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Archiv für Dezember, 2009

Leon Traumgänger – erwachen

Erstellt von Werner Karl am 31. Dezember 2009

leon-traumganger-erwachenJürgen Großmeyer
Leon Traumgänger – erwachen

Droste Verlag, Düsseldorf, 8/2009,
PB, All Age-Urban-Fantasy, Mystery
ISBN 9783770013203
Titelbild unter Verwendung einer Illustration von Mark Freier

www.drosteverlag.de
www.duesterzeit.de
www.freierstein.de

Nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger studierte der 1971 geborene Jürgen Großmeyer Psychologie. Nebenher verfasste er viele fantastische Kurzgeschichten und Texte für Rollenspielsysteme. Nun ist sein erster Roman erschienen. „Leon Traumgänger – erwachen“ scheint zudem der Auftakt einer Urban-Fantasy-Saga um einen paranormal begabten Jungen und unheimliche Vermächtnisse aus der Vergangenheit zu sein. Leon lebt in einer betreuten Wohngruppe und war bisher recht unauffällig, da er schon immer wesentlich erwachsener und in sich gekehrter als die anderen wirkte. Aber nun beginnen sich die Leute, die die Gruppe betreuen, um ihn Sorgen zu machen, denn er hat der Psychologin gegenüber zugegeben, dass er jedes Jahr den gleichen düsteren Traum hat, bei dem er scheinbar in die Köpfe und Gedanken anderer Menschen hinein sehen kann und seit einiger Zeit das Gefühl nicht los wird, ständig von flüsternden und raunenden Schatten umgeben zu sein, besonders Nachts.

Erst Lucy, ein Neuzugang im Haus, die so lange bleiben wird, bis ihre Mutter wieder gesund ist, macht ihm klar, dass er über eine ganz besondere Gabe verfügt, für die er sich nicht schämen muss. Bevor sie ihn weiter in die Welt des Übersinnlichen einführen und ihm Mut machen kann, wird sie allerdings ermordet und stirbt in Leons Armen. Der Junge gilt zunächst als Hauptverdächtiger, kann aber bald entlastet werden. Dennoch schwört er sich insgeheim, als der Schock abgeklungen ist und er die Untersuchungen und die Beerdigung hinter sich gebracht hat, den wahren Mörder zu finden und zu stellen. Denn etwas in ihm sagt deutlich, dass Lucy nicht einfach so umgekommen ist – jemand hat sie ganz eindeutig mit Mitteln ermordet, die jenseits des für die normalen Menschen Vorstellbaren liegen.

Lange bleibt er aber nicht allein, denn neben seinem Zimmergenossen Christian, von dem er sich zuvor entfremdet hatte, taucht das geheimnisvolle Mädchen Eule in seinem Leben auf, das ihn auch mit dem schrulligen Stadtstreicher Clochard bekannt macht, der zwar sehr seltsam redet, aber nicht unbedingt nur sinnloses Zeug von sich gibt. Sie helfen ihm dabei, besser zu verstehen, was er selbst kann und welche Mächte hinter den Kulissen am Werk sind, damit er seine Kräfte Ziel gerichteter einsetzen kann. Denn auch die dunklen Mächte werden auf Leon aufmerksam, und er weiß auch noch nicht so recht, was er von dem Polizeibeamten Jarne Kallert halten soll, der ganz eindeutig etwas vor Leon verbirgt, genau so wie der Leiter einer Privatklinik, den der Junge von einer früheren Begegnung her in sehr in schlechter Erinnerung hat. Jürgen Großmeyers Roman ist sehr Personen zentriert. Er nimmt sich erst einmal Zeit, den jungen Helden und sein normales Umfeld einzuführen, auch den anderen Teenagern Stimme und Charakter zu geben. Nur langsam fließen die phantastischen Elemente ein – ähnlich wie Leon entdeckt auch der Leser, dass die Wahrnehmungen des Jungen nicht nur eingebildet sind, sondern durchaus einen realen Hintergrund haben.

Lucy dient als erstes Bindeglied zum Phantastischen, doch erst als ihr Tod zum Katalysator für Leons Aktivität wird – vorher hat er nur auf das, was andere mit ihm machten, reagiert -, betritt er die Welt des Surrealen. Eule und Clochard werden zu seinen Lehrmeistern und enthüllen ihm, was eigentlich hinter den Kulissen geschieht. Man erfährt die Hintergründe einiger Geschehnisse.

Der Autor verknüpft Mythisches geschickt mit historischen Persönlichkeiten und steigert die Spannung nach und nach, so dass man immer einen Grund hat, weiter zu lesen, auch wenn letztendlich nicht ganz so viel geschieht. Insgesamt gelingt es ihm auch ohne viel Action, Gewalt und aufgebauschter Mystery, eine dichte Atmosphäre zu weben und Leser aller Altersstufen in den Bann zu schlagen, selbst wenn man durchaus merkt, dass sein Hauptaugenmerk auf Jugendlichen liegt, die sich leicht in den Protagonisten wieder finden können. „Leon Traumgänger – erwachen“ ist durchaus mehr als einen Blick wert, da das Buch auch ohne vordergründige Action und aufgesetzter Mythologie oder sinnfreier Gewalt in den Bann schlagen und kurzweilig unterhalten kann. (3xPRT)

Christel Scheja (CS)

Titel bei Amazon.de:
Leon Traumgänger – erwachen

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
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Die Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Rosemarie Bentzien
2.Peter Rumstich
3.Mirko Engelmann
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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Lunatic

Erstellt von Michael Drewniok am 30. Dezember 2009

montanari-lunatic-cover-tb-2010Richard Montanari
Lunatic

Originaltitel: Merciless [US-Titel]/Broken Angels [UK-Titel] (London : Arrow Books Ltd. 2007/New York : Ballantine Books 2007)
Übersetzung: Karin Meddekis
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Mai 2008 (Luebbe Verlag)
477 S.
ISBN-13: 978-3-7857-2324-1
Als Taschenbuch: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16384)
477 S.
ISBN-13: 978-3-404-16384-7

Als Hörbuch: Mai 2008 (Lübbe Audio)
Sprecher: Matthias Koeberlin
5 CD (ca. 450 min.)
ISBN-13: 978-3-7857-3542-8


Das geschieht:

Gerade ist Kevin Byrne, Beamter der Mordkommission der Stadt Philadelphia, aus dem Urlaub zurück, als ihm und seiner Partnerin Jessica Balzano ein neuer, bizarrer Fall zugewiesen wird: Am Ufer des Schykill Rivers fand man die Leiche einer jungen Frau, die nicht nur erdrosselt, in ein altmodisches Kostüm gekleidet und sorgfältig sitzend drapiert wurde: Der Mörder hat ihr auch beide Füße abgesägt, die man später in roten Schuhen zur Schau gestellt an anderer Stelle entdeckt.

Die Ermittlungen führen in die Unterwelt der Stadt, denn Kristina Jakos, so hieß das Opfer, arbeitete als „exotische Tänzerin“ für einen Nachtclub-Besitzer mit Mafia-Verbindungen. Leider erweist sich die vielversprechende Spur als Sackgasse. Ein zweiter Mord am Fluss – dieses Mal hält die tote, immerhin nicht verstümmelte Frau eine Nachtigall zwischen ihren gefalteten Händen – lässt sich nicht mit dem Verdächtigen in Verbindung bringen.

Stattdessen muss sich die Polizei der unangenehmen Wahrheit stellen: Ein irrer Serienkiller geht um, der – so stellt sich bald heraus – schon früher mordete und sein Werk fortzusetzen gedenkt. Was für die Medien ein gefundenes Fressen ist, wird für die Polizei zum Wettlauf um Leben zu Tod. Der Druck auf die Beamten wächst, als ein hochrangiger Ex-Polizist grausam umgebracht wird. Was hat diese Tat mit den Morden am Fluss zu tun?

Als Byrne die Wahrheit dämmert, ist es fast zu spät: Weitere Serienmörder treiben ihr Unwesen! Der Detective muss klären, ob diese mit „Moon“, dem Flussmörder, zusammenarbeiten. Das Leben seiner Kollegin hängt davon ab, denn Jessica Balzano und eine weitere Polizisten drohen ahnungslos in Moons Versteck zu stolpern …

Alles wie üblich, nur noch verrückter

Der Serienkiller in Film und Krimi wird spätestens seit 1989 durch Hannibal Lecter definiert. Will er erfolgreich sein, muss er – meist handelt es sich, soviel Realität muss sein, um einen Mann – seitdem gleichzeitig a) völlig verrückt und b) amoralisch aber c) hochintelligent und d) mindestens ansehnlich sein sowie e) über eine faszinierende Persönlichkeit verfügen, die ihn für das weibliche Publikum erotisch anziehend wirken lässt.

Über die Schlüsse, die der versierte Psychologe vor allem aus e) ziehen könnte, wollen wir uns hier ausschweigen, da nachweislich keine allzu große Gefahr besteht, dass realiter ein „Moon“ aus dem Gebüsch springt und seiner Bewunderin zeigt, was ein echter Psychopath ist. Im Falle unseres Romans verzichtet Verfasser Montanari ohnehin auf d) und e) und beschränkt sich auf die ersten drei Merkmale. Das ist erstaunlich, denn er begibt sich dadurch freiwillig noch ein gutes Stück tiefer in die Sackgasse, die er selbst geschaffen hat.

Denn sogar Mr. Lecter langweilte auf die Dauer, weshalb seine Übeltaten immer aufwändiger und exotischer, d. h. bizarrer werden mussten. Sein Opfer nach dessen Ende zu verspeisen ist längst keine Übeltat mehr, die den Zuschauer/Leser (diese Doppelung wird hier mit Bedacht gewählt) in Angst und Schrecken versetzen könnte: Alles schon dagewesen.

Genau das ist das Problem des aktuellen Killer-Thrillers: Was das halbwegs gesunde Menschenhirn an Obsessionen, Foltern und Metzeleien ausbrüten kann, ist im Rahmen des gesetzlich Gestatteten inzwischen geschehen. Montanari hat die Herausforderung dennoch angenommen. Bewältigt hat er sie, soviel sei vorweggenommen, nicht.

Tempo plus Handwerk schlägt Logik und Tiefe

Um nicht mit den negativen Seiten, weil diese gar nicht so stark zu Buche schlagen, lassen wir dies zunächst so stehen und wechseln zum Erfreulichen: „Lunatic“ ist als Bestseller und Pageturner entworfen und umgesetzt – und die Rechnung geht auf! Unter Verzicht auf jede Originalität bedient sich Montanari der einschlägigen Klischees des Genres auf unerwartet geschickte Weise. Handwerklich hat er seine Geschichte voll im Griff. Er lässt sie Haken schlagen, führt sie auf Seitenstraßen, mit denen der Leser nicht rechnet, schürt dadurch die Spannung und lässt nicht eine Sekunde Ruhe einkehren. Montanari gelingt sogar (noch), woran Jeffery Deaver, zu dem sich diverse Gemeinsamkeiten feststellen lassen, mehr und mehr scheitert: der finale Twist, der die Story quasi innerhalb weniger Zeilen in Frage stellt und uns mit einer völlig neuen Sicht derselben entlässt.

Der eigene Schwung trägt die Handlung über die gewaltigen Logiklöcher. Schlägt man das Buch endlich zu – was vor der letzten Seite kaum geschehen wird – und lässt sich das Gelesene noch einmal durch den Kopf gehen, kommt man aus dem Kopfschütteln darüber, wie man sich hat an der Nase herumführen lassen, kaum mehr hinaus. Die Verzahnung der diversen Serienkiller und Rachemörder, die dem Geschehen zu Grunde liegt, geht über den Zufall weit, weit hinaus. Andererseits schlägt das wahre Leben gern die menschliche Vorstellungskraft, sodass man in dieser Hinsicht kein schlechtes Gewissen haben muss.

Glücklich ist übrigens derjenige Leser, der mit „Lunatic“ zum  ersten Roman der nun zur Trilogie angewachsenen Serie um die Detectives Byrne & Balzano gegriffen hat. Der zur Ökonomie neigende und kühl auf den Effekt trimmende Verfasser bedient sich einer – objektiv-freundlich ausgedrückt – Story-Konstruktion, die sehr an die beiden ersten Bände erinnert. Schräge Killer scheinen die beiden Hauptfiguren zu lieben. Oder ist Philadelphia als Lebens- und Arbeitsstätte für wahre Schnetzelkünstler besonders attraktiv?

Figuren nach Maß

Kevin Byrne und Jessica Balzano sind wie die zahlreichen Nebenfiguren im Grunde Stereotypen. Jeder gute US-Cop hat eine Leiche im Keller, wird von privaten Problemen gebeutelt, knabbert an einer schrecklichen Erfahrung. Meist trifft alles mehr oder weniger zu. Hier zagt Byrne, weil sein stummes (!) Töchterlein zur Frau erblüht und ihren Daddy womöglich nicht mehr benötigt. Das tut er im Chor mit Balzano, die als überfürsorgliche Mutter ihren Spross am liebsten im Keller vor der bösen Welt einschließen möchte. Sollte das nicht ausreichen, kann sich Byrne noch um seinen Vater (wird alt & wunderlich) oder die allgemeinen Schrecken des Alltags den Kopf zerbrechen.

Montanari lässt zusätzlich den Connolly-Faktor einfließen: Byrne ist einst in den Fluss gefallen und hat seither das zweite Gesicht. Das ist praktisch, wenn sich die Handlung gar zu sehr verheddert, was sich durch eine ‚Vision‘ richten lässt. Zudem sind Byrnes Geistesblitze in der Regel so kryptisch, dass sich der Verfasser nicht festnageln lässt, wenn es dann doch ganz anders kommt.

Er ist halt ein Guter, dieser Kevin Byrne, dessen Verhältnis – Dienst oder mehr? – zu Jessica Balzano auch weiterhin nicht wirklich ausgelotet wird. Glücklicherweise ist er ob der vielen Schicksalsschläge und unerfreulichen Erlebnisse nicht zum Griesgram geworden – ein Klischee, dessen Abwesenheit der Leser freudig zur Kenntnis nimmt. Byrne verfügt über Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie (wovon sich die leider deutlich blassere Balzano ein Scheibchen abschneiden könnte), wie Montanari überhaupt immer wieder eine gut gewählte Gelegenheit findet, seine düstere Story mit einem trockenem, ziemlich schwarzen Gag aufzuhellen. Da funktioniert sogar die Figur eines amischen Ermittlers, der die nahe liegenden Witze über seine Religionsgemeinschaft vorsichtshalber selbst reißt, ohne dabei in billigen Klamauk zu verfallen.

„Moon“ macht nicht süchtig

Trotz intensiver Arbeit an und mit seinem Märchenbuch-Schlitzer „Moon“ ist dieser – so paradox es klingt – eine eher konventionelle Figur. Wir erleben ihn lange in den üblichen Kursivschrift-Einschüben, die nur Schlaglichter auf sein Denken und Handeln werfen. Das ist klug so, denn wie üblich entpuppt sich der tausend tollen Polizisten trotzende Bösewicht schließlich als ziemlich armes Würstchen: Einen Norman Bates aus dem Reich der Wikinger könnte man ihn nennen – keine Sorge, das ist kein Spoiler –, und man wundert sich, wie er sein mörderisches Spiel so lange durchziehen konnte ohne erwischt zu werden. So dicht sind auch in Pennsylvania die Wälder heute nicht mehr, dass sich dort ein „Moon“ sein privates Horrorkabinett einrichten könnte!

Da sind „Moons“ ‚Konkurrenten‘ aus anderem Holz geschnitzt! Zum Zwang des Auftrumpfens gehört es im modernen Maniac-Thriller, dass ein Serienkiller manchmal nicht mehr ausreicht, um für den nötigen Horror zu sorgen. Man schlachtet im Team oder ignoriert einander, doch der eigentliche Effekt ist gesichert: Die Polizei tappt völlig verwirrt im Dunkeln. Wer kommt schon darauf, dass es mehr als einen Lecter geben könnte? (Eigentlich jeder erfahrene Leser, was als Fakt von den Autoren des Genres wohlweislich ignoriert wird.) Während uns Montanari die Identität von „Moon“ bis zum Schluss nicht enthüllen mag, erfahren wir schon früh, wer sich hinter Meuchel-Team B verbirgt. Dieser Mörder wirkt wesentlich erschreckender, denn sein Wahnsinn verrät Methode. (Montanari übertreibt es freilich, wenn er noch einen dritten Irren auftreten lässt.)

„Merciless“ – „Broken Angels“ – „Lunatic“

Unschuldig ist Montanari übrigens am Titel, den sein Roman in Deutschland trägt. „Lunatic“ ist an sich ein guter und den Kern der Story treffender Titel; verwunderlich, dass der Autor oder sein Verlag ihn nicht selbst wählten. Er ist allerdings englisch – oder sollten wir besser sagen: „denglisch“? Über den ‚Sinn‘ dieser Betitelung lässt sich nur rätseln. Soll „Lunatic“ Weltläufigkeit demonstrieren? Soll der Titel besser in die Reihe „Crucifix“ – „“Mefisto“ – „Lunatic“ passen (bzw. passend gemacht werden)? Ist es altmodisch zu wünschen, dass deutsch übersetzte Bücher deutsche Titel tragen?

Egal: Unter jedem Titel liest sich dieser Roman quasi von selbst und liefert leichte Lektüre ohne nachträglichen Ärger über vergeudete Zeit. Das ist eine Leistung, die auf dem von Instant-Thrillern terrorisierten Buchmarkt keinesfalls selbstverständlich ist.

Autor

Richard Montanari (geb. 1952 in Cleveland, US-Staat Ohio) entstammt einer US-amerikanisch (Byrne!) – italienischen (Balzano!) Familie. Als junger Mann reiste er ausgiebig durch Europa und schlug sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch, bevor in die USA heimkehrte und einige Jahre in der väterlichen Baufirma arbeitete.

Er sattelte um, wurde freier Journalist und schrieb Artikel für unzählige Zeitungen und Zeitschriften. Anfang der 1990er Jahre schrieb er seinen Romanerstling „Deviant Way“. Er fand einen Literaturagenten und einen Verlag. Nachdem „Deviant Way“ 1996 als bestes Krimidebüt des Jahres mit einem „On-Line Mystery Award“ ausgezeichnet wurde, konnte Montanari einen Zwei-Romane-Vertrag mit einem renommierten Buchverlag abschließen. Zum weltweiten Durchbruch verhalf ihm 2005 der erste Band der „Philadelphia“-Serie um das Polizistenduo Kevin Byrne und Jessica Balzano.

Über Leben und Werk unterrichtet der Autor auf seiner sehr professionell layouteten aber informationsarmen Website. (5xPRT)

[md]

Titel bei Amazon.de (Paperback)
Titel bei Amazon.de (Taschenbuch)
Titel bei Amazon.de (Audiobook)

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Die Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Walter Linnenkohl
2.Elke Ehrler
3.Hanno Höffgen
4.Monika Alsdorf
5.Peter Braeuer
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
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Der Drachenflüsterer

Erstellt von Werner Karl am 30. Dezember 2009

der-drachenflustererBoris Koch
Der Drachenflüsterer
Band 1

Heyne, München, 12/2008
HC, Jugendbuch, Fantasy
ISBN 9783453524927
Titelgestaltung von Nele Schütz Design, München unter Verwendung einer Illustration von Dirk Schulz
Innenillustrationen von Dirk Schulz und Horst Gotta
Karte von Andreas Hancock

www.heyne.de
www.heyne-magische-bestseller.de
www.boriskoch.de
www.indigo-online.de
www.pencil-ink-color.de/ (auf unbestimmte Zeit geschlossen)

Die Handlung des Jugendfantasy-Romans von Boris Koch ist in drei Teilen verfasst, denen sehr schöne Schwarz-Weiß-Illustrationen voran gestellt sind. Zentrales Thema ist ‚Freundschaft’ – sei es zwischen zwei Jungen, die zu Männern heranwachsen, und Ben, einem der beiden, und einem Drachen. Teil I spielt in Trollfurt, wo Ben mit elf Jahren einen Drachenritter sieht und daraufhin beschließt, ein ebensolcher zu werden. Vier Jahre später schlägt er sich, als Außenseiter, allein durchs Leben, da seine Mutter – die dem Alkohol verfallen war und ihn häufig geschlagen hat – gestorben ist. Sein bester Freund Yanko ist sein einziger Vertrauter und hält trotz aller Ablehnung, die man Ben in Trollfurt entgegenbringt, loyal zu ihm. Er ist auch der Einzige, der weiß, dass Ben ein Drachenritter werden will. Das doch eher beschauliche Leben in Trollfurt ändert sich schlagartig, als eine stillgelegte Mine von einem Fremden erworben wird, der mit seiner Familie in Trollfurt Einzug hält. Yirkhenbarg, in dessen hübsche Tochter Nica sich Ben sofort verliebt, mit deren Bruder Sidhy er aber eine erbitterte Feindschaft eingeht, bringt noch etwas mit nach Trollfurt, das in Ben einiges bewegt: einen Drachen. ‚Feuerschuppe’ wurden die Flügel gestutzt, wie es Sitte ist, um ihn zu einem friedfertigen Reitdrachen zu machen. Dort wo einst seine Schwingen waren, sind jetzt nur noch ‚Knubbel’, die zu reiben Glück bringen soll.

Ben besucht Feuerschuppe heimlich und spricht mit dem Drachen, reibt ihm dessen Knubbel und merkt, dass eine Art Energie dabei von ihm ausgeht. Nach einigen Tagen scheint es sogar, als würden die abgeschlagenen Flügel dank Bens ‚Handauflegen’ im Ansatz nachwachsen. Und somit offenbart sich nicht nur Ben, sondern auch dem Leser, die wahre Bestimmung des Jünglings – er ist ein Drachenflüsterer. Dann kommt Bens Leben ins Wanken. Als der Drachenritter Narfried mit der Jungfrau Ivallya auftaucht und kurze Zeit später ermordet wird, gerät Ben in Verdacht und muss fliehen, bevor er ergründen kann, welche sonderbaren Geschehnisse sich in der Miene abspielen, seit Yirkhenbarg sie erworben hat.

Teil II handelt von Bens Flucht und der für die Handlung wesentlichen Begegnung mit dem Drachen ‚Aiphyron’. Durch die Gespräche der beiden bemerkt Ben sehr schnell, dass nicht alles, was er bisher über Drachen gehört hat, der Wahrheit entspricht und vieles von Vorurteilen geprägt war, was man ihm erzählt hatte. Vor allem macht er die erstaunliche Erfahrung, dass Drachen weitaus weniger blutrünstig sind, als es ihnen nachgesagt wird. Ben befreit Aiphyron aus einer brisanten Situation, und fortan schlagen sie sich gemeinsam durch. Natürlich haben sie dabei etliche Abenteuer zu bestehen und begegnen sonderbaren Geschöpfen, z.B. einem Frosch in Pferdegröße. Yanko beschließt derweil, in Trollfurt den wahren Mörder des Drachenritters zu finden und seinen geflohenen Freund zu entlasten. Dabei erhält er überraschenderweise von einer Seite Hilfe, die er nicht erwartet hatte – von Nica! Schon nach kurzer Zeit verlieben sich die beiden ineinander und Yanko – erst von Gewissensbissen Ben gegenüber geplagt, dessen Gefühl für Nica ihm bekannt sind – fühlt sich wie im siebten Himmel.

Teil III dreht sich um das Geheimnis der Ketzer. Ben und Aiphyron schließen immer enger Freundschaft und erreichen schlussendlich die Stadt Falcenza, in der Ben der Hinrichtung eines ‚Drachenketzers’ beiwohnt und die hübsche Anula kennenlernt. Wieder einmal befreit der Junge einen Drachen, dieses Mal mit Aiphyrons Hilfe. Von ‚Schilfrücken’, der eigentlich Jurbenmakk (Juri) heißt, erfährt Ben das erste Mal von dem ‚König der Drachen’ und vermutet immer mehr, dass in der alten Mine von Trollfurt Seltsames vorgeht – daher kehrt er mit Aiphyron dorthin zurück um dem auf den Grund zu gehen, auch der Kunde über den ‚König der Drachen’… Währenddessen überschlagen sich in Trollfurt die Ereignisse. Yanko kommt dem wahren Mörder auf die Spur und erfährt, dass Nica in tödlicher Gefahr schwebt…

Wie immer schreibt Boris Koch locker und mit einem Augenzwinkern und hat das Klassenziel, einen kurzweilig unterhaltenden Fantasy-Roman zu bieten, voll erreicht. Auch der Verlag hat gute Arbeit geleistet. Das Hardcover ist liebevoll illustriert und aufgemacht, Papier und Satz sind ohne Fehl und Tadel. Somit stimmt auch das Preis-Leistungsverhältnis. Hinter dem Romantext befindet sich noch ein Glossar, und ein Rezept – „Flügelgeschnetzeltes mit Birnen“ – und mehr. Somit erhält dieser Titel einen runden Abschluss. „Der Drachenflüsterer“ ist ein munter erzählter Jugendfantasy-Roman in schöner Aufmachung!

Alisha Bionda (AB)

Titel bei Amazon.de:
Der Drachenflüsterer

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Die dunkle Brüderschaft

Erstellt von Michael Drewniok am 29. Dezember 2009

derleth-bruderschaft-cover-2006August Derleth
Die dunkle Brüderschaft. Unheimliche Geschichten

Originaltitel: The Watchers Out of Time (Sauk City : Arkham House 1974)
Übersetzung: Franz Rottensteiner
Deutsche Erstausgabe: 1987 (Suhrkamp Verlag Nr. 1256 = Phantastische Bibliothek Bd. 173)
234 S.
ISBN-13: 978-3-518-37756-6
Diese Auflage: März 2006 (Suhrkamp Verlag Nr. 1256)
234 S.
ISBN-13: 978-3-518-37756-7

Das geschieht:

In 10 neoklassischen Kurzgeschichten beschwört der Verfasser wortreich und stimmungsvoll ein Grauen herauf, das in einer verdrängten und unbekannten Weltgeschichte wurzelt:

- Der Nachkomme (“The Survivor”, 1954), S. 7-30: Nicht nur mit der Geduld des Krokodils ausgestattet, trotzt Dr. Charrieres seit Jahrhunderten dem Tod …

- Das Erbe der Peabodys (“The Peabody Heritage”, 1957), S. 31-55: Als Mr. Peabody pietätvoll das Gerippe seines Urgroßvaters im Sarg umdreht, wird uralter Hexenzauber neu belebt …

- Das Giebelfenster (“The Gable Window”, 1957), S. 56-74: Der Blick in fremde Welten fasziniert, bis deren unfreundliche Bewohner auf den heimlichen Beobachter aufmerksam werden …

- Der Vorfahr (“The Ancestor”, 1957), S. 75-90: Der Geist triumphiert über die Materie, aber reizt man diese dabei zu stark, schlägt sie irgendwann grausam zurück …

- Der Schatten aus dem All (“The Shadow Out of Space”, 1957), S. 91-112: Durch Raum und Zeit reist der entsetzte Erdenmann, als er sich unfreiwillig für einen uralten kosmischen Krieg rekrutiert sieht …

- Das vernagelte Zimmer (“The Shuttered Room”, 1959), S. 113-150: Was der Großvater gefangen hielt aber nicht vernichten konnte, wird vom ahnungslosen Enkel freigesetzt …

- Die Lampe des Alhazred (“The Lamp of Alhazred”, 1957), S. 151-161: Ihr Licht enthüllt Wunder und Schrecken, und einem Träumer weist sie den Weg in eine bessere Welt …

- Der Schatten in der Dachkammer (“The Shadow in the Attic”, 1964), S. 162-183: Was der böse Onkel dem Neffen als Erbe hinterließ, besucht ihn des Nachts in seinem Schlafzimmer …

- Die dunkle Brüderschaft (“The Dark Brotherhood”, 1966), S. 184-211: Sie sehen aus wie Edgar Allan Poe – und sie planen eine Invasion der besonders umständlichen Art …

- Das Grauen vom mittleren Brückenbogen (“The Horror from the Middle Span”, 1967), S. 212-233: Eine Flutwelle setzt frei, was bisher sorgfältig in seinem Mausoleum gefangen lag …

- Originaltitel & Copyright-Vermerke: S. 234

derleth-bruderschaftUnterhaltsam auf den Spuren des Meisters

Der deutsche Phantastik-Fan kennt August Derleth – falls ihm der Name überhaupt etwas sagt – höchstens als literarischen Nachlassverwalter des Grusel-Großmeisters H. P. Lovecraft (1890-1937). Derleth ist es zu verdanken, dass dieser schon lange jenen verdienten Ruhm erntet, der ihm zeitlebens verwehrt blieb. Doch Derleth war selbst ein fleißiger Autor. Seine Horrorgeschichten bilden einen vergleichsweise geringen Anteil an einem eindrucksvollen Gesamtwerk.

Weil Derleth sich hier jedoch stark an Lovecraft anlehnte und dessen Cthulhu-Zyklus durch eigene Beiträge vermehrte, wurde er primär durch seine Pastichés bekannt. Falsch aber folgerichtig erscheint die hier vorgestellte Sammlung unheimlicher Geschichten unter Erstnennung von Lovecrafts Namen. Sie entstammen jedoch allein der Feder Derleths, dessen Namen allerdings die Kundschaft längst nicht so lockt  wie das Zauberwort “Lovecraft”.

Doch die in “Die dunkle Brüderschaft” gesammelten Storys stellen mustergültig heraus, was die Phantastik Lovecraft verdankt, weil Derleth es zwar sehr gut kopieren aber nur ausnahmsweise nachschöpfen konnte. Vor allem Leser, die Lovecrafts Werk nicht kennen, sondern einfach für handfesten Grusel schwärmen, werden diese Einschränkung getrost ignorieren und ignorieren dürfen, denn eines sind Derleths Geschichten (bis auf eine Ausnahme: s. u.) garantiert: unterhaltsam!

Neugier bringt nicht nur die Katze um

Man sollte sie nach und nach lesen, denn auf diese Weise wird weniger offenbar, dass diese Storys recht einfallsarm einem bestimmten Muster folgen: Ein durchschnittlicher Zeitgenosse gerät durch Erbschaft, beruflich oder Zufall ahnungslos dorthin, wo düstere Mächte – oft in Gestalt zauberisch aktiver Vorfahren – kraftvoll ihr Unwesen trieben. Er (nie sie!) findet Spuren, die sein Interesse wecken und entsprechende Nachforschungen in Gang setzen. Das Resultat ist stets fatal: Längst vergangene Schrecken erweisen sich als höchst lebendig. Der unglückliche Forscher gerät in ihren Bann. Hat er Glück, kostet ihn die Erkenntnis, dass diese Welt keineswegs so funktioniert, wie es die ‘offizielle’ Wissenschaft behauptet. ‘nur’ seine geistige Gesundheit. Meist kommt es übler, wobei der Tod nicht einmal das schlimmste Schicksal darstellt.

Lovecraft postulierte eine von Derleth übernommene und ausgebaute (Universal-) Geschichte, die von der Existenz intelligenten Lebens weit vor der Entstehung des Menschen ausging. Kosmische Entitäten treiben ein Spiel, das der beschränkte menschliche Geist nur in Ansätzen begreifen kann: “Der Mensch ist schließlich nur eine kurzlebige Erscheinung auf dem Antlitz eines einzigen Planeten in einer der ungeheuren Welten, die das ganze All ausfüllen” (aus: “Die dunkle Brüderschaft”, S. 108). Dieses rudimentäre Wissen wird immer wieder zur Quelle eines Entsetzens, das nicht nur auf offensive Attacken aus dem Jenseits, sondern auch auf ein Zuviel an Wissen zurückgeht, das der einzelne Mensch, der sich plötzlich buchstäblich mit einem ganzen Universum fremder und feindseliger Kreaturen konfrontiert sieht, nicht meistern kann.

Mit Jenseits ist hier übrigens nicht die Heimat der Toten gemeint. Derleth übernimmt Lovecrafts Prämisse eines Kosmos’, dessen Raum und Zeit nicht stabil gefügt, sondern im Fluss sind. Die dem Menschen vertraute Realität bildet nur eine von unzähligen möglichen Welten, die zu allem Überfluss durch Dimensionsportale miteinander verbunden sein können. Obwohl diese Geschichten von Angst und Entsetzen erzählen, gründen sie nicht nur im Horror, sondern auch oder vor allem in der Science Fiction. Der Schrecken entsteht durch die absolute Fremdheit der kosmischen Wesen, deren Handeln womöglich nicht einmal böse im menschlichen Sinne, sondern primär unverständlich ist.

Schrecken aus zweiter Hand?

“Die dunkle Brüderschaft” sammelt Geschichten, in denen August Derleth den Cthulhu-Mythos kommentierte und ergänzte. Er beschwört den Geist des Vorbilds und lässt ihn sogar mehrfach selbst auftreten (so als “Ward Phillips” in “Die Lampe des Alhazred” und als “Arthur Phillips” in “Die dunkle Brüderschaft”). Derleth geht dabei Lovecrafts Imaginationskraft meist ab; er kopiert seinen Meister, den er freilich gut kennt. Der erfahrene Leser kann die Schnittstellen, d. h. die imitierten Vorlagen, leicht namhaft machen. “Der Schatten aus dem All” ist beispielsweise eine Variation des Lovecraft-Kurzromans “Berge des Wahnsinns”.

Die älteren Geschichten lesen sich notabene besser als die Storys des ‘späten’, schon nicht mehr gesunden und ausgelaugten Derleth. So ist die Titelstory “Die dunkle Brüderschaft” ein missglücktes Werk, das zunächst stimmungsvoll an Lovecrafts Liebe zu den historischen Stätten Neuenglands erinnert, un plötzlich in eine Überfall-aus-dem-All-Plotte abzurutschen; Derleth kreiert dabei Invasoren, die es an Planungsdämlichkeit problemlos mit dem Bug-Eyed-Monster-Pärchen Kang & Kodos aus der TV-Serie “Die  Simpsons” aufnehmen. Auch was der finstere Onkel Uriah in “Der Schatten in der Dachkammer” eigentlich plante, bleibt unklar; das abrupte Ende der Story legt nahe, dass der Verfasser es selbst nicht wusste.

Wagt es Derleth, sich wenigstens teilweise vom übermächtigen Lovecraft zu emanzipieren, gelingt ihm eigenständig Spannendes und Unheimliches. Mit “Das vernagelte Zimmer” stellt er eine richtig gute Gruselgeschichte vor – ideenreich, effektvoll, sorgfältig getimt. Diesen August Derleth liest man gern; er weckt die Neugier auf Storys, die nicht dem Cthulhu-Mythos angehören. Diese fanden ihren Weg leider nur ausnahmsweise nach Deutschland, wo sie zudem über unzählige, längst vergessene Sammelbände verstreut und in der Regel nicht annähernd so nah am Original und so lesenswert übersetzt wurden wie die die Geschichten in “Die dunkle Brüderschaft”.

Autor

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen “Pulp”-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der Englischen Literatur an der “University of Wisconsin” auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von “Arkham House” (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in “postumer Zusammenarbeit” und baute den “Cthulhu”-Kosmos der “alten Götter” eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

[md]

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Drachen der Finsternis

Erstellt von Werner Karl am 29. Dezember 2009

5989_Drache_der_Finsternis.inddAntonia Michaelis
Drachen der Finsternis

Loewe Verlag, Bindlach, 1/2008
HC mit Schutzumschlag
Jugendbuch, Fantasy
ISBN 9783785559895
Titelgestaltung von Christina Keller unter Verwendung einer Illustration von Daniel Nikoi Djanie

www.loewe-verlag.de
http://blog.verlagsgruppe-oetinger.de/index.php?id=3773

Christopher ist ein kleiner, schmächtiger 14-jähriger Junge, unsportlich, scheu und in keiner Weise von irgendeinem Talent gesegnet. Damit ist er das getreue Gegenteil seines großen Bruders: Arne sieht umwerfend aus, ist klug und vielseitig begabt. Als Arne beschließt, für ein Jahr nach Nepal zu gehen, auf den Spuren seiner nepalesischen Großmutter, und dabei in einem Waisenhaus arbeiten will, überrascht dies niemand. Arne ist nun einmal ein großartiger Mensch! Doch dann verschwindet er plötzlich, irgendwo in den von Maoisten besetzten Bergregionen Nepals, aufgrund des einen Fehlers, den er besitzt: Er ist leichtsinnig. Christophers Eltern erstarren in Trauer und Angst. Er selbst besorgt sich einen Bildband über Nepal, um sich vorstellen zu können, wo Arne nun ist, und wünscht sich mit aller Macht, in diese wunderschöne Landschaft eintauchen und seinen Bruder retten zu können. Und plötzlich ist er da!

Aber es ist nicht das Nepal, welches er aus dem Fernsehen und Büchern kennt, sondern ein rätselhafter Ort, an dem seltsame und unheimliche Dinge geschehen. Schon zu Beginn trifft er auf Jamar, den 14-jährigen Thronfolger des Landes. Niemand weiß von Jamar, denn er ist unsichtbar geboren. Aus Schock über dieses traurige Wunder fiel seine Mutter sofort nach der Geburt ins Koma, in dem sie noch heute dahindämmert, und der König, sein Vater, kümmert sich nicht mehr um das Land. Tatenlos sieht er zu, wie das Volk hungert, er überlässt alle Entscheidungen dem Militär; selber sorgt er sich nur um den Blumengarten, den seine Frau so sehr liebte. Als Jamars Diener Tapa ermordet wird, beschließt der junge Prinz zu fliehen – und stößt dabei auf Christopher. Gemeinsam gehen die Jungen auf eine unglaubliche Reise. Ihnen begegnen Drachen, die Farben fressen, winzigen Bronzestatuen, die einst Menschen waren, Gefahren und Abenteuern jeder Art…

Es ist kein leicht zu lesendes Buch. Viele wichtige Themen sind hier eingearbeitet: Angst, Wut, Verlust, Trauer, Tod, Mut, umwälzende Veränderungen, Freundschaft, Armut, Krieg und vieles mehr. Mit leisen Tönen und beeindruckender Erzählgewalt webt die Autorin Realität und Fiktion zu einem höchst spannenden Ganzen zusammen. Man spürt, sie kennt dieses Land und seine Menschen und beklagt die Unterwerfung dieses Volkes, ohne anzuklagen. Ihre lebensnahen Charaktere, spannende Wendungen und schöne Sprache lassen den Leser niemals Langeweile verspüren, und sie führt ihn bis zum Ende, das auf sanfte Weise nachdenklich stimmt. „Drachen der Finsternis“ ist ein starkes Buch, empfehlenswert ab etwa 12 Jahren, geeignet für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen!

Alexandra Balzer (alea)

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Drachen der Finsternis

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Krieg der Welten

Erstellt von Michael Drewniok am 28. Dezember 2009

wells-krieg-cover-2005-dtHerbert George Wells
Krieg der Welten

Originaltitel: The War of the Worlds (London : Pearson’s Magazine 4/1897-12/1897; als Buch London : William Heinemann 1898)
Deutschsprachige Erstausgabe (geb.): 1901 (Perles Verlag)
Übersetzung: Gottlieb August Crüwell
244 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: Mai 2005 (Diogenes Verlag/Detebe Nr. 23537)
Übersetzung: Gottlieb August Crüwell/Claudia Schmölders
338 S.
ISBN-13: 978-3-257-23537-1

Das geschieht:

Der Planet Mars ist eine kalte, trockene, sterbende Welt, deren verzweifelte, intelligente und skrupellose Bewohner nach einer neuen Heimat Ausschau halten. Sie entscheiden sich für die Erde und setzen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zur Invasion an. Mit gewaltigen Kanonen schießen sie Kampfschiffe durch das All. Nach der Landung setzen die Marsianer kirchturmhohe, dreibeinige Kampfmaschinen ein, die Todesstrahlen und Giftgasgranaten abfeuern.

Auch in der englischen Grafschaft Surrey beginnt der Eroberungszug. Völlig überrumpelt sind die Menschen, die den Invasoren militärisch ohnehin nichts entgegensetzen können. Mit unerhörter Grausamkeit gehen die Marsianer gegen die Bevölkerung vor. Planmäßig vernichten sie, was ihnen gefährlich werden könnte, eiskalt morden sie die entsetzten Menschen. Unaufhaltsam dringen sie vor, erreichen London. Sechs Millionen Städter fliehen in heller Panik gen Norden. Jegliche Gegenwehr ist zwecklos, jeder Zusammenhalt geht verloren. Die Menschen denken nur mehr an sich selbst.

Das Schlimmste kommt erst noch: Nachdem die Marsianer allen Widerstand gebrochen haben, beginnen sie sich häuslich niederzulassen und die Erdoberfläche nach dem Vorbild ihres Heimatplaneten umzugestalten. Vor allem enthüllen sie nunmehr die Art ihrer Ernährung, was erklärt, wieso sie auf die endgültige Ausrottung der Menschheit verzichtet haben …

Ein Weltenkrieg der zeitlos spannenden Art

Mit Literaturklassikern ist das so eine Sache: Sie gelten oft als solche, so lange sie ungelesen im Bücherschrank stehen. Die eigentliche Lektüre sorgt dann nicht selten für Irritation und Ablehnung. So könnte es den jüngeren Lesern mit einem Buch ergehen, das aus dem Jahre 1897 stammt, als man an Unterhaltung andere Ansprüche stellte als über ein Jahrhundert später.

“Der Krieg der Welten” ist ganz sicher kein ‘Pageturner’, der eine Actionszene an die nächste reiht. Romantisches bleibt gänzlich ausgeklammert. Die Geschichte ist spannend, aber sie ist es auf ihre ganz eigene Weise. Erzählt wird sie in einem nüchternen, ja trockenen Tonfall: H. G. Wells verleiht seinem “Krieg” absichtsvoll einen dokumentarischen Charakter. Wie ein Journalist, der er tatsächlich war, beschreibt er die Invasion der Marsianer, die er stellvertretend einige Zeugen erleben lässt. Im späten 19. Jahrhundert war dies eine durchaus verbreitete literarische Form. Durch Sachlichkeit sollte der Schrecken den Leser noch nachhaltiger treffen.

Ein angenehmer, von Verfasser Wells wohl gar nicht beabsichtigter Nebeneffekt: Die Sachlichkeit bewahrte seine Geschichte vor dem Altern. Pathetisch und lächerlich kommt uns so mancher zeitgenössische Roman dagegen heute vor. “Krieg der Welten” hat seine Lesbarkeit bewahren können, zumal Wells ein Erzähler ist, der seinen Job ausgezeichnet versteht. Höchst geschickt baut er die Spannung auf, lässt die Marsianer lange im Verborgenen wirken, konzentriert sich auf das Wüten der Dreifüße, das dadurch umso rätselhafter wirkt. Auch die Schilderung von London als Stadt in apokalyptischer Auflösung ist eindrucksvoll.

So konsequent wie die Marsianer ihre menschlichen Opfer jagen, treibt Wells seine Leser vor sich her. Wo sich ein Hindernis auftut, wechselt er den Blickwinkel und betrachtet das Geschehen aus anderer Perspektive. Nur wenige Jahre nach Erfindung des Kinos wirkt “Krieg der Welten” bereits ‘filmisch’. Das Ende ist aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Keine finale Schlacht treibt die Marslinge zurück auf ihren Planeten. Höchst moralisch, d. h. selbst verschuldet trifft sie die Strafe. Dies mag irritieren, aber es ist eine gelungene Auflösung des Geschehens. Ein Sieg über die Marsianer in letzter Sekunde hätte unrealistisch gewirkt.

Menschen, ihrer Zivilisation entkleidet

Die betonte Sachlichkeit des “Kriegs der Welten” wird durch die Figurenzeichnung unterstrichen. Der Ich-Erzähler ist namenlos. Über die Invasion von London berichtet sein Bruder; auch er bleibt anonym. Die Menschen, die beide auf der Flucht treffen, werden in der Regel nur durch ihre Berufsbezeichnungen identifiziert: der Artillerist, der Kurat, der Kapitän. Als Individuen sind sie für Wells nicht wichtig. Sie repräsentieren einen Querschnitt durch die Bevölkerung und stellen exemplarisch bestimmte Reaktionen und Verhalten dar: Erschrecken, Resignation, Wahnsinn, Überforderung, Kampfgeist usw. Der Leser soll sich keineswegs mit ihnen identifizieren, Anteil an ihren Schicksalen nehmen, sich ablenken lassen. Wells fordert den Blick auf die Gemeinschaft, die in der Krise beängstigend rasch ihre Menschlichkeit verliert. Von der hehren britischen Nation mit der steifen Unterlippe bleibt kaum etwas übrig im “Krieg der Welten”. Diesen Schockeffekt will Wells erzielen.

Die Marsianer stellt Wells per se als Gruppe ohne persönliche Züge dar. Das macht sie austauschbar und lässt sie besonders unheimlich wirken: Ein Marsianer kann den anderen ersetzen, ohne dass dies Einfluss auf den beharrlichen Eroberungszug hat. Lange verweigert uns der Verfasser den genauen Blick auf diesen Feind; ein geschickter Schachzug, der die Spannung steigen lässt. Als Wells uns seine Marsleute dann vorstellt, zeigt er sich erschreckend einfallsreich. Für uns Jetztmenschen mit langer Science-Fiction-Erfahrung mag dies nicht gleich zu erkennen sein. Viele Außerirdische in mannigfachen Gestalten haben die Erde inzwischen bedroht. Doch Wells war auch hier Pionier. Er hat sich viel Mühe gegeben. Wissenschaftliche Präzision war ihm wichtig. So wirken die Marsleute auf der Erde schwerfällig, buchstäblich niedergedrückt und bewegen sich ohne ihre Maschinen langsam, denn sie sind die niedrige Schwerkraft ihres Heimatplaneten gewöhnt.

Menschen & Marsianer, Menschen = Marsianer?

Aber die wahre Bombe lässt Wells platzen, als er die Marsianer als mögliche ‘Zwillinge’ einer zukünftigen Menschheit deutet: “Es scheint mir ganz glaubwürdig, dass die Marsianer von Wesen abstammen mögen, die uns nicht unähnlich waren, und zwar durch die allmähliche Weiterentwicklung ihrer Gehirnteile und Hände – auf Kosten des übrigen Körpers.” Die Konsequenz: “Ohne den Leib musste das Gehirn selbstverständlich ein bei weitem selbstsüchtigerer Geist werden als mit dieser Grundlage menschlichen Gefühls.” Hier greift Wells direkt Charles Darwins Evolutionstheorie auf. Das Grauen erreicht dadurch den Höhepunkt, denn nach dieser Deutung sind die Marsianer nicht nur Invasoren, sondern auch Kannibalen, die ihre unterentwickelten (“inferioren”) Vorfahren austilgen, aber keine Mörder: Sie sind, wie sie sind und deshalb nicht ‘schuldig’. Zudem gibt es keine Garantie dafür, dass die Menschen selbst nicht eine ähnliche Entwicklung nehmen wird. (Eine ‘negative’ Evolution schilderte Wells 1895 in “Die Zeitmaschine”, als er die Menschheit der Zukunft in die ätherischen “Eloi” und die degenerierten “Morlocks” aufspaltet.)

Geschichte(n) hinter dem Roman

1898 schrieb H. G. Wells mit dem “Krieg der Welten” den ersten Roman über eine außerirdische Invasion und wurde damit (neben Jules Verne) zum Vater der Science Fiction. So kann man es immer noch allzu oft lesen, obwohl beide Aussagen relativiert werden mussten. Schon 1880 beschrieb Percy Greg (1836-1898) in “Across the Zodiac” (dt. “Jenseits des Zodiacus. Bericht einer Reise nach dem Mars”) einen Raumflug zum Mars; 1897 ließ der deutsche Schriftsteller Kurd Lasswitz (1848-1910) in “Zwischen den Planeten” recht freundliche und oberlehrerhafte Marsianer die Erde besuchen.

Das Thema “Mars” lag offenbar in der Luft B und tatsächlich stand der Planet 1894 im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, denn er kam der Erde während seines Sonnenumlaufs wesentlich näher als sonst. Das geschieht zwar selten aber regelmäßig, doch zum ersten Mal hatten Technik und Astronomie einen Stand erreicht, der direkte Beobachtungen des fremden Planeten und eine sachkundige Auswertung ermöglichte. Nachdem Giovanni Schiaparelli im Sommer 1877 per Teleskop “canali” auf dem Mars entdeckt zu haben glaubte, spähte man umso erwartungsvoller in den Sternenhimmel. Zwar sprach Schiaparelli eigentlich nur von “Rinnen” oder “Gräben”, aber vor allem die des Italienischen unkundige Presse übersetzte “canali” mit “Kanäle” – und damit galt die Existenz intelligenten Lebens auf dem Mars als ‘bewiesen’.

Marskrieg als Spiegelwelt der irdischen Gegenwart

Konnte man die Bewohner des roten Planeten kontaktieren? Würden sie auf die Erde kommen? Würden sie friedlich sein? Diese Fragen wurden heiß diskutiert. Der junge Journalist und Schriftsteller Herbert George Wells beantwortete sie auf seine Weise. Er interessierte sich ebenfalls für den Mars und seine möglichen Bewohner, die er indes vor allem als exotische Figuren begriff, mit deren Hilfe sich sehr irdische Probleme literarisch verbrämen und unterhaltsam präsentieren ließen. Letzteres ist in allen Zeitaltern eine grundsätzliche Notwendigkeit für Männer und Frauen, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Feder verdienen. Ersteres wurde wichtig, weil Wells Kritik am herrschenden System seines Landes üben wollte, was zu seiner Zeit nicht nur ungern gesehen sondern vor allem juristisch geahndet werden und gesellschaftliche Ächtung nach sich ziehen konnte. Vorsicht war also geboten.

Wells war ein Mann mit klarem Blick für die sozialen und politischen Probleme seiner Epoche und ihrer möglichen Folgen. Er schrieb “The War of the Worlds” als “scientific romance”. (Was übrigens nicht mit “wissenschaftlicher Romanze” zu übersetzen ist, sondern mit “Abenteuergeschichte jenseits momentan möglicher wissenschaftlicher Erklärungen”.) Es ging ihm um nicht weniger als seine Sicht auf die gegenwärtige und zukünftige Menschheitsgeschichte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte die nie gekannte oder erwartete Dimensionen erreichende Industrialisierung klar, dass die alten, zum Teil noch frühneuzeitlich geprägten Gesellschaftsmodelle ausgedient hatten. Die neue Zeit erforderte neue Menschen. Nur diese konnten überleben: Wells machte sich Charles Darwins noch junge Evolutionslehre zu Eigen. Der ‘alte’ Mensch war unterlegen und würde untergehen. Die Marsianer zeigt Wells als Stärkere. Sie haben ihre Herausforderungen gemeistert. Nun können sie den Weltraum durchmessen und die schwachen Menschen mit Hightech-Waffen nach Belieben ausrotten.

Kolonie Erde statt Kolonialmacht Großbritannien?

So könnte es auch den Briten ergehen, warnte Wells. Noch herrschten sie über ein Empire, das den größten Teil der bekannten Welt umfasste. Doch längst rührten sich die imperialistischen Konkurrenten. Das neue Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. verlangte nach seinem “Platz an der Sonne” und rüstete in beängstigendem Tempo auf. Die Kanonen von Krupp und die Dreifüße der Marsianer weisen bedrohliche Ähnlichkeiten auf. In Südafrika stand der Ausbruch des blutigen Burenkrieges (1899-1902) bevor. Auch an anderen Stellen rumorte es im Empire. Schon lange vor Ausbruch des I. Weltkriegs begann Wells zu ahnen, dass mit der Zeitalter der Naturwissenschaften und Technik auch ein Zeitalter der Massenvernichtungswaffen anbrechen konnte. Der erste Giftgaskrieg lag noch fast zwei Jahrzehnte in der Zukunft, als er die Marsianer mit “black smoke” gegen die Menschheit vorgehen ließ. (Die “heat rays” dagegen verdanken ihren Einsatz wohl der Erfindung der Röntgenstrahlen = “x-rays” im Jahre 1895.)

“Krieg der Welten” ist auch als Anklage der britischen Kolonialmacht zu deuten, welche über die ‘unzivilisierten’ Völker der Erde kam wie die Marsianer-Streitmacht über die angelsächsische Welt. Der Verfasser nennt die Dinge beim Namen: “Die Tasmanier wurden trotz ihrer Menschenähnlichkeit in einem von europäischen Einwanderern geführten Vernichtungskrieg binnen fünfzig Jahren völlig ausgerottet. Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?”

Hochmut kommt vor dem Fall

Andererseits ist (imperialistische) Stärke wichtig, denn nur der Starke kann sich verteidigen, kann kommandieren und hat das Recht dazu, wenn er weise über seine potenziell gefährlichen Mitmenschen herrscht: “Der intellektuelle Teil der Menschheit gibt bereits zu, dass das Leben ein unaufhörlicher Kampf ums Dasein ist …” Wobei man nie nachlässig werden darf. Die Marsianer verfügen zwar über die militärische Vorherrschaft. Doch sie haben ihre Invasion schlecht geplant. Die unsichtbare Gefahr der irdischen Mikroben blieb unbemerkt, was sich rächt: Die prinzipiell unbesiegbaren Eroberer rotten sich quasi selbst aus.

Auch das hat seine Parallelen in der Menschheitsgeschichte. So manche überlegene Streitkraft der Vergangenheit ist dank mangelhafter Planung und Organisation oder durch Seuchen in den eigenen Reihen dezimiert worden. Auch das könne nach Wells den Briten zustoßen, wenn sie allzu dünkelhaft darauf verzichteten, ihr Gesellschaftssystem auf allen Ebenen weiterzuentwickeln. Nicht umsonst erwähnt er den Zeitenwechsel: Die Marsianer greifen die Erde auf der Schwelle zum 20. Jahrhunderts an. Das neue Säkulum bietet einer denkenden Menschheit die Chance zur Ausräumung ihrer Probleme. Wehe, sie nutzen diese nicht; die Evolution wird sie vom Erdboden tilgen!

Anmerkungen

Das ist ein langer Beitrag geworden, der freilich dem Werk wohl angemessen ist. Verzichtet wird auf eine Biografie von H. G. Wells. Angesichts der Leichtigkeit, mit der sich Lebensbeschreibungen und Werksschauen im Internet finden lassen, wäre dies auch eine überflüssige Arbeit, die klügere Köpfe bereits erledigt haben. Hier findet sich auch ein Link auf die Website der “H. G. Wells Society”.

Der Rezensent möchte übrigens keinesfalls behaupten, die weiter oben geäußerten Weisheiten seien allein auf seinem geistigen Mist gewachsen. Es gibt unzählige Meinungen und Deutungen zum “Krieg der Welten”, wobei die Betrachtungsweise im Verlauf von mehr als einhundert Jahren interessante Veränderungen und Wechsel erfuhr, auf die einzugehen hier nicht der geeignet Ort ist. Hinweisen möchte ich den, der sich eingehender informieren möchte, auf drei deutschsprachige, schon ein wenig ältere aber immer noch informative und lesenswerte Titel:

- Helga Abret/Lucian Boia, Das Jahrhundert der Marsianer (München : Wilhelm Heyne Verlag 1984; Bibliothek der Science Fiction Literatur Nr. 32)
- Brian W. Aldiss: Der große General im Traumland – H. G. Wells (in: Der Milliarden-Jahre-Traum, Bergisch-Gladbach 1987, S. 148-169).
- Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke, Marsfieber (München : Droemer Verlag 2003).

[md]

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Tage der Finsternis

Erstellt von Werner Karl am 28. Dezember 2009

tage-der-finsternisRainer M. Schröder
Tage der Finsternis

Arena Verlag, Würzburg, 10/2009,
HC, Jugendbuch 06264, Krimi, Mystery
ISBN 9783401062044

Titelgestaltung von Frauke Schneider
Extra: Bonus-CD mit Auszügen aus der „Himmeroder Thomasvesper“, Laufzeit: ca. 16 Min.

www.arena-verlag.de
www.rainermschroeder.com

Zur geistigen und seelischen Entspannung zieht sich der viel beschäftigte Jugendbuchautor Rainer M. Schröder seit siebzehn Jahren immer wieder einmal in die Zisterzienserabtei Himmerod zurück, um dort neue Kraft und Ideen für weitere Werke zu sammeln. Schon einmal hat er sie zum Schauplatz einer Geschichte gemacht, in „Das Geheimnis der weißen Mönche“. Und nun inspirierte ihn der letzte Besuch zu einer weiteren Geschichte, in der er die Realität des Klosterlebens mit einem düsteren Geheimnis verknüpft. Ein weltlicher Ermittler kommt inkognito in die Zisterzienser-Abtei, um verdeckt zu erforschen, warum bereits einige Mönche Selbstmord begangen haben und der Altarraum geschändet wurde. Als Bruder Thomasius wird er in die Gemeinschaft aufgenommen; nur der Abt und sein Prior wissen Bescheid. Zunächst fällt es dem Mann sehr schwer, sich an die Regeln und Gebräuche zu gewöhnen, sie verstehen zu lernen und sich selbst nicht viel zu Schulden kommen zu lassen, um nicht aufzufliegen.

Als Erstes lernt er die Mönche kennen und versucht herauszufinden, ob einer von ihnen Gründe hat, seinen Mitbrüdern zu schaden. Doch dann geschieht eine weitere Schändung, ein Mönch stirbt, und andere reden von einem Schattenmann, den sie gesehen haben wollen. Bei Recherchen in der Klosterbibliothek entdeckt der Ermittler dann auch noch Spuren, die in die Vergangenheit weisen. Doch kann es wirklich sein, dass ein uralter Fluch auf der Abtei lastet, die vor mehr als vier Jahrhunderten von einem Mitbruder auf sie herab beschworen wurde? Nach und nach verdichten sich die Vermutungen, und der junge Ermittler, der inzwischen große Ehrfurcht vor der Lebensweise und dem tiefen Glauben der Zisterzienser hat, fasst einen folgenschweren Entschluss.

Man mag sich zuerst an „Der Name der Rose“ erinnert fühlen, der die Krimimalromane im klösterlichen Umfeld einer breiten Masse zur Kenntnis gebracht hat, aber dieser Eindruck schwindet schon auf den ersten Seiten. Tatsächlich geht es Rainer M. Schröder nicht um philosophische Geheimnisse, vielmehr möchte er seinen jungen Lesern das Leben hinter Klostermauern näher bringen. Warum lassen sich erwachsene Männer darauf ein, weltlichen Freuden und Genüssen zu entsagen, uralten Klosterregeln zu folgen, die in modernen Augen fast schon irritierend lächerlich wirken mögen, aber auf sehr einfache Weise ausdrücken, worum es eigentlich im Glauben geht?

Das alles bindet er in eine spannende Mystery-Handlung ein, die man zwar als erwachsener Leser schnell durchschaut, die Lektüre aber dennoch durch die stimmige und lebensnahe Atmosphäre genießen kann, die bis zum konsequenten Schluss aufrecht erhalten wird. Wer seine Lesung mit passender Musik genießen möchte, kann auch die beigefügte Bonus-CD mit Auszügen aus der „Himmeroder Thomasvesper“ auflegen. Alles in allem ist „Tage der Finsternis“ vielleicht kein spektakuläres Werk, zeichnet sich aber durch seine stimmige Atmosphäre und den respektvollen Umgang mit dem Glauben aus, den man in heutigen Büchern nur noch selten findet. (3xPRT)

Christel Scheja (CS)

Titel bei Amazon.de:
Tage der Finsternis

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
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Die Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Niels Schotola
2.Reinhard Witzel
3.Robert Heindl
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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Diana auf allen Wegen

Erstellt von Werner Karl am 27. Dezember 2009

diana-auf-allen-wegenEmil F. Pohl
Diana auf allen Wegen

Verlag J. Neumann-Neudamm, Melsungen, 1/2007
HC, Belletristik, Erinnerungen, Waidwerk
ISBN 9783788811099
Titelbild und Fotos aus dem Archiv des Autors

www.neumann-neudamm.de

Verklärt durch viele Heimatfilme und einige wenige Dokumentationen ist das Bild, das sich viele Menschen von Jägern machen, nicht unbedingt immer richtig. Deshalb sind Erfahrungs- und Erlebnisberichte aus der Feder von Autoren, die selbst beruflich oder aus passionierter Leidenschaft auf die Jagd gegangen sind, besonders interessant, da sie deren Wahrnehmung ungefiltert beschreiben. Das ist auch bei Emil F. Pohls „Diana auf allen Wegen“ der Fall. Der Jäger erzählt von seinen Sternstunden während der Jagd, wozu nicht nur die Erlegung kapitaler Böcke gehört sondern noch viel mehr. Vor über fünfzig Jahren wurde er als junger Soldat von dem Anblick einer Diana-Statue so berührt, dass er sie nie vergessen konnte und das Bild ihn über viele Jahre Jagdleidenschaft begleitet hat.

Das Fieber endgültig geweckt wurde in ihm in den Pyrenäen. In einer abgelegenen Region wurde er von den Einheimischen nicht nur in deren Lebensart sondern auch in die Leidenschaft für die Hatz und Erlegung von Beute eingeführt. Das begründete eine ganze Reihe von Jagdreisen, die ihn in die Wachau führten nach Ungarn und an andere fast unberührte Landschaften Ost- und Mitteleuropas. Dabei beschreibt er nicht nur den Verlauf der Jagd, beginnend mit der Suche nach dem Wild und dem stundenlangen Auflauern, sondern geht auch auf die Landschaft und die Menschen ein, schildert seine ganz persönlichen Eindrücke und Erfahrungen, garniert das Ganze gelegentlich mit einer Anekdote und wird dann wieder ernst, wenn es zum entscheidenden Moment kommt.

All dass ist sehr persönlich und lebendig umgesetzt, auch wenn der Autor insgesamt sehr sachlich und nüchtern bleibt. Man merkt, dass er einer Generation entstammt, in der Gefühle – wenn sie überhaupt eine Rolle spielen durften – nur distanziert zur Sprache kamen, der Ablauf und die Methodik viel wichtiger waren als die Stimmung, die in ihm beim Anblick eines Nebel verhangenen Sees oder eines im Sonnenlicht badenden Waldes aufkam. Wie selbstverständlich benutzt er auch viele Fachbegriffe, die den meisten Laien eher verschlossen sind. So ist klar, dass er in erster Linie als Jäger für andere Jäger schreibt und nicht darüber nachdenkt, ob auch Laien Interesse an dem Buch haben könnten. Aus diesem Grund bleibt manches auch den Lesern, die nicht selbst schon einmal auf der Pirsch waren, fremd.

Daher ist „Diana auf allen Wegen“ in erster Linie für Jäger interessant, nicht aber für diejenigen, die ein wenig mehr von den Gefühlen verstehen möchten, die einen Waidmann bewegen, aus nicht beruflichen Gründen auf die Jagd zu gehen.

Christel Scheja (CS)

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Diana auf allen Wegen

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Drood

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Dezember 2009

simmons-drood-coverDan Simmons
Drood

Originaltitel: Drood: A Novel (New York : Little, Brown & Co. 2009)
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
Übersetzung: Friedrich Mader
976 S.
ISBN-13: 978-3-453-26598-1

Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1865 überlebt Charles Dickens, der nicht nur in seiner englischen Heimat berühmte Schriftsteller, ein schreckliches Eisenbahnunglück. Während er den zahlreichen Verletzten zu helfen versucht, entdeckt er eine bizarre Gestalt, die sich an den Opfern zu schaffen macht: Dies ist Dickens’ erste Begegnung mit dem mysteriösen Drood, der ihn in den nächsten fünf Jahren – die letzten seines Lebens – immer wieder peinigen wird.

Nur seinen engsten Vertrauten zieht Dickens ins Vertrauen. Der kränkliche und opiumsüchtige Wilkie Collins, ebenfalls ein erfolgreicher Autor, mag an die Existenz von Drood lange nicht glauben, bis ihn ein ehemaliger Polizist eines Besseren belehrt. Inspector Field ist in Ungnade gefallen, nachdem Drood praktisch unter seinen Augen einen Edelmann ermordete. Besessen verfolgt Field den Schurken seit Jahren, um sich zu rehabilitieren und Drood stoppen zu können, der unter dem Pflaster von London ein Reich des Schreckens etabliert hat: In ehemaligen Steinbrüchen und Grabgewölben hausen die Ausgestoßenen und Verdammten der großen Stadt, die zum Sklaven eines Mannes wurden, der als intimer Kenner altägyptischer Riten sogar den Toten befehlen kann.

Als Collins seinem Freund Dickens helfen will, gerät er ebenfalls in Droods Gewalt. Verzweifelt versucht Collins zu entkommen, doch Drood und seine Schergen lauern überall. Systematisch werden jene ermordet, die ihnen in die Quere kommen. Nur Dickens eilt von Erfolg zu Erfolg, was in Collins die Frage aufkommen lässt, ob ihn sein Freund womöglich verraten und an Drood verkauft hat. Als Dickens ahnt, dass Collins ihn verdächtigt, beginnen beide Männer ein heimliches Katz-und-Maus-Spiel, das nur einer überleben wird – oder keiner, falls Drood es so will …

Ein Autor zwischen allen Stühlen?

Wie bespricht man einen so umfangreichen und mit Handlung nicht geizenden Roman? Schon die leserübliche Eingangsfrage lässt sich kaum beantworten: Welchem Genre lässt sich “Drood” zuordnen? Dan Simmons entzieht sich ihr mit bemerkenswerter Energie. Er will – immerhin das wird bald deutlich – primär eine unterhaltsame Geschichte erzählen. Die Kategorisierung überlässt er denen, die ohne Schubladen nicht leben (oder lesen) können. Der Versuch wird dennoch unternommen: “Drood” ist Historien-Roman, (doppelte) Autoren-Biografie, Liebesgeschichte, Horror, Krimi und Abenteuer, wobei die Grenzen verschwimmen und die Genre-Anteile sich in ständig wechselnder Intensität mischen. (Man könnte das alles auch unter dem hilfreichen Nonsense-Begriff “Belletristik” subsumieren …)

Die Unberechenbarkeit der daraus resultierenden Geschichte irritiert. Einerseits ist das vom Verfasser, der sein Publikum in die Irre führen möchte, durchaus gewollt, andererseits ist es aber auch die unschöne Folge einer Story, die sich offensichtlich selbstständig gemacht hat. Deutlich wird jedenfalls, was Simmons nicht schreiben wollte: eine weitere Gruselgeschichte in viktorianischer Kulisse, in der Drood das geniale Scheusal gibt, das letztlich doch sein Schicksal ereilt. Folgerichtig bleibt die Identität von Drood ebenso unklar wie das Ende von Dickens’ letztem Roman, was in weiterer Konsequenz eine der zahlreichen literarischen Spielereien ist, die Simmons sich und seinen Lesern gönnt.

Eindeutig lässt “Drood” einen roten Faden vermissen. Knapp 1000 Seiten ist dieses Buch stark; die Geschichte benötigt so viel Papier objektiv nicht. Darin spiegelt Simmons freilich die zeitgenössische Literaturwelt wider: Dickens und Collins schrieben in einer Zeit ohne die Attraktionen und Ablenkungen des 21. Jahrhunderts. Jene Menschen, die sich Freizeit leisten konnten, lasen – konzentriert und ausgiebig. 1000 Seiten “Drood” hätten 1865 kein Aufsehen erregte; Romane waren oft zwei- oder dreibändig. Mäandrierende Handlungen waren kein Manko, sondern wurden in den Lektüre- und Verständnisprozess integriert.

Ein Drood als Schnittmenge zweier ‘Freundschaften’

Das hat sich geändert. Auf den Punkt soll ein Autor heute kommen. In dieser Hinsicht wird “Drood” vielfach zur harten Geduldsprobe. Viel hat sich Simmons vorgenommen – zu viel womöglich, denn Vielschichtigkeit ist kein literarisches Qualitätsmerkmal, wenn nur der Verfasser weiß, worauf er eigentlich hinauswill. Falls “Drood” primär die Geschichte einer von Neid und Konkurrenzdenken überlagerten Freundschaft ist, deren Scheitern sich in der Manifestation eines Dämons namens Drood ausdrückt, geht dies in der Unzahl der Handlungsstränge unter.

Benötigt “Drood” überhaupt ein phantastisches Element? Diese Frage stellte sich schon, als Simmons sein monumentales Epos “Terror” (2007) mit einem Polar-Monster anreicherte, obwohl die Geschichte auch ohne den so erzeugten Horror glänzend funktionierte. Offenbar möchte sich Simmons ein Hintertürchen offenhalten und jene Leser nicht verlieren, die ihn als Verfasser ausgezeichneter Science und Weird Fiction kennen und schätzen. Unerquicklicherweise wirken die damit einhergehenden Effekte in “Drood” aufgesetzt.

Dabei ist die Geschichte der ‘Freundschaft’ zwischen Charles Dickens und Wilkie Collins spannend wie ein Krimi. Simmons hat ausgiebig recherchiert und zwei Männer zu nicht nur literarischem Leben erweckt. Stimmen alle Details? Das ist nebensächlich, denn viel wichtiger ist die Geschichte, die Simmons daraus formt. Sowohl Dickens als auch Collins sind Getriebene und Besessene, die schon vor dem Erscheinen Droods einander belauern. Collins, der Jüngere, will den charismatischen Älteren aus dem Olymp vertreiben, um selbst seine Stelle einzunehmen. Er hungert nicht nur nach Ruhm, sondern ersehnt auch den gesellschaftlichen Aufstieg, wie er Dickens gelang.

Der ist sich seiner Gipfelstellung nicht nur bewusst, sondern auch keinesfalls bereit, sie zu räumen. Dickens durchschaut Collins, denn er ist nicht nur der bessere Autor, sondern durchaus durchtrieben. Wie man sich in der Öffentlichkeit ins rechte Licht setzt, versteht er besser als Collins. Dass er Dickens niemals das Wasser reichen konnte und was er als Freund ungeachtet dessen an ihm hatte, begreift Collins viel zu spät.

Wie Kater umkreisen der Alte und der Junge sich. Viktorianische Höflichkeit betont die Härte ihres Duells noch, das über unzählige Runden geht, unfaire Methoden wie den Einsatz von Hypnose einschließt und die Kontrahenten körperlich wie geistig zermürbt. Ganz selten fallen die Masken, und purer Hass bricht sich Bahn. Angesichts dieser realen Unbarmherzigkeit wirkt Drood wie ein Geisterbahn-Bösewicht.

Gleichzeitig spornen sich Dickens und Collins zu literarischen Höchstleistungen an. So erzählt “Drood” auch von der Geburt des modernen Kriminalromans, der beiden Autoren wichtige Entwicklungsimpulse verdankt. Wie die Psyche das menschliche Handeln bestimmt, spielte Collins noch vorsichtig aber schon überzeugend in “The Moonstone” (1868; dt. “Der Monddiamant”) durch. Dickens griff dies 1870 in seinem letzten Roman (s. u.) auf. “Drood” wiederum macht (in Romanform) deutlich, wie sich die beiden Männer in die gefährlichen Untiefen der menschlichen Seele vortasten – und dort verlieren.

Die Vergangenheit nimmt Gestalt an

“Drood” ist ein Roman, dessen Verfasser sehr viele Seiten dem Versuch widmet, seinen Lesern die Welt des 19. Jahrhunderts näherzubringen. Das geschieht zwar auf Kosten einer stringenten Story, aber Simmons handelt generell richtig. Obwohl die viktorianische Ära von Dickens & Collins kaum 150 Jahre zurückliegt, käme sich ein Mensch der Gegenwart im London der Jahre 1865 bis 1870 wie ein Außerirdischer vor.

Die Erkenntnis dessen, was diese Fremdartigkeit ausmacht, ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Simmons’ nicht nur inhaltlich seltsamen Geschichte. Im 21. Jahrhundert ist die allgegenwärtige Präsenz mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen alltäglich geworden. Deshalb ist es beispielsweise schwierig nachzuempfinden, wie berühmt Charles Dickens wirklich war – nicht nur ein genialer Erzähler, sondern auch begnadet im Vortrag seiner Werke; ein Superstar seiner Zeit, der sein Publikum ohne Verstärker oder digitale Effekte, sondern nur mit der Kraft seiner Stimme zu fesseln und hysterische Ausbrüche zu erzeugen vermochte.

Wie dies gelingen konnte, vermag Dan Simmons überzeugend deutlich zu machen. ‘Sein’ Charles Dickens ist kein fehlerfreier aber ein faszinierender Mann und in seinem Metier der unnachahmliche Meister. Deshalb bedeutete sein Tod am 9. Juni 1870 einen doppelten Verlust: das Ende eines nicht von Verlagen und Medien gehypten, sondern von seinen Lesern gekürten Bestsellerautoren, der sein letztes Werk unvollendet lassen musste.

Ein Geheimnis fasziniert die lesende Welt

Am 1. April 1870 erschien die erste Lieferung des Romans “The Mystery of Edwin Drood”, der wie seinerzeit üblich zunächst in Fortsetzungen erschien. Für den März 1871 war der zwölfte und letzte Teil angekündigt. Da “The Mystery …” eine Kriminalgeschichte erzählte, würde dieses Finale gleichzeitig die Auflösung eines Mordfalles bieten, dessen Autor alle seine beträchtlichen Register zog, um die Spannung zu schüren. Doch Dickens, der noch schrieb, während “The Mystery …” bereits erschien und den Lieferungen dabei nie weit voraus war, starb über den Fahnen des sechsten Teils, der im September 1870 postum erschien. Notizen über den Ausgang der Geschichte hinterließ Dickens nicht.

Womöglich wurde “The Mystery …” gerade auf diese tragische Weise unsterblich: Dickens musste nie unter Beweis stellen, ob die Auflösung seinem Rätsel genügte. Stattdessen hinterließ er ein an offenen Fragen und Rätseln reiches Fragment, an dessen Interpretation, Entschlüsselung oder Vollendung sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, aber auch und erst recht unzählige Hobby-Kriminologen versuchten.

Simmons verknüpft das Drood-Rätsel geschickt mit einem Unglück, dem Charles Dickens am 9. Juni 1865 nur knapp mit dem Leben entkam: Er saß in dem Zug, der nahe Staplehurst in der englischen Grafschaft Kent auf einem Eisenbahnviadukt entgleiste. Zehn Fahrgäste starben, vierzig wurden zum Teil schwer verletzt. Dickens wurde von den Bildern dieses Unglücks verfolgt. Für “Drood” knüpfte Simmons hier an. In diesem Zusammenhang war es außerdem hilfreich, dass Dickens mysterygerecht auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Unfall starb.

Solche realen Ereignisse werden vom Verfasser entweder aufgegriffen, aber auch chiffriert und verfremdet. Zusammen mit unzähligen Anspielungen, die den Roman zur Freude literaturhistorischer “nitpicker” durchziehen, machen sie “Drood” zum Selbstbedienungsladen, in dem jeder Leser finden kann, was ihm gefällt. Das ist die positive Deutung, denn “Drood” ist auch ein mit Überraschungen allzu prall gefüllter Koffer, dessen Inhalt dem Leser beim Öffnen um die Ohren fliegt. Der Rezensent kann und mag hier kein abschließendes Urteil treffen, sondern beschränkt sich auf die (persönliche) Feststellung, dass sich selten ein Buch mit 1000 Seiten auch ohne roten Faden so flüssig und spannend lesen ließ wie “Drood”.

Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Peoria, Illinois, geboren. Er studierte Englisch und wurde 1971 Lehrer; diesen Beruf übte er 18 Jahre aus. In diesem Rahmen leitete er eine Schreibschule; noch heute ist er gern gesehener Gastdozent auf einschlägigen Workshops für Jugendliche und Erwachsene.

Als Schriftsteller ist Simmons seit 1982 tätig. Fünf Jahre später wurde er vom Amateur zum Profi – und zum zuverlässigen Lieferanten unterhaltsamer Pageturner. Simmons ist vielseitig, lässt sich in keine Schublade stecken, versucht sich immer wieder in neuen Genres, gewinnt dem Bekannten ungewöhnliche Seiten ab.

Über Leben und Werk von Dan Simmons informiert die schön gestaltete Website.

[md]

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Runenzeit – Im Feuer der Chauken

Erstellt von Werner Karl am 26. Dezember 2009

im-feuer-der-chaukenMark Bredemeyer
Runenzeit – Im Feuer der Chauken
Runenzeit-Saga 1

Zaria Prophetia Verlag, Bremen, 8/2009
TB, Fantasy, Geschichte, Romance
ISBN 9783941511040
Titelgestaltung von Kristina Gehrmann
Karten von Mark Bredemeyer
Autorenfoto von Jan Michael Pauls

www.zaria-prophetia.com
www.runenzeit.de
www.mondhase.de
www.elfwoood.com/~maidith
www.kunstnet.de/herzknochen/
www.epilogue.net/cgi/database/art/list.pl?gallery=5060

Der Student Leon Hollerbeck hat wenig Ahnung von all den Möglichkeiten, die das Computerzeitalter bietet. Als ihm zwei Kommilitonen Satellitenfotos von dem Grundstück, das er von einem verschollenen Onkel geerbt hat, zeigen und Spuren zu erkennen sind, die darauf hinweisen, das es dort in früherer Zeit bereits Bauwerke, Grabhügel oder ähnliches gegeben hat, ist er Feuer und Flamme. Noch am selben Tag beginnt er, an der bezeichneten Stelle zu graben: Ob dort ein Schatz liegt? Tatsächlich findet Leon einige kostbare Artefakte, um die er sich aber nicht länger kümmern kann, da er Besuch von seiner Freundin Julia bekommt. Als durch ein Versehen einige der Stücke ins Kaminfeuer fallen, beginnt das Unheil: Ein Feuersturm bricht los, und Leon verliert das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kommt, befindet er sich mitten in der Wildnis und weiß nicht, wie er aus dem Haus hinaus gelangte. Auf der Suche nach dem Heimweg oder einem Menschen, der ihm die Richtung weisen kann, gerät Leon an eine Gruppe Berittener in seltsamen Gewändern, deren Sprache er nicht versteht. Dass es sich keineswegs um Rollenspieler handelt, wird ihm klar, als sie ihn gefangen nehmen. Mit viel Glück kann er entkommen und wird von einem Schmied aufgenommen. Dieser lehrt ihn die Sprache und vieles mehr. Und nun endlich erfährt Leon, was ihm zugestoßen ist: Ein Zauber versetzte ihn rund 2000 Jahre in die Vergangenheit, in eine Zeit, als die letzten freien Germanenstämme den römischen Besatzern erbitterten Widerstand leisteten. Gewehrschüsse verraten ihm, dass er nicht der Einzige ist, den dieses Schicksal ereilt hat. Aber wer von den Zeitreisenden ist der erhoffte Retter, der den Stämmen zum Sieg verhelfen soll? Die Überraschungen sind für Leon, der sich nun Witandi nennt, noch immer nicht zu Ende. Er kann kaum glauben, wen er unverhofft wieder sieht. Nicht nur soll er sich entscheiden, auf wessen Seite er künftig kämpfen wird, auch zwei Frauen wünschen sich seine Liebe: die Chaukin Frilike und Julia, die ebenfalls durch das Portal gezogen wurde und seither viel durchgemacht hat…

Schon an der Ausstattung des Buchs merkt man, dass sich Mark Bredemeyer im Vorfeld intensiv mit dem Thema seines Erstlingswerks befasst und akribisch Informationen über die Ära um Christi Geburt, die Römer, die Langobarden und die Chauken zusammengetragen hat. Eingangs findet man zwei Karten, ferner Auszüge aus der „Edda“ und am Ende des Bandes ein sortiertes Verzeichnis von Personennamen und Begriffen mit Erläuterungen. Die belegten Daten lieferten den Rahmen, den der Autor mit Spekulationen und viel Phantasie ausfüllte. Dabei greift er auf Motive zurück, die man z. B. aus den Romanen Mark Twains und Diana Gabaldons kennt – die Zeitreise eines Menschen aus der Gegenwart in eine längst vergangene Ära, auf die er durch seine Kenntnisse Einfluss nimmt und/oder in der er sein Glück findet. Zudem bindet der Autor bekannte Funde und Fakten ein, die in jüngster Zeit bereits erfolgreich in anderen Büchern thematisiert wurden wie die Himmelsscheibe von „Nebra“ von Thomas Thiemeier und das Volk der Chauken in Uschi Flackes „Die Nacht des römischen Adlers“.

Von daher ist die Geschichte nicht wirklich neu, aber sie beschäftigt sich mit einem Hintergrund, der noch nicht ganz so ausgelaugt ist wie der „Avalon“- oder der „Highlander“-Mythos. Über die Logik, wenn Zeitreisen ins Spiel kommen, sollte man sich lieber keine Gedanken machen, denn die Fragen, ob man die Vergangenheit nachträglich verändern kann oder warum es keine Hinweise auf Anachronismen gibt, wurden vielfach diskutiert, ohne dass befriedigende Lösungen zu finden waren. Aus der Perspektive seines Protagonisten Leon Hollerbeck schildert Mark Bredemeyer die Ereignisse und wechselt konsequent in die dritte Person, wenn ein anderer Schauplatz eine der weiteren Hauptfiguren in den Mittelpunkt rückt.

Nachvollziehbar beschreibt er die Begeisterung Leons bei der Schatzsuche, sein Entsetzen, als der Feuersturm ihn erfasst, die Sorge um Julia und seinen Hund, die Verwirrung, bis er die neue Situation zu akzeptieren beginnt, seine Verlegenheit, wenn er aus Unkenntnis in Fettnäpfchen tritt, die romantischen Gefühle für Frilike, die Ängste, als es zu Kampfhandlungen kommt. Stetig wird Leon weiter entwickelt, denn er lernt die Sprache seiner Gastgeber, die harte Arbeit in der Schmiede verbessert seine Kondition, Lektionen im Gebrauch von Waffen versetzen ihn in die Lage, sich zu verteidigen, seinen Kenntnissen verdankt er schließlich einen Platz im Lager der Chauken und den Namen Witandi. Bei seinen Unternehmungen hat er auch immer eine gute Portion Glück, anders als Julia, die erfahren muss, wie wenig wert eine Frau in diesem barbarischen, von Männern dominierten Zeitalter ist. Sie muss Schlimmes erdulden, bis sich ein Hoffnungsschimmer für sie abzeichnet, und dann erwartet sie schon die nächste bittere Enttäuschung.

Richtig sympathisch sind die Charaktere nicht, was eigentlich nur an ein paar Kleinigkeiten liegt. Beispielsweise fühlt sich Leon bei seiner Schatzsuche von Julia gestört und empfindet ihre Beziehung als zu eng, was ihn aber nicht davon abhält, die Gelegenheit zu nutzen und mit ihr ins Bett zu springen. Die Studentin ist dann auch sehr schnell vergessen, kaum dass Frilike, die einem anderen versprochen ist, Leons Pfad kreuzt und ihm schöne Augen macht. Dass Julia aufgebracht ist, als sie davon erfährt, kaum dass sie einander gefunden haben, ist verständlich, doch der Autor lässt sie genauso zickig erscheinen wie Frilikes eifersüchtige Schwester.

Auch wundert man sich, wie lange Leon und Julia brauchen, bis sie herausfinden, dass sie durch die Zeit gereist sind. Für von der Zivilisation ‚verweichlichte’ Gegenwartsmenschen behaupten sie sich überaus gut, werden nicht krank, vertragen das ungewohnte Essen und die schwere Arbeit, passen sich an und erlernen geschwind das Notwendige – Leon, dank glücklicher Umstände und dem Vorteil, ein Mann zu sein, schneller als Julia (die nach der Vergewaltigung länger kränkelt). Das ist schon viel zu schön, um wahr zu sein. Reichliches Augenmerk wird der Kultur der Chauken gewidmet, in etwas geringerem Umfang auch der der Römer und Langobarden. Mit Interesse liest man die Beschreibungen des täglichen Lebens dieser Völker, das man zusammen mit Leon kennen lernt. Seit er die Gegenwart hinter sich ließ, ist das Buch eher ein Historical als ein Fantasy, denn die Magie glimmt nur noch, um vielleicht bei Bedarf zu einem neuen Feuer entfacht zu werden. Hin und wieder geraten Leon und jene, die ihm nahe stehen, in große Gefahr. In solchen Momenten kommt endlich auch etwas Spannung auf. Ein bisschen mehr Action und Überraschungsmoment hätte der Handlung durchaus gut getan, da sie nur langsam voran kommt und manche Entwicklung vorhersehbar ist.

Mindestens ein weiterer Teil, der die vielen offenen Fragen beantworten wird, soll folgen. Bis dahin darf man spekulieren, zumal der Prolog auch so manchen Fingerzeig liefert. Mark Bredemeyer schreibt flüssig und routiniert, man folgt seiner Erzählung gern. Einem Publikum, das traditionelle Historicals mit etwas Fantasy mag, bietet er genau das, was es erwartet: ein farbenfrohes, detailliert ausgearbeitetes Setting, vertraute Motive, nachvollziehbare Archetypen, die das Beste aus ihrer Situation machen, nicht zu viel Kampf und Tragödie, etwas Romantik, aber keinen expliziten Sex. Liebt man die Romane von Wolfgang Hohlbein, Markus Heitz, Monika Felten oder Kai Meyer, dann wird man vielleicht auch der „Runenzeit-Saga“ eine Chance geben wollen.

Irene Salzmann (IS)

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Runenzeit – Im Feuer der Chauken

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