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Archiv für Dezember, 2009

Der Wald des Vergessens

Erstellt von Michael Drewniok am 25. Dezember 2009

hill-wald-cover-tb-2010Reginald Hill
Der Wald des Vergessens

Originaltitel: The Wood Beyond (London : HarperCollinsPublishers 1996)
Übersetzung: Xenia Osthelder
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Februar 2005 (Europa Verlag)
480 S.
ISBN-13: 978-3-203-78010-8
Als Taschenbuch: Januar 2010 (Knaur Taschenbuchverlag/TB Nr. 62756)
608 S.
ISBN-13: 978-3-426-62756-3

Das geschieht:

Detective Superintendent (dieses Mal in der Übersetzung seltsamerweise & falsch als “Kommissar” betitelt) Andrew Dalziel, “der dicke Andy” (auch “das Ekelpaket”, “der fette Bastard” usw.) genannt, absolutistischer Herr der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire, muss zu seinem Ärger kurzfristig auf seinen besten Ermittler und Freund Peter Pascoe verzichten. Dem ist seine streitbare Oma Ada gestorben, um deren Bestattung und Nachlass er sich nun zu kümmern hat. Dabei fällt ihm aus einem Geheimfach des großmütterlichen Sekretärs ein altes Foto in die Hände. Es zeigt seinen Urgroßvater, der während des Ersten Weltkriegs in einer der vielen Schlachten bei Ypern 1917 gefallen ist.

Peter wird neugierig. Über ihren Vater hatte Ada nie reden wollen. Stattdessen stellte sie einen lebenslangen Hass auf alles Militärische zur Schau. Weil ihn das schlechte Gewissen plagt – mit der Großmutter hatte er sich vor Jahren zerstritten -, stellt er Nachforschungen über seinen Vorfahren an. Aus Interesse wird rasch Besessenheit, denn Peter stellt fest, dass ein düsteres Geheimnis das gar nicht so offizielle Ende des alten Soldaten umgibt.

In Mid Yorkshire lauert freilich schon Dalziel auf seine Rückkehr. Militante Tierschützer haben ein versteckt im Wald gelegenes Pharmalabor überfallen. Es misslang ihnen durch den Sperrgürtel ins Innere vorzudringen. Stattdessen fanden sie in einem Schlammloch ein menschliches Skelett. Dies lag dort wohl schon länger als das Labor existiert. Trotzdem ist Dalziel misstrauisch. Ihn irritiert der enorme Sicherheitsaufwand, der hier getrieben wird. Der Laborleiter ist auffallend nervös. Unter dem paramilitärisch gedrillten Wachpersonal erkennt Dalziel alte Bekannte, die manches Gefängnisjahr abgebrummt haben. Was geht also wirklich vor hinter diesen vorzüglich abgeschirmten Mauern – und hat Dalziels neue Liebe, die anarchistische Cap Marvell, etwas damit zu tun …?

Die schmutzigen Details des “Großen Kriegs”

Die Lektüre eines Dalziel/Pascoe-Romans von Reginald Hill bereitet dem vergnügten Leser jedes Mal eine Überraschung: Was hat sich der Verfasser nun wieder einfallen lassen, um sein Publikum zu unterhalten? Es gibt D/P-Krimis à la Agatha Christie, Politthriller, Noir-Parodien, Geister treten auf … Hills Fantasie sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Mit Genre-Elementen treibt er sein intelligentes Spiel. Puristen mögen ihm das übel nehmen. Wagemutige Leser dagegen schätzen es, immer wieder intelligent aufs Glatteis geführt zu werden – hier mit einem Historien-Drama; einem halben jedenfalls, denn Hill vergisst auch jene nicht, die einen ‘richtigen’ Mordfall gelöst sehen möchten (um stattdessen doch wieder aufs Kreuz gelegt zu werden).

Der Erste Weltkrieg, den man in England immer noch den “Großen” nennt, steht in der Reihe der nationalen Triumphe und Tragödien immer noch ganz oben, obwohl der zeitlich nähere Kampf gegen Nazideutschland manchmal die Erinnerung an die unmenschlichen Schützengrabenschlachten zwischen 1914 und 1918 verdeckt, denen 750.000 Engländer zum Opfer fielen.

Der Triumph bestand daran, dass Großbritannien 1918 zu den Siegernationen gehörte. Auf diese Seite wird vor allem von offizieller Seite gern und oft aufmerksam gemacht. Von der Tragödie spricht man dagegen weniger gern: Tatsache ist, dass dieser Sieg nicht wegen, sondern trotz militärischer Befehlshaber errungen wurde, die ihre Soldaten unzureichend ausgerüstet in völlig sinnlose Kämpfe schickten, wo sie nicht selten täglich zu Zehntausenden umkamen. Erst recht nur ansatzweise thematisiert wird das Schicksal von Kämpfern, die zwar überlebten, durch das erlebte Grauen in den Kraterlöchern und Schützengräben jedoch buchstäblich verrückt wurden. Sie verdarben das glanzvolle Siegesbild, denn manchmal taten sie das Undenkbare: Statt für das Vaterland in einem namenlosen Schlammloch zu verrecken, ergriffen sie die Flucht. Die Konsequenz: der Tod durch ein Hinrichtungskommando, das aus den eigenen Kameraden bestand. Es brauchte keinen Feind, um vom Krieg verschlungen zu werden. Diese bittere Lektion ist es, die Peter Pascoe lernen muss, der auf seiner Zeitreise seine schwierige Familiengeschichte bewältigt und erleidet.

Die Dalziel-Dampfwalze rollt

Wem das zu schwermütig klingt, sei auf die Eskapaden des fidelen Falstaff-Kriminologen Andy Dalziel hingewiesen. Als Polizist dieses Mal kaum gedämpft von seinem Partner Pascoe, läuft er zu ganz großer Form auf. Wie ein Tornado fällt er über Freund und Feind, über Verdächtige, Kollegen und ignorante Amtsträger gleichermaßen her. Kein bisschen lässt er sich durch die ungeschriebenen Regeln des Establishments beeindrucken: Hilfst du mir, dann geb’ ich dir – und Maul gehalten vor dem dummen Pöbel!

Nichtsdestotrotz kennt Dalziel sich aus im Gefüge der Macht. Er ist seinen Gegnern stets einen Schritt voraus und verwirrt sie mit unerwarteten Schachzügen. So dröselt er den rätselhaften Todesfall am Großlabor denn auch von hinten auf und schlägt bei den Ermittlungen erstaunliche Hasenhaken. Natürlich löst er den Fall – aber der Leser darf sich an einer wendungsreichen Jagd erfreuen.

Fröhliches Mäandern ist ohnehin ein Markenzeichen der Dalziel/Pascoe-Romane. Viele Krimileser der alten Schule (Untat – Ermittlung – Überführung – Sühne) ärgern sich über die Abschweifungen, die den Verfasser manchmal den roten Faden aus den Augen verlieren lassen. Reginald Hill hält sich nicht daran. Wieso auch, ergänzt er den klassisch strengen Handlungsablauf doch durch unterhaltsame Episoden, die zudem eine Chronik von Mid-Yorkshire erkennen lassen, die über nun schon viele Bände fortgesetzt wird. Und Vorsicht: Es kann durchaus sein, dass eine scheinbare Nebensache an anderer Stelle oder gar in einem späteren Roman wieder aufgegriffen wird. Insofern ist es doppelt schade, dass die D/P-Serie in Deutschland völlig planlos erscheint.

Nebenbei streut Hill, der Literaturkenner, wieder reichlich Zitate aus alten, halb oder ganz vergessenen Buch- oder Theaterklassikern ein. Man muss sie nicht zur Kenntnis nehmen. Sie bieten ein zusätzliches (intellektuelles) Vergnügen, denn sie kommentieren das Geschehen und geben versteckte Hinweise auf den Fortgang der Handlung. Dem Roman folgt ein Glossar, das jene Anspielungen auflöst, welche die Übersetzung nicht überstanden – Hill ist ein Meister des Wortspiels – oder zu schade zum Überlesen sind; ein hübscher Einfall.

Duo auf teilweise getrennten Pfaden

Mehr Raum als sonst räumt Reginald Hill wie schon gesagt dem unvergleichlichen Dalziel ein. Normalerweise dosiert er dessen Auftritte klug, so dass man sich freut ihn wirken und wüten zu sehen. Peter Pascoe und – auf seine eigene, stille Weise – Sergeant Wield puffern seine Ein-Mann-Feldzüge normalerweise ab. Wir lesen außerdem oft nur indirekt über Dalziels Eskapaden, die von ehrfürchtigen Kollegen, Freunden und den vom Dalziel-Blitz Getroffenen im Stile von Heiligenlegenden erzählt werden. So nutzt sich die Figur nicht ab und kann ihre Einzigartigkeit sichern.

Dieses Mal stellt Verfasser Hill seinen Helden vor eine sogar für ihn schwere Herausforderung: Dalziel verliebt sich. Das ist für einen Mann seines Charakters eine ernste Sache, zumal die Angebetete erstens ebenfalls über einen veritablen Dickkopf verfügt und zweitens als Verdächtige in mindestens einem Mordfall gilt, was den auf Freiersfüßen wandelnden (oder besser stampfenden) Dalziel zu einem aberwitzigen Eiertanz zwischen Balz- und Ermittlungsspielchen zwingt.

Peter Pascoe ist der zögerliche oder besser nachdenkliche Part des dynamischen Duos. Nur zu oft muss Dalziel darauf achten, dass aus Denken nicht Grübeln wird. Pascoe neigt dazu die Welt sehr schwer zu nehmen. Ihm geht das Talent seines Vorgesetzten und Freundes ab, Unerfreuliches an sich abtropfen zu lassen wie eine Ente das Wasser. Die Suche nach dem getilgten Urgroßvater ist ein Beispiel für Pascoes Engagement sowie sein Talent sich in eine Sache zu verrennen. Dazu kommt seine liberale Ader, die ihm manchen inneren Konflikt beschert. Pascoe ist nicht zufrieden mit dem System, das allzu viele Schlupflöcher für schlaue Strolche mit guten Beziehungen bietet, während mancher arme Tropf auf der Strecke bleibt. Forciert wird dieser Konflikt durch Peters Gattin Ellen, eine nur mühsam zu mäßigende Radikale, die um der guten Sache gern bereit ist öffentlichen Ärger zu beschwören, was der Karriere ihres Ehemanns verständlicherweise nicht gerade förderlich ist.

Auf Umwegen direkt ins Leserhirn

Dieses Mal geht es also gegen die Pharmaindustrie bzw. ein Labor, in dem Präparate an Tieren getestet werden. Ein militantes ‘Rettungskommando’ Mid-Yorkshirer Aktivistenfrauen begibt sich auf einen nächtlichen Einsatz. Was mit den befreiten Kreaturen geschehen soll, die in der freien Natur schneller umkommen würden als im besagten Labor – darüber haben sie sich keine Gedanken gemacht. Das ist auch unwichtig, denn es geht primär um “die Sache”: Hier macht sich Hills ironischer Witz besonders deutlich bemerkbar.

Den Dalziel/Pascoe-Romanen fehlt der seifenoperliche Grundton, der pseudodramatisch-kitschige Beziehungsdramen aus einem schwierigen Polizisten-Leben in den Kriminalplot zwingen will. Hill kann ernst, nachdenklich, traurig werden. Er stülpt dies der Handlung jedoch nicht über oder lässt es diese gar überwuchern. (Man lese nur einen Elizabeth-George-Thriller aus jüngerer Zeit, dann ist sogleich klar, was gemeint ist.)

Lässt Hill also den nötigen Ernst vermissen? Wer legt eigentlich fest, dass nur ein “ernster” Krimi ein “guter” Krimi ist? Genau diese Haltung räumt zumindest hierzulande einem Henning Mankell immer das Primat vor einem Reginald Hill, einem Ian Rankin, einem Carl Hiaasen ein, die wichtige Themen und kluge Gedanken mit Witz präsentieren. Das ist ausgesprochen ungerecht sowie falsch, und das scheint auch dem deutschen Publikum klar geworden zu sein, sodass sich die Lücken zwischen den übersetzten Bänden allmählich schließen.

Verfasser

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im Nordosten Englands geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Cumbria, wo Reginald seine gesamte Kindheit verbrachte. Später studierte er an der University of Oxford und arbeitete bis 1980 als Lehrer in Yorkshire, wo er auch seine beliebte Reihe um die beiden ungleichen Polizisten Andrew Dalziel und Peter Pascoe ansiedelte.

Deren Abenteuer stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller ist fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst – längst nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science Fiction. Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell. Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau der Hill-Geschichten. Das schlägt sich u. a. in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für “Bones and Silence” zeichnete die “Crime Writers’ Association” Hill mit dem begehrten “Gold Dagger Award” für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte der “Diamond Dagger” für seine Verdienste um das Genre. Reginald Hill lebt mit seiner Frau Pat in Cumbria.

[md] (5xPRT)

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Katze unter Bären

Erstellt von Werner Karl am 25. Dezember 2009

katze-unter-barenArous Brocken
Katze unter Bären
Classic BattleTech 11, Bear-Zyklus 1

Fantasy Productions, Erkrath, 10/2006
TB 31018, Science Fiction
ISBN 9783890644905
Titel- und Innenillustrationen von Sven Papenbrock

www.fanpro.de
www.swen-papenbrock.de

George ist ein Freigeborener MechKrieger-Anwärter, der zum Clan der Novakatzen gehört. Bei einem Positionstest trifft er nicht, wie geplant, auf Gegner aus seinem Clan sondern auf Banditen. Diese vernichten alle Anwärter. Nur wegen seines außergewöhnlichen Geschicks überlebt George als einziger MechKrieger diesen Hinterhalt. So wird er zu den Aufklärern geschickt. Dort trifft er auf einen übermächtigen Gegner aus dem BearClan. Weil er diesen gegen alle Wahrscheinlichkeiten vernichtet, wird er von seinen Rettern aus dem BearClan aufgefordert, ein Leibeigener zu werden. Diesem Vorschlag zuzustimmen, wird nicht als ehrlos gewertet, sondern kommt einem Ritterschlag gleich.

Wegen seines Muts und seiner überragenden Fähigkeiten gewinnt er schnell das Vertrauen der Geisterbären und wird schon nach kurzer Zeit zum elitären 371. Sturmsternenhaufen abkommandiert. Dieser bricht in die innere Sphäre auf, um Banditen zu jagen. Wird George auch aus diesem Gefecht siegreich hervorgehen – oder hat auch ein Held seine Grenzen? Das „BattleTech“-Universum erzählt die Geschichte von verschiedenen Kriegern der Clans. Bei diesen zählt ein Leben so gut wie nichts. Es kommt nur auf Ehre, Mut und absoluten Gehorsam an.

Wer gut genug ist, dem gebührt die Ehre, dass seine Gene in den Genpool aufgenommen werden, woraus irgendwann der perfekte Krieger geklont wird. Durch natürliche Geburt gezeugte Menschen sind in dieser Welt Menschen zweiter Klasse. Daher müssen sich diese Freigeborenen auch mehr beweisen als wahr geborene Krieger. Diese werden künstlich gezeugt und in Brutkästen ausgebrütet, bis sie diese verlassen können.

Wer Kriegsgeschehen mag, ist bei diesen Büchern gut aufgehoben. Es geht um die üblichen Kriegsrituale und um den Krieg selbst. Der Frieden ist für die Krieger die einzige große Bedrohung, denn wie soll man sich sonst beweisen und seinem Clan Ehre machen? Eine moderne Variante der Samurai-Geschichten wird hier weit hinaus in die Zukunft verlegt. Die Bücher des „BattleTech“-Universums ergänzen das gleichnamige Rollenspiel, so dass sich einige Anregungen und Ideen daraus entwickeln lassen. Diese Bücher sind für Frauen und Männer, die gute Kriegsgeschichten in Zukunftsform lieben, ein absolutes Highlight. Wer nicht ganz so Technik begeistert ist, wird hier trotzdem auf seine Kosten kommen.

Petra Weddehage (PW)

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Sternenschatten

Erstellt von Werner Karl am 24. Dezember 2009

sternenschattenSergej Lukianenko
Sternenschatten (2 von 2)

Zvezdnaya Ten, Russland, 1998
Heyne Verlag, München, dt. Erstausgabe: 7/2009
TB, Science Fiction 52553
ISBN 9783453525535
Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann
Titelillustration von Dirk Schulz

www.randomhouse.de/heyne/
www.lukianenko.ru/rus/
www.lukianenko.ru/eng/
www.indigo-online.de

Mit „Sternenschatten“ liegt die Fortsetzung von „Sternenspiel“ (Heyne TB 52411) vor. In „Sternenspiel“ nahm der Shuttlepilot Pjotr Chrumow an der Verschwörung gegen die ‚Konklave’ teil, um die Menschheit und andere Spezies aus der Abhängigkeit der ‚Starken Rassen’ zu befreien. Die Krieger-Rasse der Konklave, die Alari, war auf ein Raumschiff der Geometer gestoßen, die den Menschen gleichen und aufgrund ihrer technischen Überlegenheit ein Gegengewicht zur Konklave bilden könnten. Pjotr Chrumow stößt mit einer falschen Identität zum Heimatplaneten der Geometer vor. Er lernt dort nicht nur ihre Gesellschaft kennen, die gewisse totalitäre Züge trägt, sondern muss auch feststellen, dass die Geometer vor einer noch stärkeren Macht geflohen sind: dem Schatten.

In „Sternenschatten“ kehrt Pjotr zu dem Alari-Geschwader und später zur Erde zurück. Er bringt das Raumschiff der Geometer, mit dem er von ihrer Heimatwelt geflohen ist, wieder in seine Gewalt und bricht mit diversen Begleitern zu dem einzigen Planeten des Schattens auf, der den Geometern bekannt ist. Nach einer Odyssee über mehrere Welten vermag Pjotr Chrumow das Geheimnis des Schattens zu lüften. Wie seine Begleiter sieht Pjotr die Rettung der Erde vor der drohenden Vernichtung durch die Konklave nur in ihrem Eintritt in den Schatten, entschließt sich jedoch, den Heimatplaneten der Geometer aufzusuchen.

„Sternenspiel“ war, abgesehen von der Grundidee, der Rolle der Menschheit als galaktische Fuhrleute innerhalb der Konklave (aufgrund der einzigartigen Antriebstechnik ihrer Raumschiffe, aber nur bezüglich der Überlichtgeschwindigkeit), ein konventioneller Roman. Wer in der Maske eines Geometers ihren Heimatplaneten aufsuchte, war für erfahrene Leser schnell erkennbar, und wegen eines Symbionten war Pjotr Chrumow dort nicht in Gefahr. In „Sternenschatten“ gelingt dem Autor jedoch eine überraschende Wendung: Der Schatten ist keine organisierte Struktur, sondern geradezu anarchistisch und stellt damit einen Alptraum für die Geometer dar – und für die Menschen eine Fluchtmöglichkeit vor der Konklave. Der Autor greift dafür auf ein Sujet zurück, das er auch in zahlreichen anderen SF- und (vermeintlichen oder tatsächlichen) Fantasy-Romanen verwendete, auf Tore zwischen den Welten.

In „Spektrum“ (Heyne TB 52233) sucht der Privatdetektiv Martin Dugin auf diversen Welten, die sich durch Transfertore erreichen lassen, nach einer verschwundenen Frau; in „Weltengänger“ (Heyne TB 52349) und „Weltenträumer“ (Heyne TB 52460) wird Kirill Maximow zu einem ‚Funktional’ gemacht, das zwischen den Welten des Multiversums wechseln kann. Der Autor variiert das Weltentore-Prinzip also lediglich; in „Spektrum“ war es noch am reizvollsten, da der Protagonist vor jedem Transfer den Bewachern der Stationen, den Schließern, eine Geschichte erzählen musste, bevor er sie passieren durfte.

Spätestens nach dem Erscheinen von „Sternenspiel“ und „Sternenschatten“ ist festzustellen, dass das Repertoire Sergej Lukianenkos jenseits seiner „Wächter“-Romane („Wächter der Nacht“ [Heyne TB 53080], „Wächter des Tages“ [Heyne TB 53200], „Wächter des Zwielichts“ [Heyne TB 53198] und „Wächter der Ewigkeit“ [Heyne TB 52255]) offensichtlich sehr eingeschränkt ist. In konventioneller Taschenbuchform wären diese u. a. Romane vielleicht noch zu akzeptieren, aber als voluminöse, teure Paperbacks, wie Heyne sie publiziert?! Ab „Sternenspiel“ und „Sternenschatten“ nicht mehr!

Armin Möhle (armö)

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Sternenschatten (2 von 2)

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Colorado Kid

Erstellt von Michael Drewniok am 23. Dezember 2009

king-colorado-kid-cover-2009Stephen King
Colorado Kid


Originaltitel: The Colorado Kid (New York : Mass Market Paperback 2005)
Übersetzung: Andrea Fischer
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2005 (Ullstein Verlag/TB Nr. 26378)
159 S.
ISBN-13: 978-3-548-26378-6
Neuauflage: Mai 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43396)
176 S.
ISBN-13: 978-3-453-43396-0
Als e-Book: Oktober 2009 (PeP-Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-03284-5

Das geschieht:

Moose-Lookit ist eine kleine Insel vor der Küste des US-Staates Maine. Die wenigen Bewohner leben vom Sommertourismus, ansonsten bleibt man unter sich. Über die Ereignisse des Insellebens informiert seit einem halben Jahrhundert der „Weekly Islander“, der vom neunzigjährigen Vince Teague und seinem Partner Dave Bowie herausgegeben wird. In diesem Sommer gesellt sich ihnen die 22-jährige Praktikantin Stephanie McCann hinzu. Die junge Frau kommt gut mit den beiden alten Männern klar und zeigt als Journalistin echtes Talent.

Eines Tages hört Stephanie vom „Colorado Kid“. Als sie neugierig nachfragt, erzählen ihr Teague und Bowie vom größten ungelösten Rätsel ihrer langen Laufbahn. 25 Jahre zuvor hatte man am Strand die gut gekleidete Leiche eines unbekannten Mannes gefunden, der offenbar an einem Stück Steakfleisch erstickt war. Er trug keine Papiere bei sich, es gab keine Anzeichen für ein Verbrechen. Die Nachforschungen der Polizei blieben erfolglos, die Leiche ohne Identität, bis mehr als ein Jahr später zufällig Name und Herkunft des Mannes entdeckt wurden: Von seinem Arbeitsplatz im US-Staat Colorado war der Zeichner James Cogan eines Tages plötzlich verschwunden, hatte seine Familie verlassen und war auf unbekannte Weise und in Rekordzeit nach Maine gereist, wo er am Strand von Moose-Lookit gestorben war.

Oder hatte man ihn ermordet? Die Indizien ließen sich in dieser Richtung deuten, aber bestätigen konnten Teague und Bowie diesen Verdacht nie. Ein Vierteljahrhundert später diskutieren sie den Fall Cogan mit Stephanie McCann und ordnen die Fakten neu, um der Kollegin eine wertvolle Lektion über den Journalistenberuf zu erteilen …

king-colorado-kid-cover-brcNicht jede Ausgrabung fördert Gutes zutage

Seltsame Ideen sind keine seltene Erscheinung auf dem modernen Buchmarkt, gilt es doch ein Medium lukrativ zu halten, das im digitalen Zeitalter ein wenig altmodisch geworden ist. Immer gern gedrückt wird die Nostalgie-Taste, denn früher war bekanntlich alles besser, auch der Kriminalroman. In unserem Fall soll die Erinnerung an die Pulps der 1940er und 50er Jahre geweckt werden: billig hergestellte, mit grellen Umschlägen versehene Krimireißer voller Sex & Gewalt, die oft von den Großen des Genres in Rekordzeit in die Tasten (damals noch von Schreibmaschinen) gehauen wurden. Nicht selten verbargen sich in diesem Ghetto des Schrillen und Brutalen echte Klassiker, denen die Eile gut bekam, die ihre Verfasser an den Tag legen mussten in einer Zeit, als nur Cents pro Wort gezahlt wurden.

Die Pulp-Tradition wurde 2004 in der US-Reihe „Hard Case Crime“ wiederbelebt. Mehr oder weniger bekannte Autoren schreiben neue Thriller der alten Art, die mit Titelbildern im plakativen Stil versehen und als Taschenbücher preisgünstig auf den Markt geworden werden. Auch Stephen King, der stets bestrebt ist, Marktnischen auszuloten, ließ sich anheuern. Mit „The Colorado Kid“ steuerte er im Oktober 2005 den 13. Band zur Serie bei.

Abergläubische Zeitgenossen könnten darauf hinweisen, dass dieses Experiment aufgrund der Unglückszahl scheitern musste. Das wäre freilich auch die Antwort eines verzweifelten King-Fans, für den der Meister einfach nichts falsch machen kann. Aber er kann, und er hat es hier eindrucksvoll – und glücklicherweise seitenschwach – unter Beweis gestellt.

Vom Rätsel über das Indiz zur Lösung

„Colorado Kid“ wird von King nicht als „hard boiled thriller“ angelegt, sondern ist eher ein philosophischer Exkurs über das Wesen des (journalistisch aufbereiteten) Rätsels. Drei Menschen unterhalten sich über einen Vorfall, der sich vor langer Zeit ereignete und ungeklärt blieb. Wie in einem ‚richtigen‘ Krimi werden Tatort, Indizien und Verdächtige präsentiert. Doch eine Auflösung bleibt aus. Wie so oft im realen Leben gibt es zu wenige Fakten, um das Puzzle zu vervollständigen. Stephanie McCann hat begriffen, was ihre Mentoren sie eigentlich lehren wollten: Ein Rätsel ohne Zugang ergibt keine Geschichte, sondern schafft nur Verdruss und sollte deshalb ungeschrieben bleiben.

Zu Kings Pech trifft Teagues & Bowies Lehrsatz auf auch „Colorado Kid“ voll und ganz zu. Selten ziehen sich knapp 180 großzügig bedruckte Seiten so in die Länge wie hier. Man kann und mag nicht glauben, dass wirklich Stephen King dieses Stückchen Nicht-Unterhaltung zu Papier gebracht hat. Er legt „Colorado Kid“ wie einen seiner epischen Romane an. Zwei Drittel des Buches sind bereits gelesen, und wir befinden uns immer noch in der Einleitung, dem durchaus gelungenen Stimmungsbild einer von der Zeit ein wenig vergessenen Maine-Insel und ihrer angenehm kauzigen Bewohner. Erst dann scheint King einzufallen, dass er ja eine Geschichte zu erzählen hat, nur dass da wie gesagt keine Geschichte ist. Diesen Widerspruch spannend aufzulösen ist ihm gänzlich misslungen.

Aus Figuren werden Menschen

Auf der anderen Seite ist „Colorado Kid“ keineswegs schlecht geschrieben. King, der geborene Geschichtenerzähler, der sich erfolgreich auch jenseits der Phantastik tummelt, hat nach wie vor ein Schreibhändchen für Figuren, die vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen. Das ist eine echte Gabe, zumal sich die Handlung in diesem Büchlein auf ein Gespräch zwischen drei Personen beschränkt. Was sich ereignet hat, wird nur erzählt, und das nicht am Stück. Immer wieder unterbrechen Dialoge die Rückblenden ins Jahr 1980, dazu kommen Sprünge, wie sie für eine Unterhaltung typisch sind.

Dennoch ist King die schwierige Aufgabe gelungen, zwischen zwei alten Männern und einer jungen Frau eine besondere, von anzüglichen Untertönen völlig freie Beziehung zu schaffen. Hier diskutieren drei Profis, die sich miteinander wohl fühlen. Als ‚vierte Person‘ tritt Moose-Lookit dazu, die kleine Insel, die auf jene, die für ihr Flair anfällig sind, eine eigenartige Anziehungskraft ausübt. James Cogan musste, Stephanie McCann darf es erfahren, denn im Verlauf der Geschichte schält sich allmählich heraus, dass sie auf Moose-Lockit bleiben und als Journalistin arbeiten wird.

Solche literarischen Kabinettstückchen reichen unterm Strich aber nicht aus. „Colorado Kid“ bleibt eine langweilige, überflüssige Angelegenheit. Der Name Stephen King ist es, der dieses Büchlein verkauft. Dessen Preis ist niedrig aber für das Gebotene trotzdem zu hoch, „Colorado Kid“ weniger eine Weihnachtsüberraschung als ein Windei, das sich nur der King-Komplettist ins Nest legen lassen sollte.

Autor

Eine Biografie des Stephen King kann ich mir an dieser Stelle sparen. Über den Verfasser unzähliger Bestseller der Unterhaltungsliteratur informieren ausführlich und zum Teil vorbildlich viele, viele Websites, zu denen selbstverständlich auch des Meisters eigene gehört.

[md]

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Aufstand der Toten

Erstellt von Werner Karl am 23. Dezember 2009

aufstand-der-totenDirk van den Boom, Martin Kay, Irene Salzmann
Aufstand der Toten
Rettungskreuzer Ikarus Sammelband 4
(10: Aufstand der Toten/11: Die Erleuchteten/12: Verschollen im Nexoversum)

(sfbentry)
Atlantis Verlag, Stolberg, 8/200
PB, Science Fiction
ISBN 9783941258082
Titelillustration von Klaus G. Schimanski

www.atlantis-verlag.de
www.rettungskreuzer-ikarus.de
www.sf-boom.de/blog/
http://martinkay.spaces.live.com/
www.sam-smiley.net/

Die Ikarus ist im Seer´Tak-System eingetroffen, um herauszufinden, warum so viele Menschen aus Seer´Tak City spurlos verschwinden. Captain Sentenza vom Rettungskreuzer Ikarus und Jason Knight, Besitzer der Celestine, sind sich endlich einmal einig. Prinz Joran hat den Bogen endgültig überspannt. Er ließ Shilla, die Partnerin von Jason und Sonia DiMerci, in die Sentenza schon lange verliebt ist, entführen. Der irre Prinz gibt Sentenza die Schuld daran, dass sein vorher angenehmes Äußeres zerstört wurde. Da er eine Implantat-Unverträglichkeit hat, ähnelt sein Spiegelbild nun sehr seinen inneren Werten. Während er Sonia und Shilla aufs brutalste foltert, leiden Sentenza und Knight Höllenqualen. Sie setzten alles daran, ihre Gefährtinnen zu befreien.

Dabei hilft ihnen ein Kirchenschiff. Das neue Besatzungsmitglied, eine Grey namens An´ta, entwickelt sich nach einem aufklärenden ‚vier Augen Gespräch’ mit Sentenza zu einem hoch motiviertem Mitglied der Ikarus. Auch eine freie Mitarbeiterin der Schwarzen Flamme, einer Söldnerorganisation, die den Ruf hat, immer ihre Aufträge erfolgreich zu erledigen, schließt sich ihnen an. Auch diese Gruppe möchte Prinz Jorans Kopf. Dieser tötet seinen Verbündeten Hammet in einem seiner Wutanfälle und zerstört damit das schon lange existierende Gleichgewicht in der Unterwelt von Seer´Tak City. Sofort beginnen die großen und kleinen Gangster der Stadt, die Ressourcen untereinander aufzuteilen.

Joran bleibt nur die Flucht. Der Wissenschaftler Botero, ein Mann ohne Skrupel der seine Forschungen über alles stellt, begleitet ihn. Sie haben einen geschäftlichen Vertrag mit den geheimnisvollen Wesen der Hierarchie, die im Nexoversum leben. Diese planen eine Invasion auf die freien Menschen mit Individualwissen. Dabei spielt die Ringsonnen-Anomalie im Seer´Tak-System eine große Rolle. Sie soll zu einem Tor werden, um die Kriegsschiffe der Hierarchie schneller in die andere Galaxis zu bringen. Doch auch auf dieser Seite der Galaxis gibt es Gegner der Hierarchie. Der Beobachter Lear verfolgt seit Äonen das Schicksal der Milchstraße und fungiert auch als Wächter. Nun sieht er die herannahende Gefahr und versucht, alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Bedrohung abzuwenden oder wenigstens hinauszuzögern. Doch seine schwindenden Ressourcen lassen ihm kaum Zeit, alles zu veranlassen. So sucht er nun selber nach Verbündeten, die ihm helfen, die Bedrohung aufzuhalten. Sein besonderes Interesse erwecken dabei die Ikarus und die Wesen, deren Schicksalsfäden sich mit dem Rettungskreuzer verbunden haben.

Wieder einmal beweisen die Autoren, was in ihnen steckt. Der Rettungskreuzer Ikarus jagt von einem Abenteuer zum nächsten und es kann keine Langeweile aufkommen. Die einzelnen Figuren erscheinen einem immer lebendiger, je mehr man über sie erfährt. Diese Geschichten sind für alle wahren SF-Fans ein absolutes Muss. Für alle Leser von 8 – 80 Jahre und darüber hinaus sind diese Storys absolut einzigartig.

Petra Weddehage (PW)

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Aufstand der Toten

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B.U.A.P. Tödliches Terrain

Erstellt von Thomas Hofmann am 23. Dezember 2009

image-0021Mike Mignola, John Arcudi, Guy Davis
B.U.A.P. – Band 7 – Tödliches Terrain

Cross Cult Verlag, 2009
ISBN 978-3-936480-86-3
Comic, Hardcover, deutschsprachig
Originaltitel: B.P.R.D. Vol. 8: Killing Ground, 2008
Übersetzer: Frank Neubauer
Story: Mike Mignola, John Arcudi
Zeichnungen: Guy Davis
Farben: Dave Stewart
Umfang: 160 Seiten

www.cross-cult.de

Nun ist er endlich erschienen, der 7. Band der Hellboy-Spinoff-Serie B.U.A.P. Man hat sich im Hause Cross Cult etwas Zeit gelassen. Nun ja, gut Ding will Weile haben. Die Frage ist: Ist dieser Band denn auch ein gut Ding geworden?

Die Antwort auf diese Frage fällt nicht ganz so leicht. Hätte ich diesen Band als erstes von der Serie in die Hände bekommen, hätte ich ihn garantiert entnervt wieder weggelegt. Für einen Quereinsteiger ist er absolut nicht geeignet! Doch für den Fan der Serie und treuen Leser werden neue Mosaiksteinchen dem immer komplizierter anmutenden Handlungsgefüge hinzugefügt. Allerdings habe ich nach der Lektüre den Eindruck, dass ich nun mehr offene, denn gelöste Fragen habe. Das muss ja nicht schlecht sein, denn der Hunger nach Mehr ist so wieder angestachelt. – Doch wie lange wird es zur nächsten Ausgabe dauern?

Die Spezial-Agenten des B.U.A.P. Haben wieder sehr mit sich selbst zu tun. Dieser Zustand dauert ja bereits seit einiger Zeit an. Liz, die „Feuerbändigerin“ wird weiterhin von Träumen, die ihr die Erholung beim Schlaf rauben, gepeinigt. Die Visionen einer apokalyptischen Zukunft quälen sie. Es gibt aber Linderung. Ben Daimio, der zombiehafte Vorgesetzte der Truppe, offenbart diesmal wirklich Überraschendes und Essentielles seiner Vergangenheit; dies birgt aber enormes Gefahrenpotential für seine eigenen Leute. Seine Begegnung mit einem Jaguar-Gott im südamerikanischen Urwald blieb nicht ohne Folgen; dies wissen wir zwar auch schon seit einiger Zeit, aber hier bricht etwas Infernalisches aus. Ape ist mit einem Wendigo befasst, also einer Art Wer-Wesen Nordamerikas, dessen Gefangennahme wir bereits in „Die universelle Maschine“ miterleben durften. Der soll zurück nach Kanada, kann aber entkommen. Wer nun eine Verbindung zwischen den beiden Wer-Wesen (Daimio – Wer-Jaguar und dem Wendigo) vermutet, liegt verdammt gut. Was daraus aber noch wird, wird hier noch nicht ausgeführt.

Ach ja, und dann haben wir ja noch Johann, den „Gasmann“. Der konnte sich einen Riesenkörper aus Apes Abenteuer in Indonesien in „Garten der Seelen“ aneignen, sozusagen dort einziehen. Er genießt seine zurück gewonnene Körperlichkeit, wird dadurch aber mächtig von seinen Aufgaben abgelenkt.

Es ist also recht viel los, es wird aber nur relativ wenig zu einer Auflösung beigetragen. Entsprechend dicht wird mit grafischen und stilistischen Mitteln erzählt. Die Handlung springt seitenweise von Schauplatz zu Schauplatz, oftmals wird nur angedeutet; man muss als Leser ganz schön am Ball bleiben.

Die zeichnerische und vor allem die farbliche Gestaltung scheint mir einen weiteren Schritt nach vorn gemacht zu haben. Einige Bilder nehmen fast gemäldeartigen Charakter an, ohne insgesamt den bei Hellboy gewohnten minimalistischen Gesamteindruck zu durchbrechen. Was ebenso auffällt, sind die mitunter sehr blutigen Darstellungen, die im Detail fast in Splatter-Gefilde vordringen. Na ja, sicher kein Comic für die lieben Kleinen; dies aber auch schon nicht aufgrund des komplizierten und komplexen Plots und der entsprechenden Erzählweise.

Es war mir wieder ein Vergnügen, auf das ich leider zu lange warten musste. Und ich befürchte, dass man auch auf den Folgeband lange warten muss. Das ist etwas Schade, denn in mir lodert noch immer das B.U.A.P.-Fieber.

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Britannica & ich

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Dezember 2009

jacobs-britannica-cover-tb-2008A. J. Jacobs
Britannica & ich

Originaltitel: The Know-It-All: One Man’s Humble Quest to Become the Smartest Person in the World (New York : Simon & Schuster 2004)
Übersetzung: Thomas Mohr
Deutsche Erstausgabe (geb.): November 2006 (List im Ullstein Verlag)
427 S.
ISBN-13: 978-3-471.79513-2
Als Taschenbuch: Februar 2008 (List im Ullstein Verlag/TB Nr. 60775)
427 S.
ISBN-13: 978-3-548-60775-7

Das geschieht:

In der Mitte seiner Dreißiger zieht Arnold Jacobs, recht erfolgreicher Redakteur bei einer Zeitschrift für Popkultur, glücklich verheiratet und auf Nachwuchs hoffend, Bilanz. Er kommt zu dem erschreckenden Ergebnis, dass er sich zumindest intellektuell bereits auf dem absteigenden Ast befindet. Ein heroisches Projekt soll ihm jene geistige Überlegenheit zurückbringen, die er, der einstige Philosophie-Student, seit jeher für sich gepachtet zu haben glaubt: Jacobs will sich durch die 32 Bände der “Encyclopaedia Britannica” arbeiten. Dieses Lexikon gilt als essenzielle Sammlung der Erkenntnisse, die sich der Mensch bis heute aneignen konnte. Auf 33.000 eng bedruckten Seiten wird es in 65.000 Artikeln präsentiert – ein Opus manifestierten Wissens, das 44 Millionen Wörter umfasst.

Anderthalb Jahre dauert es, bis Jacobs sein Lektürepensum hinter sich gebracht hat. Was ihm bei seiner Expedition durch die “Encyclopaedia Britannica” besonders in die Augen sticht, gibt er an uns, seine Leser, weiter. Dabei zitiert er nicht, sondern gibt das Erlernte in eigenen Worten wieder. Jacobs liest aber nicht nur, sondern hält darüber hinaus fest, was er erlebt, wenn er sein Lager verlässt, denn er verbirgt sich nicht im stillen Kämmerlein, sondern informiert die Menschen in seiner Umgebung über seinen Plan, provoziert sie regelrecht damit und registriert deren Reaktionen, die vom fassungslosen Staunen bis zum kaum verhohlenen Stirntippen mit dem Zeigefinger reichen. Begeisterung oder offenen Zuspruch findet Jacobs nirgendwo. Selbst diejenigen, die seine Beweggründe nachvollziehen können, warnen ihn: Intelligenz und Wissen seien nicht identisch. Beide sind zwar auf einer bisher nicht wirklich erfassten Ebene miteinander verzahnt, doch sie müssen nicht zwangsläufig zusammenwirken.

Jacobs lässt sich nicht einschüchtern. Er geht seinen Weg, erlebt die Freuden, die das Lernen bringen und aus dem sich eine regelrechte Sucht entwickeln kann, ebenso intensiv wie die (genussvoll) ausgemalten Schattenseiten: die Einsamkeit des Studierens, die Langeweile angesichts wüstentrockener Themen, die Frustration im Angesicht der schieren Informationsmassen, die zudem einfach nicht im Gedächtnis haften bleiben wollen.

Die “Britannica” wird ein fester Bestandteil von Jacobs’ Alltag. Er integriert sie nicht nur, sie beginnt sogar sein Leben zu bestimmen. Jacobs bemerkt tatsächlich ein Zunehmen seines Wissens. Vor allem wächst sein Selbstvertrauen. Schließlich geht es sogar das Wagnis ein, sich zur US-Version von “Wer wird Millionär?” anzumelden, doch Weg zu den TV-Kameras gestaltet sich komplizierter als gedacht …

Faktenfresser oder Klugscheißer?

Hat Jacobs wirklich gedacht, die Lektüre der “EB” werde ihn zum “Know-It-All” und “klügsten Menschen der Welt” machen? (So lauten der Originaltitel bzw. der deutsche Untertitel.) Sicherlich nicht, denn auch ihm wird klar gewesen sein, welche Kreatur einer solchen Tortur viel besser als jeder Mensch gewachsen wäre: ein Papagei mit Festplatte im Hirn.

Vor der schieren Wucht der “EB”-Informationen – die letztlich auch nur eine Auswahl von dem umfassen, was der Mensch insgesamt an Erkenntnissen gewonnen hat – muss das Menschenhirn kapitulieren. Es ist auch nicht seine Aufgabe, als reiner Wissensspeicher zu funktionieren. Wie Autor Jacobs schmerzlich erfahren muss, lässt es sich auch nicht darauf trimmen, Informationen auf Abruf bereit zu halten. Das Gehirn ist ein Organ, das mit dem Mut zur Lücke vorzüglich seinen Dienst leistet. Diese Lücken lassen sich in Zahl und Breite vermindern aber niemals gänzlich und auf Dauer füllen.

Doch diese Argumentation weist in eine Richtung, die uns weit fort führt von dem, was “Britannica & ich” eigentlich vermitteln soll. Jacobs hat kein Sachbuch geschrieben – eine zunächst verblüffende Tatsache, weil das umfangreichste Lexikon der Welt thematisiert wird, aus dem der Autor ausgiebig zitiert. Halt, schon das ist so nicht richtig: Jacobs paraphrasiert, was er in der “EB” gelesen hat, d. h. er gibt es mit eigenen Worten wieder. In einem weiteren Schritt kommentiert er die ausgesuchten Artikel. Paraphrase und Kommentar sind nicht in sachlichem Ton gehalten, sondern werden in humorvoller Weise dargestellt. Das kann recht komisch sein, muss aber und ist es leider oft auch nicht (“Gymnasium: Die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen lauten ‘Anstalt für Leibesübungen mit nackten Körper’. Weshalb es sich umso dringender empfiehlt, den Hometrainer vor Gebrauch gründlich abzuwischen.” – S. 140).

Das Problem des umzingelten Witzes

Jacobs benutzt die “EB” im Grunde nur als Steinbruch. Hier findet er das Material, aus dem er sein eigentliches Produkt herstellt: die geistvoll-witzige Plauderei über eine Tätigkeit, welche bei nüchterner Betrachtung ebenso ‘nützlich’ ist wie der Versuch, möglichst viele Studenten in einen VW Käfer zu stopfen. Es brauchte kein Experiment, um wie Jacobs zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Lektüre der “EB” dich nicht klüger macht. Doch sein Unternehmen verschaffte ihm, was er dringender suchte: das Thema für ein Buch, mit dem sich Aufmerksamkeit erregen ließ. Jacobs schreibt u. a. Kolumnen, in denen er sich über die Absurditäten einer zunehmend trivialisierten Welt auslässt. Er ist also sein Job witzig zu sein. Hier übt er ihn eben in Buchform aus.

Dabei wird auch das Privatleben einbezogen. A. J. Jacobs ist anscheinend ein Mensch, dem ständig seltsame und komische Dinge zustoßen. Auch hier greift das Stilmittel der Überspitzung, denn seltsam und komisch sind die geschilderten Ereignisse primär, weil Jacobs sie als Humorist dazu macht. Zwar fließen durchaus ernsthafte Erfahrungen ein. Jacobs’ Verhältnis zu seinem Vater wird offenbar von einem lebenslangen Minderwertigkeitskomplex geprägt. Der Senior, ein berühmter Jurist, ist tatsächlich ein kluger Mann, der das auch im Alltag lebt und zumindest in der juristischen Welt tiefe Fußstapfen hinterlassen hat. Intellektuell ist ihm der Junior nicht gewachsen. “Britannica & ich” stellt auch Jacobs’ Versuch dar, mit sich und dem Vater ins Reine zu kommen. Der US-amerikanische und damit zwangsneurotisch optimistische Grundtenor dieses Buch lässt dies selbstverständlich mit einem Happy-End enden.

Humoristische Volltreffer, Blindgänger & “friendly fire”

Das gilt auch für das zweite Problemchen, mit dem Jacobs die ‘Rahmenhandlung’ von “Britannica & ich” unterfüttert. Ausführlich schildert er, wie er und seine Gattin Julie erfolglos ein Kind in die Welt zu setzen versuchen. Weil er immer wieder darauf zurückkommt, muss ihn das während seiner “EB”-Lektüre beschäftigt wirklich haben. (Ob das auf seine Leser ebenfalls zutrifft, fragt er sich leider nicht.) Doch umgehend werden wieder Witzchen gerissen, damit bloß kein Trübsinn aufkommt. Dies würde auch gar nicht zur Story passen, in der Jacobs seiner Julie eine fixe Rolle zugewiesen hat: Während er den halbwegs lebensuntauglichen Luftikus mimt, gibt sie die kluge, geduldige, ironisch kommentierende Frau an seiner Seite, die ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Kein Wunder, dass sich Julie sowie die zahlreichen weiteren Mitglieder des Jacobs-Clans, die immer wieder Erwähnung finden, sich nicht gegen ihren ‘Auftritt’ in “Britannica & ich” sträubten – sie haben mit den realen Personen sicherlich wenig gemeinsam.

Nein, “Britannica & ich” ist – ich habe es nun schon mehrfach angesprochen – nichts als ein mehr als 400-seitiger Spaß. Als solcher funktioniert er, denn Jacobs beherrscht den unverbindlichen Plauderton, der unabhängig vom gewählten Thema unterhält. Man liest dieses Buch einfach gern, amüsiert sich oft und sieht gnädig über die nicht gerade zahlenarmen humoristischen Rohrkrepierer hinweg (oder schiebt sie auf die – insgesamt freilich gelungene – Übersetzung; auf S. 180 lese ich allerdings “Du weißt wohl doch nicht alles, was, Cliff Calvin?” Richtig muss es “Cliff Clavin” heißen; dies ist der ewig besserwisserische Postbote aus dem US-Sitcom-Klassiker “Cheers”). Und sobald das (in seiner deutschen Ausgabe “Britannica”-würdig mit Goldschnitt geschmückte) Buch zugeschlagen ist, ergeht es einem wie dem Verfasser mit der “EB”: Was man gelesen hat, ist schon wieder aus dem Gedächtnis entwichen – das untrügliche Zeichen dafür, dass es wohl nicht so wichtig war …

Autor

Arnold Stephen Jacobs, jr., wurde am 20. März 1968 in New York geboren. Er studierte an der Brown-Universität Philosophie. Nach seinem Abschluss arbeitete er für diverse Zeitschriften und schrieb u. a. eine Kolumne für “Entertainment Weekly”, in welcher er sich über Phänomene der modernen Popkultur ausließ. Derzeit ist er leitender Redakteur beim “Esquire”. Mit seiner Gattin Julie Schoenberg und seinem Sohn Jasper lebt Jacobs weiterhin in New York. Über sein Werk informiert (inklusive Blog) die Website www.ajjacobs.com. Dort erfahren wir u. a. von seinem aktuellen Projekt: Für ein (inzwischen erschienenes) Buch mit dem Titel “Die Bibel und ich: Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen” lebte Jacobs ein Jahr streng nach den Vorschriften der Bibel.

[md]

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Beutegier

Erstellt von Werner Karl am 22. Dezember 2009

beutegierJack Ketchum
Beutegier
Beutezeit 2

Offspring, USA, 1989
Heyne Verlag, München, 5/2008
TB, Horror, Thriller
ISBN 9783453675629
Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis
Titelillustration von Hauptmann & Kompanie Werbeagentur

http://www.randomhouse.de
http://www.randomhouse.de/dynamicspecials/heyne_hardcore/
www.jackketchum.net/

Elf Jahre sind vergangen, seitdem Sheriff George Peters und seine Kollegen eine Sippe zurückgebliebener Kannibalen töteten und dabei auch Unschuldige in Verkennung der Situation erschossen haben. Viel ist in der Zwischenzeit geschehen: Peters ist im Ruhestand, seine Frau ist gestorben, und der ehemalige Sheriff kann die traumatischen Bilder nur durch Alkohol ertragen. Da bittet ihn der neue Sheriff, Vic Manetti, in einem grausigen Doppelmord um Hilfe. Peters wähnt sich in einem Albtraum, als er die verstümmelten, angefressenen Leichen zweier Frauen sieht. Die Kannibalen sind zurückgekehrt und haben grausam zugeschlagen. Eine Babysitterin und die gerade heimgekehrte Mutter wurden Opfer der blutgierigen Menschenfresser, von dem Säugling fehlt jede Spur. Was Peters und Manetti nicht wissen, ist, dass damals eine der Töchter der Kannibalensippe, schwer verwundet überlebt hat und eine neue Familie gründen konnte. Gemeinsam begeben sie sich wieder auf die Jagd. Die Beute sollen dieses Mal ein junges Ehepaar und ihre neugeborene Tochter werden, die gerade Besuch von einer gemeinsamen Freundin und ihrem achtjährigen Sohn haben. Die Gier der Kannibalen kennt keine Grenzen…

Elf Jahre mussten zumindest die deutschen Leser nicht warten bis sie in den Genuss der Fortsetzung von „Beutezeit“ kamen, neben „Evil“ mit Sicherheit die deftigste Kost, die Autor zur Zeit auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zu bieten hat. Mit seinen Werken über eine degenerierte, kannibalisch lebende Sippe an der Ostküste der Vereinigten Staaten hat Ketchum die Gefilde des plakativen Unterhaltungsromans verlassen und Horror in seiner reinsten Form geschaffen. Der Anspruch offenbart sich dabei erst auf den zweiten Blick, wenn man den Schleier aus Ekel und Entsetzen gelüftet hat und auf die atavistischen Triebe blickt, die in jedem von uns schlummern und in unserer zivilisierten Welt nur in Extremsituationen oder unter psychischen Belastungen zu Tage treten. Obwohl es in der Beschreibung der Grausamkeiten nicht ganz so deftig zugeht wie in dem Vorgänger „Beutezeit“, so muss der sensible Leser sich dennoch auf einige leidvolle Lesestunden gefasst machen, denn dieses Mal geraten sogar ein Säugling und ein achtjähriger Junge in das Visier der Menschenfresser.

Auch in diesem Roman bleibt kein Auge trocken, und in erschreckender Intensität beschwört Ketchum ein Szenario herauf, das durchaus glaubhaft ist, von dem wir in unserem Innersten fasziniert sind und das wir doch um keinen Preis der Welt jemals am eigenen Leib erfahren wollen. Der Erzählstil des Autors ist schonungslos offen und fängt dort an, wo andere Autoren aufhören oder abblenden. Die rasante, flüssige Schreibe macht den Roman, wie auch die anderen Titel von Jack Ketchum, zu einem Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Die Wortwahl ist angemessen und hebt sich von der üblichen Fäkalsprache, die bedauerlicherweise in diesem Genre nur allzu oft bemüht wird, deutlich ab. Ketchums Charaktere sind glaubwürdig und machen es dem Leser leicht, sich in sie hineinzuversetzen. In diesem Fall ist es sogar so, dass eigentlich alle Personen sehr sympathisch und liebenswert erscheinen und man insgeheim hofft, dass es die Menschen schaffen zu entkommen. Doch wer Ketchum kennt, der weiß, dass es Opfer geben wird.

Auch dieses Mal legt der Autor viel Wert auf die Beschreibung der Emotionen und Motive der Menschen, die in Extremsituationen über sich selbst hinauswachsen. Im Gegensatz zu „Beutezeit“ hat Jack Ketchum das Szenario um einen interessanten Aspekt erweitert. Denn der psychopathische Ehemann der Mutter des achtjährigen Jungen will seine Familie um jeden Preis wiederhaben. Hier trifft die perverse Brutalität zivilisierter Monster im Anzug auf die primitive Gewalt grobschlächtiger Kannibalen. Ein Buch, das bis zur letzten Zeile packend und blutig ist! Ein kleines Manko mag sein, dass der Autor gerade zum Ende hin ein wenig in die vorhersehbaren Abläufe eines amerikanischen Hollywood-Filmes hineingerät. Dadurch verliert das Finale ein klein wenig an Glaubwürdigkeit. Dafür kann der Leser etwas besser schlafen, was den Preis wert sein sollte.

Die Aufmachung von „Beutegier“ ähnelt dem ersten Kannibalen-Roman von Jack Ketchum und sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert. Papier, Umschlag und Satz sind von aller erster Güte. „Beutegier“ ist ein würdiger Nachfolger von „Beutezeit“, der mit interessanten neuen Szenarien aufwartet. Jack Ketchum bewegt sich bei der Charakterisierung von Menschen in extremen psychischen Belastungssituationen wie ein Fisch im Wasser. Die Kannibalen sind nicht weniger zimperlich und bringen den Leser an die Belastungsgrenze. Mahlzeit!

Florian Hilleberg (FH)

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Beutegier

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Schmetterlinge wollen fliegen

Erstellt von Werner Karl am 21. Dezember 2009

schmetterlinge-wollen-fliegenSandra Conze
Schmetterlinge wollen fliegen

Edition Heikamp 23
Crago-Verlag, Weikersheim, Originalausgabe/1. Auflage à 100 Ex.: 6/2009
Literaturheftchen im Kleinformat, Krimi
ISBN 9783937440415
Titelillustration von Iris N. Inge
Autorenfoto von N. N.

www.crago-verlag.de
http://heikamp.net/
www.edition.heikamp.net
www.SandraHenke.de

Sandra Conze, die unter dem Namen Sandra Henke schreibt, veröffentlichte bereits mehrere Bücher bei Verlagen wie Ueberreuther, Bastei und Mira. Der Crago-Verlag präsentiert in „Schmetterlinge wollen fliegen“ eine Sammlung Kurz-Krimis, in denen Kommissar Lassig ermittelt und durch Indizien oder auch Dank des glücklichen Zufalls den Täter überführt. Neun Storys, die zwischen zwei und fünf Seiten lang sind, schildern überwiegend Geschehnisse, denen ein längerer Ärger vorausging, der sich schließlich in einer Affekthandlung entlädt. In keinem Fall zeigt der Täter Reue; vielmehr reagiert er erleichtert und bemüht sich, alle verräterischen Spuren zu beseitigen. Er fühlt sich sicher, doch dann stellt sich heraus, dass er etwas übersehen hat.

„Gefährliche Rivalität“ herrscht zwischen zwei Kollegen, nach denen einer von ihnen durch sein gepflegtes Aussehen die Karriereleiter schneller nach oben fiel als der andere – und genau dieses Attribut bringt den Mörder auch noch zu Fall. In „Platinblond“ und „Unsichtbare Spuren“ überführt der Kommissar durch ein ähnliches Indiz den Täter. Die Titelstory erzählt von einem jungen Mann, der sich nicht länger von seinem Vater schikanieren lassen will, aber bei der Beseitigung der Spuren etwas vergisst. Auch „Kalter Kaffee“ führt zur Entdeckung von verborgenen Beweisen.

„Die Rache der Katzen“ trifft den Hausverwalter, der eine Mieterin tötet, weil er sich durch die Tiere und ihre allgegenwärtigen Hinterlassenschaften gestört fühlte. Und auch in „Gemacht für die Ewigkeit, bringt eine Katze das Verbrechen auf entsprechende Weise ans Licht. „Ein Hotel in Nöten“ macht einen ganz besonderen Trick erforderlich. Man sollte auch als Räuber nicht an der falschen Stelle sparen: „Femme Fatale“ ist der Name teurer Nylon-Strümpfe. Der Geizhals, der sich für ein Billigprodukt entscheidet, bekommt später die Quittung.

Manchmal – aber nicht immer – nimmt der Titel die Pointe vorweg, und einige der Geschichten warten mit vergleichbaren Lösungen auf. Hier hätten ein bisschen mehr Geheimniskrämerei und Abwechslung gut getan. Dennoch sind die Storys in der Tradition des Kurzkrimis, wie man ihn aus der Tageszeitung oder Illustrierten kennt, unterhaltsam zu lesen und werden zweifellos ihr Publikum in den Kreisen finden, die es kurz und präzise inklusive einer Portion Lokalkolorit mögen.

Irene Salzmann (IS)

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Schmetterlinge wollen fliegen

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Star Trek – Next Generation: Tod im Winter

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Dezember 2009

friedman-stng-tod-winter-coverMichael Jan Friedman
Tod im Winter

Originaltitel: Death in Winter (New York : Pocket Books 2005)
Dt. Erstausgabe: September 2009 (Cross-Cult Verlag/Star Trek – The Next Generation 1)
Übersetzung: Stephanie Pannen
Cover: Martin Frei
306 S.
ISBN-13: 978-3-941248-61-8

Das geschieht:

Nach dem Tod des Klon-Praetors Shinzon befindet sich das Romulanische Reich in Aufruhr. Lange geknechtete Kolonialwelten nutzen die Gunst der Stunde, um gegen die Zentralgewalt aufzubegehren. Tal’Aura, Shinzons Nachfolgerin, sitzt nicht fest im Sattel. Ihre Kritiker will sie durch besondere Regierungsstrenge in Schach halten. Sie hat deshalb ihre Agentin Sela auf den Eisplaneten Kevratas geschickt. Diese soll jene Rebellen, die sich dort ernsthaft zu organisieren beginnen, ausspionieren, damit sie später durch einen gezielten Angriff vernichtet werden können.

In der Umlaufbahn der Erde wird das Föderationsraumschiff “Enterprise” gründlich überholt, nachdem es im Kampf gegen Shinzon fast zerstört wurde. Captain Jean-Luc Picard hat die meisten Mitglieder seiner bewährten Crew verloren. Nur Sicherheitschef Worf und Chefingenieur Geordi La Forge blieben an Bord. Selbst Dr. Beverly Crusher, Picards große und heimliche Liebe, mustert ab. Sie wurde von der Föderation auf eine humanitäre Geheimmission geschickt. Ausgerechnet auf dem Planeten Kevratas wütet seit vielen Jahren das “Blutfeuer”, eine tödliche Seuche. Die Romulaner interessiert die hohe Sterberate nicht, sodass die Kevrater die Föderation um Hilfe riefen – ein Affront gegen die Regierung, den die Romulaner nicht dulden.

Als Dr. Crusher auf Kevratas eintrifft, wird sie bereits erwartet. Kurze Zeit später gilt sie auf der Erde als verschollen und wahrscheinlich tot. Die Föderation beauftragt Picard, nach ihr zu suchen. An Bord eines Frachtraumschiffs reist er heimlich nach Kevratos. Begleitet wird Picard von Dr. Greyhorse, einem ehemaligen Kollegen Crushers, denn die Seuche soll weiterhin bekämpft werden. Die Romulaner benötigen wiederum nicht lange, um die Neuankömmlinge zu entdecken. Sie eröffnen die Jagd auf Picard und seine Gefährten, die aber deutlich schwieriger zu überrumpeln sind als Dr. Crusher …

“Nemesis” und die Folgen

Der Beinahe-Zusammenbruch des Romulanischen Reiches wurde nicht nur für dessen ehrgeizigen Praetor Shinzon zur Nemesis. Auch das “Star-Trek”-Franchise stand nach dem gleichnamigen Film von 2002 vor dem Kollaps. Ein simpel gestricktes Drehbuch mit einer wenig originellen Handlung sollte durch einen Overkill an Action und Spezialeffekten kompensiert werden. Das widersprach zu allem Überfluss auch dem Geist der “Next-Generation”-Serie, die in ihrem vierten Kino-Abenteuer von Spektakel zu Spektakel, von Charakterbruch zu Charakterbruch & von Logikfehler zu Logikfehler hastete.

Während das Franchise im Bereich Film sieben Jahren benötigte, um nach “Star Trek – Nemesis” neu Fuß zu fassen, lief das Geschäft mit den Romanen zur Serie (oder besser: zu den Serien) weiterhin gut. Da “tie-in”-Autoren nicht üppig entlohnt werden und die immensen Kosten eines Filmdrehs entfallen, barg der Plan, die “Next Generation” zumindest im Buch wieder aufleben zu lassen, nur ein überschaubares finanzielles Risiko aber viele Möglichkeiten.

Über die Planspiele in diesem Zusammenhang informiert Fun-Fiction-Autor und “Star-Trek”-Experte Julian Wangler in einem der beiden Nachworte zur deutschen Ausgabe von “Death in Winter”. Mit diesem Roman begann 2005 der Relaunch, durch den die “NG”-Saga elf Jahre nach dem Ende der TV-Serie quasi eine achte Staffel erhielt; eine Prozedur, die das Franchise zuvor mit der Fortsetzung von “Star Trek – Deep Space Nine” erfolgreich durchexerziert hatte.

“And now for something completely different …”

Im “Star-Trek”-Universum geschieht schon sehr lange nichts mehr ohne sorgfältige Vorplanung. Dass ein Franchise die Überraschung als Risikofaktor hasst, liegt in seiner Natur, die es als profitorientierte Geldmaschine definiert. Trotzdem konnte man nach “Nemesis” und “Star Trek – Enterprise” nicht einfach weitermachen wie bisher, da die Fans der alten, eher schlecht als recht über die Jahre gebrachten Muster offensichtlich müde waren.

Also wurde die “Next Generation” einem behutsamen Lifting unterzogen. Was sich in “Nemesis” ankündigte, wurde umgesetzt: Die klassische Crew der “Enterprise-E” hat sich fast vollständig in alle Winde des Weltalls zerstreut. Captain Picard muss zentrale Führungspositionen neu besetzen. Er kämpft er mit den Problemen, die ihm der Verlust seiner ‘Familie’ bereitet. Data ist tot, Commander Riker mit Deanna Troi auf die “Titan” gewechselt. Nur Worf und Geordie La Forge sind ihm geblieben; sogar Beverly Crusher ist verschwunden.

Die komplizierte, seltsame und weder in der TV-Serie noch in den Kinofilmen jemals geklärte Liebesgeschichte zwischen Picard und Crusher – von Julian Wangler in einem weiteren Nachwort rekonstruiert – ist einer der Fixpunkte von “Tod im Winter”. Zweites Standbein ist die Installation einer neuen ‘Familie’, mit der Picard auf neue Weltraum-Reisen gehen wird, wobei die individuellen Eigenheiten der ‘Neuen’ die “Star-Trek”-typischen Menscheleien garantieren werden. Die Storyline wird in der “NG”-Gegenwart nach Shinzon verankert, denn selbstverständlich giert der Trekkie nach Neuigkeiten aus der Zukunft.

“The same procedure as every year …”

Die werden ihm freilich nur tröpfchenweise verabreicht. Der “NG”-Relaunch weist leider nur zu gut bekannte Mängel auf. Mit “Tod im Winter” startet eine neue Serie. Dieser erste Band ist vor allem Einleitung. Ständig werden große Neuigkeiten – Revolution auf Romulus! Meuterei in der romulanischen Flotte! Die “Enterprise-E” wird runderneuert! – angekündigt, die jedoch höchstens ansatzweise umgesetzt werden. “Tod im Winter” bleibt eine 300-seitige Ouvertüre. Der Leser wird auf kommende Bände vertröstet und mit einem x-beliebigen Planetenabenteuer abgespeist.

Denn Beverly Crushers und Picards Odysseen auf dem Eisplaneten Kevratas bilden simple “Star-Trek”-Routine, wie wir sie aus mehr als 170 TV-Episoden kennen. Es wird gefangen, geflüchtet, gerauft & in letzter Sekunde entkommen. Die Kevrater bleiben blass bis nichtssagend, ihr gar grausames Schicksal – Seuche & Romulaner-Knute – lässt kalt. Vor dem geistigen Auge des Lesers erstehen dazu die typischen “Star-Trek”-Pappkulissen, die von den üblichen, in exotische Lumpen gekleideten und notdürftig maskierten Statisten bevölkert werden.

Auch die politischen Verwicklungen im Romulanischen Imperium drehen sich im Kreis. Tal’Aura, Sela & Co. benehmen sich so eindimensional brutal und gemein, wie es die Romulaner seit jeher zu tun pflegen. Die dabei zelebrierten S/M-Rituale wirken eher lächerlich als erschreckend. Schon immer projizierte “Star Trek” leicht verfremdete irdische Moralvorstellungen und Glaubensfragen auf pseudo-exotische ‘Außerirdische’. In “Tod im Winter” sind es halt Romulanismen, die ermüdend breitgetreten werden, statt endlich so etwas wie eine Handlung in Gang zu bringen.

Alte Besen kehren – aber nicht gut

Wie sollte auch ein echter Neuanfang gelingen, wenn aufgerechnet ein Autor wie Michael Jan Friedman angeheuert wird? Friedman gehört zu den Veteranen des “Star-Trek”-Franchises. Er schreibt seit zwei Jahrzehnten Romane zu allen bekannten Serien, außerdem Drehbücher und Scripte für “Star-Trek”-Comics. Sein zweifellos profundes Hintergrundwissen ließ er darüber hinaus in diverse “Star-Trek”-’Sachbücher’ einfließen. Kurz gesagt: Friedman weiß, wie das Franchise-Universum funktioniert.

Das macht ihn keineswegs zu einem besonders guten Schriftsteller. Aus Sicht des Franchises ist das sekundär. Wichtiger ist: Friedman wird schreiben, was weder die strengen Trekkies, denen jedes Detail der Gesamt-Saga geläufig ist, noch die ‘normalen’ Leser vor den Kopf stoßen wird. Zudem liefert er prompt und pünktlich. Originalität und Raffinesse gehören dagegen nicht zu seinem Repertoire. “Tod im Winter” wimmelt von faulen Tricks, mit denen der Verfasser über die Runden kommen will.

So startet Friedman gleich mit zwei Prologen in die Handlung. Er täuscht damit eine Bedeutsamkeit vor, die sich bei kritischer Lektüre als nichtig erweist bzw. Seiten schinden soll. Super-Agent Manathas bleibt trotz des “San-Francisco”-Prologs ein Stereotyp, Beverly Crushers Mission auf Kevratas würde bei ersatzloser Streichung des “Arvada-III”-Prologs ebenso funktionieren. Die Gastauftritte von Worf, La Forge und Admiral Janeway sind sinnfreies “name dropping”; die alten Kämpen sollen wenigstens erwähnt werden, um nostalgische Alt-Leser zu locken.

Die Liebesgeschichte zwischen Picard und Crusher ist gleichzeitig steif und an Peinlichkeit schwer zu überbieten. Sie drückt aufs Tempo und erschöpft sich in Allgemeinplätzen. Übel ist das angeflanschte und dieser merkwürdigen Liebe gewidmete Finale, das eine entlarvende Mischung aus Klischee und Gleichgültigkeit darstellt.

Wie kann & wird das weitergehen?

Nein, “Tod im Winter” ist alles andere als ein gelungener Start in eine neue “NG”-Ära. Stattdessen passt sich dieses Garn beunruhigend gut in die endlose Reihe der “Star-Trek”-Routine-Romane ein, mit denen der Heyne-Verlag um 2000 Schiffbruch erlitt, weil sie niemand mehr lesen wollte. Ungeachtet dessen startet der Cross-Cult-Verlag, bei dem das Franchise eine neue deutsche Heimat fand, eine regelrechte “Star-Trek”-Offensive. Immer neue Reihen werden gestartet, kein Monat vergeht ohne die Veröffentlichung neuer Titel. Sollten diese immerhin schön gestalteten, sauber übersetzten und mit informativen Nachworten ergänzten Romane ihr inhaltliches Niveau nicht deutlich steigern, ist es keine Unkerei, das absehbare Ende auch der neuen “Star-Trek”-Offensive anzukündigen.

Autor

Michael Jan Friedman ist einer jener “prose mechanics”, die für die “tie-in”-Produktion unentbehrlich sind, weil sie schnell und billig Lesefutter liefern können. Vor knapp einem Vierteljahrhundert als ‘richtiger’ Schriftsteller gestartet, ließ sich Friedman schon Ende der 1980er Jahre für das “Star-Trek”-Franchise rekrutieren. Seitdem schreibt er nicht nur für alle bekannten Serien, sondern auch für neue, nur in Buchform erscheinende “Star-Trek”-Inkarnationen. Darüber hinaus scriptet Friedman “Star-Trek”-Comics, verfasst Drehbücher, ‘Sachbücher’ zum “ST”-Universum sowie alles, was das Franchise für verkäuflich hält.

Dadurch noch längst nicht  ausgelastet, stellt Friedman seine flinke, glatte Feder auch anderen Franchises zur Verfügung. Er hat diverse “Marvel”-Helden und -Schurken von Comic- zu Romanfiguren umgearbeitet oder neue Abenteuer von “Lois & Clark” erdacht. Die simplen, eingefahrenen, routiniert abgewandelten Handlungsmustern folgenden und durchaus lesbaren Romane sind für den raschen Verbrauch bestimmt, Masse ist wichtiger als Klasse. Damit ist Friedmans Werk übergreifend charakterisiert.

[md]

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