus & Young 1954)
Übersetzung: Wulf H. Bergner
Deutsche Erstausgabe: 1970 (Wilhelm Heyne Verlag/SF Nr. 06/3181)
144 S.
[keine ISBN]
www.heyne.de
(sfbentry)

Sieben Kurzgeschichten dokumentieren den Status der Science Fiction in den 1950er Jahren:

- Poul Anderson: Projekt Geistesblitz (“Butch”), S. 7-39: “Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus”, lautet ein Sprichwort; der Unterschied der Geschlechter erweist sich als Vorteil, denn als die Erdmänner den Erstkontakt mit einer außerirdischen Intelligenz katastrophal verpfuschen, bleibt eine Alternative …

- Isaac Asimov: Im Hinterhof (“The Pause”), S. 39-54: Der Atomkrieg findet dank außerirdischer Einmischung nicht statt, doch haben die Friedensstifter wirklich nur das Wohl der Menschheit im Sinn …?

- Charles Beaumont: Der große Traum (“Keeper of the Dream”), S. 54-64: Gibt es für die Wissenschaft eine Verpflichtung, die Welt vor allzu ernüchternden Gewissheiten zu schützen …?

- Arthur C. Clarke: Die Gedankenbotschaft (“No Morning After”), S. 64-71: Der einzige Mensch, der die telepathische Warnung der Außerirdischen empfängt, ist nicht in der Stimmung, sie zu beherzigen …

- Philip K. Dick: Das Zeitschiff (“Jon’s World”), S. 71-117: Die Zukunft soll mit Hilfe aus der Vergangenheit saniert werden, doch bei der Beschaffung des dafür notwendigen Wissens kommt es zu einem zeit- und dimensionserschütternden Zwischenfall …

- Robert Sheckley: Paradies II (“Paradise II”), S. 117-133: Der wunderschöne Planet wird ausgerechnet durch eine fehlprogrammierten Lebensmittelfabrik zur bizarren Todesfalle …

- Clark Ashton Smith: Prometheus (“Phoenix”), S. 134-144: In ferner Zukunft soll die erloschene Sonne neu entzündet werden …

Gestalter-Profis einer vergangenen Zukunft

Beginnen wir mit einer Widerlegung: “Weltberühmte Science Fiction-Stories” mache Herausgeber August Derleth einst und der Heyne Verlag jetzt dem Leser zugänglich, lesen wir auf dem Cover des hier vorgestellten Taschenbuches. Das trifft so keinesfalls zu; “Paradies II” ist stattdessen Schnappschuss einer SF, die in erster Linie unterhalten möchte, wobei die Verfasser keinen (auch faulen) Trick scheuen. Routine kündet von solidem Handwerk, und so sollte man diese Geschichten lesen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Zwar haben Verfasser mit großen Namen zu dieser Sammlung beigetragen, was freilich nicht bedeutet, dass sie sich dafür intellektuell oder literarisch vorausgabt hätten.

Oder legt der inzwischen verwöhnte Leser der Gegenwart andere bzw. strengere Maßstäbe an? Die Science Fiction hat ihre literarischen Qualitäten längst unter Beweis gestellt. 1954 war dies einerseits anders, während andererseits durchaus angemahnte Schrecken einer möglichen Zukunft generell weniger subtil thematisiert wurden.

Die rote Gefahr ist (welt-) allgegenwärtig

Grundsätzlich beschreibt keiner unserer sieben Autoren eine Welt, in der zukünftig das Lamm beim Löwen liegt oder Wein und Honig fließen. Bei näherer Betrachtung gehen auch in die erdfern spielenden Geschichten sehr irdische und zeitgenössische Ängste ein. Isaac Asimov (1920-1992) bringt die ganz große Furcht der 1950er Jahre offen auf den Punkt: Nicht nur die USA, sondern auch die Sowjetunion ist im Besitz der Atombombe. Sicherlich planen die roten Russen nur Böses, sodass die Guten – die Vereinigten Staaten – notgedrungen mitrüsten müssen.

Der gefahrenreichen Sinnlosigkeit des atomaren Wettlaufs ist sich Asimov bewusst. Er sorgt sich, aber er hat sich damit abgefunden, denn das ist der Preis, der für ein Leben in Freiheit zu zahlen ist; noch größer als die Angst vor der Bombe ist die Angst, den Sowjets ausgeliefert zu sein. Diese ‘realpolitische Schizophrenie’ finden wir auch in den Stories von Poul Anderson (1926-2001) und Philip Kindred Dick (1928-1982).

In “Projekt Geistesblitz” lässt Anderson Butch, den Außerirdischen, quasi in die Rolle des Fremden = Nicht-Amerikaners = Sowjets schlüpfen. Recht holprig und in der Auflösung albern legt der Autor immerhin die Mechanismen des Missverständnisses offen, das vor allem für Zwist sorgt. Als die Verständigungsproblematik gelöst ist, verschwindet die Gefahr eines (galaktischen) Krieges umgehend: Wer miteinander redet, schlägt sich nicht die Schädel ein. (Was allerdings keineswegs bedeutet, dass Butches Gastgeber bereit sind, den Besucher und sein Super-Wissen mit den ‘echten’ Sowjets zu teilen – so weit geht die Analogie doch nicht …)

Arthur Charles Clarke (1917-2008) schildert humorvoll die Kehrseite der Medaille: Wollen sich die Menschen überhaupt retten lassen? Der Mann, an den sich die kosmischen Warner wenden, ist theoretisch in der Lage, die Botschaft zu verstehen. Leider unterschätzen die Außerirdischen das allzu Menschliche im Menschen: Besagter Mann hat Ärger im Job, leidet unter Liebeskummer und ist stockbetrunken. So profan zu begründende Kommunikationsprobleme sind unter den meist ungemein ernsthaft geschilderten “first contact”-Momenten der SF selten. Clarkes Scherz mag nicht gerade raffiniert sein, aber er funktioniert (heute) wesentlich besser als Asimovs theatralischer Frageschrei nach dem Bestandswert einer vom atomaren Schrecken befreiten Erde.

Sehnsucht nach den Sternen

In den 1950er Jahren begann der Mensch nachdrücklich nach den Sternen zu greifen. Als “Paradies II” erschien, lag der eigentliche Sturm ins All zwar noch einige Jahre in der Zukunft, doch er zeichnete sich bereits ab. Selbstverständlich waren die zeitgenössischen SF-Autoren für die Erforschung des Alls, und dies mit einer Inbrunst, die heute naiv oder gar sträflich erscheint. Charles Beaumont (1929-1967) fasst das sicherlich unfreiwillig in überdeutliche Worte: Als der wissenschaftliche Nachweis für die Nutzlosigkeit der bemannten Raumfahrt erbracht ist, droht die Menschheit in eine kollektive Sinnkrise zu geraten. Beaumont spitzt den Fortschrittsbegriff auf die Weltraumforschung zu, die allein dem Geist noch frische Impulse zu geben und die geistige Degeneration zu verhindern vermag.

Robert Sheckley (1928-2005) ist dagegen Realist. Seine Raumfahrer durchstreifen das All nicht auf der Suche nach Wundern und Wissen. Sie wollen sich einen von Menschen bewohnbaren Planeten sichern und möglichst gewinnbringend ausbeuten. Sollte diese Welt bevölkert sein, ziehen es die ‘Besucher’ durchaus in Betracht, die lästigen Konkurrenten unauffällig per Waffeneinsatz zu auszuschalten. Sheckley wäre allerdings nicht Sheckley, ließe er seine ‘Helden’ nicht gerecht, grausam und einfallsreich büßen: Gier vernebelt den Verstand, und das rächt sich stets (wenn auch nicht immer so spektakulär wie hier).

Clark Ashton Smith (1893-1961) bildet das romantische Gegengewicht zu seinen naturwissenschaftlich geprägten Schriftstellerkollegen. Astronomie und Technik sind ihm nur Mittel zum Zweck, was sich daran erkennen lässt, dass die Qualität des von ihm eingeflochtenen “Techno-Babbels” sogar im Laien den Drang zum heftigen Kopfschütteln entfacht: “Die Generatoren entzogen dem Kosmos negative Energie, die dazu verwendet wurde, die Schwerkraft eines Planeten oder einer Sonne aufzuheben.” (S. 141). Von keiner Sachkenntnis beleckt ist auch das Bild einer erloschenen Sonne mit fester Aschekruste, unter der vulkanisches Feuer glost.

Aber Smith interessiert nicht der Weltraum, sondern der “inner space” des zukünftigen Menschen. Ein junger Mann nimmt an einer gefährlichen Mission teil. Was Smith daran fesselt, ist die Liebesbeziehung dieses Mannes zu einer Frau, die zurückbleiben muss. Die daraus resultierenden Gefühle haben auch in der Hightech-Zivilisation einer fernen Zukunft Bestand.

Leider können entweder Smith oder sein deutscher Übersetzer die Balance zwischen glaubwürdiger Dramatik und Klischee nicht halten. Nur zeitweise entfaltet sich die erwünschte Wirkung. Damit steht Smith freilich in diesem Band nicht allein. Wenn überhaupt, so weicht allein Dick von der Einstrang-Erzähltechnik der anderen Texte ab. Schon viele Jahre vor seinem Aufstieg zum innovativsten und radikalsten Vertreter einer ‘neuen’ SF stellt er in “Das Zeitschiff” die Frage nach der Definition von “Realität”. Dicks Universum ist eine unsichere, nicht solide auf Naturgesetzen ruhende, sondern stets im Fluss befindliche Konstruktion. 1954 ist seine Interpretation noch tastend und unausgegoren, doch sie verleiht einer ansonsten konventionellen Zeitreise-Story einen beunruhigenden Beiklang, der den anderen hier gesammelten Geschichten abgeht.

Anmerkung

Wie in der ins Deutsche übersetzten Science Fiction (aber nicht nur dort) viel zu lange üblich, wurde auch “Time to Come” gekürzt, um diese Sammlung als “Paradies II” auf das Norm-Maß von 144 Seiten zu bringen, für die der deutsche SF-Leser nach Verlags-Ansicht nur zu zahlen bereit war. Über solche Willkür kann man heute ausgiebig den Kopf schütteln. (Allerdings wurden auch spätere US-Ausgaben von “Time to Come” ‘verschlankt’.)

Der Vollständigkeit halber seien die fünf Erzählungen genannt, die unterschlagen wurden:

- Arthur Jean Cox: The Blight
- Irving Cox Jr.: Hole in the Sky
- Carl Jacobi: The White Pinnacle
- Ross Rocklynne: Winner Takes All
- Evelyn E. Smith: BAXBR/DAXBR

Selbstverständlich wurde auch das Vorwort des Herausgebers August Derleth gestrichen.

Herausgeber

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen “Pulp”-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der Englischen Literatur an der “University of Wisconsin” auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von “Arkham House” (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in “postumer Zusammenarbeit” und baute den “Cthulhu”-Kosmos der “alten Götter” eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

Websites:
- www.derleth.org (The August Derleth Society)
- www.waldeneast.co.uk/index_ad.htm (The Only Place We Live: The August Derleth Pages)
- www.arkhamhouse.com/augustderleth.htm

[md]

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Ungeheuer gute Nacht

Erstellt von Günther Lietz am 21. August 2009

Bei Amazon.deAntje von Stemm
Ungeheuer gute Nacht

cbj-Verlag, München, 1/2009
HC, Kinderbuch, Pop-up, Grusel, Humor, 978-3-570-13477-1, 16/1695
Titelbild und Innenillustrationen von Antje von Stemm
www.cbj-verlag.de
www.antjevonstemm.de

Die 1970 geborene Autorin Antje von Stemm studierte an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung und gründete bereits im Jahr 2000 mit einer Freundin eine eigene Firma, mit der und durch die sie ihre eigenen Werke vermarkteten. Offensichtlich liegen ihr vor allem Bücher für die Kleinsten am Herzen.

In einem bestimmten Alter können Kinder einfach nicht einschlafen, weil sie eine Angst quält. Wenn sie erst einmal aus anderen Geschichten wissen, was Monster und Gespenster sind, so fürchten sie sich davor, nachts allein und im Dunklen zu sein, da diese sie ja überfallen könnten.

Dieses Buch verrät nun, dass die Wesen, die so viel Schrecken verbreiten, eigentlich etwas ganz anderes zu tun haben, als Kinder zu erschrecken. Sie treffen sich viel lieber an geheimen Orten und feiern wilde Partys mit verrückten Tänzen und einem Festschmaus, der es in sich hat. Und deshalb lassen sie die Kinder eigentlich in Ruhe.

Antje von Stemm will mit diesem fröhlichen und munteren Pop-Up-Buch schon den Kleinsten die Angst vor den Einschlafen nehmen, indem sie die Monster und Gespenster als gar nicht so grausam und unheimlich darstellt und zudem auch noch Dinge tun lässt, die die Kinder selbst von Festen und Geburtstagen kennen. Das gelingt ihr recht gut, auf den wenigen Seiten gibt es für die Kleinsten sehr viel zu entdecken und zu bestaunen.

Die Verarbeitung des Buches ist solide, auch wenn die Pop-Ups vor dem ersten Anschauen mit den Kindern etwas auseinander gezogen werden müssen. Die Texte sind sehr einfach gehalten und schon für Zweijährige gut verständlich.

So ist „Ungeheuer gute Nacht“ ein gelungenes Bilderbuch für alle Kleinen und ihre Eltern, die endlich eine Begründung dafür haben, warum die Nächte doch ganz friedlich verlaufen und die Monster bestimmt nicht so schnell erscheinen werden. (CS)

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Klimawandel

Erstellt von Günther Lietz am 21. August 2009

000004Ruth Omphalius & Monika Azakli
Klimawandel

Arena Bibliothek des Wissens – Aktuell
Arena Verlag, Würzburg, 6/2008
TB, Kinder-/Jugendbuch, Sachbuch, Gesellschaft & Umwelt aktuell, 978-3-401-06219-8, 146/895
Titelillustration von Klaus Steffens
Innenillustrationen von Heidrun Boddin
www.arena-verlag.de

Im letzten Jahr hat der Arena Verlag eine Buchreihe gestartet, die sich mit aktuellen Themen beschäftigt, die in aller Munde sind, aber nicht wirklich in vollem Ausmaß erfasst werden. So kennt jeder die Begriffe „Globalisierung“ und „Klimawandel“ – was aber steckt nun wirklich dahinter?

Die Sachbücher der „Arena Bibliothek des Wissens – Aktuell“ versucht, Kindern und Jugendlichen die oft komplexen Themen gut verständlich und kompakt zu vermitteln, damit diese nicht länger unverständlich und damit für den eigenen Alltag unwichtig bleiben.

So stellen die Autorinnen des Buchs „Klimawandel“ am Anfang auch die Fragen: Was geht mich persönlich eigentlich die Veränderungen im Wetter an? Bekomme ich die Auswirkungen auch zu spüren, oder kann er mir egal sein?

Um die Zusammenhänge zu erklären, beginnen sie mit einer Begriffsdefinition: ‚Wetter’ ist das, was wir alltäglich zu spüren bekommen; Wind, Sonne, Regen oder Schnee und was nicht so genau vorher zu sagen ist. ‚Witterung’ umfasst die allgemeine Wetterlage, die in einer bestimmten Gegend über einen Zeitraum von Tagen oder auch Wochen vorherrscht, z. B. in einer bestimmten Jahreszeit.

Das ‚Klima’ schließlich beschreibt den typischen jährlichen Ablauf der Witterung in einer bestimmten Region der Erde. Nicht umsonst spricht man von den vier Jahreszeiten in gemäßigten Breiten, während in subtropischen und tropischen Gegend gerade einmal zwischen Trocken- und Regenzeit unterschieden wird. Das ‚Klima’ kann auch durch die geologische Lage einer Region bestimmt werden. So hat das Hochland von Tibet gleichzeitig eine ganz andere Witterung als die subtropischen Landschaften Indiens oder Ostasiens, die auf etwa den gleichen Breitengraden liegen.

Man erfährt, dass die Erde nicht immer das gleiche Klima hatte sondern im Verlauf der Erdgeschichte von einem Extrem zum anderen pendelte – vom Eisblock zu einer tropischen Welt ohne Eis an den Polen, je nach Entwicklung der Atmosphäre, die ebenfalls kein statisches Gebilde und aus verschiedenen Schichten ist.

Schließlich kommen sie auf die Bedeutung der Ozeane zu sprechen, der großen Wettermaschine, die durch ihre Strömungen auch das Klima und die Winde beeinflusst – und wie sie durch das Eingreifen des Menschen nachhaltig gestört wurde. Die Autorinnen machen deutlich, welche Auswirkungen die Verbrennung fossiler Stoffe auf das Klima hatte, wie der so genannte ‚Treibhauseffekt’ überhaupt erst entstanden ist und was neben dem Abschmelzen der Polkappen und der Gletscher die Folgen sein werden.

Ab hier nehmen sie auch den Leser in die Verantwortung und machen jedem einzelnen klar, was er im Kleinen tun kann, um den Klimawandel zu verlangsamen und abzuschwächen – neben der großen Politik, die zunehmend auch den Umweltschutz als wichtiges Thema erachtet. Geologische und meteorologische Zusammenhänge werden ebenso anschaulich wie einfach erklärt. Immer wieder helfen Beispiele aus dem Alltag dabei, die Informationen noch verständlicher und nachvollziehbarer zu machen. Von Kapitel zu Kapitel versteht man mehr, wie das eine das andere beeinflusst, und warum auch kleine Aktionen – wenn viele sie unternehmen -, eine positive Auswirkung haben können.

Nicht nur Kinder ab etwa zehn Jahren werden auf die eine oder andere Tatsache gestoßen, auch viele Erwachsene werden Informationen finden, die ihnen bisher unbekannt waren. Das macht „Klimawandel“ zu einer ebenso spannenden wie lehrreichen Lektüre, die man durchaus auch als Grundlage für den Schulunterricht und Diskussionen in Jugendgruppen verwenden kann. (CS)

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Nocturna – Die Nacht der gestohlenen Schatten

Erstellt von Günther Lietz am 21. August 2009

Bei Amazon.de anguckenJenni-Mai Nuyen
Nocturna – Die Nacht der gestohlenen Schatten

cbj-Verlag, München, 7/2007
HC, Jugendbuch, Fantasy, 978-3-570-13337-8, 544/1895
Titelillustration von Ferenc Regös
Vignetten von Jenni-Mai Nuyen
www.cbj-verlag.de
www.jenny-mai-nuyen.de/

Durch „Nijura – Das Erbe der Elfenkrone“ wurde Jenny-Mai Nuyen im Jahr 2006 zu einer der erfolgreichsten Newcomer-Autorinnen, die vor allem durch ihre Jugend Aufmerksamkeit erlangte. Mit „Nocturna – Die Nacht der gestohlenen Schatten“ verlässt sie zum ersten Mal die Gefilde der High Fantasy, denn der Roman entführt in ein Setting, das sehr stark an das zu Ende gehende viktorianische Zeitalter bis hin zur Belle Epoque erinnert.

Obwohl Apolonia Spiegelgold nach dem Tod der Mutter, dem Verlust der elterlichen Buchhandlung durch einen Brand und die Flucht ihres Vaters in den Wahnsinn vom Wohlwollen Verwandter abhängig ist, gehört sie noch zu den Privilegierten, die sich von einer Schar von Dienstboten umsorgen lassen können. Doch das Mädchen findet kein Vergnügen an diesem Leben. Mit ihrem Vater teilt sie die Liebe zu Büchern und vergräbt sich viel lieber in ihrem Zimmer um zu lesen, als sich zu seichten Vergnügungen verlocken zu lassen.

In ihr wühlt die Gewissheit, dass etwas in ihrer Umgebung ganz und gar nicht stimmt und sie dem auf den Grund gehen muss. Denn sie will einfach nicht glauben, dass ihr Vater den Brand gelegt hat, wie viele annehmen. Nicht zuletzt hat sie eine Gabe an sich entdeckt, die sonst keiner besitzt: Sie kann mit den Tieren sprechen. Und damit gehört sie zu den ‚Motten’, den Menschen, vor denen sich die Gesellschaft aufgrund ihrer Fähigkeiten fürchtet.

Der Botenjunge und Kleinganove Tigwid bringt sie schließlich auf den richtigen Weg, denn er scheint nach ihr gesucht zu haben. Durch ihn erfährt sie, welches dunkle und grausame Geheimnis hinter den schon über Jahre dauernden Entführungen von Kindern aus armen Verhältnissen steckt, von denen nur wenige wieder auftauchen, dann aber völlig verwirrt im Geist sind.

Eine Gruppe skrupelloser Männer raubt ihnen die Erinnerungen und schreibt sie in die so genannten Blutbücher, um Werke von magischer Schönheit und Tiefe zu schaffen. Auch Tigwid hat so seine Vergangenheit verloren. Apolonia ist der Schlüssel, um das Treiben der ‚Dichter’ zu beenden, aber noch ist sie skeptisch und weiß nicht, wie sie das anstellen soll.

Schon bald wird ihr Leben auf den Kopf gestellt, denn ihre ärgsten Feinde stehen ihr näher als sie denkt. Als sie schließlich zwischen die Fronten gerät und sich auf eine Seite stellen soll, hilft ihr die Freundschaft zu Tigwid und dem Vampirjungen Vampa, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Mit „Nocturna – Die Nacht der gestohlenen Schatten“ weiß Jenny-Mai Nuyen mehrfach zu überraschen. Ihr gelingt es nicht nur, das relativ moderne Setting wesentlich lebendiger und atmosphärischer aufzubauen als die Hintergründe ihrer ersten Romane, auch die Handlung ist etwas komplexer als früher.

Die Geschehnisse reihen sich nicht mehr ganz so geradlinig ineinander – das, was passiert, scheint manchmal zunächst in keinen Zusammenhang zu stehen und fügt sich erst später sauber ineinander. Gerade zum Ende hin gelingt es ihr, mit einigen Wendungen zu verblüffen, auch wenn dennoch einige Fragen und Probleme offen bleiben und nicht weiter geklärt werden.

Man merkt deutlich, dass Jenny-Mai Nuyen dazu gelernt hat. Zwar bleiben die Charaktere, etwas distanzierter und oberflächlicher, aber das Mädchen Apolonia und ihr Freund Tigwid sind doch vielschichtiger als die Protagonisten ihrer früheren Romane. Die Nebenfiguren wirken weiterhin klischeehaft und manchmal sehr überzogen. Einzig der ‚Vampirjunge’ Vampa erhält etwas mehr Profil – aus gutem Grund, wie man im Verlauf der Handlung merkt.

Alles in allem präsentiert Jenny-Mai Nuyen mit „Nocturna“ einen in sich geschlossenen und durchweg spannenden Roman, durch den sie zeigt, dass sie sich nicht nur auf ihren Erfolgen ausruht, sondern sich auch an wesentlich vielschichtigere und komplexere Geschichten wagt und so durchaus einer gewissen Beachtung wert ist. (CS)

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Meine Hollywood Geheimnisse 2

Erstellt von Günther Lietz am 21. August 2009

Bei Amazon.de anguckenJen Calonita
Meine Hollywood Geheimnisse 2

Secrets of my Hollywood Life – On Location, USA, 2007
Egmont Franz Schneider Verlag, Köln/München, 1/2008
PB mit Klappbroschur, Jugendbuch, Romanze, 978-3-505-12381-8, 265/995
Aus dem Amerikanischen von Katharina Georgi
Umschlaggestaltung von Rose Pistola, Büro für Gestaltung
www.schneiderbuch.de
www.jencalonitaonline.com/
www.rosepistola.de/

Jen Calonita hat als Redakteurin und Journalistin für „Teen People”, „Entertainment Weekly”, „Glamour” und „Marie Claire” das Showbusiness und die jungen Stars und Starlets durch Blicke hinter die Kulissen sehr genau kennen gelernt. Und dieses Wissen präsentiert sie nun in fiktionaler Form interessierten Lesern.

„Meine Hollywood-Geheimnisse“ beschreibt das Leben der jungen Kaitlin Burke, die zu den angesagten Stars unter 25 Jahren gehört. Sie ist eine der Hauptdarstellerinnen in der erfolgreichen Serie ‚Family Affair’ und hat eigentlich immer einen übervollen Terminkalender. Trotzdem findet sie stets Zeit, mit ihrer Freundin zusammen zu sein und auch Kontakt mit dem Jungen zu pflegen, den sie erst vor ein paar Monaten – als sie inkognito ein paar Wochen in einer ganz normalen Highschool war – kennen gelernt hat. Austin Meyers schert sich nicht um ihre Berühmtheit und nimmt sie so, wie sie ist, was ein angenehmer Gegensatz zu den vielen Speichelleckern und Schmeichlern darstellt, die sie sonst umgeben. Bei ihm kann Kaitlin einfach das sein, was sie will.

Nun aber wendet sie sich neuen Herausforderungen zu, denn ihr ist es gelungen, eine der Hauptrollen im neusten Film ihres Lieblingsregisseurs zu ergattern, auch wenn die Produktion recht holprig anläuft, denn die Drehbücher werden immer wieder umgeschrieben und Rollen verändert. Und dann erwischt auch noch ihre Lieblingsfeindin Sky die Rolle der Gegenspielerin.

Erst als die Dreharbeiten endlich anfangen, merkt Kaitlin, wie anstrengend der Dreh eines Kinofilms wirklich sein kann. Es gibt immer wieder überraschende Veränderungen in den Plänen, das Lernen der Texte artet in Stress aus, und sie hat kaum noch Zeit für ihre Freunde. Auch Sky intrigiert wieder, um sich ins beste Licht zu rücken.

Dazu kommt noch, dass sich die Presse mehr denn je auf Kaitlin stürzt und sie auf Schritt und Tritt beobachtet. Aus Publicity-Gründen wird dem jungen Mädchen dann auch noch eine Affäre mit dem Hauptdarsteller des Filmes angedichtet.

Kaitlin gerät in einen Zwiespalt. So sehr sie den Erfolg trotz der Arbeit genießt, fürchtet sie auch um ihre Beziehung mit Austin, der es eigentlich gar nicht mag, im Rampenlicht zu stehen. Kann diese eine solche Belastung aushalten?

Wie im ersten Band von „Meine Hollywood-Geheimnisse“ mag Jen Calonita das eine oder andere etwas beschönigt und vor allem sehr vereinfacht darstellen, aber es ist doch zu spüren, dass sie die Licht- und Schattenseiten einer Karriere in Hollywood möglichst glaubwürdig schildern möchte.

Das gelingt in einem humorvollen und erfrischend lockeren Stil. Kaitlin Burke ist bewusst als ganz normales junges Mädchen angelegt worden, das ihr Herz auf dem rechten Fleck hat und den Ruhm mit einer gewissen Distanz sieht, damit man sich gut mit ihr identifizieren kann. Zwar spart auch Jen Calonita nicht mit den typischen Klischees wie der überdrehten Gegenspielerin und den chaotischen Filmleuten, aber man merkt ihre Erfahrungen im Umgang mit und den Respekt vor den jungen Stars.

Das macht „Meine Hollywood-Geheimnisse Teil 2“ erstaunlich unterhaltsam und lesenswert – vor allem für Teenager, die von der bunten Glitzerwelt träumen. (CS)

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Engel küssen ist gefährlich

Erstellt von Günther Lietz am 21. August 2009

000001Thomas Brezina
Engel küssen ist gefährlich

Wilde Wahnsinns-Engel 1
Egmont Franz Schneider Verlag, München/Köln, 10/2008
PB mit Klappbroschur, Kinder-/Jugendbuch, Fantasy, Romance, Krimi, 978-3-505-12535-5, 204/995
Titelgestaltung von HildenDesign, München
Innenillustrationen von N. N.
www.schneiderbuch.de
www.thomasbrezina.com
www.hildendesign.de

Die dreizehnjährige Vicky war schon immer fasziniert von Azrael, dem schwarzen Todesengel. Das ist der Gegenspieler vom TOD, und seine Aufgabe ist es, die Toten aus den Listen zu streichen, die Neugeborenen dort einzutragen und zu verhindern, dass Menschen vor ihrer ihnen bestimmten Zeit sterben müssen.

Durch einen merkwürdigen Unfall wird die Statue von Azrael zerstört, und ein Teil seiner Kräfte überträgt sich auf Vicky. Die ist zum Glück an Seltsamkeiten jeder Art gewöhnt, denn ihre absolut chaotische Mutter, die unglaublich perfektionistische Stiefmutter, die extrem verfressene kleine Schwester und vor allem ihre beiden besten Freundinnen haben sie fürs Leben geschult.

Hier geht es aber mehr um Sterben, Überleben, Familie, Liebe, Hass und vor allem Verwirrung, Wahnsinn und Küsse jeder Art…

Auch solche, die töten können.

Und nicht jeder Engel ist hilfreich…

Neben der Gefahr, für immer in die Fänge ihres Stiefmuttermonsters zu geraten, muss sich Vicky mit äußerst anziehenden Feinden, drohendem Mord und einem hoch interessanten Schulprojekt auseinandersetzen: die Agentur „Wilde Wahnsinnsengel“, geschaffen, um Liebeschancen auszuspionieren.

Thomas Brezina schafft es immer wieder, großartige Charaktere, Erzählgewalt und spannende Plots zu einem gelungenen Ganzen zu mischen. Seine lebensechten Figuren erwachen schon mit den ersten Buchstaben vor den Augen des Lesers. Mit viel Sinn für Situationskomik, psychologische Finessen und den Sorgen von Teenagern legt er hier ein Buch vor, das Mädchen ab 12 Jahren begeistern wird. Genauso wie deren Mütter, wenn diese mal kontrollieren wollen, was die Töchter denn da schon wieder für ein Zeug lesen…

Die Geschichte endet in sich geschlossen, bietet aber Raum für Fortsetzung. Teil 2 ist für Anfang 2009 angekündigt – man darf also gespannt sein! (alea)

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