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Archiv für November, 2009

Allisons Haus/Tor zur Hölle

Erstellt von Michael Drewniok am 30. November 2009

konvitz-tor-zur-hoelle-coverJeffrey Konvitz
Allisons Haus/Tor zur Hölle

Originaltitel: The Sentinel (New York : Simon & Schuster 1974)
Übersetzung: Ilse Winger
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel "Allisons Haus"]: 1976 (Paul Zsolnay Verlag)
326 S.
ISBN-13: 978-3-552-02823-4
Lizenzausgabe für diverse deutsche Buchclubs [unter dem Titel "Tor zur Hölle"]: 1976
320 S.
[keine ISBN]
(sfbentry)

Das geschieht:

Das psychisch labile Fotomodell Allison Parker kehrt nach New York City zurück, nachdem sie vier Monate den verhassten Vater bis zu dessen Tod gepflegt hatte. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Anwalt Michael Farmer, möchte sie nicht gemeinsam in einer Wohnung leben. Allison sucht sich ein eigenes Appartement, das sie in einem alten, aber gepflegten Backsteingebäude an der 89. Straße findet.

Die Freude über die schöne Unterkunft wird durch die seltsamen Nachbarn gestört. Friedlich ist Pater Matthew Halliran, der senil, blind und taub in seiner Wohnung dahinvegetiert. Nett findet Allison den ältlichen Mr. Charon, unheimlich sind ihr dagegen Gerde und Sandra, zwei aggressive Lesben, die auch von den übrigen Mietern geschnitten werden. Zu denen gehören die schweigsame Mrs. Clark sowie die fettleibigen Zwillingsschwestern Emma und Lillian Klotkin, die Mr. Charon Allison im Rahmen einer kleinen Party vorstellt.

Während Allison beruflich schnell wieder Fuß fasst, lässt ihre Gesundheit sie im Stich. Ohnmachtsfälle suchen sie heim, und sie meint Schritte in den leeren Appartements ihres Wohnhauses zu hören. Michael ist keine Hilfe, denn er glaubt an eine Nervenkrankheit. Bestätigt sieht er sich darin, als sich herausstellt, dass Allison und Pater Halliran die einzigen Bewohner des Hauses sind, Mr. Charon und die übrigen Mieter also gar nicht existieren.

Allisons Wahnvorstellungen verstärken sich. Eines Nachts glaubt sie, von ihren aus dem Grab gestiegenen Vater heimgesucht zu werden, den sie in ihrer Angst ersticht. Die Polizei findet keine Leiche, aber Inspektor Glatz reißt den Fall an sich, als er von Michael erfährt: Vor Jahren hat er ihn verdächtigt, seine Ehefrau ermordet zu haben. Beweisen konnte Glatz es nie, und als er Michael keinen Frieden ließ, wurde er degradiert und versetzt. Jetzt sieht Glatz den Tag der Rache gekommen …

Alter Teufel in moderner Welt

Roman Polanski hat es spätestens 1968 mit “Rosemary’s Baby” aufgedeckt: Satan lockt heute nicht mehr geistesarme Landeier mit Bocksfuß und Hörnern auf Abwege (und in die Hölle), sondern ist längst in der modernen Gegenwart angekommen. Mit einer Tücke, die auch den misstrauischen Stadtmenschen einlullt, setzt er seine Übeltaten unvermindert fort. Da “Rosemary’s Baby” überaus erfolgreich war, variierten in den nächsten Jahren weitere Filme das Thema. “Der Exorzist” (1973) und “Das Omen” (1976) wurden echte Blockbuster, und selbstverständlich reagierte auch das B-Kino begeistert auf den Input aus dem runderneuerten Reich des Bösen.

Die Unterhaltungsliteratur griff das Motiv ebenfalls auf. Der “urban horror” war hier als Subgenre bereits älter, der Teufel und das Grauen schon lange nicht mehr auf einsame Landhäuser, Friedhöfe oder andere verwunschene Stätten angewiesen. Der Horror hatte sich jedoch nur vorsichtig in die Städte gewagt; Dämonen schienen fehl am Platz in einer Welt zu sein, die sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Hochtouren läuft.

Jeffrey Konvitz beweist in “Allisons Haus” (bzw. “Tor zur Hölle”, wie das Buch für die deutsche Neuausgabe umgetitelt wurde), dass sich Alt und Neu ausgezeichnet kombinieren lassen. Als Buch (und als Film; dazu s. u.) ist dieser Roman im Vergleich zu den eingangs genannten Werken in Vergessenheit geraten, obwohl er ein wichtiger Beiträgen zum “urban horror” ist.

Auch der Gegner schläft nicht

Während der vom Bösen getroffene Stadtmensch lange Zeit nicht glauben kann, was oder wer ihm da im Genick sitzt, ist die Kirche schon weiter. Gern als konservative und unbewegliche Institution gescholten, bietet die Zeitlosigkeit ihrer Struktur den besten Schutz gegen den Teufel und seine Scharen. Seit es sie gibt, geht die Kirche gegen ihre höllischen Feinde vor. Den seit Jahrhunderten währenden Kampf führt sie auch in der Gegenwart aber inzwischen unter Ausschluss einer Öffentlichkeit weiter, die nur noch singulär an die Existenz des leibhaftigen Bösen glauben mag.

Das Vorhandensein eines Portals zwischen der realen Welt und der Hölle, das stets sorgfältig bewacht sein will, weil von ‘unten’ unerfreuliche Kreaturen ins Freie drängen, wird von Konvitz klug in das städtische Umfeld transponiert. Während der Teufel auf psychologische Kriegführung setzt, bedient sich die Kirche der Manipulation. Dabei werden auf beiden Seiten alle Register gezogen. Die Gegner gleichen einander nicht nur in der Wahl ihrer Mittel.

Die traditionellen Hüter der städtischen Ordnung bleiben dagegen außen vor. Wie in “Der Exorzist” oder “Das Omen” ist die Polizei mit der Akzeptanz übernatürlichen Wirkens überfordert. Inspektor Glatz begreift erst sehr spät und dann nur ansatzweise, was in dem alten Backsteinhaus vorgeht, in dem Allison ihrem Schicksal begegnet. Bis es soweit ist, spult er sein erlerntes Ermittlungsprogramm ab und setzt seine Privatfehde mit Michael Farmer fort. Irgendwann gibt er auf; diesen Fall wird er nicht aufklären, weil er rational nicht zu lösen ist. Die Wahrheit, auf die Glatz keinen Zugriff hat, wird im Kirchenarchiv verschwinden.

Der furchtbare Weg der Erkenntnis

Während Glatz zwar unzufrieden aber wenigstens unbeschadet zurückbleibt, bezahlen Allison und Michael den hohen Preis für ein Wissen, das sie notgedrungen überfordert. Vor allem Allison hat nie eine Chance. Warum dies so ist, wird von Konvitz sinnreich entwickelt; es wäre verlockend aber ungerecht, das an dieser Stelle aufzulösen. Klar wird wiederum: Die Schlichen der Kirche sind mindestens ebenso ausgeklügelt wie die des Teufels.

Allison ist als Fotomodell der Inbegriff mondänen Chics und schon deshalb kaum die ideale Wächterin am Höllenportal. Genau dies ist der Eindruck, den Konvitz erwecken will. Der Schockeffekt tritt im “urban horror” gern gedoppelt auf: Erst wird dem Leser die schockierende Wahrheit enthüllt, dann gehen die ahnungslosen Figuren auf eine Höllenfahrt.

Michael ist die Verkörperung der Ratio. Während Allison die Linie schon überquert hat, bleibt er unerbittlich vernünftig: Kein Beweis, kein Teufel! Wie wir Leser erst spät (und erneut klug von Konvitz eingefädelt) erfahren, hat er seine Gründe, an die Macht des Beweises zu glauben. Wie ein Detektiv geht Michael das Problem an, hat als kluger Mensch aber gleichzeitig DIE grundsätzliche Erklärung für Allisons Verhalten parat: Der Schrecken ist eingebildet und entspringt einem wohl kranken Hirn. Hier spricht die Wissenschaft, die den Teufel und andere Kreaturen des Jenseits’ ins Reich des Aberglaubens verbannt hat.

Mehr als drei Jahrzehnte später bleibt “The Sentinel” eine in ihren zeitgenössischen Details leicht angestaubte aber immer noch spannende Geschichte mit konsequent düsterem Finale. (1979 folgte eine – aufgrund des Erfolgs vermutlich unvermeidbare – Fortsetzung: “The Guardian”.)

konvitz-tor-zur-hoelle-sentinel-filmplakat-1977-dt“The Sentinel” – der Film zum Buch

Der große Erfolg des Buches ließ Hollywood zugreifen, zumal sich inhaltlich ähnliche Filme wie “Rosemary’s Baby”, “Der Exorzist” oder “Das Omen” als ungemein erfolgreich, sprich profitträchtig erwiesen hatten. Jeffrey Konvitz selbst schrieb das Drehbuch zum “Sentinel”-Film, der 1977 unter der Regie von Michael Winner entstand.

Dieser in Deutschland “Hexensabbat” betitelte Streifen gehört zu den Kuriosa der Filmgeschichte. Winner war ein Regisseur mit erstaunlichen handwerklichen Fähigkeiten und einer Vorliebe für drastische Inszenierungen. In den 1970er und frühen 80er Jahre wurde im Zuge der (kurzen) Liberalisierung, die im US-Film unter der Bezeichnung “New Hollywood” subsummiert wird, der Einsatz krasser Effekte auch im Mainstream-Kino möglich. Es entstanden Filme, die nur wenige Jahre später so keineswegs mehr möglich gewesen wären bzw. ins B-Movie-Getto abgedrängt wurden.

“The Sentinel” gehört zu den seltsamen Grenzgängern dieser interessanten Phase. Der Film ist sorgfältig mit allen beachtlichen Mitteln, über die das klassische Hollywood verfügt, in Szene gesetzt. Die Liste der Darsteller liest sich wie ein “Who’s Who” der Filmhistorie: John Carradine, Ava Gardner, Eli Wallach, Christopher Walken, Burgess Meredith, Martin Balsam, Beverly D’Angelo, José Ferrer, Arthur Kennedy … Die Liste ist keineswegs vollständig.

Gleichzeitig setzt Winner Gewalt und Sex mit einer Wucht ein, die man in einem Film mit dieser Besetzung nie vermuten würde. Berüchtigt wurde u. a. seine Entscheidung, die lebenden Toten, die aus dem Höllenportal stürmen, durch körperlich tatsächlich behinderte und entstellte Menschen mimen zu lassen. Insgesamt entstand ein Film, der zwar sein Alter nicht verleugnen kann, aber ob seiner gleichzeitig gelackten und ‘schmutzigen’, unter die Oberfläche (und Haut) dringenden Machart und der daraus resultierenden Wirkung noch heute Unbehagen einflößt.

Autor

Jeffrey Konvitz wurde 1944 in New York geboren. Er studierte Jura, begann aber schon früh Romane und Drehbücher zu schreiben. Sein größter Erfolg wurde 1974 der Horrorroman “The Sentinel”, der drei Jahre später verfilmt wurde. Bereits in den 1980er Jahren beendete Konvitz seine Schriftstellerlaufbahn. Er verlegte sich auf die Produktion von Spielfilmen. Zu denen dank seiner Tätigkeit möglich gewordenen Filmen gehören Machwerke wie “Cyborg 2″ oder “2001 – A Space Travesty”, aber auch solide Thriller wie “The Flock”.

[md]

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The Life Eaters

Erstellt von Werner Karl am 29. November 2009

the-life-eaters1The Life Eaters
David Brin & Scott Hampton

Cross Cult Verlag, 2009
ISBN 9783941248151
Comic, Hardcover, deutschsprachig
Originaltitel: Life Eaters, 2003
Übersetzer: Jens R. Nielsen
Story: David Brin
Zeichnungen: Scott Hampton
Umfang: 140 Seiten

www.cross-cult.de

Vorwort:
Bevor ich den Klappentext las, hat mich allein das Titelcover umgehauen. Adolf Hitler und ein übergroßer Held – ein rothaariger, muskelbepackter Kämpfer – stehen Seite an Seite auf einem Hügel aus amerikanischen Soldatenleichen. Dahinter weht die zerfetzte Stars-&-Stripes-Flagge der USA. Zwei Zeitepochen, die der nordischen Sagenwelt und die des Zweiten Weltkrieges, prallen aufeinander, bedeutungsschwer und unheildrohend. Mir war klar: Das ist eine Geschichte – eine Alternativweltgeschichte – ganz nach meinem Geschmack. Was wäre, wenn die Nazis den Krieg nicht verloren hätten, sondern… (Ich bitte zu beachten, dass Parallelwelten mich faszinieren. Ich bin kein Neonazi!)

Zur Geschichte:
Und tatsächlich ist es so gekommen. Der mystische Aberglauben der Nationalsozialisten, der arische Größen- und Rassenwahn und dunkle Magie lassen auf der Erde die nordischen Götter, die Asen, auferstehen. Als Helfer und Herrscher der Nationalsozialisten wenden Sie das Kriegsglück der Alliierten Streitkräfte und werfen diese mit im wahrsten Sinne des Wortes übermenschlichen Kräften nieder.

Es vergehen zwei Jahrzehnte Blutvergießen und Leid, bis sich die Armeen der Nazis, geführt von Odin und Thor und einer Vielzahl von Asenhelden einem neuen Feind entgegenstellen. Denn in Afrika und in den Weiten Russlands hat sich ein ebenso mächtiger Feind etabliert. Die heißen Götter, das perfekte Gegenteil zu den kalten Göttern aus dem Norden. Auch in Asien und Afrika sind die schrecklichen Götter alter Mythen und tropischer Blut-Kulte auferstanden, und sie leisten den Asen erbitterten Widerstand. Aber nicht, um die Menschheit vor der Versklavung durch die Nazis und Asen zu bewahren, sondern um selbst ihren Anteil an den Menschen zu ernten. Denn alle wiedererweckten Gottheiten haben nur ihre eigenen Ziele im Sinn, und da ist die Herrschaft über die ganze Erde nur ein Teil ihres Planes.

Die einzige Hoffnung der freien Menschheit besteht in einer Allianz aus Kämpfern aller Nationalitäten, die sich vorher bis aufs Messer über Jahrhunderte bekämpft hatten: Juden und Araber, Christen und Moslems, Amerikaner und freie Deutsche; sie alle bilden eine kleine, dritte Kraft, die verzweifelt um ihr Überleben – und das der ganzen Welt – kämpfen. Und sie erhalten Unterstützung von einem, dem sie nicht hundertprozentig trauen: Loki, ein Verräter an seinem Asengeschlecht. Er verfolgt ebenfalls eigene Pläne und diese sind nicht das Heil für die Menschen, wie er es ihnen verspricht.

Ich möchte an dieser Stelle nur noch so viel verraten: Wie und warum die alten Götter wieder auf Erden wandeln können, ist ein schreckliches Geheimnis. Fanatismus und Religion haben noch nie zum Guten geführt und hier schon erst recht nicht. Und die Geschichte bietet an mindestens zwei Stellen eine Wendung, die ich nicht erwartet hatte und das ist es, was ich von einer guten Geschichte mir erhoffe: ich möchte überrascht werden und das ist David Brin gelungen.

Zum Buch:
Wie anfangs erwähnt, ist das Titelcover ein Highlight, leider kann der Zeichner Scott Hampton diese Qualität im Inneren nicht halten, bzw. ist eine deutliche Vereinfachung festzustellen. Das ist doppelt schade, denn dass er es kann, zeigt er ja und das Gesamtwerk, wenn man diesen Begriff für einen Comic verwenden möchte, würde erheblich an Bildgewalt gewinnen. Die Story gibt mehr als genug Anlass zu faszinierenden Szenen. Ich vermute, dass entweder die Aufgabenstellung, Zeit- und Kostendruck hinter der abgeschwächten Zeichenqualität stehen. Vielleicht auch die innere Einstellung des Zeichners selbst, der nach dem Nachwort David Brins eine kleine Zeichenstudie mit den wenigen Worten schließt: Hey Leute! Hier geht´s nur um Comics!

David Brin als Autor hingegen hat seine Aufgabe sehr gut erfüllt. Er bietet eine packende Story, die endlich einmal nicht das ewige offene Ende lässt, sondern sauber abschließt. Der Autor ist mir im Genre Science-Fiction ohnehin mit den Romanen zum Uplift-Universum und einem weiteren Dutzend SF-Geschichten gut in Erinnerung.

Zum oben erwähnten – von mir nur vermuteten – Kostendruck sei noch angemerkt, das 25,– € auch in €-Zeiten ein fetter Brocken sind. Vielleicht sollte man sich hier tatsächlich noch mal vor Augen führen, dass dies einmal fast 50,– DM waren! Scheinbar tickt hier die Comic-Fangemeinde anders als die Freunde von geschriebenen Texten. Für weitere Publikationen sei dem Verlag nur angeraten, solche Preise auch mit einer Qualität zu rechtfertigen, welche das Coverbild verspricht.

Copyright (C) 2009 by Werner Karl

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The Life Eaters

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Der Kollektor

Erstellt von Michael Drewniok am 28. November 2009

connolly-parker06-kollektor-coverJohn Connolly
Der Kollektor

Originaltitel: The Unquiet (London : Hodder & Stoughton 2007/New York : Atria Books, a division of Simon & Schuster 2007)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Oktober 2009 (List Verlag)
Übersetzung: Georg Schmidt
479 S.
ISBN-13: 978-3-471-35007-2

Das geschieht:

Von den Geistern seiner unbewältigten Vergangenheit buchstäblich verfolgt, lebt Privatdetektiv Charlie “Bird” Parker seit neun Monaten von Frau und Kind getrennt in Portland, einer Küstenstadt des US-Staates Maine. Seine aktuelle Klientin ist Rebecca Clay, die von einem unbekannten Mann bedrängt wird, der Auskunft über den Verbleib ihres Vaters fordert.

Daniel Clay, einst ein bekannter und geachteter Kinderpsychiater, hatte als Gutachter in einem Prozess wegen Kindesmissbrauchs schwere Fehler begangen, die ihn erst seine Reputation und dann seinen Lebenswillen kosteten; im Jahre 1999 tauchte Clay unter und wurde inzwischen gesetzlich für tot erklärt.

Doch Frank Merrick – so der Name von Rebeccas Verfolger – glaubt nicht an dieses Ende. Der ehemalige Berufskiller will Clay stellen, weil er ihn für das Verschwinden seiner minderjährigen Tochter verantwortlich macht. Um Clay zu finden und zur Verantwortung zu ziehen, ist ihm jedes Mittel recht, wie auch Parker bald feststellen muss.

Merrick ist ein gefährlicher Gegner, aber er ist nur verlängerter Arm einer dunklen Macht, mit der Parker schon in der Vergangenheit konfrontiert wurde: Der “Sammler”, selbsternannter Henker verderbter Zeitgenossen und möglicherweise nicht einmal menschlicher Herkunft, kreuzt erneut seinen Weg.

Worum handelte es sich bei dem mysteriösen “Projekt”, in dem ihr Clay eine prominente Rolle spielte? Wer sind die “hohlen Männer”, vor denen seine ermordete Tochter Parker eindringlich warnt? Die Spuren führen in die Geisterstadt Gilead, in der sich einst Gräuel ereigneten, die nunmehr neu aufleben …

Odyssee ins Herz der Finsternis

Zum sechsten Mal begibt sich Charlie “Bird” Parker auf einen Feldzug gegen das Böse und jene, die es verkörpern. So muss man seine Aktivitäten wohl umschreiben, die nur vorgeblich den Versuch darstellen, dem geschriebenen Gesetz Genüge zu verschaffen. Parkers Vorstellung von Gerechtigkeit wurzelt in einer archaischen Welt, die definitiv mehr als die derzeit wissenschaftlich belegten Dimensionen aufweist.

Lassen wir die phantastischen Elemente, die Verfasser Connolly dieses Mal ohnehin zurücknimmt, erst einmal beiseite, stellt “Der Kollektor” eine Rückkehr zum Ursprung der Parker-Serie dar. “Das schwarze Herz” und “Das dunkle Vermächtnis” stellten ihn in den Mittelpunkt eines Geschehens, das als Irrfahrt durch die Abgründe der menschlichen Seele angelegt war. Der übernatürliche Aspekt deutete sich schon an, kam in aller Deutlichkeit jedoch erst später; er erweiterte die Serie um ein unerwartetes sowie überzeugend umgesetztes Element, nahm ihr aber gleichzeitig viel von ihrer ursprünglichen Wucht: Kein Höllendämon kann so realistisch ängstigen wie der banal böse Mensch.

Rückkehr zu den Wurzeln

Nachdem Connolly es in “Der brennende Engel” nicht nur mit dem Mystery-Faktor sicherlich übertrieb, ist “Der Kollektor” beinahe ein Kammerspiel; die Zahl der handelnden Figuren ist klein, und die Schauplätze beschränken sich auf wenige Orte im US-Staat Maine. Spektakuläre Action gibt es nicht, Connolly beschreibt vor allem die Arbeit eines Privatdetektivs. Parker folgt mühsam und oft vergeblich gut verwischten Spuren und wertet Indizien aus.

Dabei beschäftigt sich Connolly ausgiebig mit der Frage dem Ursprung des Bösen. Dies liegt nahe, denn er gibt ihm ein besonders hässliches Gesicht: Charlie Parker deckt die Taten einer professionell organisierten Kinderschänder-Bande auf. Das Thema ist heikel, und das gilt erst recht, weil es zum Element eines Unterhaltungsromans wird. Der Missbrauch von Kindern löst beim gesunden Menschen bereits in der Vorstellung Entsetzen und Ablehnung aus, die sich ein skrupelloser Autor, der womöglich noch in entsprechenden Details schwelgt, leicht zunutze machen könnte. Connolly ist sich dieser Gefahr bewusst; oft spürt man sogar in der Übersetzung, wie vorsichtig er ist. Er hat sich mit dem Thema beschäftigt, schreibt er im Nachwort zum “Kollektor”, und möchte allen Aspekten gerecht werden. Darüber gleitet er mehrfach ins Didaktische ab, statt sich den Gegenstand seines Plots tatsächlich zueigen zu machen.

Das bemerkt man im Kontrast mit jenen Passagen, in denen der Verfasser sich auf ungefährlicherem Terrain bewegt. ‘Normale’ Übeltaten wie Mord und Totschlag sowie Gefühle wie Trauer und der Schrecken, die nicht nur die Opfer, sondern auch und vor allem die Überlebenden bzw. die zurückbleibenden Familien und Freunde peinigen, weiß Connolly mit manchmal bedrückender Intensität zu verdeutlichen.

In diesem Punkt schwingt er sich zu unbehaglich stimmenden Höhen auf, während die Story selbst dieses Mal nicht so fesselnd geraten ist. Der Plot ist dermaßen komplex, dass er sich mit seinen zahlreichen Zufällen vermutlich nur im wirklichen Leben so ereignen könnte. Darüber hinaus wird deutlich, dass Connolly den “Kollektor” auch als Gelegenheit sieht, die Flut der in fünf Bänden angehäuften, meist privaten Verwicklungen abzuarbeiten.

Das Jenseits hält sich zurück

Es wurde bereits erwähnt: Niemand vermag den Menschen so furchtbar zu quälen wie der Mensch selbst. Kriminologischer oder psychologischer Realismus steht für den Verfasser allerdings nicht allein im Vordergrund. Die Charlie-Parker-Serie ist ein seltsamer Zwitter, der neben den Krimi die Phantastik stellt; nicht selten arbeitet Connolly mit echten Horror-Elementen.

Obwohl er in beiden Genres das Rad nicht neu erfindet, ist sein Einfallsreichtum beeindruckend. Connolly variiert die bekannten Schrecken und kleidet sie in Gestalten, die ihnen ein Auftreten gestatten, das sie nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Das wirkt in diesem Buch besonders harmonisch, weil sich Realität und Phantastik in etwa die Waage halten. Die “hohlen Männer” erschrecken, aber sie bleiben passiv. Einzige ‘echte’ Kreatur der Finsternis bleibt dieses Mal der “Sammler”.

Der ist keine für den “Kollektor” geschaffene Figur. Parker trifft erstmals im Kurzroman “The Reflecting Eye” (dt. “Das spiegelnde Auge”, in: “Nocturnes”, Ullstein-TB Nr. 26412) auf ihn bzw. prallt mit ihm zusammen. Der “Sammler” ist connollytypisch keine reine Horrorgestalt, sondern symbolstark aufgeladen: Er ist Parkers dunkles Spiegelbild, stellt womöglich dessen Zukunft dar, sieht sich als Mitstreiter und Konkurrent, nicht zwangsläufig als Feind. Ähnliche und beunruhigende Parallelen gibt es auch zwischen Parker und Frank Merrick.

Alte Bekannte im Schnelldurchlauf

“Der Kollektor” ist ein auf Charlie Parker zentrierter Roman. Meist nur kurz treten bekannte Randfiguren auf; das finstere Schutzengel-Paar Angel und Louis scheint beispielsweise nur mitzumischen, weil es ihre Fans unter den Lesern fordern. Für rare Momente handfesten Humors sorgen Schlagetot Jackie Garner und die irren Fulci-Brüder. Natürlich thematisiert Connolly außerdem die schwierige Beziehung zwischen Parker und Rachel, deren weitgehende Abwesenheit freilich die Schmalzschmierung der Handlung auf ein erträgliches Maß minimiert.

Mit “Der Kollektor” möchte Connolly sich, seiner Hauptfigur und seinen Lesern entweder eine Atempause gönnen oder die reihenübergreifende Rahmenhandlung neu ausrichten. Nachdem im “Brennenden Engel” Luzifers Himmelssturz als reales Geschehen und Parker als Inkarnation eines gefallenen Engels enttarnt wurde, war dieser Schritt ratsam, denn wie hätte Connolly diesen Effekt noch steigern sollen?

“Der Kollektor” ist ein spannender, mit überraschenden Wendungen nicht geizender Roman.  Der finale Cliffhanger bleibt dieses Mal aus. Oder liegt es daran, dass Connolly Parker ein mildes Happy-End gönnt? Solcher Frieden passt nicht zu dieser Figur. Immerhin darf man sicher sein, dass er nur von kurzer Dauer sein wird, bevor die Dunkelheit Charlie Parker erneut auf den Leib rückt.

Autor

Obwohl er die Odyssee eines US-amerikanischen Privatermittlers beschreibt, wurde John Connolly 1968 im irischen Dublin geboren, wuchs dort auf, studierte und arbeitete (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs) als Journalist (für “The Irish Times”), was er fortsetzt, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-”Bird”-Parker-Thriller kennt Connolly aber durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website, die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.

[md]

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Chez Guevara

Erstellt von Günther Lietz am 27. November 2009

chez-guevaraChez Guevara
(sfbentry)

Kartenspiel von Pegasus Spiele (2009)
Spieldesign von Steve Jackson
Illustrationen von Greg Hyland
2-5 Spieler, 45-60 Minuten, ab 12 Jahren
Inhalt: 112 Spielkarten, Anleitung, sechsseitiger Würfel
EAN 4250231773501

Bei „Chez Guevara“ handelt es sich um einen Ableger des Spiels „Chez Geek“. Diesmal schlüpft der Spieler in die Rolle eines hinterhältigen Guerilleros und versucht im Dschungel ein gutes Leben zu haben. Dazu muss der eigene Guerillero die Karriereleiter aufsteigen, seine Untergeben schikanieren, Überfälle organisieren und die Mitspieler fleißig denunzieren. Lohn der Mühe sind die sagenhaften Slack. Der erste Spieler der zwanzig Slackpunkte einheimst gewinnt die Partie – oder achtzehn Slackpunkte, falls mit fünf Leuten gespielt wird.

Der Ablauf des Spiels ist ziemlich simpel. Zu Beginn des Spiels erhält jeder Mitspieler einen zufälligen Dienstgrad mit all seinen Vorteilen und Nachteilen, dann geht es los. Jede Runde ist dabei in sechs Phasen eingeteilt. Erst einmal wird die Kartenhand aufgestockt, dann werden unliebsame Personen aus dem Zelt gewürfelt. Nun kann ein Spieler Personen rufen und sich anschließend Freizeit gönnen. Sind jetzt noch zu viele Karten auf der Hand müssen diese abgeworfen werden, hat sich der Spieler vollkommen ausgeruht wird er einen Wundmarker los. Das ist im Grunde genommen alles, aber trotzdem braucht es etwas Übung, um eine Partie „Chez Guevara“ zu Ende zu bringen.

Immerhin wird mehr gemacht, als nur Karten auszuspielen. Denn alle Karten haben so ihre Besonderheiten und warten oft mit Regeln auf. Genau das macht den Reiz des Spiels aus. Denn zum Einen sind die Karten lustig illustriert (von Greg Hyland), zum Anderen sind die Regeltexte einfach witzig und führen manchmal zu abstrusen Situationen. So macht Revolution Spaß, hier tobt der Dschungel. Es wird also deutlich: Humor ist Trumpf und das Spiel und die Thematik sollten augenzwinkernd betrachtet werden.

Es ist schon sehr lustig seinen lieben Mitspielern Eins auszuwischen, Gegenstände abzustauben oder den Kollegen eine fiese Karte unterzujubeln. Wie in „Chez Geek“ geht es eigentlich darum abzuhängen und es sich gut gehen zu lassen. Sollen doch die anderen ihr Leben riskieren, der eigene Hintern bleibt in der sicheren Hängematte. Sobald die Spielregeln verstanden wurden, geht es heiß und lustig am Spieltisch her. Die Regeln selbst befinden sich auf einem großen DIN-A3-Faltblatt, beidseitig bedruckt, lustig illustriert und mit allen nötigen Informationen. Aber Obacht: Die Regeln sind etwas fordernd und es braucht ein oder zwei Testspiele, bevor alles richtig sitzt.

Neben dem humorvollen Spiel an sich, ist auch Glück gefragt. Immerhin werden bereits die Dienstgrade zufällig verteilt und höhere Dienstgrade bringen bessere Vorteile. Allerdings haben die hohen Dienstgrade auch so ihre Nachteile auf der Karte stehen. Trotzdem ist „Chez Guevara“ kein wirklich faires Spiel. Der Glücksfaktor ist dafür ziemlich hoch, aber eigentlich dreht sich auch alles nur um den Spielspaß. Und der ist enorm, da Regeln und Kartentexte lustig geschrieben sind. Je mehr Leute mitspielen, um so lustiger wird das Spiel. Allerdings kann eine Partie „Chez Guevara“ bei fünf Leuten schon etwas zäh werden.

Neben den Karten befindet sich noch ein Würfel in der Pappbox. Als Wundmarker werden rote Glassteine empfohlen, die müssen aber separat erworben werden. Allerdings taugt auch alles andere zum Markieren. Stylisch sind übrigens leere Patronenhülsen. Obwohl „Chez Guevara“ auf „Chez Geek“ aufbaut, sind beide Spiele nur einzeln zu nutzen. Einzig die Dingekarten können dem jeweils anderen Spiel zugefügt werden, was aber auch schon ausreicht, um für neue haarsträubende Situationen zu sorgen. Das Spiel macht einfach Laune und regt immer wieder zum Schmunzeln an – vorausgesetzt die Spieler können sich mit der Thematik anfreunden.

„Chez Guevara“ ist ein lustiges und sehr unterhaltsames Spiel mit großem Lachfaktor, dass auch ein wenig taktisches Geschick verlangt. Davon abgesehen machte es einfach Laune, seinen befreundeten Guerilleros am Spieltisch Eins reinzuwürgen.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

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Necrophobia II

Erstellt von Michael Drewniok am 26. November 2009

festa-necrophobia-2-coverFrank Festa (Hg.)
Necrophobia II – Die graue Madonna und andere Horrorgeschichten

Originalzusammenstellung
Übersetzung: Andreas Diesel (4), Sigrid Langhaeuser (3), Jutta Swietlinski (2), Alexander Amberg (2), Felix Lake, Felix F. Frey, Friedrich v. Oppeln-Bronikowski, Heiko Langhans, Otto Knörrich (je 1)
Cover: Markus Vesper
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Festa Verlag Nr. 1521/Horror TB, Bd. 20)
415 S.
ISBN-13: 978-3-86552-061-6

18 klassische und moderne, meist selten und manchmal gar nicht veröffentlichte Kurzgeschichte erfassen das weite Spektrum der Phantastik:

- Graham Masterton: Die graue Madonna (The Grey Madonna, 1995), S. 9-27: Im belgischen Brügge verlor Dean auf tragische Art seine Gattin; sie hatte sich Rat suchend an die denkbar falsche Person gewandt, die der untröstliche Ehemann zu seinem Unglück ebenfalls findet …

- Christopher Fowler: Die langweiligste Frau der Welt (The Most Boring Woman in the World, 1995), S. 29-41: Eine vernachlässigte und betrogene Hausfrau und Mutter schwelgt in Rachevisionen, deren Umsetzungen näher rücken …

- Stefan Grabinski: Szamotas Geliebte (Kochanka Szamoty, 1922), S. 43-60: Endlich erhört sie den vor Liebe Verrückten, doch wen hat er eigentlich woher zu sich gerufen?

- David H. Keller: Da unten ist nichts! (The Thing in the Cellar, 1952), S. 61-69: Jedes Kind fürchtet sich vor dem Ding in der Dunkelheit, doch was geschieht, wenn es wirklich existiert …?

- Guy de Maupassant: Die Tote (La morte, 1887). S. 71-76: Im Laufe einer denkwürdigen Nacht auf dem Friedhof erfährt der Geliebte, um wen tatsächlich er so untröstlich trauert …

- F. Paul Wilson: Schockwellen (Aftershock, 1999), S. 77-127: Im Augenblick des eigenen Todes zeigen sich geliebte Verstorbene: eine Erfahrung, die bizarres Verhalten nach sich zieht …

- Clark Ashton Smith: Necropolis – Das Reich der Toten (The Empire of the Necromancers, 1932), S. 129-141: Zwei mächtige aber moralfreie Zauberer schaffen sich ein Heer aus Zombie-Sklaven, doch sie treiben es schließlich so toll, dass sogar die Toten rebellieren …

- Simon Clark: Die Geschichte des Totengräbers (The Gravedigger’s Tale, 1988), S. 143-153: Was der faule Totengräber dieses Mal aus der Erde holte, hätte er besser lagern sollen, denn es erweist sich als nicht richtig tot …

- Margaret Irwin: Das Buch (The Book, 1930), S. 155-174: Wer es liest und seinen Anweisungen folgt, wird reich und berühmt – bevor der eigentliche Preis gefordert wird …

- Brian McNaughton: Ringard und Dendra (Ringard and Dendra, 1997), S. 175-219: Ein junges Paar sucht Zuflucht bei einem Hexenmeister, was wie erwartet für teuflische Folgen sorgt …

- Karl Hans Strobl: Das Auge (1926), S. 221-230: Der berühmte Schriftsteller fühlt sich im Wahn beobachtet, und ein kleiner Junge rückt ihm in seiner Neugier ein wenig zu nahe …

- Storm Constantine: So ein nettes Mädchen (Such a Nice Girl, 1997), S. 231-257: Wer war Emma wirklich? Die unbedarfte Nachbarin findet es heraus, was ihr mehr Wissen über schwarze Magie beschert als sie verkraften kann …

- Montague Rhodes James: Pfeife, und ich komme zu dir, mein Freund! (Oh, Whistle, and I Come to You, My Lad, 1904), S. 259-284: Als ein neugieriger Urlauber in die am Strand gefundene antike Pfeife bläst, erscheint des Nachts ein unerfreulicher Besucher …

- Cornell Woolrich: Papa Benjamin (Papa Benjamin, 1962), S. 285-340: Wer die Voodoo-Götter beleidigt, darf sich über spektakuläre Strafmaßnahmen nicht wundern …

- John Keir Cross: Das Glasauge (The Glass Eye, 1946), S. 341-361: Es gibt kein Leid auf dieser Welt, das nicht durch noch größeres Unglück übertroffen werden könnte …

- Algernon Blackwood: Der Schrecken der Zwillinge (The Terror of the Twins, 1914), S. 363-372: Der zornige Vater hielt die Geburt seiner Zwillingssöhne schon immer für einen Irrtum der Natur, den er nach seinem Tod zu korrigieren gedenkt …

- Mort Castle: Party-Time (Party Time, 1984), S. 373-376: Wenn Söhnchen nur zu bestimmten Anlässen aus dem Keller gelassen wird, so gibt es dafür gute Gründe …

- Graham Masterton: Der Hexenkompass (Witch-Compass, 2000), S. 377-412: Er erfüllt dir zuverlässig deine Wünsche, aber du bist womöglich nicht glücklich mit dem Ergebnis, den du zahlst deinen speziellen Preis dafür …

- Frank Festa: Nachwort, S. 413-415

Sie kommen wieder, aber lange hat’s gedauert

Viel, sehr viel Zeit ist verstrichen, bis diese neue Sammlung alter und aktueller Storys im Festa-Verlag erschien. Fast musste man als enthusiastischer Leser des ersten “Necrophobia”-Bandes schon bangen, dass diese der phantastischen Kurzgeschichte gewidmete Reihe eingegangen war, bevor sie sich überhaupt zur Reihe entwickeln konnte. So ist es glücklicherweise nicht gekommen, doch die dreijährige Pause verdeutlicht einmal mehr, dass der ‘kurze Horror’ in Deutschland einen schweren Stand hat.

Dabei nahm Herausgeber Frank Festa deutschsprachige Storys der Gegenwart erst gar nicht in seine Sammlung auf. Er begründet das mit deutlichen Worten: “Nun, ich habe schon öfter erklärt, dass ich lieber die Originale veröffentliche als deren Kopien, und zurzeit sehe ich wirklich keinen eigenständigen, unamerikanisierten Horrorautor im deutschen Sprachraum.” (S. 414) Die Anhänger der deutschen Phantastik werden dies energisch und empört bestreiten, der Rezensent gibt Festa Recht und setzt noch eins drauf: Deutscher Grusel ist nicht nur Nachahmung, sondern Horror auf Groschenheft-Niveau, der seine Existenz dem Reservat der aktuellen Kleinverlage verdankt, die ihm mit viel Liebe aber wenig Sinn für Qualität eine unverdiente Scheinblüte bescheren.

Sie kommen nicht nur in der Nacht

Das trifft auf die Mehrzahl der in “Necrophobia II” versammelten Storys glücklicherweise nicht zu. Aus zwölf Jahrzehnten stammen sie und dokumentieren damit die Entwicklung, die das Genre nahm. Eine ‘akademische’ Präsentation ist dem Herausgeber dabei fern; “Necrophobia II” gehorcht keiner inhaltlichen und erst recht keiner chronologischen Systematik, Unterhaltung ist Trumpf. Alte und neue Geschichten stehen nebeneinander, thematisch decken sie – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – das breite Spektrum des Genres ab. Monster, Vampire, Phantome, Wahnsinn: Alles ist da, ein lange, gut bestückte Tafel für den gierigen Leser. Welchem Leser welche Story besser gefällt, ist natürlich Ansichtssache. An dieser Stelle können nur einige (subjektive) Hinweise und Hintergrundinformationen folgen.

Gespenster, Gespenster …

Die gute, alte Gespenstergeschichte wird in dieser Sammlung gleich mehrfach erzählt. Sie hat sich im Kern nicht geändert: Im Leben blieb der verstorbene Mensch ‘unvollendet’, sodass er (oder sie) nun als Geist spuken und für Abhilfe sorgen oder sich rächen möchte.

Handwerklich perfekt drechselt Montague Rhodes James [1862-1936] seine Gruselmär vom Tempelritter-Schutzgeist. Sehr typisch für den Verfasser trifft dessen Zorn einen völlig Unschuldigen: James-Gespenster unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse; sie haben es auf alle Lebenden abgesehen. Vermutlich kann nur ein Autor, der rein gar nicht an Gespenster glaubt, sie so perfekt, d. h. spannend, witzig und ohne Beachtung ‘literarischer’ Qualitäten heraufbeschwören wie James! Weniger elegant und nüchtern im Ton aber mindestens ebenso konsequent ist David H. Keller [1880-1966], der gar nichts von einem Happy-End hält, nur weil sein (niemals auch nur zipfelhaft sichtbar werdender) Keller-Schrecken Kinder als Beute bevorzugt. Wie man diesen Plot als makabren Scherz zelebriert, zeigt uns Mort Castle [*1946].

Wesentlich ‘psychologischer’ geht James’ Zeitgenosse Algernon Blackwood [1869-1951] an das Thema heran. Das Gespenst des Vaters hat ein Motiv für sein Tun, das grausam und grauenvoll ist, was Blackwood einmal mehr ungemein stimmungsvoll darzustellen weiß. Graham Masterton [*1946] stellt unter Beweis, dass das Konzept des Gespenstes auch heute keineswegs unmodern geworden ist. F. Paul Wilson [*1946], mit seinen “Handyman-Jack”-Geschichten sonst eher für grobschlächtigen Horror bekannt, erstaunt mit einer ‘aktuellen’ und doch höchst klassischen Gespensterstory.

Rückkehr als Leiche

Noch erschreckender als das Gespenst wirkt die Vorstellung vom oder von der Toten, der oder die in persona aus dem Grab zurückkehrt und nicht nur durch das Erscheinen, sondern auch durch den Anblick (und den Geruch) Entsetzen verbreiten. Sehr drastisch spielt das Simon Clark [*1958] durch, der freilich gleichzeitig belegt, dass Horror und (friedhofserdeschwarzer) Humor erstaunlich gut korrespondieren.

Deutlich allegorischer beschäftigt sich Guy de Maupassant [1850-1893] mit dem Thema Tod. Die Erlebnisse seines Helden mögen sich so ereignet haben oder die Ausgeburt eines kranken Hirn seins; eine Entscheidung, die dem Leser überlassen bleibt, ohne dass diese an der ‘Moral’ der Geschichte etwas ändern würde. Ähnlich diffus bleibt Stefan Grabinski [1887-1936], der dem Schrecken indes eine perfide Präsenz verleiht; sein Geist gehört zu den wahrlich seltsamen seiner Art.

Grabinskis Geschichte balanciert auf der Schneide zwischen ‘reinem’ Spuk und dem Grauen, das der beschwört, der sich mit dem Jenseits einlässt und dabei meist mehr abbeißt als er oder sie zu schlucken vermag. Margaret Irwin [1889-1969], Cornell Woolrich [1903-1968] und noch einmal Graham Masterton thematisieren das schaurige Angebot, das scheinbar eine ‘Abkürzung’ zu Reichtum und Macht bietet, bis die Macht im Hintergrund ihren Preis einfordert. (Die Woolrich-Story gehört zu den Ausgrabungen Festas; leider hält sie in der Umsetzung nicht, was der Plot verspricht, und sie transportiert zahlreiche zeitgenössische Rassismen.) Storm Constantine [*1956] überrascht mit einer Nachwuchs-Magierin, die zur Abwechslung einmal erfolgreich bleibt; ohne Opfer geht es jedoch ebenfalls nicht ab.

Wahn und Wirklichkeit

Der letzte Schritt zum ‘realen’ Grauen ist der Verzicht auf Übernatürliches. John Keir Cross [1911-1967], Karl Hans Strobl [1877-1946] und Christopher Fowler [*1953] erzählen von Menschen in der Krise, deren Stress sie geistig zu zerbrechen droht oder schon zerbrochen hat. Die Folgen sind furchtbar, weil hier der Mensch und nur der Mensch die Verantwortung für daraus resultierende Wahnsinnstaten trägt.

Aus dem Rahmen fallen die Storys von Clark Ashton Smith [1893-1961] und Brian McNaughton [1935-2004]. Sie mischen Horror mit Fantasy zur “Dark Fantasy”, wobei Smith trotz des schwülstigen, künstlich altmodischen Tonfalls fesselt, während McNaughton ein weiteres Mal mit seiner (zudem aus dem früheren Festa-Sammelband “Psycho-Express” von 2000 recycelten) haltlos zwischen Pathos und Klamauk schwingenden Mär langweilt: neben “Papa Benjamin” ist diese Story die einzige echte Enttäuschung in “Necrophobia II”.

Damit lässt sich leben. Das grundsätzliche Konzept der “Necrophobia”-Reihe hat seine Tragfähigkeit bewiesen. Bleibt zu hoffen, dass es bis zum dritten Teil nicht wieder so lange dauert.

[md]

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Strassenmagie

Erstellt von Günther Lietz am 25. November 2009

Bei Buch24.deLars Blumenstein, Rob Boyle, Robert Derie, John Dunn, Robyn King-Nitschke, Jason Levine, Jon Szeto, Peter Taylor, Frank Trollmann
Strassenmagie
Shadowrun 4.01D

(sfbentry)

Pegasus Press Hardcover
231 Seiten, ISBN 978-3-939794-92-9
Übersetzer: Maximilian Hildebrandt, Jochen Hinderks, Manfred Sanders
Illustrationen: Mia Steingräber, Arndt Drechsler, Abrar Ajmal, Tom Baxa, Ed Cox, Alex Draude, John Cravato, Jon Zeleznik

http://www.pegasus.de/

Für jeden Spieler eines Erwachten der sechsten Welt, ist „Straßenmagie“ – scheinbar konnte dem Buch im Umschlagtitel kein „ß“ spendiert werden, was wohl der Majuskelschrift geschuldet ist – ein unverzichtbarer Quellenband. Dabei bekommt der deutschsprachige Leser einiges mehr geboten, als seine fremdsprachigen Spielkameraden. Immerhin ist der Friedberger Verlag mit dem geflügelten Pferd für seine hochwertigen Produktionen im Rollenspielbereich bekannt. Und das trifft auch auf „Straßenmagie“ zu.

Das Hardcover ist äußerst stabil und wurde mit einem roten Leseband versehen.Arndt Drechsler gestaltete das Cover für die Pegasus-Ausgabe des Buchs und schlussendlich sogar das „Digital Grimoire“ eingepflegt, ein eigentlich nur als eBook-PDF erhältliches Zusatzheft. Aber allgemein wurde der Inhalt des Quellenbuchs gestrafft und leicht verändert, so dass die deutsche Ausgabe – neben der wunderbaren Übersetzung von Maximilian Hildebrandt, Jochen Hinderks und Manfred Sanders – einen guten Mehrwert besitzt.

Die klassische Aufmachung in schwarzweiß ist sehr gelungen, das Layout locker gestaltet. Die im Buch enthaltenen Illustrationen weisen eine gemischte Qualität auf, aber somit ist eigentlich für jeden Leser etwas dabei. Was wirklich zählt sind die Texte – und die haben es in sich. Um die Sache spielerisch zu gestalten, finden sich überall Informationsblöcke und kleine AR-Windows, die einen multimedialen Eindruck hinterlassen und dafür Sorge tragen, dass Spieler vollends in ihr Spiel eintauchen können. Auch die grafische Aufmachung der einzelnen Kapitel ist hervorragend und so gestaltet, dass die Kapitel bei geschlossenem Buch seitlich erkennbar sind. Das hilft ungemein bei der Orientierung. Das gilt ebenso für das gute Inhaltsverzeichnis und den umfassenden Index. Auch die Einleitungen der Kapitel sind gelungen, denn stets führt eine passende Story in die Thematik ein. Klasse!

„Straßenmagie“ beschäftigt sich eingehend mit den einzelnen Aspekten der Magie und wie sie in der erwachten Welt funktioniert und aufgenommen wird. So gibt es tiefe Einblicke in das alltägliche Leben der Erwachten und ihrer schlafenden Mitbewohner und der Leser erfährt, wie Konzerne die Magie sehen und für ihre Zwecke einsetzen.

Hat sich die Spielerschaft erst einmal ein Bild darüber gemacht, geht es auch schon ans Eingemachte. Detailliert wird gezeigt wie erwachte Charaktere erschaffen werden, gibt es neue Fertigkeiten, Gaben und Handicaps, um Figuren so vielschichtig und spannend wie möglich zu gestalten. Außerdem gehen die Autoren auf erweiterte Magieregeln ein, die das Spiel um einiges vertiefen. Problem an der Sache ist – das haben neue Regeln leider so an sich -, dass somit das eigentliche Regelwerk nochmals erweitert wird und somit mehr im Hinterkopf behalten werden muss. Da die erweiterten Regeln sehr stimmig sind, sollte dieser Schritt allerdings getan werden. Besonders gelungen ist vor allem, dass es nun mehr als zwanzig Traditionen gibt. Diese Auswahl sorgt für eine entsprechende Vielfalt unter den Erwachten.

Mit der Zeit werden die Magieanwender mächtiger und beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Ausrichtung ihrer Profession. Deswegen wird im Buch natürlich ausführlich auf unterschiedliche Pfade, Initiationen, Metamagie und magische Gruppen eingegangen. Das bietet Stoff für spannende Abenteuer, Hintergründe und Ideen, die jedes Abenteuer mit magischem Hintergrund bereichern.

Für Spieler mit Kauflaune bietet sich ein ganzes Kapitel mit magischen Gütern an. Es wird behandelt wo und wie die Charaktere einkaufen können, was sich beim Alchemisten im Regal versteckt und wie die Sache mit den Verzauberungen funktioniert. Da ist für jeden imaginären Geldbeutel etwas dabei.

Wer „Shadowrun“ und die dort vorkommende Magie kennt, der weiß ebenfalls um die Bedeutung von Geistern. Ein ganzes Kapitel widmet sich diesen Geschöpfen, ihren unterschiedlichen Spielarten und den vielen Möglichkeiten, die diese Wesen bieten. Mit „Der Astralraum und die Metaebenen“ wird deswegen sofort das passende Kapitel hinterhergeschossen. Unter anderem behandeln  Boyle & Co. auch die astrale Sicherheit und die Natur des Manas.

Um dem Spielleiter das Leben ein wenig leichter zu machen, gibt es ein großes Kapitel mit magischen Bedrohungen. Somit haben auch die Gegner der Spielercharaktere Werkzeuge an der Hand, um für Spannung am Spieltisch zu sorgen.  Dunkle Pfade, toxische Magie, Schattengeister, Insektengeister und die gefährlichen Shedim stehen als Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel der Möglichkeiten. Erwachte sollten sofort ihren Verstand schärfen, sobald der Spielleiter mit „Strassenmagie“ unter dem Arm zur Spielleitung erscheint. Denn eines ist dann sicher: Es braut sich etwas zusammen.

Das letzte Kapitel widmet sich gänzlich den Zaubersprüchen der sechsten Welt. Das „Grimoire“ enthält Anleitungen zum erstellen von eigenen Zauberformeln, bietet ein umfassendes Straßengrimoire (mit neuen Zaubern und den Zaubern aus „Shadowrun 4.01D“), Adeptenkräften und Schutzpatrone. Das ist ein ziemlich großes Sammelsurium.

Den Abschluss bilden fünf Seiten mit Tabellen, die allen möglichen Krimskrams aufführen. Dazu gehören Ausrüstung, Zauber und Kräfte. Somit sind schnell die Basisdaten für einen Zauber gefunden oder weiß der Spieler, wie hoch die Miete für einen eigenen Zauberladen ist.

Die Texte sind sehr gut geschrieben und leicht zu lesen. Die Verknüpfungen zwischen Regeln und Kampagnenhintergrund ist sehr gelungen. Es macht einfach Laune in „Strassenmagie“ zu stöbern. Was ebenfalls Laune macht, sind die vielen Beispiele im Buch. Dadurch werden viele Sachen leichter nachvollziehbar oder können spielfertig für die eigene Heimrunde übernommen werden. Das Buch bietet einer Spielgruppe sehr viele und leicht zugängliche Informationen. Diese Masse an Informationen kann dementsprechend ein wenig verwirren. Es ist schon einiges an Material, dass auf Spieler und Spielleiter zukommt. So sollte bereits im Vorfeld festgelegt werden, was für Erweiterungen und Regeln des Buchs zugelassen sind. Das gilt vor allem für Gelegenheitsgruppen. „Shadowrun“-Hardliner werden sich jedenfalls schnell in die Möglichkeiten des Buchs verlieben.

„Straßenmagie“ ist ein rundum gelungenes Buch aus dem Hause Pegasus Press und ein erstklassiger Quellenband. Ob nur als Spieler oder lesender Fan des Universums, hier ist für jeden etwas dabei. Die tolle Aufmachung und die in der Übersetzung enthaltenen Zusatzinformationen runden die ganze Sache ab.

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Werwölfe

Erstellt von Günther Lietz am 25. November 2009

Bei Buch24.deWerwölfe
(sfbentry)

Kartenspiel; Pegasus Spiele
Autor: Ted Alsbach
Übersetzung: Henning Kröpke
Illustrationen: Sanjana Baijanath
Inhalt: 80 Spielkarten, 3 Blankokarten, Notizblock, Anleitung
5-68 Spieler; 30-90 Minuten; ab 8 Jahren

http://www.pegasus.de
http://www.sanjanasart.com

Das Kartenspiel „Werwölfe“ aus dem Hause Pegasus Spiele baut auf eine altbekannte Mechanik auf, dass einigen Leuten bereits aus Spielen wie „Mord in der Disco“ oder „Werwölfe im Düsterwald“ bekannt ist. Pegasus hat eine stark erweiterte Variante des Spiels auf den deutschen Markt gebracht, mit der diese Mechanik erweitert werden kann.

Im Spiel dreht es sich darum, dass eine Gruppe von Leuten in die Rollen von Dorfbewohnern und von Werwölfen schlüpft. Was für eine Rolle jeder Spieler ausfüllt, wird geheim mittels Karten festgelegt. Einer der Mitspieler ist Moderator – er oder sie verwaltet sämtliche Rollen, Daten und sorgt für den reibungslosen Ablauf des Spiels.

Die Runden des Spiels sind in Tagen eingeteilt, die wiederum in Nachtphasen und Tagphasen abgehandelt werden. Am ersten Tag stellen sich alle Mitspieler als Dorfbewohner vor. Dann schläft das Dorf ein und die Werwölfe erwachen. Das wird umgesetzt, in dem alle Mitspieler die Augen schließen und die erwachenden Spieler ihre Augen wiederum öffnen dürfen. Die Werwölfe wählen nun stumm einen Dorfbewohner aus den sie töten werden – der Spieler wird aus dem Spiel genommen – dann schlafen sie wieder ein. Nun erwacht die Seherin, die – ebenfalls stumm – auch einen Mitspieler auswählt. Sie erfährt nun, ob dieser Mitspieler Werwolf oder Dorfbewohner ist. Dann schläft sie ebenfalls ein und sobald der Tag anbricht, erwachen alle – bis auf den toten Dorfbewohner.

Nun wird es richtig unterhaltsam, denn die Spieler bestimmen einen aus ihrer Reihe zum Werwolf und lynchen ihn. Haben die Dorfbewohner alle Werwölfe gelyncht, haben sie gewonnen. Erzielen die Werwölfe mit den Dorfbewohnern einen Gleichstand (dabei zählt die Seherin ebenfalls als Dorfbewohnerin) haben die bösen Damen und Buben gewonnen. Bei der Diskussion und der Nominierung des vermeintlichen Werwolfs darf natürlich niemand seine Rolle verraten. Und die Werwölfe werden lügen, um ihren Pelz zu retten.

Ein einfaches Spielprinzip und eine eingängige Mechanik. Bei der Anzahl der Mitspieler sollte allerdings darauf geachtet werden, ein gesundes Mittelmaß zu haben. Die vom Spiel angegebenen Anzahl von fünf bis achtundsechzig Spieler ist zwar korrekt, aber unter acht Mitspielern sind die Partien schnell zu Ende und auch langweilig. Mit mehr als zwei Dutzend Leuten muss der Moderator strukturiert vorgehen und kann sich ein Spiel in die Länge ziehen (Stunden), da jeder irgendwann mal zu Wort kommen möchte. Durch die große Anzahl neigt das Spiel dann auch zur Unübersichtlichkeit. Im Regelheft wird auf diese Problematik hingewiesen und empfohlen, dann mit zwei kleineren Gruppen zu spielen. Als optimale Größe bieten sich ein bis zwei Dutzend Spieler an.

Sobald viele Spieler mitmachen, sollte eine der vielen Regelvarianten genutzt werden. Das Regelheft beinhaltet sehr viele Varianten und Szenarien, die allesamt großen Spaß machen. So gibt es neben den Werwölfen auch Vampire, Lehrlinge der Seherin, Zaubermeister, Idioten und vieles mehr. Dabei besitzt jede dieser Rolle einen bestimmten Punktewert. Anhand dieses Werts kann ein Moderator sich eigene Szenarien ausdenken und zusammenstellen. Bleiben die Punktewerte der Dorfbewohner und der Werwölfe im Gleichgewicht, dann kann das Szenario gespielt werden. Eine gute Idee, die dem Moderator das Erschaffen von eigene Szenarien erleichtert.

Der Inhalt der Pappbox ist dabei sehr überschaubar. Neben den achtzig Spielkarten, gibt es drei Blankokarten, um selbst erdachte Rollen einzutragen. Zusätzlich liegt ein dicker Notizblock für den Moderator bei. Hier können schnell alle wichtigen Daten eingetragen werden. Herzstück ist dabei das Regelheft. Es ist handlich, heftgeklammert und umfasst vierundzwanzig Seiten mit Text in kleiner Schriftgröße. Trotzdem ist das Heft gut lesbar. Neben dem Grundspiel werden Varianten und Szenarien erklärt, wie eigene Szenarien erschaffen werden, was es für Probleme auftreten können und worauf geachtet werden sollte. Außerdem gibt es einen Abschnitt, der sich um den Einsatz von „Werwölfe“ bei Schulungen und Teamtreffen beschäftigt, da sich das Spiel auch für Schulungsleiter anbietet. Mal ganz davon abgesehen, dass auch ganze Schulklassen ihren Spaß mit „Werwölfe“ haben dürften.

Die Regeln sind leicht verständlich und schnell zu erlernen. Mit einem erfahrenen Moderator sind die Spieler schnell in der Materie. Auch hier gibt das Regelheft Informationen, um eine geeignete Atmosphäre aufzubauen. Das ist sehr vorbildlich. Die passende Atmosphäre wird auch durch die gelungenen Illustrationen von Sanjana Baijanath unterstützt.

„Werwölfe“ ist unterhaltsam und macht großen Spaß, die richtige Anzahl an Mitspielern vorausgesetzt, die sich auch verstehen und Spaß am Spiel haben. Da das Einschlafen mittels schließen der Augen geschieht, sollte auch kein bekannter Schummler anwesend sein. Das raubt nur den Spielspaß, vor allem bei solch einem kommunikativem und sozialem Spiel wie „Werwölfe“. Ein starkes Gruppenspiel!

Copyright © 2009 by Günther Lietz

“Werwölfe” bei Buch24.de

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Verluste

Erstellt von Michael Drewniok am 24. November 2009

block-verluste-coverLawrence Block
Verluste

Originaltitel: Everybody Dies (New York : William Morrow & Co. 1998/London : Orion 1998)
Dt. Erstausgabe: Februar 2008 (Shayol Verlag/Funny Crimes 3906)
Übersetzung: Katrin Mrgulla
296 S.
ISBN-13: 978-3-926126-75-7

Das geschieht:

Mit Mickey Francis “Mick” Ballou verbindet Privatdetektiv Matthew Scudder eine lange, enge und seltsame Freundschaft, denn der irischstämmige Gangsterboss ist ein brutaler Mann, der nicht nur in New York City viele Feinde grausam zu Tode brachte. Doch als Freund ist Ballou jemand, auf den man sich unbedingt verlassen kann, was Scudder schon mehrfach das Leben gerettet hat.

Nun soll er Ballou helfen, nachdem der zwei seiner ‘Angestellten’ tot in einem Lagerhaus fand, wo sie Diebesgut abholen sollten. Dort wurden sie regelrecht hingerichtet. In der Tat glaubt sich Ballou seit einiger Zeit herausgefordert und bedroht, ohne seinen Gegner namhaft machen zu können. Scudder lässt vergeblich seine Verbindungen spielen. Als er schon aufgeben will, wird er von zwei Strolchen überfallen, bedroht und aufgefordert, Ballou seinem Schicksal zu überlassen. Als sie anfangen, ihn zwecks Festigung dieser Botschaft zu verprügeln, wehrt sich Scudder und kann seinen Peinigern eine Lektion erteilen.

Damit ist auch er auf die Todesliste des unsichtbaren Verfolgers gerutscht. Nur einem Zufall verdankt es Scudder, dass er einem Mordanschlag entkommt, bei dem stattdessen einer seiner ältesten Freunde auf der Strecke bleibt. Einen Tag später besucht er Ballou in dessen Kneipe, als ein Überfall mit Schnellfeuergewehr und Bombe erfolgt.

Obwohl ihm die Polizei im Nacken sitzt, schweigt Scudder eisern, während er seine Nachforschungen neu aufnimmt. Endlich hat er Erfolg, doch der Mann, der buchstäblich Ballous Kopf will, ist definitiv seit über dreißig Jahren tot. Das hält Scudder und Ballou nicht davon ab, privat mit dem scheinbaren Geist abzurechnen …

Das Gesetz muss draußen bleiben

Angesichts der Tatsache, dass auf den 300 (immerhin eng bedruckten) Seiten dieses Romans 28 Menschen ihr Leben gewaltsam lassen (falls ich richtig gezählt habe), trifft das originale “Everybody Dies” den Nagel eher auf (oder die Kugel in) den Kopf als der deutsche Titel. Andererseits passt auch “Verluste” zu dem gleichzeitig ultrabrutalen und wehmütigen Geschehen.

Der Plot ist eher Nebensache; primär der kritische und im Krimi die gespiegelte Realität suchende Leser sollte ihn nicht zu ernst nehmen. Eine Fehde dürfte sich nicht nur angesichts der erwähnten Opferstrecke kaum so problemlos und vor allem polizeifrei durchexerzieren lassen wie von Block geschildert. Gerade zwei Szenen widmet der Verfasser der genretypischen Konfrontation zwischen dem Detektiv und den offiziellen Ordnungshütern, doch das wirkt eher pflichtschuldig und bleibt folgenlos für die Handlung.

Die spielt in jener Grauzone, in die Autor Block die Alltagswelt seines dienstältesten Serienhelden im Laufe der Jahre verwandelt hat. Scudder begann 1976 in “The Sins of the Fathers”; dt. “Mord unter vier Augen”) noch recht konventionell zu ermitteln. Der Ex-Cop, der nach einem fatalen Fehlschuss zu saufen begann, war in seiner menschlichen Schwäche bei unvermindert ausgeprägten kriminologischen Fähigkeiten durchaus eine Klischeefigur des Krimi-Genres. Diese Ebene verließ Scudder erst allmählich, oder besser ausgedrückt: Die Figur wurde im Denken und Handeln vielschichtiger.

Die menschliche Meta-Ebene

Wobei Block vor allem in moralischer Hinsicht konsequent einen Sonderweg eingeschlagen hat. Scudder ist ein Mann, der sich vom ethischen Primat der gesellschaftlichen Mehrheit abgekoppelt hat und sich an Regeln hält, deren Alltagstauglichkeit er real erfahren und überprüft hat. Stimmen diese Regeln mit dem geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetz nicht überein, werden sie von ihm nur insoweit berücksichtigt, dass ihm die Missachtung nicht ins Gefängnis bringt.

Was eigentlich einen kriminellen Opportunisten auszeichnen müsste, wirkt bei Scudder durchaus überzeugend. Er hat das Gesetz für sich von allen politisch, juristisch oder medial verursachten Überwucherungen befreit und auf ein erprobtes Grundwerk zurückgebaut, das Selbstjustiz, Notwehr ohne polizeiliche Überprüfung oder die Freundschaft zu einem Kapitalverbrecher zulässt.

Womit die Liste der Gesetzesverstöße, derer sich Scudder allein in “Verluste” schuldig macht, noch längst nicht abgeschlossen ist. Dem muss man sich als Leser beugen oder die Lektüre aufgeben. Leicht wird das aber nicht fallen, denn Scudder hat gute Gründe, um seinen persönlichen Weg zu begründen. Dass man darüber hinaus seine sehr brutalen Racheaktionen billigt, liegt daran, dass es stets nur echten Abschaum erwischt. Das funktioniert mit dieser Präzision nur im Roman und verärgert hier den Gutmenschen, an dessen Adresse sich Blocks Scudder-Geschichten sehr offensichtlich nicht richten.

Das Alter als Summe von Entscheidungen

Er mag sich versöhnlich gestimmt fühlen, wenn er zur Kenntnis nehmen kann, wie breit der Raum ist, den Block seinen Protagonisten zum Philosophieren (und Räsonieren) lässt. “Verluste” ist der 14. Roman der Scudder-Serie. Seinen Detektiv lässt der Autor chronologisch altern, so dass Scudder in diesem 1998 veröffentlichten Buch auf eine mehr als drei Jahrzehnte währende ‘Literaturgeschichte’ zurückblickt. Da New York City sein permanenter Standort blieb, wird jede Fahrt durch diese Stadt per se zu einer Erinnerungstour.

Das Alter spielt eine katalytische Rolle. Viele Figuren gehören zum Stammpersonal der Scudder-Serie. Sie haben viel und oft gemeinsam durchgemacht, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Scudder selbst spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Den Anschluss an die digitale Welt der Gegenwart hat er hoffnungslos verloren. In seiner Arbeit hält er sich an eine klassische und zeitlose Ermittlungspraxis, für die er nicht unbedingt einen Computer oder ein Handy benötigt. Wenn das nicht mehr reicht, greift Scudder auf ein kleines aber bewährtes Netzwerk von Helfern zurück.

Wenn das Ende näher rückt, beginnt der Mensch sich zu fragen, was er aus seinem Leben gemacht hat. Nicht nur Scudder denkt so. Mehrfach weist er darauf hin, dass “Verluste” eigentlich Mick Ballous Geschichte erzählt. Der alternde Schwerverbrecher wird von besagter Frage gequält, weil ihm die Antworten nicht gefallen. Für eine Weile zieht er sich sogar in ein Kloster zurück, aber Block ist kein Gartenzwerg-Moralist: Ballou ist und bleibt Ballou. Ebenso geläutert wie notfalls mordlüstern kehrt er in die Geschichte zurück.

Schweigen wäre manchmal wirklich Gold!

Lakonie und Redseligkeit sind zwei Eigenschaften, die nicht nur auf den ersten Blick schwer zusammenkommen. Fast gelingt Block dieses Kunststück, wenn er seine Figuren ausgiebig über ihre Gefühle sprechen lässt, ohne sie dadurch der Lächerlichkeit preiszugeben. (Anmerkung: Nicht die Gefühle sind dabei das Problem, sondern das schauerlich oft fehlende Talent von Schriftstellern, diese adäquat zu schildern.) Ballou und Scudder erschießen Strolche, ohne zu fackeln, Gattin Elaine gestattet ihrem Matthew das Fremdgehen – oh ja, sie sind alle erfahren und weise und cool genug, um sich über die Klippensprünge ihrer Leben auslassen zu können.

Der Kritik gefällt so etwas, denn es verleiht dem Krimi ‘literarische’ Qualitäten, die er zwar nicht nötig hat, die ihn aber offenbar trotzdem adeln, wenn sie denn gefunden werden. Wahrscheinlich schreibt Block ohnehin, wie und was er für richtig hält. Unabhängig davon hätte er die Flut der Lebensbeichten eindämmen sollen. Es irritiert, wie rasch man lernt, während des Lesens das Nahen jener Stellen zu erkennen, an denen Block den Gang herausnimmt und seine Figuren im Leerlauf schwadronieren lässt.

Angesichts der Generalqualitäten dieses Buches ist das freilich eine lässliche Sünde. Mit seiner Scudder-Serie hat Lawrence Block als Schriftsteller einen Punkt erreicht, an dem er seinem Publikum zuverlässig Lesestoff einer Qualität liefert, die anscheinend zu gut für die Buchfabriken und Bestsellerlisten dieser Welt ist. Peinlich viele Jahre wurden nicht nur die Scudder-Romane nicht mehr in Deutschland verlegt. Die bunte Welt der Kleinverlage ermöglicht nun Blocks Rückkehr. Zwei weitere Scudder-Bücher hat der Autor nach “Verluste” noch geschrieben. Genügt diese Info als Wink mit dem Zaunpfahl?

Autor

Lawrence Block, geboren am 24. Juni 1938 in Buffalo (US-Staat New York) gehört zu den Schriftstellern, die nicht zwischen “Literatur” und “Krimi” unterscheiden und trotzdem – oder gerade deshalb – ein Werk von bemerkenswert konstanter Qualität vorlegen. Das ist umso erstaunlicher, als Block ein ungemein fleißiger Autor ist und Kunst und Qualität sich angeblich ausschließen.

Noch während seines Studiums veröffentlichte Block 1957 erste Kurzgeschichten. Ab 1959 arbeitete er u. a. Kolumnist und sichtete für einen Verlag eingehende Manuskripte, bevor er freier Schriftsteller wurde. In einem halben Jahrhundert entstanden mehr als 50 Romane und 100 Kurzgeschichten. Block schrieb unter Pseudonymen wie Jill Emerson, Chip Harrison, Paul Kavanagh oder Sheldon Lord und schuf bisher fünf Serien, unter denen die um den Regierungsagenten Evan Tanner (1966-1998), den auf Kunstraub spezialisierten Dieb und unfreiwilligen Privatdetektiv Bernie Rhodenbarr (ab 1977) und vor allem die um den Privatdetektiv und Alkoholiker Matthew Scudder (ab 1976) feste Bestandteile der Kriminalliteratur sind.

Für seine Arbeit wurde Block mit allen wichtigen Preisen ausgezeichnet. Neben seinen Kriminalromanen verfasst er auch Softpornos, Artikel und Sachbücher (u. a. über das Schreiben) und hat das Drehbuch zum Tobe-Hooper-Splatter “The Funhouse” (1981, dt. “Kabinett des Schreckens”) geschrieben.

Über seine Arbeit informiert Lawrence Block auf der ausgezeichneten Website.

[md]

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Das Auge des Osiris

Erstellt von Michael Drewniok am 23. November 2009

freeman-auge-coverR. Austin Freeman
Das Auge des Osiris

Originaltitel: The Eye of Osiris. A Detective Romance (London : Hodder & Stoughton 1911/New York : P. F. Collier & Son 1911 [unter dem Titel „The Vanishing Man”])
Übersetzung: Sonja Hauser
Dt. Erstausgabe: 1990 (Wilhelm Heyne Verlag/Blaue Reihe Nr. 2311)
302 S.
ISBN-10: 3-453-04062-7
Diese Neuausgabe: November 2008 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic Nr. 18243)
356 S.
ISBN-13: 978-3-596-18243-5
www.fischerverlage.de

Das geschieht:

London im Spätsommer des Jahres 1904: Der Gerichtsmediziner, Dozent und Kriminalist Dr. John Thorndyke wird von seinem ehemaligen Studenten Paul Berkeley über einen bizarren und damit interessanten Fall in Kenntnis gesetzt: Vor zwei Jahren ist der angesehene Ägyptologe John Bellingham nach seiner Rückkehr von einer Forschungsexpedition spurlos verschwunden. Zuletzt sah man ihn als Besucher im Haus seines Cousins George Hurst, und im Garten seines Bruders Godfrey fand man seinen geliebten Skarabäus-Anhänger.

Zurück blieb nur Johns vertracktes Testament: Godfrey ist sein Erbe, doch antreten kann er es nur, wenn Johns Leiche auf einem der Friedhöfe bestattet wird, die er genau vorschrieb. Ansonsten – und nur dann – soll George erben. Ohne Leiche kann Johns Letzter Wille allerdings nicht vollstreckt werden; eine verfahrene Situation, zumal Godfrey inzwischen verarmt ist.

Thorndyke ist fasziniert: Dieses Problem will er lösen! Sein junger Geschäftspartner Jervis sowie Berkeley unterstützen ihn. Dreh- und Angelpunkt der Ermittlung ist die Frage nach dem Verbleib von John Bellingham. Dieses Rätsel scheint sich endlich zu lösen, als an verschiedenen Plätzen sorgfältig ausgelöste Menschenknochen gefunden werden, die sich zum Skelett eines älteren Mannes zusammenfügen lassen. Der letzte Beweis dafür, dass dies John sterbliche Überreste sind, kann jedoch zunächst nicht geführt werden.

Es bleibt dem streng logisch denkenden und systematisch ermittelnden Dr. Thorndyke überlassen, die gleichzeitig kargen und zahlreichen Indizien zu einem Fall zu schürzen, der sich als ebenso sensationell wie wunderlich herausstellt …

Warum verschwand Dr. Thorndyke?

Etwa 150 Jahre ist die moderne Kriminalliteratur alt; an sich keine besonders lange Zeitspanne, doch da das Genre recht schnelllebig ist, geriet in diesen anderthalb Jahrhunderten viel außer Sicht, das zeitgenössisch für Aufsehen sorgte. Die Romane von R. Austin Freeman gehören dazu. Vor allem in Deutschland ist sein Werk allgemein vergessen und nur mehr wenigen Spezialisten bekannt. Dabei war dies einst anders; Freeman gehört zu den Autoren, deren Romane hierzulande recht prompt übersetzt und veröffentlicht wurden. Das änderte sich erst mit dem II. Weltkrieg; ein Schicksal, das Freeman mit vielen angelsächsischen und plötzlich ‚feindlichen‘ Schriftsteller-Kollegen teilte. Während die Krimis von Agatha Christie, John Dickson Carr oder S. S. van Dine – um nur drei Beispiele zu nennen – nach 1945 allerdings erneut aufgelegt wurden, blieb Freeman fast vollständig außen vor.

Galt er als zu alt bzw. zu altmodisch, ein Relikt aus der Frühzeit des Krimis, dem anders als z. B. Arthur Conan Doyle kein Kult-Klassiker à la Sherlock Holmes gelungen war? Wie „Das Auge des Osiris“ beweist, wäre diese Haltung ein grober Fehler. Dr. Thorndyke ist kein Holmes, das trifft zu, doch seine Fälle lesen sich noch ein Jahrhundert nach ihrer Niederschrift mindestens ebenso unterhaltsam.

Der Geist triumphiert – mit naturwissenschaftlicher Hilfe

„CSI vor 100 Jahren“ lesen wir auf dem Cover der aktuellen Neuausgabe. Das ist einerseits blanke Werbung, die verständlich wirkt angesichts der Herausforderung, einen Roman aus dem Jahre 1911 einer Leserschaft des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen. Andererseits trifft diese Aussage den Nagel durchaus auf den Kopf. Noch deutlicher als der bereits erwähnte Sherlock Holmes ist John Thorndyke ein Jünger der Wissenschaft – übrigens nicht nur der Natur-, sondern auch der Geisteswissenschaften. Sehr modern betrachtet Thorndyke die Dinge gern ganzheitlich: Zum „Erklären“ gehört das „Verstehen“. Kriminalistik ist zu einem Gutteil Biologie, Chemie oder Physik, aber hinzu treten auch Aspekte der Geschichte, der Kunst oder der Philosophie.

Was dies in der Umsetzung bedeutet, führen uns Freeman und Thorndyke nach gegenwärtigem Verständnis womöglich ein wenig zu ausführlich vor Augen. Als Leser sind wir es heute nicht mehr gewöhnt, dass uns ein Kriminalist seine Thesen quasi tabellarisch vorstellt, um sie dann Punkt für Punkt mit uns durchzugehen. Der Krimi der Ära Freeman ist dem „fair play“ noch überaus stark verbunden. Thorndyke ermittelt zusammen mit seinen Lesern. Wenn er dennoch schneller als wir zur Auflösung kommt, so gestehen wir ihm dies aufgrund seiner kriminalistischen Vorbildung zu: Er hat die uns vorgelegten Indizien besser und schneller deuten können.

Wobei wir die komplexen Ausführungen über die Bestimmung des Todeszeitpunkts oder pathologischen Exkurse, kurz: die gerichtsmedizinischen Interna eben dank CSI & Co. im 21. Jahrhundert problemlos nachvollziehen. Das Grundsätzliche der Polizeiarbeit ist zudem zeitlos. Der zeitgenössische Leser bedurfte noch der ausführlichen Erklärungen, mit denen Dr. Thorndyke nie geizt.

Eine gewisse Herausforderung stellt dagegen der juristische Aspekt des „Osiris“-Falls dar. Es fällt schwer, an die Gültigkeit eines Testaments zu glauben, wie John Bellingham es aufsetzte. Dies ist jedoch wichtig, weil es für die Handlung elementare Bedeutung besitzt. Vielleicht hilft es, wenn man sich an moderne Gerichtsverfahren erinnert, deren Ausgang jeglicher Logik oder gar Gerechtigkeit zu spotten scheinen; schwierig sein dürfte das nicht … Notfalls hilft aber ein Einschub: Freeman lässt den Anwalt Jellicoe über den Unterschied zwischen „alltäglicher“ und „juristischer“ Realität sinnieren. Anschließend hat man immerhin einen deutlichen Eindruck von der teuflischen Paradoxie, die besagtem Testament innewohnt.

Abwarten und Tee trinken

Die Welt des frühen 20. Jahrhunderts mag den Zeitgenossen rasant und anspruchsvoll erschienen sein. Auf uns wirkt eher gemächlich, was wir über den Alltag dieser Zeit erfahren. Das spiegelt sich in der Struktur dieses Romans wider: „Das Auge des Osiris“ ist kein ‚reinrassiger‘ Krimi. Falls eine entsprechende Definition 1911 überhaupt schon existierte, hat Freeman sie bewusst ignoriert: „A Detective Romance“ lautet der Untertitel – und genau das ist dieser Roman.

Der Liebesgeschichte von Paul Berkeley und Ruth Bellingham gibt Freeman mindestens ebensoviel Raum wie dem kriminalistischen Rätsel. Auf den ersten 100 Seiten steht die der zeitgenössischen Konvention entsprechenden, d. h. streng reglementierten Werbung sogar im Vordergrund. Die Lösung des Bellingham-Rätsels ist ebenso intellektuelle Herausforderung wie die ritterliche Rettung einer Frau (und ihres Vaters) aus der Not; dem gegenüber steht die Frage nach Schuld und vor allem nach Sühne interessanterweise eher im Hintergrund.

Auf die Mischung aus „detection“ und „romance“ muss man einlassen. Nur dann betrachtet man die Lovestory nicht als Fremdkörper, sondern erkennt sie als integrales Element des Geschehens, wie Freeman es konstruierte. Geduld ist auch sonst eine Tugend, denn Thorndyke ermittelt genau und notfalls langsam. Das Ergebnis zählt, der Weg dorthin währt so lange wie es dauert. Niemand scheint dem Ermittler im Nacken zu sitzen. Thorndyke ist unabhängig. Nicht einmal der Polizei ist er offenbar Rechenschaft schuldig. Er arbeitet nicht mit Kommissar Badger zusammen, sondern parallel an ‚seinem‘ Fall. An einen Informationsaustausch denkt er sichtlich nicht; in diesem Punkt liegt Thorndyke wiederum ganz auf der Linie mit Sherlock Holmes.

Längst vergangen aber zeitlos

„Das Auge des Osiris“ erzählt seine Geschichte formal und inhaltlich im Stil einer längst vergangenen Epoche. Dennoch möchte man diesen Roman nicht altmodisch nennen. Immer wieder überrascht Freeman mit Einfällen, die auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen.

Gern unterstellt man der Vergangenheit beispielsweise eine geistige und moralische Rückständigkeit. Das Verständnis von der Frau als rechtloses Anhängsel des chauvinistischen Mannes ist vor allem in den Historienkrimi eingeflossen. Ruth Bellinghams zurückhaltende Art scheint diese Aschenputtel-Rolle zu bestätigen. Tatsächlich trifft dies überhaupt nicht zu: Ruth sorgt für den Unterhalt ihrer kleinen Familie; sie leistet wissenschaftliche Recherchearbeit und ihre Leistungen werden von ihrem Vater, von Paul Berkeley und auch von Dr. Thorndyke anerkannt. Noch einen Schritt weiter geht Freeman mit der Figur der Mrs. Oman, die nicht nur selbstständig ihren Laden führt, sondern im Gespräch kein Blatt vor den Mund nimmt und mit Spitzen gegen die von sich allzu eingenommene Männerwelt nicht spart. Solche Passagen lesen sich ungemein modern.

Erstaunlich mutet der leichte Ton an, mit dem Freeman Dr. Thorndyke ‚anrüchige‘ Themen ansprechen lässt, von denen man eigentlich annahm, dass sie 1911 als unschicklich galten. Im Zusammenhang mit dem Auftauchen einer zerstückelten Leiche lässt sich Thorndyke sehr beredt über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten aus, eine Leiche verschwinden zu lassen. Man kann ihm Undeutlichkeit ganz sicher nicht vorwerfen. Einnehmend ist – der Kalauer sei hier gestattet – ein knochentrockener Humor, der sehr schwarz werden kann; auch raue Seziersaal-Scherze sind offensichtlich keine Innovation der CSI-Ära.

Thorndykes überfällige Rückkehr

Angesichts der beschriebenen Qualitäten mutet es merkwürdig an, dass R. Austin Freeman in Deutschland weiterhin auf seine Wiederentdeckung wartet. „Das Auge des Osiris“ ist nach beinahe zwei Jahrzehnten der erste Roman dieses Verfassers, der zumindest eine Neuauflage erfährt; an eine Erstveröffentlichung der vielen bisher nie übersetzten Thorndyke-Romane ist wohl erst recht nicht zu denken.

Im Rahmen der Reihe „Fischer Crime Classic“, die in Zusammenarbeit mit dem Online-Magazin „Krimi-Couch.de“ herausgegeben wird, kehrt „Das Auge des Osiris“ endlich zurück in die Buchläden. Dem Roman folgen zwei Artikel des Redakteurs Lars Schafft, der unter dem Titel „Gestatten? Thorndyke, Knochenjäger“ das Werk kriminalliteraturhistorisch verortet, was er im Anschluss durch eine allgemeine „Einführung in die Welt der englischen Whodunnits“ ergänzt.

Autor

Richard Austin Freeman wurde am 11. April 1862 in Marylebone, einem Stadtteil von London, als jüngstes von fünf Kindern eines Schneiders geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Die Quellen werden erst dichter, nachdem Freeman 1880 eine chirurgische Ausbildung im Middlesex Hospital begann, die er 1886  erfolgreich abschloss. 1887 ging Freeman, inzwischen verheiratet, als junger Arzt in die westafrikanische Kronkolonie Goldküste (heute Ghana). Dort erkrankte er schwer am Schwarzfieber, das er nur knapp überlebte. Seine Gesundheit verbot den weiteren Aufenthalt in Afrika.

Invalid kehrte Freeman 1891 nach London zurück. Als Mediziner fand er nur mühsam sein Auskommen. Zunehmend widmete er sich deshalb der Schriftstellerei. Unter dem Pseudonym Clifford Ashdown und in Zusammenarbeit mit einem Freund, dem Gefängnisarzt und Anwalt John James Pitcairn (1860-1936), erschien 1902 sein Debütroman „The Adventures of Romney Pringle“. Weitere Kollaborationen mit Pitcairn folgten, bis Freeman 1907 dem Solo-Krimi „The Red Thumb Mark“ (dt. „Der rote Daumenabdruck“) veröffentlichte. Hier hatte Dr. John Evelyn Thorndyke seinen ersten Auftritt. Bis 1942 folgten 30 Romane und Storysammlungen.

In der Person des Dr. Thorndyke ließ Freeman seine naturwissenschaftliche Bildung einfließen, die er geschickt mit dem zeitgenössischen kriminalistischen Wissen verknüpfte. Seine betont sachlichen Schlussfolgerungen kann Thorndyke stets mit soliden Beweisen untermauern, die er sich in oft langwierigen und komplizierten Laborsitzungen (über die er sein Publikum ausgiebig informiert) forschend und ableitend verschafft hat. Angeblich hat Freeman jedes Experiment selbst durchgeführt, bevor er Thorndyke darüber berichten ließ.

Die späteren Thorndyke-Fälle wirken zunehmend formelhaft; die neuen Vertreter des Genres Kriminalromans ließen einen seiner Pioniere buchstäblich alt aussehen. Freeman konnte sich indes eine Nische sichern, die ihm ein treues Publikum und seinen Lebensunterhalt sicherte.

R. Austin Freeman starb am 28. September 1943 in seinem Haus in Gravesend, einer Hafenstadt in der Grafschaft Kent, wo er seit 1903 mit Gattin Annie und seinen beiden Söhne lebte.

[md]

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Mystery Rummy 2: Edgar Allan Poe – Mord in der Rue Morgue

Erstellt von Günther Lietz am 23. November 2009

Beu Buch24.deMystery Rummy 2: Edgar Allan Poe – Mord in der Rue Morgue
(sfbentry)

Pappkarton; Pegasus Spiele
Autor: Mike Fitzgerald
Übersetzung: Bernd Perplies
Illustration: Virginijus Poshkus
Kartenspiel für 2-4 Spieler; ab 8 Jahren; 20-40 Minuten
Inhalt: 66 Spielkarten, Anleitung

http://www.pegasus.de

„Edgar Allan Poe – Mord in der Rue Morgue“ ist das zweite Spiel aus der Reihe „Mystery Rummy“ und baut ebenfalls auf den beliebten Rommé-Regeln auf. Wer „Mystery Rummy 1: Jack the Ripper“ bereits kennt ist hier klar im Vorteil, denn einige Regelmechanismen sind dadurch bereits bekannt. „Edgar Allan Poe – Mord in der Rue Morgue“ steht jedoch für sich alleine und richtet sich – vor allem – an Teamspieler. Aber auch alleine oder zu dritt macht eine gepflegte Kartenrunde Spaß.

Dem Spiel liegt die Kurzgeschichte „Mord in der Rue Morgue“ von Edgar Allan Poe zugrunde. Es handelt sich um einen klassischen Kriminalfall mit ungewöhnlichem Täter, denn der Mörder ist der Orang-Utan. Dieser steht vorher fest und so ist es die Aufgabe der Spieler das Tier rechtzeitig zu fangen. Das geschieht, sobald der letzte Spieler seine Handkarte ausspielt. Gewonnen hat dabei der Spieler, der zuerst einhundert Punkte erreicht. Spielt man in Mannschaften, dann gewinnt das Team, dass diese Punktzahl erlangt.

Ähnlich wie beim Rommé werden Karten von einem Stapel gezogen, können ausgelegt und bei Mitspielern angelegt werden. Die Karten in „Mord in der Rue Morgue“ gliedern sich dabei in Ereignisse und Hinweise. Außerdem gibt es noch Bonusmeldungen, muss der Affe gefüttert werden und mischt der Detektiv C. Auguste Dupin mit. Neben der Grundvariante gibt es noch zwei Regeln für Fortgeschrittene, taktische Tipps, einen Glossar und ein Beispiel für einen Spielzug. Alle diese Informationen wurden in dem Regelheft untergebracht.

Das ist leider ein wenig verwirrend geschrieben und einem leichten Verständnis des Spiels abträglich. Kenntnisse von „Mystery Rummy 1“ oder „Rommé„ sind sehr hilfreich, um die Abläufe zu verstehen. Es wird ein oder zwei Spiele brauchen, bis Spieler die Regeln vollends erfasst haben und die taktischen Möglichkeiten begreifen. Diese steigern sich vor allem im Team-Spiel. Sobald Zwei gegen Zwei Spieler antreten, wird der Unterhaltungsfaktor stark erhöht. „Mord in der Rue Morgue“ ist eindeutig für Mannschaftsspiele ausgelegt.

Die Aufmachung des Spiels ist schick. Die Pappbox ist wie „Jack the Ripper“ aufgemacht und kommt als Buchkassette daher. Der Stil ist betont edel. Dazu gehören auch die Illustrationen von Virginijus Poshkus. Jede Karte besitzt eine kleine Regelinformation (Bsp.: Bonus: Blitzableiter) und ein Zitat (Bsp.: „Die Mörder entkamen durch eines dieser Fenster.“). Dazu sind alle anderen wichtigen Farben und Symbole auf einen Blick zu erkennen.

Obwohl „Mystery Rummy 2: Edgar Allan Poe – Mord in der Rue Morgue“ kurzfristig etwas schwer zu verstehen ist, entwickelt sich das Spiel langfristig zu einem spannenden Unterhaltungsmagneten. Vor allem Rommé-Spieler werden ihren Spaß haben. Durch die schicke Aufmachung eignet sich das Spiel auch prima als Geschenk.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

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