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Archiv für September, 2009

CAINE 04 – Dunkelheit

Erstellt von Günther Lietz am 29. September 2009

Bei Amazon.deGünter Merlau
CAINE 04 – Dunkelheit

Dauer: 57.23 Minuten
Hörspiel von Günter Merlau
Nach einem Exposee von Günter Merlau
Drehbuch, Regie und Produktion: Günter Merlau
Musik von Mnemic, Günter Merlau und BMG Zomba
Tonassistenz: Frederik Bolte und Jens Pfeifer
Disposition und Lektorat: Janet Sunjic
Aufgenommen im Hörig-Tonstudio
Empfohlen ab 15 Jahren

Sprecher: Caine (Michaelis, Torsten), Kartaan (Riedel, Lutz), Torkaan (Sonnenschein, Klaus), Moretti (Eichel , Kaspar), Setno (Groeger, Peter), Linda Watkins (Urbschat-Mingues, Claudia), Kilkenny (Schulz, Karl), Art Jeffries (Merlau, Günter), Josh (Bahro, Wolfgang), Rio (Sparberg, Andreas), Collin Drake (Paradies, Gerald), Joel Grady (Sabel, Martin), Mc Govern (Völger, Bernhard)

(sfbentry)

Die Situation in San Francisco wird immer bedrohlicher und steuert langsam auf eine Krise zu. Caine wird von den Kyan’kor auf deren Heimatplaneten geholt, um dort eine dämonische Bedrohung durch die Aganoi auszuschalten. Der Konflikt zwischen Caine und Kartaan wird dabei immer stärker, bringt Caine an den Rand der Verzweiflung.

Auf der Erde geht Cop Kilkenny weiter seiner Arbeit nach und stößt während der Ermittlungen auf unglaubliche Geschehnisse. Ganze Straßenzüge werden regelrecht entvölkert. Die Spuren, denen Kilkenny folgt, bringen den Cop in große Gefahr, denn die Aganoi werden auf ihn aufmerksam.

Das Schicksal der Welt scheint besiegelt, doch noch gibt es Collin Drake und seine Bruderschaft. Es ist aber fraglich, ob die Bruderschaft tatsächlich hehre Ziele verfolgt …

„Dunkelheit“ setzt nahtlos an, wo „Collin Drake und die Bruderschaft“ endete. Caine selbst ist erschüttert, da er Linda Watkins brutal vergewaltigte. Das harte und unmenschliche Verhalten des Helden wird allerdings dadurch etwas entschärft, dass es im Grunde genommen Kartaan war, der die Kontrolle übernahm und Caine zum Zuschauen verdammte. Trotzdem bleibt die Handlung selbst hart und brutal, führt auch zu einem harten und brutalen Konflikt zwischen Caine und Kartaan. Torsten Michaelis und Lutz Riedel transportieren diesen Konflikt großartig und verleihen ihren Stimmen stets die richtige Farbe und Emotion. Es ist deutlich hörbar wie sehr Caine leidet und was Kartaan für eine sadistische Freude daran findet. Von der Handlung und von den Dialogen, her wird hier ganz schön harter Tobak geboten.

Beinahe schon unglaubwürdig scheint dabei die Rolle von Linda Watkins zu sein. Obwohl sie erst vor kurzem das Opfer einer Vergewaltigung war, ist sie rasch wieder auf dem Posten, wirkt stärker und entschlossener als je zuvor. Rein vom Text her könnte ihr Verhalten deplatziert, nicht nachvollziehbar wirken. Aber Claudia Urbschat-Mingues verleiht ihrer Rolle genau die richtige Färbung, die sie braucht. So sind es nicht die Worte die man hört, sondern die Emotionen die man spürt, die deutlich zeigen, wie sehr Linda leidet und das sie nur nach Außen hin die starke Frau gibt. Collin Drake (hervorragend gesprochen von Gerald Paradies) erkennt das sehr genau und in einer sehr eindringlichen Szene verlangt er von Linda, dass sie ihren Hass nutzen möge. Einfach hervorragend gespielt.

Ebenso hervorragend – und die Folge eindeutig dominierend – ist Karl Schulz als der bärbeißige Cop Kilkenny. Stimmgewaltig und mit hörbarer Spielfreude transportiert er seine Rolle. An Kilkennys Seite erfährt der Hörer neue Enthüllungen und langsam wird das Ausmaß der tatsächlichen Bedrohung erkennbar. Es scheint für die Welt keinen Ausweg mehr zu geben, man kann niemandem trauen. Doch hier macht Kilkenny Mut und ruft seinen Kollegen McGovern zum Zusammenhalt auf. Eine sehr eindringliche Szene, die ebenso eindringlich endet. Die Vorgehensweise der Aganoi, der brutale Umgang mit den Gefangenen, ruft Erinnerungen an das Naziregime ins Gedächtnis und projiziert Bilder, die aus Film, TV und Geschichtsbüchern wohlbekannt sind.

Überhaupt ist „Dunkelheit“ auch als bildgewaltig zu bezeichnen, obwohl die Sprecher nur wenig beschreiben und es auch keinen Erzähler gibt, der die Szenerie hörbar umsetzt oder Zusammenhänge erklärt. Der Hörer ist hier ganz auf sich alleine gestellt, muss der Geschichte aufmerksam folgen und sollte die vorangegangenen Episoden kennen, um der Handlung folgen zu können. Für Neueinsteiger ist das natürlich kaum zu bewältigen, die sollten unbedingt mit der ersten Folge beginnen und sich langsam hocharbeiten. Fans werden allerdings mit einer spannenden und dicht gestrickten Geschichte belohnt.

Die Bilder und Szenen werden vor allem mittels der Dialoge und den Geräuscheffekten erzeugt. Niemand erzählt, dass die Türe zum Balkon des Penthouses geöffnet wird. Nein. Stattdessen hört man eine Türe, den plötzlichen Lärm der Stadt und den Wind, der in dieser Höhe das Gebäude umspielt. Klasse gemacht und ein dickes Lob an Günter Merlau. Zu schnell kann man sich hier verhaspeln und einen falschen Eindruck erwecken, doch Merlau hat ein gutes Gefühl für Musik und Effekte. Seine Komposition aus Dialogen, Geräuschen und Musik ist einfach grandios und trägt dazu bei, dass die Reihe „CAINE“ zu etwas ganz Besonderem zählt. Auch „Dunkelheit“ gehört dazu und überzeugt auf der ganzen Linie.

(Günther Lietz)

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Die Nebelbanditen

Erstellt von Michael Drewniok am 28. September 2009

walsh-nebelbanditen-coverJ. M. Walsh
Die Nebelbanditen

Originaltitel: Lady Incognito (London : Collins 1932)
Übersetzung: Hans Herdegen
Deutsche Erstausgabe: 1935 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann’s Detektiv-Romane)
217 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 17)
219 S.
[keine ISBN]
(sfbentry)

Das geschieht:

Inspektor Quaile von Scotland Yard ist gut beschäftigt: Im dichten Londoner Nebel treibt eine neue, gut organisierte Räuberbande ihr Unwesen. Die „Nebelbanditen“ schalten ihre Opfer mit Betäubungsgas aus und verschwinden spurlos mit fetter Beute. In der Unterwelt raunt man, dass eine junge Frau als Anführerin über die Halunken gebiete.

Frank Slade, der normalerweise für den Geheimdienst tätig ist und Quaile als Assistent zugeteilt wurde, wird durch private Gefühle von der Ermittlung abgelenkt. Er rettet die junge Lady Anne Sanford, als sie ihm auf der Flucht vor dem Erpresser Lanty vor den Wagen läuft, und verliebt sich in sie. Auch Lord Sanford, Annes Vater, steht unter Druck: Er hat sich an der Börse verspekuliert und wird von seinem Gläubiger, dem finsteren Mr. Ashlin, gedrängt, ihm die schöne Anne als Ehefrau auszuliefern; ein Kuhhandel, den diese energisch ablehnt. Die Situation eskaliert, als die Nebelbanditen Lord Sanford überfallen und ausrauben. Weder Ashlin noch Lanty lassen locker, und als Anne eine Verzweiflungstat unternimmt, treibt sie das noch tiefer in die Fangarme der Schurken.

Quaile und Slade nehmen inzwischen über den Hobby-Detektiv Joseph Mallah den Kontakte zur Londoner Gaunerwelt auf. Sie müssen wohl auf eine heiße Spur geraten sein, denn Slades Auto fliegt in die Luft. Der nur knapp entkommene Polizist und sein Vorgesetzter bringen den Grund für solche Nervosität in Erfahrung: Die Nebelbanditen planen einen grandiosen Coup, neben dem ihre bisherigen Raubzüge bedeutungslos wirken werden …

London bei Nacht: ein Krimi-Klischee-Kaleidoskop

Er ist dick und gelb und geradezu sprichwörtlich: der Londoner Nebel, der sich im Winter wie eine Glocke aus Dunst und Abgasen über die Stadt legt und eine Intensität erreicht, welche die Sichtweite auf Null reduzieren und die Lungen mit ätzenden Schwefeldünsten füllen kann. Zumindest für diejenigen Zeitgenossen, die das Tageslicht für ihre Geschäfte scheuen, ist der Nebel freilich hilfreich, wie Autor J. M. Walsh anschaulich darstellt: Räuber und Diebe treiben in seinem Schutz ihr Unwesen; sie schleichen sich unerkannt an ihre Opfer heran und flüchten anschließend erfolgreich, während die verfolgende Polizei blind durch die dichten Schwaden stolpert.

Schon 1932 war dieser Nebel freilich auch zum Klischee degeneriert, denn er wurde als Instrument und Stimmungsmittel in Literatur und Film ausgiebig strapaziert, wobei sich vor allem die Routiniers der Unterhaltungsliteratur allzu gern seiner bedienten.

Schnell voran, damit niemand nachdenkt!

Walsh muss zu ihnen gezählt werden: ein Vielschreiber, der nicht nur den Krimi-Markt bediente, sondern auch Abenteuer- und Science-Fiction-Storys verfasste. „Die Nebelbanditen“ ist ein typisches Produkt zeitgenössischer ‚Gebrauchs-Literatur‘. Unterhaltsam sollte die Geschichte sein, während das vernunftgemäße Fundament wacklig sein durfte. Walsh packt in die Handlung, was diese vorantreiben kann, während er sich um das Schürzen des Logik-Knotens offensichtlich erst nachträglich Gedanken macht. Nur so lässt sich das Durcheinander erklären, das zeitweilig die Handlung eher verwirrt als bewegt. Es wird verfolgt, erpresst und gedroht auf Teufel-komm-heraus, was der Übersicht gar nicht zuträglich ist, zumal der Leser sich fragt, was dies denn alles mit den Nebelbanditen zu tun hat?

Grundsätzlich wenig, muss das Urteil lauten. Die angeblich so gefährlichen Verbrecher verschwinden immer wieder für viele Seiten aus dem Geschehen. Machen sie sich bemerkbar, dann künden ihre Untaten eher vom Drang aufzufallen als Beute zu machen.

Das Spektakel ist überhaupt Walshes bevorzugtes Stil- und Stimmungselement. Wie sein Zeitgenosse Edgar Wallace geht er lieber sensationell als schlüssig zur Sache: Gangster im Nebel schleudern Gasbomben oder blenden mit flüssigem Ammoniak; eine Autobombe wird platziert, wo eine Revolverkugel wesentlich effektiver wäre; in geheimen Gängen und unterirdischen Gewölben hausen hoch im 20. Jahrhundert unerkannt Banditen. Man tarnt und täuscht mit einer Vehemenz, die man nur als reinen Spieltrieb werten kann.

Gern verlässt Walsh im Sprung eine allzu rätselhafte Szene und beginnt eine neue Verwicklung. Kehrt er später zur offenen Frage zurück, ist gewöhnlich soviel Zeit verstrichen, dass sich das Problem selbst erledigt hat oder mit einigen Sätzen nebenbei abgehandelt werden kann; die Musik spielt ohnehin wieder an anderer Stelle. Nach bewährtem Prinzip werden die losen Fäden im Finale zusammengefasst, was umständliche Erklärungen über viele Seiten erforderlich macht.

Feine Leute sind anders

Dass ein Kriminalroman in die Jahre gekommen ist, muss ihm bekanntlich nicht schaden, sondern kann seinen Unterhaltungswert noch steigern. Der einst normale Lebensalltag ist selbst interessant geworden und bildet eine reizvoll altmodische Kulisse, in die sich auch der viel später geborene Leser gut und gern hineindenken kann. Natürlich ist ein Roman kein dokumentarisches Abbild vergangener Wirklichkeit. Es ist nur erforderlich, dass die genannte Kulisse glaubhaft wirkt. In diesem Punkt fragt man sich, wie die zeitgenössischen Leser „Die Nebelbanditen“ beurteilt haben: Selbst mit dem Zugeständnis einer emotionalen Naivität, die viele Romane und auch Filme dieser Zeit prägt, übertreibt es Walsh maßlos. Das London von 1932 war realiter nicht mehr das London der Königin Victoria.

Lord Sanford spekuliert und gibt sich damit als moderner Zeitgenosse zu erkennen. Trotzdem setzt er seine Gesundheit und das Glück seiner Tochter bedenkenlos aufs Spiel, um den Ruf seiner Familie zu wahren. Die Hartnäckigkeit, mit der Vater und Tochter Sanford sich in diesem Punkt immer stärker in die Bredouille bringen, stört und langweilt heute, was durch Annes prompte Ohnmachtsanfälle in ‚heikler‘ Lage gefördert wird. Ein offenes Wort, und die diversen Erpressungsgespinste würden sich schneller auflösen als der Nebel, was allerdings die Handlung zu einem abrupten Ende brächte.

Sympathie vermag keine der zahlreichen Figuren zu wecken. Inspektor Quaile bleibt farblos, Assistent Slade gibt vor allem den verliebten Gutmenschen, der die Maid in Not nicht nur rettet, sondern letztlich heiratet. ‚Normale‘ Polizisten taugen nur zur Fußarbeit. Zu ihrem Glück ist das Gros der Gauner notorisch dumm und kann deshalb regelmäßig eingefangen werden. Die „Nebelbanditen“ verheddern sich in ihrer eigenen Überschläue, hinter der sich ebenfalls jener Hang zum Scheitern verbirgt, der – so macht Walsh deutlich – dem Bösewicht per se innewohnt: Verbrechen lohnt nicht, und zumindest der geistig schlicht gestrickte Leser durfte sich mit dieser Phrase trösten, wenn er das Buch zuklappte. Das präsentieren die Klassiker des Genres wesentlich raffinierter und eleganter, und deshalb werden ihre Werke noch heute aufgelegt, während J. M. Walsh in Vergessenheit geraten ist.

Autor

James Morgan Walsh wurde am 23. Februar 1897 in Geelong, einer Kleinstadt im australischen Bundesstaat Victoria, geboren. Schon 1913 erschien eine erste Kurzgeschichte, acht Jahre später der erste Roman. 1925 wanderte Walsh nach England aus, wo er sich als Produzent populärer Trivialliteratur etablierte, dessen Romane und Kurzgeschichten vor allem in den „Pulp“-Magazinen dieser Zeit erschienen. Walsh schrieb vor allem Krimis und Spionage-Thriller, verfasste aber auch Science Fiction. Zumindest als Fußnote ging er mit seiner Space Opera „Vandals of the Void“ (1931) ein, die ein frühes Beispiel für SF aus Australien ist.

Seine Produktivität war so hoch, dass Walsh auch als H. Haverstock Hill, Stephen Maddock und  George M. White veröffentlichte. Er blieb auch nach dem II. Weltkrieg bis zu seinem frühen Tod am 29. August 1952 als Autor ungemein aktiv.

[md]

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Scion – Hero

Erstellt von Günther Lietz am 28. September 2009

Bei Amazon.deJustin Achilli, Alan Alexander, Carl Bowen, Bill Bridges
Scion – Hero

Prometheus Games, Hardcover, 04/2009
400 Seiten, ISBN 978-3941077034
Cover: Michael Komarck
Deutsche Redaktion: Daniel Mayer
Übersetzer: Daniel, Mayer, Manfred Fischer und Stefan Schloesser
www.prometheusgames.de

(sfbentry)

Mit „Scion – Hero“ ist das erste Regelwerk der Scion-Reihe erschienen. „Scion: Demigod“ und „Scion: God“ sollen noch folgen. Die Titel lassen bereits vermuten, dass es hier heldenhaft, göttlich und episch zugehen wird. Und das ist auch so, der Name ist Programm. In „Scion“ wird nicht mit Klötzchen gebaut, sondern mit ganzen Klötzen. Immerhin schlüpft der Spieler in den Nachfahren eines Gottes, arbeitet sich vom Helden zum Halbgott empor und wird schlussendlich zum Gott. Da man immer einen Schritt nach dem anderen macht, beginnt die Reihe mit „Scion – Hero“. Das englische Original stammt übrigens von White Wolf, die sich mit ihren Storytelling-Systemen einen guten Namen gemacht haben und stellvertretend für atmosphärisches Rollenspiel stehen.

Der Spielercharakter ist also der Nachkomme einer echten Gottheit und somit ein Held. Doch davon ahnt der Nachwuchsheld nichts, denn erst einmal muss er sein Geburtsrecht offenbart bekommen, sozusagen erweckt werden. Normalerweise geschieht das eher selten, doch die Titanen sind ihren Kerkern entkommen und die göttlichen Nachkommen müssen sich den Dienern der Titanen im Kampf stellen – sofern sie auf der guten Seite in die Schlacht ziehen. Denn nicht alle Götter sind lieb, nett oder wollen gar das Ende der Welt verhindern. Unterschiedliche Pantheons (die Pesdjt, das Dodekatheon, die Asen, die Atzlánti, die Amatzukami und die Loa) weisen unterschiedliche Götter auf und somit gibt es im Spiel auch unterschiedliche Ziele. Wie nun die eigene Heldensaga aussieht, muss eine Gruppe mit ihrem Erzähler festlegen. Natürlich bietet sich das heldenhaft Gute einfach an.

Das stabile und sehr schicke Hardcover kommt im Format DIN A4 daher und auf dem Titelbild von Michael Komarck, ist Eric Donner zu sehen, ein Nachkomme Thors und Protagonist der das Buch einleitenden Kurzgeschichte. Das Bild wirkt schon recht imposant und auch die spannende Geschichte sorgt sofort für die richtige Stimmung. Die Gliederung des Buchs selbst ist, wie bei White Wolf üblich, etwas konfus geraten. Erst nach der vierzigseitigen Kurzgeschichte geht es richtig los, mit Impressum, Inhaltsverzeichnis und dem ganzen Rest. Das Buch gliedert sich dabei in zwei große Bereiche mit unterschiedlichen Kapiteln.

Im Spielerbereich gibt es eine kleine Einführung mit Lexikon, um die Spiel- und Regelbegriffe besser zu verstehen. Dann werden die Pantheons und die dazugehörigen Götter vorgestellt. Im Anschluss an jedes Pantheon gibt es noch einen vorgefertigten Charakter. Den kann man wählen, um sofort ins Spiel einzusteigen oder einfach nur als Orientierungshilfe sehen. Das erste Kapitel ist auch vierfarbig gedruckt, was sehr schick aussieht. Die Asen genießen im Spiel scheinbar einen besonderen Stellenwert. Zum Einen dreht sich ja die Kurzgeschichte um Eric Donner, zum Andern sind die Asen das einzige Pantheon im Buch, bei dem sich der Hintergrund farblich stark abhebt und somit dominiert.

Im zweiten Kapitel dreht sich dann alles um den Helden, der gespielt werden soll. Was hat er für eine Berufung, wie sind seine Attribute, wie verteile ich die Punkte auf die Fertigkeiten, was für Spezialisierungen hat der Charakter, was für Vorteile, Geburtsrechte, Tugenden, Kniffe und Segnungen. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Unter anderem kann man, auch erst als Mensch ins Spiel einsteigen und dann im Laufe der Handlung sein Geburtsrecht offenbart bekommen und zum Helden werden. Das ist eine sehr spannende Vorgehensweise, vor allem da das Geburtsrecht auch ein Erbe beinhaltet. Das können loyale Anhänger sein, Waffen oder etwas ganz anderes. Es gibt sogar besondere Regeln, um selber entsprechende Dinge für Charaktere zu basteln.

Nach dem Überblick über die Erschaffung eines Helden wird im dritten Kapitel detailliert auf seine Eigenschaften eingegangen. Das Besondere an einem Charaktere sind natürlich seine epischen Attribute und Kniffe, also die außergewöhnlichen Fähigkeiten, die ihn zu etwas Besonderem machen. Darum dreht sich alles im vierten Kapitel, während im fünften Kapitel Segnungen und Geburtsrechte genau unter die Lupe genommen werden.

Kapitel sechs beinhaltet die grundlegenden Regeln des Spiels. Bereits die Charaktererschaffung zeigt, dass viel Wert auf Rollenspiel gelegt wird und das die Spielmechanismen die Erzählung einer Saga entsprechend unterstützen. Dabei baut das System auf einen Pool aus zehnseitigen Würfeln auf, der sich aus Attributen und Fertigkeiten zusammensetzt. Jede gewürfelte Sieben oder mehr ist dabei ein Erfolg, eine Zehn gilt als zwei Erfolge. Gibt es keinen Erfolg und es wurde eine Eins gewürfelt, ist das ein Patzer. Ziemlich einfach und passend. Wer es darauf anlegt, kann seinen Würfelpool allerdings so hoch bekommen, dass man am Spieltisch manchmal kleine Würfelorgien hat. Das geschieht gerne mal im Kampf, um den sich das siebte Kapitel dreht.

Der Kampf ist in fast allen Rollenspielen ein zentrales Element und in einer düsteren und mythischen Spielwelt, in der sich die Nachkommen und Diener von Göttern und Titanen bekriegen, ist der Kampf besonders wichtig. Hier setzt „Scion – Hero“ auf ein besonders ausgeklügeltes System.

Sobald der Kampf beginnt, wird eine Probe fällig. Der mit dem besten Ergebnis agiert zuerst bei dem sogenannten Tick 0. Jede Aktion verbraucht nun eine bestimmte Anzahl an Ticks und ein Tick entspricht einer Sekunde. So agiert jemand bei Tick 3 mit einer Aktion die 4 Ticks andauert und kann dann wieder in Tick 7 agieren. Das Regelbuch bietet verschiedene Möglichkeiten an, die Ticks zu verwalten. Das System ist einfach, schnell und macht großen Spaß. Kämpfe werden dadurch sehr dynamisch, obwohl einige Zeitangaben doch etwas willkürlich gewählt sind. Aber immerhin ist es ein Spiel und unterliegt somit bestimmten Regeln, die in diesem Fall sehr gut umgesetzt wurden.

Haben die Charaktere alle Unbillen überlebt, gelangen sie irgendwann zum achten Kapitel des Buchs. In diesem Kapitel wird die Entwicklung des Charakters behandelt. Der Erzähler erfährt, wofür er wie viele Punkte vergeben kann. Die Spieler erfahren, wie sie die Punkte ausgeben können, um ihren Charakter zu verbessern. Da die „Scion“-Reihe auf gute und schnelle Action ausgelegt ist, gibt es auch Erfahrungspunkte für wagemutige Stunts.

Nun geht es in den Bereich für den Erzähler. Das neunte Kapitel beschreibt ausführlich, wie man epische Sagen erzählt und im Spiel umsetzt. Dabei gehen die Autoren sehr detailliert vor, denn immerhin ist der Epos das Kernelement im Spiel. Ein weiteres Element ist das Schicksal und seine Bedeutung für den Charakter und die Geschichte. Darauf wird im zehnten Kapitel eingegangen. Das Schicksal ist ein spannender und kluger Kunstgriff im Spiel, denn dadurch werden selbst die merkwürdigsten Dinge und Geschehnisse erklärbar – es ist einfach Schicksal!

Eines der größten Kapitel ist „Die Heldensaga“. Es handelt sich dabei um den ersten Teil eines größeren „Scion“-Zyklus, der sich durch alle drei Grundregelwerke zieht und für Nachkommen aus allen Pantheons eignet. Für einen Schnelleinstieg kann man einfach die im Buch vorgefertigten Charaktere einsetzen und loslegen. Die Saga beginnt in „Scion – Hero“ mit „Der lange Weg zum Himmel“ und beinhaltet sehr viele Informationen und Tipps zum Spielleiten einer Saga. Hier wird ganz deutlich, wie man ein gutes „Scion – Hero“-Abenteuer aufbauen sollte und worauf zu achten ist. Sehr gut gemacht und vor allem passend und spannend. Das Abenteuer wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder wie ein notwendiges Übel, sondern fügt sich harmonisch ins Regelbuch ein. Es ist eine klare Bereicherung für den Text, da hier die erklärten Mechanismen nochmals praktisch und in ihrer Anwendung erklärt werden. Ein Erzähler sollte sich aber auf jeden Fall gut in „Der lange Weg zum Himmel“ einlesen, da „Scion – Hero“ keineswegs einfach zu verstehen ist.

Das hat leider mehrere Gründe, von denen einige zur White-Wolf-Hausmarke gehören. Wie bereits angesprochen wirkt die Anordnung irritierend und ärgerlich. Da kein Lesebändchen vorhanden ist muss man stets bis zum Inhaltsverzeichnis durchblättern. Bei einem Regelwerk ist das – vor allem für neue Spieler – sehr ärgerlich. Hier hilft ein eingelegtes Lesezeichen ungemein weiter.

Ebenfalls ärgerlich ist die Aufmachung des Buchs und der Kapitel. Auf der einen Seite mögen die Regeln dadurch künstlerisch angehaucht wirken, auf der anderen Seite fehlt es einfach an Struktur, was zu unnötiger Blätterei führt. In einem Regelwerk sind Hintergrundtexte zwar auch wichtig, doch in erster Linie dreht sich alles um die Regeln, mit denen ein schönes und schnelles Spiel möglich sein soll. Der künstlich aufgeblasene Text verlangt hier volle Konzentration und den Autoren gelingt es nur mangelhaft, immer auf den Punkt zu kommen. Das führt auch zu kleineren Schwächen in der deutschen Übersetzung, aber bei diesem prosaischen Text muss die Übersetzung eine epische Herausforderung gewesen sein. In diesem Sinne trotz allem ein Kompliment an das Übersetzerteam.

Den Abschluss des Buchs bildet das zehnte Kapitel, in dem die Antagonisten aufgeführt werden. Immerhin brauchen Helden auch starke Gegner, die es zu bezwingen gilt. – oder auch einfach nur Fabelwesen, auf denen man reiten oder mit denen man interagieren kann. Gewöhnliche Tiere werden ebenfalls aufgezählt. Es folgt noch ein zweiseitiger Index, ein Charakterbogen und Werbung des Verlags in eigener Sache.

„Scion – Hero“ ist ein schickes Rollenspiel, das Freude macht. Der Hintergrund ist sehr stimmig, wenn er auch in einigen Punkten von den bekannten Sagenwelten abweicht. Aber immerhin ist es bei Rollenspielen normal, dass Charaktere in alternativen Welten agieren. Und hier schreibt jeder Charakter seine eigene Legende. Und das macht einfach Spaß! Die Autoren wissen einfach, wie man gute Geschichten erzählt und worauf Wert zu legen ist. Die große Schwäche des Regelwerks ist jedoch, dass die Autoren nur wenig Ahnung vom klaren Regelschreiben haben oder keinen Wert darauf legen. Geschichtenerzähler wird das allerdings ansprechen und mitreißen, Regelspieler werden sich seufzend einarbeiten müssen. Die deutsche Übersetzung und Bearbeitung ist zwar gelungen, kann diese Mängel aber nur leidlich ausmerzen.

Unter dem Strich ist „Scion – Hero“ ein gelungenes Rollenspiel und hervorragend geeignet für alle Spieler, die schon immer epische Taten im Namen des Schicksals vollbringen wollten. Da es Spaß macht im Buch zu schmökern, ist die notwendige Einarbeitungszeit ein Übel mit freundlichem Gesicht. „Scion – Hero“ ist somit eine klare Empfehlung.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

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Die Chorknaben

Erstellt von Michael Drewniok am 26. September 2009

wambaugh-chorknaben-2009-coverJoseph Wambaugh
Die Chorknaben

Originaltitel: The Choirboys (New York : Delacorte Press 1975/London : Weidenfeld and Nicolson 1976)
Deutsche Erstausgabe: Januar 1984 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Allgemeine Reihe 01/6321)
Übersetzung: Sepp Leeb
380 S.
ISBN-10: 3-453-01868-0
Diese Ausgabe: Juni 2009 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 16293)
Übersetzung: Diana Beate Hellmann
491 S.
ISBN-13: 978-3-404-16293-2

Das geschieht:

Für die uniformierten Streifenpolizisten des “Los Angeles Police Department” ist der Alltag wenig ruhmreich. Die Männer (und wenigen Frauen) leisten einen harten Job auf den Straßen, was ihnen in der Regel mit Schimpfworten, Spott, Körperflüssigkeiten oder Kugeln ‘gedankt’ wird. Die Arbeit scheint ohnehin sinnlos, denn verhaftete Straftäter werden zu lächerlichen Strafen verurteilt oder kommen umgehend frei. Seitens der Vorgesetzten gibt es weder Rückendeckung noch Unterstützung; dort ist man ausschließlich mit der eigenen Karriereplanung beschäftigt.

Das Privatleben der Beamten ist ähnlich desaströs. Unterbezahlt, ausgelaugt und ausgebrannt, meist alkoholsüchtig, sprachlos und unglücklich, haben sie im Grunde nur einander, weshalb die nächtliche “Singstunde” eingeführt wurde: Im Schutze der nächtlichen Dunkelheit treffen sich die Männer im MacArthur-Park, wo sie im Suff ihre Nöte, ihre Frustration und die Verzweiflung ausleben können.

Weil der berufliche und private Druck stetig steigt, nehmen die “Singstunden” sowie die in ihrem Verlauf verübten Streiche und Exzesse an Häufig- und Heftigkeit zu. Eines Abends kommt es zur Katastrophe, und über die “Chorknaben” bricht ungemildert der Zorn des Systems herein …

Das Ende der blauen Ritter

1975 liegt als Jahr objektiv betrachtet nicht allzu lange zurück. Allerdings waren (vermutlich erstaunlich) viele Leser dieser Zeilen damals noch nicht auf dieser Welt, die sich seitdem tatsächlich sehr verändert hat. Vor allem ihnen ist schwer zu vermitteln, was “Die Chorknaben” zu einem Ausnahme-Roman macht. James Ellroy, der selbst zur Prominenz der Krimi-Autoren gehört, versucht (wenn er nicht gerade wieder ausgiebig über sich selbst schreibt) in einem Vorwort, das erfreulicherweise seinen Weg in die deutsche Neuausgabe von “Die Chorknaben” gefunden hat, den Lesern die Bedeutung dieses Buches zu verdeutlichen.

Was im 21. Jahrhundert nicht nur selbstverständlich, sondern annähernd Pflicht geworden ist, war in den 1970er Jahren keineswegs üblich. Krimis im Polizeimilieu waren schon lange ein eigenes Subgenre. Auch Kritik an gewissen Missständen war nicht mehr ungewöhnlich, die jedoch als Einzelfälle dargestellt wurden, während die Integrität der Polizei als Organisation nicht in Frage gestellt wurde. Joseph Wambaugh stürzt in “Die Chorknaben” die Polizei als Institution rigoros von diesem Sockel, legt schonungslos die Schwächen ihrer inneren Strukturen offen und stellt ihre Führungskräfte als kriminologisch unfähige aber karrieresüchtige Erfüllungsgehilfen und Bettgenossen ehrgeiziger Politiker bloß.

Aus Paulus wird Saulus

Dabei hatte Wambaugh selbst 1970 mit “The New Centurions” (dt. “Nachtstreife”) für “law & order” gestimmt und seine Polizisten-Figuren als Ritter an der Grenze zur kriminellen Wildnis dargestellt. Erst später und im Zuge der umfassenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er und 70er Jahre, die eine kritische Einschätzung viel zu lange sakrosankt gebliebener Strukturen mit sich brachten, löste er sich von diesem zementierten Ideal.

Wambaughs Kehrtwende muss indes differenziert betrachtet werden. Nicht alle Polizisten sind durch das moralisch korrumpierte System infiziert. Wambaugh postuliert  einen tiefen Graben zwischen “denen da oben” und jenen, die auf der Straße ihren Dienst tun. Die Kluft zerschneidet, was eigentlich Bollwerk gegen die kriminelle Unterwelt sein soll. Der blaue Koloss steht auf schwankenden, weil völlig überlasteten Füßen. Die Männer und Frauen in Uniform bilden das letzte Glied einer Kette, mit der sich nicht nur die Polizei, sondern das gesamte System allmählich erwürgt.

Von oben werden sie getreten, dabei von ihren Vorgesetzten keineswegs unterstützt, sondern als Dummköpfe und lästige, weil nicht reibungslos funktionierende Roboter geschmäht. Nicht einmal die polizeieigenen Psychologen wagen den Teufelskreis zu durchbrechen; sie sitzen lieber weiter ruhig in ihrem warmen Nest und bescheinigen ihren Patienten, was deren Vorgesetzte hören wollen.

Wambaugh zeichnet – durchaus parteiisch übrigens – ein erbarmungsloses Bild; der Grad der Überzeichnung ist heute schwer zu definieren, doch neben echter Empörung schimmert zwischen den Zeilen die Sachkenntnis des Verfassers durch. Wambaugh war selbst Cop und noch im Dienst, als er “Die Chorknaben” schrieb. Dass er den einen oder anderen Nerv getroffen hatte, wusste er, als er nach dem Erscheinen seines Romans beurlaubt wurde.

Polizisten oder Psychopathen?

Wambaughs weiterer Verdienst besteht darin, seinen anscheinend völlig außer Kontrolle geratenden “Chorknaben” Leben einzuhauchen. Hinter irren Streichen und Exzessen lauert konstant spürbar nackte Verzweiflung. Das Lachen bleibt dem Leser deshalb oft im Halse stecken, und das Gefühl eines drohenden Verhängnisses steigert sich, als die Raserei an Tempo zunimmt und die katastrophale Entladung der sich aufbauenden Spannung unvermeidlich wird.

Die “Chorknaben” ‘singen’, weil sie sonst explodieren würden. Weder beruflich noch privat steht ihnen ein anderes Ventil zur Verfügung. Wambaugh stellt das unmissverständlich dar, indem er jeder der zehn Hauptfiguren eine ausführliche Biografie auf den Leib schreibt. Dabei bleibt er im Kontext: Jeweils zwei Beamte werden uns im “Doppelpack” vorgestellt, wie sie – Partner, Freunde, Lebensgefährten – in ihren Dienstwagen sitzen.

Humor, der Schmerzen zufügt

Cop-Humor ist drastisch, schwarz und politisch völlig unkorrekt. In seiner gesamten Bandbreite wird er nur von Polizisten verstanden und goutiert. Er bezeugt Zusammenhalt. Gleichzeitig ist er ein Instrument, mit dem sich das alltäglich erlebte Grauen in den Griff bekommen lässt. Es wird kanalisiert und transformiert, bis es sich in befreiendes Gelächter verwandelt.

Diese Methode der Stressbewältigung lässt sich zudem mit dem polizeitypischen Machismo vereinbaren. Beinahe krankhaft ist die Furcht der Männer vor Schwäche, die auf keinen Fall gezeigt werden darf. Furcht kann nur geteilt werden, wenn sie chiffriert wird. Besäufnisse und derbe ‘Späße’ sind akzeptabel. Als einer der “Chorknaben” die Maske fallen lässt, erwächst aus der Reaktion die finale Katastrophe.

Die lässt keinen Leser kalt. Selten wurde die Rache des Systems so konsequent dargestellt. Wambaugh lässt kein Happy-end zu. Der “Chor” wird ausradiert. Nichts hat sich dadurch geändert oder gar gebessert. Das System geht gestärkt aus einem Kampf hervor, der nie einer war. “Die Chorknaben” hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der so frisch ist wie 1975. Ohne CSI-Hightech und trotz seiner episodenhaften Handlung lebt dieses Buch durch die Authentizität seiner Figuren, was nicht nur im Kriminalroman selten auch nur annähernd so großartig gelingt.

“Die Chorknaben” – der Film

Aufgrund des enormen Medienechos, das Wambaughs Roman auslöste, dauerte es nur kurze Zeit, bis Hollywood sich “Die Chorknaben” als Filmstoff sicherte. Wambaugh selbst schrieb (mit Christopher Knopf) das Drehbuch, das 1977 von Robert Aldrich (1918-1983) verfilmt wurde. Als Spezialist für kontroverse Themen, die er in Filme verwandelte, welche untypisch für Hollywood auf Sinn und Verstand nicht verzichteten und trotzdem ein breites Publikum erreichten (u. a. “Vera Cruz”, 1954; “Rattennest”, 1955; “Der Flug des Phönix”, 1965; “Das dreckige Dutzend”, 1967), war Aldrich eine gute Wahl. Allerdings gehört “Die Chorknaben” – obwohl ein überaus unterhaltsamer Film – nicht zu seinen Meisterwerken. Zu stark richtete sich der Fokus auf die grell ausgemalten Ausschweifungen der dargestellten Polizisten, in denen die dahintersteckende Verzweiflung untergeht.

Autor

Joseph Aloysius Wambaugh, Jr. wurde am 22. Januar 1937 in East Pittsburgh (US-Staat Pennsylvania) in eine Polizeifamilie geboren. Er leistete seinen Wehrdienst bei den US Marines ab und begann ein Studium, das er jedoch nicht abschloss. 1960 ging er selbst zur Polizei. Im Los Angeles Police Department arbeitete er sich vom einfachen Streifenbeamten bis zum Detective Sergeant hoch.

Ende der 1960er Jahre begann Wambaugh zu schreiben, wobei ihm eigene Erfahrungen den Stoff lieferten. Sein Romanerstling “The New Centurions” (dt. “Nachtstreife”) erschien 1970 und beschreibt die Erlebnisse eines jungen Beamten, der in den politisch brisanten 1960er Jahren die Härte seines Jobs kennen lernt. Mit “The Onion Field” (dt. “Tod im Zwiebelfeld”) erschien 1973 Wambaughs erste “True-Crime”-Story, die von der Kritik als literarische Großtat in der Tradition eines Truman Capote (“Kaltblütig”) gefeiert wurde.

In späteren Romanen wurde Wambaughs Kritik an polizeiinternen Missständen deutlicher und lauter. Er schied 1975 aus dem Polizeidienst aus. In Hollywood arbeitete er federführend an der Serie “Police Story” mit, die als eine der besten ‘realistischen’ Cop-Serien in die TV-Geschichte einging. Seinen endgültigen Durchbruch schaffte Wambaugh ebenfalls 1975 mit “The Choirboys”.

Wambaughs Werk blieb schmal, Er gilt dennoch als einer der ganz Großen der Kriminalliteratur und wurde 2004 mit einem “Grand Master Award” der “Mystery Writers of America” für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Schon 1988 erhielt er für “The Secrets of Harry Bright” (dt. “Der Rolls-Royce-Tote”) den Deutschen Krimipreis für den besten internationalen Roman des Jahres. Dieses Buch gilt als sein letztes Meisterstück, bevor die Qualität seiner Bücher in den 1990er Jahren rapide abnahm und Wambaugh sich für fast ein Jahrzehnt als Schriftsteller zurückzog.

Joseph Wambaugh lebt und arbeitet heute in Rancho Santa Fé, Kalifornien. Er leistet sich den seltenen Luxus KEINER Website.

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Rifters 03 – Wellen

Erstellt von Werner Karl am 26. September 2009

wellen1Wellen
Rifters-Trilogie Band 3
Peter Watts

Heyne (2009)
ISBN: 978345352565
Umfang: 688 Seiten
Originaltitel: ßehemoth: Book One: ß-Max (2004) und ßehemoth: Book Two: Seppuko (2005)
Übersetzer: Sara Riffel
Genre: Science Fiction
www.heyne.de

PUZZLE-STORY-PREISAUSCHREIBEN: Gewinnpreise 3 x 1 TB Heyne Peter Watts: Wellen.

Der vorliegende Band “Wellen” stellt den dritten Teil der Rifters-Trilogie von Peter Watts dar. Die ersten beiden Bände lauten „Abgrund“ (Heyne-Band 52446) und Mahlstrom“ (Heyne-Band 52508).

Vorbemerkung:

Leider ist auf keinem der drei Covers ein Hinweis darauf zu finden, dass es sich dabei um eine Trilogie handelt. Erst während des Lesens und bei der Recherche zur Rezension wurde mir dies klar. Und darin liegt eigentlich auch schon mein Dilemma begründet. Zum einen mag ich es nicht, unversehens mitten in eine Geschichte einzusteigen, weil sich damit automatisch notwendiges Vorwissen verschließt. Zum anderen ergibt sich daraus fast zwingend eine Rezension, welche dem Gesamtwerk höchstwahrscheinlich nicht gerecht wird.

Sollte dies eine neue verkaufsstrategische Idee des Heyne-Verlages darstellen, mehrbändige Werke, Kleinserien oder Zyklen nicht mehr als solche kenntlich zu machen, dann geht dieser Schuss meiner Meinung nach klar nach hinten los. Es sind doch gerade die Fortsetzungen, welche gekauft werden. Oder glaubt irgendein Marketingstratege „Hauptsache, erst mal EIN Buch gekauft. Der Kunde wird sich die fehlenden Teile dann schon noch nachkaufen.“ Und dann die gesamte Reihe noch mal von vorne lesen? Ich glaube eher nicht! Allein an der Optik des Covers soll sicher ein Widererkennungseffekt beim Käufer geweckt werden („Ach ja, DER Autor war gut.“). Aber der Frust – mein Frust – mitten in der Lektüre festzustellen – „Hoppla, da fehlt doch was.“ – würde ich als kaufmännisch gefährlicher einstufen. Nun, sei´s drum.

Zur Handlung:

In relativer naher Zukunft hat sich ein kleiner Teil der Menschheit auf den Meeresboden geflüchtet. Mit einiger Ironie und Hoffnungslosigkeit hat man den Fluchtort Atlantis getauft (keine Angst, es handelt sich bei der Geschichte nicht um die zigste Atlantis-Theorie). Auslöser für diese Flucht war eine bakteriologische Lebensform, die sich zwar vor Urzeiten in den Tiefen der Urmeere entwickelt hatte, aber erst in moderner Zeit an die Oberfläche gebracht wurde und dort die Menschen zu Millionen hinraffte.

Die Überlebenden teilen sich in wenige Gruppen. Die Einen sind die Rifters, die einst von mächtigen Industriekonzernen und deren Firmenbossen speziell für ihre Aufgaben in den Tiefen des Meeres verändert wurden. Die Anderen sind eben diese Firmenbosse und ihre Familien. Die Rifters erhielten spezielle Körperimplantate, welche ihnen das Leben und Arbeiten im Meer ohne Sauerstoffzufuhr und Taucheranzüge ermöglicht. Aber die Bosse veränderten nicht nur die Körper der Rifters, sondern manipulierten auch ihren Geist, ihre Erinnerungen und sogar ihre Biochemie.

Beim Versuch die Seuche einzudämmen schreckten die Firmenbosse, welche die wahre Macht auf der Erde innehatten, auch vor dem Einsatz von Atombomben nicht zurück. Dabei wurden fast alle Rifters getötet. Logisch, dass sich in Atlantis die Rifters und Firmenbosse mit Argwohn und Misstrauen belauern. Gegenseitiger Hass und Rachegefühle bestimmen das notgedrungene „Zusammenleben“.

Immer mehr Rifters sondern sich von der Zwangsgemeinschaft ab und suchen die Freiheit in der Dunkelheit der Tiefe. Sie essen nicht regelmäßig und auch ihr Geist scheint sich zunehmend zu verwirren. Einige sind längst verschwunden, höchstwahrscheinlich verhungert oder in den Weiten der Meere verloren, andere kommen ab und zu noch zurück, abgemagert und fast nicht mehr ansprechbar.

In den Reihen der Firmenbosse häufen sich die Vorzeichen eines erneuten Aufstandes gegen die Rifters, welche ihre eigene Angst und Rachebedürfnisse ohnehin nur schwer im Zaum halten können. Und beide Seiten fürchten sich vor der Entdeckung durch die Oberflächenbewohner, denen Rifters und Bosse als Urheber der Behemoth-Seuche gelten. Zu allem Übel scheint Behemoth mutiert zu sein, und für die neue Variante stellen das salzige Meerwasser und der ungeheure Druck nun kein Hindernis mehr dar…

Fazit:

Manche Szenen und die gesamte Grundstimmung in „Wellen“ lassen an das Computerspiel BioShock erinnern. In beiden führt das klaustrophobische Leben unter Wasser, eine nicht mehr mögliche Rückkehr zum natürlichen Lebensraum des Menschen und die permanente Lebensgefahr zu beklemmenden Gefühlen, die Peter Watts sehr gut mitteilt. Was den Roman wirklich auszeichnet, ist die relativ nahe Zeit, in der er spielt. 2056 ist für viele der Leser durchaus ein Jahr, das sie erleben werden. Dabei schafft es Watts hervorragend, eine Unmenge an Fakten und enormes Hintergrundwissen über heutige – katastrophale – Entwicklungen in seine Geschichte einzubauen. Einzig die Erzählweise in Gegenwartsform hat mir den Lesespaß etwas gemindert, aber das ist Geschmackssache.

Copyright © 2009 by Werner Karl

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Rebirth 24, Südkorea, 2009

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. September 2009

rebirth-24Lee Kang-Woo
Rebirth 24, Südkorea, 2009

Panini Comics, Stuttgart, 6/2009
TB, Planet Manwha, Action, Dark Fantasy, Horror, 978-3-86607-725-6, 188/995
Aus dem Koreanischen von Udo Lee

www.paninicomics.de

„Rebirth“ ist neben z. B. „Tenjo Tenge“, „Lone Wolf & Cub“ und „Berserk“ eine der wenigen längeren Serien bei Panini, die nicht plötzlich wegen sinkender Verkaufszahlen eingestellt wurden, sondern bis zum letzten Band durchgezogen werden sollen. Zwei Tankobons stehen noch aus – die Sammler des Titels könnten Glück haben.

Nachdem die ersten Bände noch eine vage Ähnlichkeit zu Kazushi Hagiwaras „Bastard!!“ aufwiesen und gewiss zahlreiche Fans aus diesem Leserkreis gewinnen konnten, hat „Rebirth“ sehr schnell eine eigenständige Richtung eingeschlagen – dank der sehr komplexen, packenden Handlung und ansprechender Illustrationen von gleich bleibender Qualität.

Vor rund dreihundert Jahren waren der Vampir Deshwitat und der junge Adlige Kalutika in Freundschaft verbunden. Als Desh Kals Schwester Danube nicht retten konnte, zog er sich dessen unversöhnliche Feindschaft zu. Kal erlangte göttliche Kräfte und rächte sich an Desh, indem er den Vampir in den Limbus verbannte, seine Braut Lilith tötete und gegen seine Kameraden vorging.

In der Gegenwart gelangt Desh zurück auf die Erde. Schon bald findet er heraus, dass Kal noch am Leben ist und die Apokalypse plant, obwohl er ein Lichtmagier ist. Es scheint, als wäre ausgerechnet ein dunkles Wesen wie Desh die einzige Chance der Menschheit, aber noch ist der Vampir weit davon entfernt, es mit seinem Feind aufnehmen zu können. Auf der Suche nach Mitteln und Wegen, seine Kräfte auf Kals Level zu bringen, begegnet er alten und neuen Freunden und zuverlässigen Helfern.

Gemeinsam können sie so mancher tödlichen Falle entrinnen. Desh wird durch all diese Prüfungen stärker, aber er muss auch Rückschläge einstecken. Nach wie vor will Kal ihn leiden sehen: In Folge zwingt er Desh, gegen den nahezu unbesiegbaren Grey zu kämpfen, der sich schließlich als der Sohn von Desh und Lilith entpuppt. Und auch Lilith, die von Kal kontrolliert wird, tritt dem Mann, den sie immer noch liebt, gegenüber und enthüllt die furchtbare Macht, die ihr verliehen wurde.

Während nichts mehr das Ende der Menschheit aufhalten kann, beginnt ein Duell auf Leben und Tod, zwischen Liebe und Hass…

Für Quereinsteiger ist es kaum möglich, der Handlung dieser Episode zu folgen, da umfassende Kenntnisse vorausgesetzt werden. Es gibt mehrere Handlungsebenen und sehr viele Protagonisten, die durch ein kompliziertes Beziehungsgeflecht miteinander verbunden sind. Selbst treue Leser erinnern sich oft nur noch in groben Zügen an die Details, die zur gegenwärtigen Situation geführt haben; die Abstände zwischen den einzelnen Bänden sind einfach zu groß. Den Dialogen ist nur wenig zu entnehmen, denn sie sind in diesem Abschnitt der Geschichte eher kurz und selten, da Action-Szenen dominieren.

Diese sehen großartig aus, denn der Stil von Lee Kang-Woo ist klar, dynamisch, realistisch-idealistisch – vergleichbar anderen Titeln aus Korea wie „Island“ oder „Zombie Hunter“ – und gefällt vor allem jenen, die eine Abneigung gegen die kuhäugigen Manga- und Manhwa-Kindhelden haben, die auf Steckenbeinen und Klumpfüßen über Rasterfolien-Blümchen stelzen.

Darüber tritt die Charakterentwicklung in den Hintergrund, was jedoch in keiner Weise stört, denn in Rückblenden und beschaulichen Momenten haben die Protagonisten ihren Hintergrund und ihre Motive enthüllt, sich den veränderten Begebenheiten angepasst und neue Ansichten gewonnen: Sie verfügen ausnahmslos über ein individuelles Profil. Besonders pikant ist hierbei der Konflikt Gut-Böse bzw. Licht-Dunkelheit, da die Werte umgekehrt wurden und sich die Beschützer der Menschheit mit dem scheinbar unverbesserlichen, finsteren Blutsauger verbünden müssen, während der strahlende Gott ein eiskalter Mörder und Bringer des Verderbens ist.

Der Band schließt wieder einmal mit einem Cliffhanger, der offen lässt, wie das Duell zwischen Desh und Lilith endet, ob es weitere tragische Opfer und keinerlei Hoffnung mehr für die Erde geben wird. Das packende Finale ist jedenfalls nicht mehr fern.

Mag man den Mix aus Dark Fantasy und Horror, dazu reichliche Action, je eine Prise Romantik und Humor, sowie schöne Zeichnungen, liegt man mit „Rebirth“ richtig. Der Künstler hält die Handlungsfäden sicher in der Hand und verknüpft die komplexen Ereignisse ohne Lücken und logische Fehler. Die Story ist dramatisch und keinen Moment langweilig, die Charaktere sind interessant, sympathisch und wachsen einem mit der Zeit ans Herz.

Vor allem die Leser von Titeln wie „Bastard!!“, „Chonchu“ oder „Vampire Hunter D“ dürften viel Spaß an der Lektüre von „Rebirth“ haben – und da die Reihe wohl in absehbarer Zeit komplett vorliegen wird, sollten auch jene zugreifen, die bislang zögerten aus Sorge, dass sie damit womöglich eine weitere ‚angefressene Serie’ im Regal stehen haben. (IS)

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X-Men Sonderband: Young X-Men 1 (von 2) – Final Genesis

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. September 2009

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Marc Guggenheim
X-Men Sonderband: Young X-Men 1 (von 2) – Final Genesis

Young X-Men 1 – 5, Marvel, USA, 2008
Panini Comics, Marvel Deutschland, Stuttgart, 5/2009
PB, Comic, Superhelden, SF, Mystery, Action, 124/1495
Aus dem Amerikanischen von Michael Strittmatter
Titelillustration von Terry Dodson
Zeichnungen von Yanick Paquette u. a.

www.paninicomics.de
www.comicspace.com/yanickpaquette/

Nach der letzten Krise sind die X-Men nicht mehr das Team, das sie einmal waren. Scott Summers alias Cyclops will junge Mutanten für eine neue Gruppe rekrutieren: Rockslide, Blindfold, Dust, Wolfcub und Ink müssen blitzschnell lernen, wie gefährlich ihre Gegner sind – und dass sie selber keine Gnade zeigen dürfen: Die oder wir heißt das neue Motto der Young X-Men.

Cyclops setzt sie auf einige ehemalige New Mutants an, die angeblich das Lager gewechselt haben und ihre Fähigkeiten dem Hellfire Club zur Verfügung stellen. Die jungen, unerfahrenen Mutanten stöbern Cannonball, Sunspot, Magma und Mirage auf, doch irgendetwas scheint nicht richtig zu sein.

Keiner ahnt, dass sie hinter Licht geführt wurden, dass es einen geheimnisvollen Beobachter, einen Verräter und schon bald einen toten Young X-Man gibt…

Wer ein treuer Fan der „X-Men“ und all ihrer Spin Offs ist, kennt zweifellos alle Protagonisten, die in diesem Band agieren – alte wie neue und auch jene, die nur als ‚Cameo’ eine winzige Szene haben. Ist man – aus welchen Gründen auch immer – mit den jüngsten Geschehnissen nicht vertraut, muss man sich mühsam in die Handlung einlesen, wobei Vor- und Nachwort leider nicht alle Fragen beantworten. Glücklicherweise stellt die Story kaum Bezüge zu früheren Ereignissen her, so dass man sich darauf konzentrieren kann, mit den „Young X-Men“ warm zu werden.

Tatsächlich gibt es gleich zu Beginn einen Schock: Cyclops, der immer die Ideale von Professor Xavier hoch hielt, ist ein Hardliner geworden? Nun, schreckliche Ereignisse hinterlassen bei jedem Menschen Spuren, und die Liaison mit Emma Frost, der ehemaligen White Queen des Hellfire Clubs, die auch nicht gerade zimperlich ist bei der Wahl ihrer Mittel, könnte ebenfalls einen Einfluss auf ihn ausüben. Kenner der Serie ahnen jedoch, dass etwas faul sein muss, wenn Cyclops ausgerechnet gegen alte Team-Gefährten voller Brutalität vorzugehen plant.

Es dauert nicht lang, bis der wahre Feind ein Gesicht erhält. Nun kann man Eins und Eins zusammenzählen – alles passt. Doch damit sind die unangenehmen Überraschungen für die Young X-Men und ihre neuen Verbündeten noch nicht vorbei. Die vagen Andeutungen zu Beginn werden wieder aufgegriffen, und der Kreis schließt sich mit einer Tragödie. Diese ist zugleich der Cliffhanger: Wie geht es weiter? Zerbricht das junge Team? Können sie den Feind unschädlich machen?

Die Mini-Serie, die in zwei Paperbacks präsentiert wird, kann man als in sich abgeschlossenes, spannendes Abenteuer genießen, das auch zeichnerisch zu überzeugen weiß. Freilich haben es jene leichter, sich auf die neuen Charaktere einzulassen, die frühere Hefte kennen, in denen die Figuren bereits einen Auftritt hatten. Doch auch als Quereinsteiger nimmt man bald Anteil am Schicksal der jungen Gruppe und möchte mehr über sie erfahren. Inwieweit ihre Aktionen und sie selber auf die künftigen „X-Men“-Bände nehmen, bleibt allerdings abzuwarten. (IS)

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Y – The Last Man 02: Tage wie diese

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. September 2009

the-last-man-2Brian K. Vaughan & Pia Guerra
Y – The Last Man 2: Tage wie diese

Y – The last Man, Vol. 2, USA, 2003
Panini Comics, Stuttgart, 2/2007
PB mit Klappbroschur, vollfarbige Graphic Novel im Comicformat, SF, 978-3-86607-353-1, 128/1495
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege
Titelbild von Pia Guerra
Zeichnungen von Pia Guerra &Jose Marzan Jr., Farbe von Pamela Rambo

www.paninicomics.de
www.bkv.tv
www.hellkitty.com

In der Comic-Serie „Y – The last Man“ von Brian K. Vaughan und Pia Guerra hat ein heimtückischer Virus innerhalb weniger Stunden offensichtlich alle männlichen Wesen dahin gerafft. Auf der Erde bricht das Chaos aus, denn die von Männern beherrschte Kommunikation und das öffentliche Leben klappen zusammen, da die wenigen Frauen, die in Männerberufen arbeiten, überfordert sind, und andere besitzen nicht das Wissen und die Fähigkeiten, ihnen zu helfen.

Doch dann stellt sich heraus, dass der junge Lebenskünstler Yorick und ein männliches Kapuzineräffchen überlebt haben. Er schlägt sich nach Washington durch, nur um herauszufinden, dass seine Mutter inzwischen die Präsidentin der Vereinigten Staaten geworden ist und alles dafür tut, um wieder Ordnung in die Gesellschaft zu bringen. Deshalb stellt sie auch das Wohl der Allgemeinheit über das ihres Kindes.

In Begleitung der geheimnisvollen Agentin ‚355’ soll Yorick sich zu der bekannten Biotechnikerin Dr. Mann nach Boston begeben, um zu erforschen, warum gerade er überlebt hat. Doch kaum sind sie dort angekommen, gibt es wieder Ärger, denn eine militante Gruppe von Männerhasserinnen, die sich die ‚Töchter der Amazonen’ nennt, und auch eine Clique von israelischen Agenten scheint, eigene Pläne mit dem jungen Mann zu haben. Yorick jedoch möchte viel lieber nach Australien, um nach seiner Verlobten Beth zu suchen, die seit der Katastrophe verschollen ist.

Schließlich bleibt den beiden Frauen und ihrem Begleiter keine andere Wahl mehr, als erst einmal ziellos durch die USA zu reisen, immer auf der Flucht vor ihren Verfolgern, die aus ihren Absichten keinen Hehl machen. Dabei geraten sie in das kleine Städtchen Marrisville in Ohio, in dem auch Einiges nicht so ist, wie es den Anschein hat.

Auch der zweite Band von „Y – The Last Man“ setzt das Thema moderat und angenehm modern um, vermeidet klassische Klischees und versucht, ein differenziertes Bild der Welt ohne Männer zu zeichnen, gerade was das Verhalten der Frauen betrifft. Auch Yorick bleibt weiterhin der Durchschnittstyp und dominiert nicht all zu sehr über seine Begleiterinnen, was ihn sehr menschlich macht.

Die Geschichte wirft auch diesmal wieder ein paar interessante Fragen auf, die noch nicht sofort beantwortet werden, und das macht letztendlich neugierig auf mehr, denn Autor und Zeichnerin zeigen wieder, wie unterschiedlich die einzelnen Personen mit der Veränderung zurechtkommen: Es gibt Menschen, die hadern und daran zerbrechen, andere versuchen, irgendwie an die Zukunft zu denken, während die letzte Gruppe in ihrem Größenwahn nur noch mehr Schaden anrichtet. Das alles wird in sehr hochwertigen und realistischen Zeichnungen dargestellt.

Im zweiten Band von „Y -The last Man“ steht die spannende Handlung im Zeichen sympathischer Charaktere und einer differenzierten Sichtweise, die Lust auf mehr macht. (CS)

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Sein letzter Slapstick

Erstellt von Michael Drewniok am 22. September 2009

lovesey-slapstick-cover-tb-1988Peter Lovesey
Sein letzter Slapstick

Originaltitel: Keystone (London : Macmillan 1983/New York : Pantheon Books 1983)
Übersetzung: Georgette Skalecki
Deutsche Erstausgabe: 1984 (Droemer Knaur Verlag)
308 S.
ISBN-13: 978-3-426-19122-4
Als Taschenbuch: 1988 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 1453)
308 S.
ISBN-13: 978-3-426-01453-0
(sfbentry)

Das geschieht:

Ohne Job und pleite ist der Varieté-Künstler Warwick Easton in Kalifornien gestrandet. Wir schreiben das Jahr 1915, und wie so viele gescheiterte Existenzen versucht auch Easton sein Glück in Hollywood. Die noch junge Film-Metropole hat freilich nicht auf ihn gewartet. Statt eine ‘ernste’ Rolle in einem ‘richtigen’ Film zu übernehmen, reiht sich der junge Mann in die Reihe der “Keystone Cops” ein. Die beliebte, grotesk überzeichnete Polizisten-Truppe ist eine Schöpfung des Studiobosses Mack Sennett, der mit Slapstick-Filmen berühmt und reich geworden ist.

In diesen frühen Tagen der Filmgeschichte wird noch ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Die absurden Stunts der Keystone Cops sind gefährlich. Easton kommt zu seinem Job, weil sein Vorgänger bei einem bizarren Unfall sein Leben ließ.

Sennett mag den neuen Cop, den er “Keystone” nennt. Easton lernt die alltägliche Filmarbeit kennen und seine Kollege zu schätzen. Außerdem freundet er sich mit der hübschen Amber Honeybee an, die gerade zur Hauptdarstellerin des Studios avanciert ist. Zwar wird gemunkelt, dass sie Sennett, der kein Kind von Traurigkeit ist, auf sehr weibliche Weise dazu überreden musste, aber ‘ihr’ Film wird gedreht, bis Ambers Mutter mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden und ihre Tochter als Hauptverdächtige verhaftet wird.

Keystone eilt ihr zur Hilfe, und ungern muss die Polizei Amber aus Mangel an Beweisen freilassen. Dass ihre Bekanntschaft dennoch gefährlich ist, weil sie offenbar etwas verbirgt, das Unbekannte verzweifelt suchen, merkt Keystone, als er niedergeschlagen und seine Wohnung auf den Kopf gestellt wird. Als er seiner Freundin nunmehr energisch auf den Zahn fühlen will, verschwindet diese spurlos. Keystone kann froh sein, dass er auf der verzweifelten Suche nach Amber von illustren Zeitgenossen wie dem Slapstick-Filmstar Fatty Arbuckle tatkräftig unterstützt wird …

Illusionen handgemacht

Das Spektrum der Motive, die den Menschen zum Verbrecher werden lassen, ist vergleichsweise schmal. Dennoch blüht der Kriminalroman, der genau diesen Vorgang immer wieder (sowie mehr oder weniger) literarisch aufgreift. Wenn den Verfasser der Ehrgeiz packt, wird dem Geschehen ein Ambiente geschneidert, das der Untat einen exotischen Anstrich gibt. Der Rückgriff auf die Vergangenheit ist hier besonders beliebt, denn fällt besagtem Verfasser kein besonders raffiniertes Kapitalverbrechen ein, lenkt die ungewöhnliche Umgebung womöglich davon ab.

Glücklicherweise ist Peter Lovesey ein Autor, der sowohl gute Krimi-Plots kreieren kann als auch den historischen (oder besser: historisierenden) Aspekt jederzeit im Griff hat. Die Jahrzehnte vor und nach 1900 sind Loveseys besondere Domäne, wobei diese Krimis meist in der Vergangenheit seines englischen Heimatlandes angesiedelt sind.

“Sein letzter Slapstick” spielt dagegen in den USA. Allerdings ist Hollywood sicherlich der letzte Ort auf Erden, der fest im Hier & Jetzt verankert war und ist. Kurz vor der Jahrhundertwende quasi aus dem Boden gestampft, wurde Hollywood zur Filmstadt, in der die Realität nur bedingt und durch unzählige Kameras gefiltert und gebrochen zur Geltung kam.

1915 ist Hollywood kaum zwei Jahrzehnte alt und schon das bekannte Film-Mekka, auch wenn es dem heutigen Betrachter sicherlich fremd erscheinen würde. Das Kino ist noch stumm, aber es hat seinen Platz als siebte der großen Künste gefunden. Zahlreiche kleine und kleinste Studios drehen möglichst kostengünstig Filme, die meist nur zwanzig oder dreißig Minuten ‘lang’ sind; der erste ‘echte’ Spielfilm ist (in den USA) erst im Vorjahr entstanden.

Illusion mit tödlichem Ausgang

Humor geht gut. In den Jahren nach 1910 werden einige der größten Filmkomiker aller Zeiten aktiv. Sehr subtil ist ihr Humor nicht, aber komisch sind sie zweifellos. Einige besondere Talente sammelt Studioboss Mack Sennett (1880-1960) um sich. Sogar der junge Charles Chaplin dreht und lernt bei ihm. Kernstück von Sennetts kleinen Imperiums bilden die “Keystone Cops”, die nicht nur durch ihre die Uniform scharf kontrastierende Anarchie, sondern auch durch wilde Stunts gefallen.

Von Sicherheitsbestimmungen oder gar Lebensversicherungen hat noch niemand in Hollywood gehört. ‘Spezialeffekte’ wie der Sturz aus einem fahrenden Wagen oder der Faustkampf auf einem fahrenden Zug sind echt. Die Darsteller begeben sich für solche Szenen regelmäßig in Lebensgefahr. Unfälle sind ständig zu beklagen, auch Todesopfer werden gezählt. Solche Ereignisse werden vertuscht; ohnehin gelten sie als Berufsrisiko.

Lovesey führt als Hauptfigur einen Außenseiter ein, der stellvertretend für den Leser die Hollywood-Welt erkundet. Dabei klebt er nicht an der historischen Realität, die er nur dort heraufbeschwört, wo sie handlungsrelevant ist. Das Ergebnis ist bestechend – ein rasanter Krimi ohne stumpfsinnige Faktenhuberei, sondern mit einem geschichtlichen Umfeld, das zwar präsent ist, ohne sich jemals erstickend über das Geschehen zu legen.

Illusion als Heimat des Verbrechens

Wie muss eine Straftat konstruiert sein, die zu Hollywood ‘passt’? Schon die Arbeitsbedingungen sind kriminell, sodass die Schrittweite bis zum echten Verbrechen gering ist. Lovesey denkt eine denkbar ‘unterhaltsame’ Übeltat aus. Natürlich muss der Plot sich um das Phänomen Illusion ranken, deren ‘Realisierung’ in der Filmstadt das oberste Gebot bildet. “Sein letzter Slapstick” bietet in dieser Hinsicht keine geniale, aber eine zufriedenstellende Auflösung, wobei das (durch den Verfasser beiläufig einfließende) Wissen hilft, dass des Mörders Motiv, welches dem heutigen Leser nicht unbedingt zwingend erscheint, 1915 eine gänzlich andere, bedrohlichere Dimension besaß.

Während “Keystone” Easton sich als Detektiv und Film-Polizist versucht, lernen wir nicht nur die Arbeitsabläufe im Sennett-Studio oder ein noch beschauliches Hollywood, sondern auch einige reale Zeitgenossen kennen. Lovesey beschränkt sich nicht auf “name dropping”; ‘seine’ Prominenten sind Teil der Geschichte. Mack Sennett selbst spielt eine kleine aber wichtige Rolle. Seine “leading lady” Mabel Normand (1892-1930) greift Easton in seiner Anfangszeit hilfreich unter die Arme. Star-Komiker Roscoe “Fatty” Arbuckle (1887-1933) greift im Finale mit ein. Lovesey stützt sich hier auf einschlägiges biografisches Wissen – und auf die beruhigende Tatsache, dass unter seinen Lesern kaum jemand ist, der mehr als die Namen dieser einst populären Filmstars kennt …

Illusion ist harte Arbeit

Ein Krimi im Slapstick-Milieu kreist zwangsläufig um das Thema Humor. Lovesey vermag sorgfältig zwischen dem ‘Produkt’ – den auch heute noch amüsanten Keystone-Cop-Faxen – und der ernüchternden Realität seiner Herstellung zu differenzieren. Die harte und gefährliche Arbeit fordert ihren Tribut; die Cops spielen einander Streiche, die bei näherer Betrachtung auch oder vor allem dem Zweck dienen, Dampf abzulassen. “Sein letzter Slapstick” beginnt mit der minuziösen Beschreibung einer Filmszene, die einem Keystone Cop den Tod bringt. Das Verhalten der Überlebenden wird subtil aber deutlich davon beeinflusst. Dazu kommt das Wissen um die Austauschbarkeit der Cops; sind sie zu alt und den Strapazen ihres Jobs nicht mehr gewachsen, werden sie gefeuert, was dazu führt, dass sie Risiken eingehen, denen sie körperlich eigentlich nicht mehr gewachsen sind.

Die Welt der Stummfilm-Komik ist aber auch für deren Stars kein Paradies. “Sein letzter Slapstick” spielt in den wenigen ‘wilden’ Jahren Hollywoods, als nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera eine beinahe uneingeschränkte Freiheit herrschte. Wenig später geriet die Filmstadt als “Hollywood Babylon” ins Visier von Moralisten, die öffentlichkeitswirksam Anstoß an den lockeren Sitten der gut verdienenden Filmleute nahmen. Lovesey kündigt die Götterdämmerung sacht an. 1933 war Sennett bankrott, und Mabel Normand sowie Roscoe Arbuckle waren tot, nachdem Sex- und Drogenskandale ihre Karrieren ruiniert hatten. Auch die Keystone Cops gab es längst nicht mehr. Aber das ist eine andere, traurige Geschichte, die uns in diesem Zusammenhang glücklicherweise nicht interessieren muss …

Autor

Peter Lovesey (geb. am 10. September 1936 in Whitton, Middlesex) studierte Anglistik und war zunächst als Hochschuldozent und Institutsdirektor des Colleges für Weiterbildung in Hammersmith tätig. Schon sein Debütroman “Wobble to Death” (1970; dt. “Der Tod hat lange Beine”) war ein gut recherchiertes “period piece”, das Krimi und Historienroman mischte.

Der Erfolg seines Erstlings ermutigte Lovesey, sich hauptberuflich als Schriftsteller zu etablieren. Er baute “Wobble to Death” zu einer sehr beliebten (und auch verfilmten) Serie um die Polizisten Richard Cribb und Edward Thackeray aus. Dem viktorianischen Zeitalter blieb er mit einer (kurzen) Reihe um den Thronfolger Prince Albert treu, der ab 1987 dreimal als Privatdetektiv ermittelte. In der Gegenwart spielt die noch fortgesetzte Serie um den Ex-Polizeibeamten Peter Diamond. Unter dem Pseudonym Peter Lear verfasste Lovesey außerdem drei eher actionbetonte Thriller.

Website von Peter Lovesey.

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Necroscope – Auferstehung

Erstellt von Michael Drewniok am 20. September 2009

Brian Lumley
Necroscope – Auferstehung

lumley-necroscope01-coverOriginaltitel: Necroscope (London : Grafton 1986)
– Deutsche Erstausgabe (in zwei Teilen: “Das Erwachen” bzw. “Vampirblut”): 1999 bzw. 2000 (Blitz Verlag/Necroscope 2801 bzw. 2802)
Übersetzung: Andreas Diesel bzw. Rainer Marquardt
176 bzw. 176 S.
ISBN 10: 3-932171-54-3 bzw. 3-89840-021-2

- Als Taschenbuch: Mai 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 53307)
Übersetzung: Andreas Diesel u. Rainer Marquardt, überarbeitet von Marcel Häußler
589 S.
ISBN-13: 978-3-453-53307-3
- Neuausgabe (geb.): Mai 2009 (Festa Verlag)
Übersetzung: Andreas Diesel u. Rainer Marquardt, überarbeitet von Marcel Häußler
448 S.
ISBN-13: 978-386552-101-9

Das geschieht:

In den 1970er und 80er Jahren herrscht zwischen den Supermächten USA und UdSSR der Kalte Krieg. Die zeitgenössische Paranoia ermöglicht auch bizarre Experimente, wenn sie nur Erfolg versprechen. Deshalb konnte Ex-General Gregor Borowitz mit Billigung und Finanzierung des Kremls das “Psi-Dezernat” gründen. Dort versammelt er Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten wie den “Seher” Igor Vlady, der in die Zukunft blickt, oder den “Nekromanten” Boris Dragosani, der mit den Toten sprechen kann.

Auch im Westen gibt es Bestrebungen, den Gegner mit übernatürlicher Nachhilfe auszustechen. Allerdings hinkt man den Sowjets weit hinterher; es fehlt an einschlägigen Talenten. In England bleibt der junge Harry Keogh deshalb unentdeckt; er muss sich selbst mit der Kunst des “Totenhorchens” vertraut machen: Harry kann mit den Seelen der Verstorbenen in Kontakt treten. Dieser ‘Kanal’ ist beidseitig offen: Die Toten können sich Harry anvertrauen, und dafür schätzen und fördern sie ihn.

Der Kalte Krieg wird zur Nebensache, als Boris Dragosani sich auf eine sogar dem Genossen Borowitz unbekannte Expedition begibt: Als Kind geriet er in der Walachei in den Bann des Vampirs Thibor Ferenczy. Der wurde zwar im Mittelalter überwältigt, gepfählt und in ein einsames Felsengrab verbannt, doch gestorben ist er trotzdem nicht. Dragosani wird sein Befreier – und Sklave, denn Ferenczy hat auch ihn in einen Vampir verwandelt. Tatkräftig beginnt Dragosani, die Macht über das “Psi-Dezernat” an sich zu reißen. Gegen die potenziellen ‘Konkurrenten’ im Westen schickt er Killer aus. Harry Keogh ist abgelenkt, denn endlich hat er mit Hilfe seiner toten Mutter deren Mörder gefunden: seinen Stiefvater, der jedoch seinerseits übersinnlich begabt ist …

Das ganz große Spiel beginnt

Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Dieses Sprichwort ist für eine Charakterisierung dieses ersten “Necroscope”-Romans hilfreich, denn es verklammert das Wissen um eine inzwischen klassische Horror-Serie mit der Verwunderung über deren recht zähen Auftakt.

Einerseits geht es spannend und interessant los, und dieses Lektüregefühl stellt sich auch zwischenzeitlich immer wieder ein. Autor Lumley nimmt sich die Zeit, uns seine Protagonisten und ihre Welten vorzustellen. Er hat ein gutes Gespür für Atmosphäre, kann aber auch Splatter-Szenen gut, d. h. hübsch grässlich, in Szene setzen.

Andererseits geht der Geschichte viel zu oft die Puste aus. Lumley legt sie ungemein breit an. Angesichts der eindrucksvollen Zahl seitenstarker Bände, die inzwischen ein eigenes “Necroscope”-Universum mit eigener, sich über Jahrtausende erstreckender Historie bilden, wirkt “Auferstehung” wie eine knapp 600-seitige Einleitung. Vieles geschieht, aber noch mehr wird nur angerissen, der Leser auf zukünftige Keogh-Abenteuer vertröstet.

Die episodische Struktur der Handlung soll den Sprung in ein intensives, längst in Gang gekommenes Hintergrundgeschehen suggerieren. Im schieren Umfang des Werkes verschwindet der rote Faden indes so gründlich, wie es der Verfasser kaum geplant haben dürfte. Längst nicht alle Ereignisse dienen dem “Necroscope”-Plot. Lumley legt sich keine erzählerische Disziplin auf. Viele Episoden gehen umständlich und unnötig in die Breite oder sie wiederholen gar, was bereits dargestellt wurde. “Auferstehung” könnte mindestens um ein Drittel verschlankt werden.

Wenn es aufs Finale zugeht, gibt Lumley mächtig Gas. Das kommt der Geschichte sehr zugute. Jetzt wird nicht mehr nachgedacht oder geredet oder gehandelt, sondern nachgedacht, geredet und gehandelt, was durchaus gleichzeitig geht und in dieser Dreiheit wesentlich unterhaltsamer ist. Freilich verliert Lumley im letzten Akt jegliches Maß, poltert ungeschickt von Höhepunkt zu Höhepunkt, bis ihm die Handlung buchstäblich um die Ohren fliegt.

Epos mit wohltemperiertem Rätselfaktor

“Auferstehung” ist trotz seiner vorgeblichen inhaltlichen Dichte ein einfach strukturierter Roman. ‘Epochal’ wirkt er vor allem nachträglich und in dem Wissen um die Dimension, die das “Necroscope”-Geschehen in mehr als zwei Jahrzehnten gewonnen hat. Lumley zeigt sich vor allem als geschickter Routinier, der auch mit Klischees arbeiten kann, ohne diese allzu aufdringlich wirken zu lassen.

Die Verwurzelung der Saga in der ‘alten’, noch zweigeteilten Welt vor dem Untergang der Sowjetunion erweist sich als erstaunlich solides Fundament. “Auferstehung” wurde bereits 1986 veröffentlicht, liest sich aber erfreulich zeitlos. Die zeitgenössischen Bezüge unterfüttern die Ereignisse, die den Charakter einer fiktiven (und alternativen) Weltgeschichte annehmen. Die ist nicht annähernd so komplex wie die Realität, aber das muss und sollte sie zur Wahrung des Unterhaltungsfaktors auch gar nicht sein.

Die reale Geschichte wird Lumleys erzählerische Knetmasse. Er formt sie nach eigenem Gusto und mit Geschick: Nicht Vlad Dracul ersteht in Transsylvanien auf, sondern Thibor Ferenczy, ein ‘echter’ Vampir, der für Vlad kämpfte und dessen Untaten später seinem Herrn angelastet wurden. Dieser ‘Lebenslauf’ klingt authentisch, weil er nicht mit dem Ballast der klassischen Vampir-Geschichten befrachtet ist.

Dem entledigt sich Lumley rigoros, wobei er womöglich ein wenig zu ‘wissenschaftlich’ wird. Natürlich ist er gut beraten, sich eigene Vampire (aus denen im späteren Verlauf der “Necroscope”-Saga die außerirdisch mutierten “Wamphyri” werden) zu erschaffen, denn er hat viel mit ihnen vor. Schon in “Auferstehung” wird deutlich, dass Lumley dem Übernatürlichen keine dunklen Schlupfwinkel zu gewähren gedenkt. “Necroscope” besitzt eine deutliche (und in den späteren Bänden der Serie zunehmende) Schnittmenge mit der Science Fiction. Ohnehin bedient sich Lumley grundsätzlich aller literarischen Genres, was mit den Reiz seiner Schöpfung ausmacht.

Gefährten, Kampfgenossen, Gegenspieler, Verräter …

Der Bodycount in “Auferstehung” ist bemerkenswert hoch, und das schließt die Hauptfiguren ausdrücklich ein. Tatsächlich überlebt keine von ihnen das apokalyptische Final-Gemetzel. Allerdings ist das im “Necroscope”-Kosmos unerheblich. Sowohl Zeit und Raum als auch Leben und Tod sind hier keine fixen Konstanten. Harry Keogh lernt vom (1868 verstorbenen) deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius, wie man Reiseportale zu fremden Dimensionen öffnet und nach Belieben über den Zeitstrom kreuzt. Das sorgt für ein ‘logisches’ Wiederkehren von Figuren, die eigentlich das Zeitliche gesegnet haben. Hinzu kommt Harrys ureigenes Talent – das “Totenhorchen”. Wer ins Grab gesunken ist, kann sich recht problemfrei mit ihm verständigen. Das nutzen sogar jene, die vor ihrem Ende Harry nach dem Leben trachteten. Auch tot bleiben sie der Handlung deshalb erhalten.

Schon in “Auferstehung” ist das auf diese Weise entstehende Gemenge aus lebendigen, toten, zeitreisenden oder x-dimensionalen Figuren schwer zu durchschauen. Das wird sich deutlich steigern, denn der endlich obsiegende Harry stirbt, stürzt in den Zwischenraum und fährt als Geist in den eigenen Sohn, der zum Zeitpunkt des Finales nicht einmal geboren ist …

“Necroscope” im deutschen Neustart

Man darf wohl den Erfolg des Festa-Verlags mit der Herausgabe der “Necroscope”-Serie verknüpfen. Ab 2000 erschienen die Abenteuer des Harry Keogh dort als Paperbacks, wobei die voluminösen Originalbände zwecks Profitmaximierung geteilt oder sogar gedrittelt wurden. Dass diese Teilbände über Jahre im Angebot blieben und immer wieder aufgelegt wurden, unterstreicht die Publikumswirksamkeit der Reihe.

Folglich könnte man die “Necroscope”-Bände als Festas Tafelsilber bezeichnen. Offensichtlich musste es zu Geld gemacht werden. Seit 2009 erscheint die “Necroscope”-Saga im Heyne-Taschenbuch – in der gediegenen Festa-Übersetzung, ungeteilt und erheblich kostengünstiger als zuvor. Zeitgleich gibt auch der Festa-Verlag die Bände neu und ungeteilt heraus; fest gebunden und dermaßen hochpreisig, dass die Prognose leicht fällt, welchem Verlag das Gros der “Necroscope”-Leser zukünftig den Vorzug geben wird …

Autor

Dem jungen Brian Lumley (geb. 1937 in England) stand ein besonderer Mentor zur Seite: August Derleth (1909-1971), der Nachlassverwalter von H. P. Lovecraft (1890-1937) und Gründer des legendären Verlags Arkham House in Wisconsin/USA, veröffentlichte seine ersten Storys, die ab 1967 – Lumley war Militärpolizist und in Deutschland stationiert – entstanden. Nach Derleth’ Tod blieb Lumley dem Cthulhu-Mythos verhaftet und schrieb zwischen 1974 und 1979 fünf Bände der Titus Crow-Saga. (Ein abschließender Band kam 1989 hinzu). Ebenfalls “lovecraftschen” Horror bot Lumley mit der “Primal Lands”-Trilogie um Tarra Khasch sowie mit der “Dreamland”-Saga.

Sein Durchbruch als Schriftsteller gelang Lumley – der 1980 nach 22 Dienstjahren die Armee verlassen hatte –  nach gewissen Anlaufschwierigkeiten mit der “Necroscope”-Reihe (ab 1986) um den “Totenhorcher” Harry Keogh, die auch in Deutschland mit großem Erfolg veröffentlicht wird.

Brian Lumley lebt und arbeitet heute in Devon, England. Er lässt seine Website sorgfältig pflegen und regelmäßig mit Neuigkeiten bestücken.

[md]

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