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Archiv für Januar, 2010

Alterra – Die Gemeinschaft der Drei

Erstellt von Werner Karl am 27. Januar 2010

alterra1Maxime Chattam
Alterra – Die Gemeinschaft der Drei

Originaltitel: Autre Monde, L´Alliance des Trois (2008).
Aus dem Französischen von Maximilian Stadler und Nadine Püschel.
München: Droemersche Verlagsanstalt 2009.
PAN Verlag Hardcover.
390 Seiten.
ISBN 9783426283004

www.pan-verlag.de
www.droemer-knaur.de

Matt Carter und seine Freunde sind All-American-Teenager und leben natürlich in New York (wer könnte je an einem anderen Ort leben!). Als nach einem Stromausfall bei einem Blizzard plötzlich fast alle Erwachsenen verschwinden und die wenigen Überlebenden Erwachsenen in Mutanten verwandelt werden, nehmen Matt und sein Freund Tobias die Beine in die Hand, um vor einer Abfolge sensationeller Ereignisse die Flucht zu ergreifen, dem Tod immer wieder von der Schippe zu springen und wahrscheinlich irgendwann die Welt zu retten, was man als Leser aber frühestens im dritten Teil erfahren darf, da der französische Autor naturgemäß mehr als 1000 Seiten brauchen wird, um seine überaus triviale Geschichte zu erzählen.

Zwar behauptet der Klappentext, der Autor sei bereits über 30 Jahre alt, der Inhalt reiht das Buch jedoch nahtlos in die Reihe der Bücher jener Jungautoren, die bereits mit 14 ihr erstes Opus magna verbrochen haben, es mit 16 veröffentlichen und nun die Welt damit beglücken. Dass der Franzose sein Werk auch noch in New York spielen lässt, ist nur die müde Eröffnung für eine gewaltige Aneinanderreihung übler Klischees. Schade, dass man bei Droemer ausgerechnet mit diesem gehaltlosen Schlagetot von Buch die neue Hardcover-Phantastikreihe eröffnet, obwohl sich der niveaulose Dumpfsinn wahrscheinlich rasend gut verkaufen wird, setzt der Autor doch wie in einem geschmacklosen Kochrezept alle Trivialitäten geschickt zu einer spannenden Melange zusammen, die für Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit wohlschmeckend und gut lesbar sein dürfte.

Einen gewissen Spannungsgehalt kann man der kruden Geschichte wahrlich nicht absprechen, der pseudointellektuelle Plot, den der Autor andeutet (und den Regisseur und Drehbuchautor M. Night Shyamalan bereits mit deutlich mehr Glaubwürdigkeit und Verve in The Happening propagierte) und die an den Haaren herbeigezogenen Ereignisse der Erzählung lassen den erfahrenen Phantastikleser jedoch vollends verzweifeln. Für ahnungslose Jugendliche und Actionjunkies o. k., wer aber etwas Ahnung vom Genre hat, der wendet sich mit Grausen ab, was aber dem Verkauf wohl (wie so oft) keinen Abbruch tun wird.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald
 
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Alterra – Die Gemeinschaft der Drei

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Japanische Nächte

Erstellt von Werner Karl am 27. Januar 2010

japanische-nachteBrian K. Vaughan & Pia Guerra
Y – The Last Man 8: Japanische Nächte

Y – The Last Man, Vol. 8, USA, 2005
Panini Comics, Stuttgart, 5/2008
PB mit Klappbroschur, vollfarbige Graphic Novel im Comicformat
Science Fiction
ISBN 9783866076235
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege
Titelbild von Massimo Carnevale
Zeichnungen von Pia Guerra, Goran Sudzuka & Jose Marzan jr., Farbe von Zylonol

www.paninicomics.de
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www.bkv.tv
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http://ildonodieric.blogspot.com/
http://goransudzuka.org/
www.josemarzan.com/

Vier Jahre sind seit dem verhängnisvollen Ausbruch der Seuche vergangen, der allen männlichen Wesen das Leben nahm und nur zwei überleben ließ: Yorick und sein Kapuzineräffchen Ampersand. Zusammen mit der Ärztin Dr. Mann und der Agentin 355 machte sich Yorick auf den Weg quer durch den amerikanischen Kontinent, um das letzte noch funktionstüchtige Geheimlabor der Regierung zu erreichen, und erlebte dabei eine Welt, die im Chaos versank. Dort fand Dr. Mann heraus, dass etwas in den Ausscheidungen des Affen Yorick am Leben erhalten hat. Doch ehe sie den entsprechenden Stoff genauer analysieren kann, raubt eine japanische Agentin den Affen und flieht mit ihm nach Japan. Die Ärztin ahnt, dass sie dem Grund, warum die Männer gestorben sind, schon recht nahe zu sein scheint und setzt ihre Studien fort.

Sie überlässt es Yorick und der Agentin, dem Affen und seiner Entführerin nachzujagen und hält sich im Hintergrund. Da das Schiff von der australischen Marine aufgebracht wird, landen die beiden erst einmal dort und verlieren kostbare Zeit. Es kostet einiges an Überredung, um doch wieder frei gelassen zu werden. Yorick macht sich derweil auf die Suche nach seiner Freundin, die auf dem fünften Kontinent verschollen ist. So ist die Hoffnung gering, als sie schließlich doch nach Japan gelangen, dass sie noch eine Spur finden könnten. Zunächst einmal müssen sie sich mit Yakuza und durchgedrehten Teenies herum schlagen, die ihren eigenen Weg gefunden haben, mit der veränderten Situation zurechtzukommen. Yorick und 355 finden heraus, wer den Auftrag gegeben hat, den Affen zu entführen und warum. Doch kann ihnen das helfen, eine Lösung für das weltweite Problem zu entdecken?

Immerhin macht die Geschichte diesmal wieder einen Sprung nach vorn, denn wenn auch vieles zunächst wirr und belanglos erscheint, so treiben einige Szenen die Handlung deutlich voran und steuern langsam auf den Höhepunkt zu. So wie Dr. Mann langsam aber sicher erkennt, was die Suche ausgelöst hat und warum es die Männer traf, scheinen auch die anderen langsam ihre Fronten zu klären. Allerdings brechen dabei nun auch die bisher schwelenden Konflikte aus. Ausgerechnet Yorick wird dabei zu einem Spielball.

Zwar beschäftigt sich auch diese Graphic-Novel in erster Linie mit zwischenmenschlichen Beziehungskisten, dafür wird aber erstmals auch wieder der Hintergrund fortgeschrieben. Das macht den achten Band der Reihe „Y – The Last Man“ wieder etwas interessanter als seine Vorgänger, da man endlich neue Informationen erhält und nicht mehr länger nur im Dunkeln tappt, was die Seuche und Yoricks Schicksal angeht. Aufgelockert wird das ganze wie immer durch ein wenig Action und die übliche Schilderung des Lebens in einer Welt ohne Männer. (1xPRT)

Copyright © 2010 Christel Scheja

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Japanische Nächte

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
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Gewinner des Preisrätseltitels:
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1.Wolfgang Bürgel
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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September Society – Der Club der tödlichen Gentlemen

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Januar 2010

finch-september-society-coverCharles Finch
September Society – Der Club der tödlichen Gentlemen

Originaltitel: The September Society (New York : St. Martin’s Minotaur 2008)
Übersetzung: Isabell Lorenz
Deutsche Erstausgabe: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16378)
348 S.
ISBN-13: 978-3-404-16378-6

Das geschieht:

Im Spätsommer des Jahres 1866 wird Privatermittler Charles Lenox aus London mit einem neuen Fall konfrontiert. Lady Annabelle Payson, Witwe eines in den Kolonien gefallenen Soldaten, vermisst George, ihren Sohn, der am Lincoln-College in Oxford studiert. Während ihres letzten Besuches hat er seine Mutter unter einem Vorwand verlassen und ist offenbar untergetaucht. In seinem Schlafzimmer fand die erschrockene Lady Annabelle Georges Katze: erdolcht mit einem Brieföffner des verstorbenen Vaters, der gleichzeitig ein Blatt Papier mit einer codierten Nachricht am Boden festnagelt.

Die Polizei möchte die Lady nicht alarmieren. Lenox, selbst Spross einer alten und ehrenwerten Familie, ist als erfolgreicher und vor allem diskreter Detektiv bekannt und damit eine Alternative. Umgehend macht er sich nach Oxford auf, um dort Georges Studentenwohnung als möglichen Tatort buchstäblich unter die Lupe zu nehmen. Dabei entdeckt er eine Karte, die auf die “September Society” hinweist. Oxford ist reich an elitären Clubs und Verbindungen, aber Lenox, der noch vor fünf Jahren selbst hier studierte, ist diese Gesellschaft unbekannt.

Kurz darauf wird die Leiche von George Payson entdeckt; man hat ihn erdrosselt. Bei ihm findet sich eine weitere Karte der “September Society”. In London nimmt Lenox die Spur dieser Vereinigung auf, zu der sich vor zwei Jahrzehnten einige Soldaten zusammengetan haben, die im ostindischen Pandschab am Krieg gegen die Sikhs teilnahmen. Major Lysander, der Verwaltungsdirektor, weist jegliches Wissen um Paysons Ende zurück, aber Lenox ahnt, dass man ihn belügt. Allmählich deckt er die Umtriebe einer Gesellschaft auf, die aus guten Gründen die Öffentlichkeit scheut und einen Detektiv, der ihren dunklen Geheimnissen auf die Spur kommt, nicht ungeschoren lassen wird …

Wir basteln uns einen Historienkrimi

Seit einigen Jahren ist der ‘historische’ Kriminalroman in den Buchhandlungen zum Selbstläufer geworden. Die Vergangenheit wird zum Pendant exotischer Fremdländer, deren seltsame Sitten und die Abwesenheit moderner Selbstverständlichkeiten reizvoll das übliche Einerlei der Jagd auf Lumpen und Mörder würzen. Für die Verfasser (oder Produzenten) solcher Romane springt ein angenehmer Bonus heraus: Ihr Publikum akzeptiert nicht nur, dass “der Fall”, der sonst im Zentrum eines Krimis steht, an den Rand des Geschehens gedrängt wird, sondern erwartet sogar eine Handlung, die immer wieder stoppt, um stattdessen in historischen ‘Fakten’ zu schwelgen.

Autor Finch hat einige Jahre in Oxford verbracht, die ihn deutlich geprägt haben. Die Geschichte der alten Universitätsstadt kennt er gut, und er teilt sein Wissen gern mit den Lesern, die sich dagegen höchstens wehren können, indem sie die entsprechenden Passagen überspringen. Oft bleibt keine andere Möglichkeit, da sonst die Gefahr besteht, den ohnehin dünnen roten Faden endgültig aus den Augen zu verlieren; Finches Anekdoten und Reminiszenzen mutieren gern zu wortreichen Abschweifungen, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben.

Weitere Denkarbeit kann sich ein Autor sparen, indem er den Helden in eine aufregende bzw. aufreibende Liebesgeschichte verwickelt. Die daraus resultierenden Balz-Aktivitäten gehorchen relativ fixen Regeln, die sich quasi automatisch umsetzen und abspulen lassen. Den Beweis liefert Charles Finch mit dem sich stetig im Kreis drehenden und der Handlung aufgepfropften Drama um Lenox und seine künstlich komplizierte Liebe zur selbstverständlich schönen, aber zum Gefallen des modernen Publikums vor der Zeit emanzipierten Lady Jane.

Papierfiguren bluten nicht

Über die Polizeiarbeit des 19. Jahrhunderts gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Finch ignoriert sie weitgehend & wohlweislich, denn ein ausschließlich mit den Mitteln seiner Zeit im kriminellen Trüben fischender Detektiv böte nur den in der Geschichte bewanderten Spezialisten Unterhaltung. Die lesende Mehrheit zieht Ermittler vor, die zwar in der Vergangenheit leben aber zumindest gefühlsmäßig wie Menschen der Gegenwart denken und handeln. Folgerichtig sind Lenox und erst recht Lady Jane glänzende Vorreiter einer Sozialgesellschaft, die 1866 realiter noch ein Jahrhundert auf sich warten ließ. Sie retten Waisen und trösten Witwen und liefern auch sonst manches Feigenblatt für historische Gegen- und Widerwärtigkeiten.

Selbstverständlich ist Lenox kein Chauvinist, sondern schätzt Lady Jane ob ihres Freidenkertums. Auf diese Weise erfreut Autor Finch vor allem jenen Teil der weiblichen Leserschaft, die eine Suche nach Mr. Right mindestens ebenso spannend findet wie die Schurkenjagd. Dabei hascht der Verfasser indes so auffällig nach dieser Zielgruppe, dass es den weniger romantisch gestimmten Leser arg ergrimmt. In die Handlung wird Lady Jane von Finch nie wirklich eingebunden. Lenox, der bis weit in die zweite Romanhälfte so offensichtlich ohne sie auskommt, könnte faktisch gänzlich auf ihre reifrockrauschende Anwesenheit verzichten.

Es will sich nicht zum spannenden Ganzen fügen

Ein geschickter oder wenigstens routinierter Autor würde die Eindimensionalität seiner Figuren möglicherweise besser verbergen als Finch. Noch sehr jung an Jahren, versucht er sich an der Darstellung von Charakteren, die ihn durchschnittlich um ein Jahrzehnt an Alter und Lebenserfahrung übertreffen. Da gerät manches schematisch, wirken die ausgiebig geschilderten persönlichen Konflikte flach und unglaubwürdig oder – nennen wir es beim Namen – angelesen.

Nein, auch im zweiten Band der seiner Serie strickt Charles Finch die Maschen der von ihm gestrickten Geschichte allzu locker. Der Plot ist schrecklich kompliziert und bedarf zahlreicher Zufälle. Trotzdem sorgt mancher Einfall für Kopfschütteln: Wie fand George Payson in Vorbereitung seiner hastigen Flucht die Zeit für die aufwendige Inszenierung getürkter Indizien, die nicht raffiniert, sondern nur lächerlich wirkt? Die Story wird umständlich und mit gewaltigen Längen umgesetzt. Keine Erlösung bietet die Auflösung, was verziehen werden könnte, wäre der Weg dorthin unterhaltsamer. Stattdessen quält sich zumindest der puristische Krimifreund zunehmend unlustiger durch einen zähen Roman, der umfangreicher wirkt als er eigentlich ist.

Autor

1980 in New York City geboren, studierte Charles Finch an der Universität Yale Englisch und Geschichte. Zudem hält er einen akademischen Titel in Geschichte der englischen Renaissance-Literatur, den ihm die Universität Oxford verlieh.

2007 veröffentlichte Finch seinen ersten Roman. “A Beautiful Blue Death” (dt. “Bella Indigo”) wurde gleichzeitig Start einer kontinuierlich fortgesetzten Reihe um den Gentleman-Ermittler Charles Lenox, der im England der Queen Viktoria und unterstützt von seiner Freundin Lady Jane Grey Kriminalfälle löst. Sein Debütwerk wurde für diverse Literaturpreise nominiert; das “Library Journal” zeichnete es als eines der besten Bücher des Jahres 2007 aus.

Charles Finch lebt und arbeitet in New York City.

[md]

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Hexenzorn

Erstellt von Werner Karl am 26. Januar 2010

hexenzornT. A. Pratt:
Hexenzorn

(sfbentry)
Blanvalet Taschenbuch 26664
München: Verlagsgruppe Random House 2010
Originaltitel: Blood Engines (2007)
ISBN 9783442266647
Übersetzt von Michael Pfingstl
Umfang: 406 Seiten

www.blanvalet.de

Marla Mason ist die mächtigste Hexe der kleinen Stadt Felport nahe San Francisco. Doch leider wirkt eine ihrer Konkurrentinnen einen mächtigen und tödlichen Zauber gegen sie, der seine Wirkung in kürze entfalten wird. Marla bleibt nur eine Möglichkeit: Sie muss den magischen Grenzstein, ein kraftvolles und energiegeladenes Artefakt vergangener Epochen, auftreiben, welcher sich in San Francisco befindet. Nur durch seine Macht könnte sie in der Lage sein, den Fluch abzuwehren. So macht sich Marla mit ihrem Gehilfen Rondeau auf in die Großstadt, um dort zum ungünstigsten Zeitpunkt anzukommen, denn ein fremder Zauberer ermordet gerade alle bedeutenden Konkurrenten, um sich ebenfalls den Grenzstein unter den Nagel zu reißen, da er eine uralte Gottheit wieder beleben möchte. Zuerst nehmen weder Marla noch die einheimischen Magier den Fremden ernst, als jedoch einer nach dem anderen von ihm  getötet wird, beginnt sich abzuzeichnen, dass nicht nur Marla ein gewaltiges Problem hat. Und während die Zeit der Hexe zwischen den Fingern zerrinnt, scheint auch San Franciscos letztes Stündlein geschlagen zu haben…

Hexenzorn ist ein sensationelles und nahezu unglaublich geniales Debüt. Fern von der derzeit üblichen klischeelastigen Vampirromantik erzählt T. A. Pratt hier die fesselnde und knallharte Geschichte eines tödlichen magischen Konflikts. Kantige Figuren wie die nur teilweise liebenswerte Hexe Marla Mason oder ihr nichtmenschlicher Begleiter Rondeau, dessen scheinbar unsterbliche Seele einen menschlichen Körper bewohnt, sprechen hier ebenso für den wunderbaren Einfallsreichtum ihres Schöpfers, wie dies für die packende Atmosphäre gilt.

Dabei schreckt Pratt auch vor schockierenden Sujets nicht zurück, wie z. B. einer ausgedehnten Sexorgie. Absolutes Highlight ist jedoch ein Computermagier, der, vermittels moderner Technik, seinen Zauberkräften zur vollständigen Ausformung verhilft, und dadurch gleich vielfach existiert. Seine Spiegel-Identitäten werden alle 30 Minuten upgedatet, so dass er nahezu unangreifbar erscheint und sich auch so aufführt. Doch leider kümmert sich der fremde Zauberer nicht um die Macht des Computernerd-Magiers und killt ihn ebenso schnell und effizient, wie die anderen vor ihm, so dass die arme Protagonistin bald einsehen muss, dass sie dem Fremden wohl nicht wirklich gewachsen ist (auch beim Endkampf nicht!!!).

Was Pratt sich dann zum finalen Showdown ausdenkt, ist eine originelle und überaus geniale Huldigung alter japanischer Monsterfilme, wie auch sonst Hexenzorn durch viele intelligente Anspielungen besticht. Die Reise der Hexe durch verschiedene Parallelwelten wird dann auch beinharte SF-Fans erfreuen und bei phantasiebegabten Lesern Begeisterung auslösen. Der vorliegende Roman schlägt sogar Jim Butchers überaus goutable Serie um den unverwüstlichen Magier Harry Dresden noch um Längen und ist zweifellos eine der einfallsreichsten und lesenswertesten Veröffentlichungen der letzten Jahre. Diese Geschichte enthält auf 400 Seiten mehr Ideen, als die meisten gängigen Fantasyzyklen auf Zehntausenden von Seiten. Ein bestechendes Leseerlebnis, welches man auf keinen Fall verpassen sollte. Zu hoffen bleibt, dass die angekündigten Fortsetzungen dem unglaublichen Niveau dieses Erstlings gerecht werden können.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald
 
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Hexenzorn

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Die Herzen aller Mädchen

Erstellt von Werner Karl am 26. Januar 2010

herzen-madchenMonika Geier
Die Herzen aller Mädchen
Bettina Boll 5. Fall

Argument Verlag 2009
Ariadne Kriminalroman 1184
ISBN 9783867541848

www.argument-verlag.de
www.geiers-mor.de

Zur Autorin:

Monika Geier, Jahrgang 1970, wurde in Ludwigshafen geboren. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Für ihr Debüt wurde Frau Geier mit dem Marlowe geehrt. Inzwischen ist sie Diplomingenieurin für Architektur, Mutter von drei Jungs, freie Künstlerin und Schriftstellerin. Die Herzen aller Mädchen der Autorin Monika Geier ist der fünfte Band einer Reihe rund um die Kriminalkommissarin Bettina Boll. Alle 5 Bücher sind beim Argument Verlag in der Reihe Ariadne Kriminalrom erschienen.

Zum Buch:

Bettina Boll wird bereits im Vorfeld ihrer Ermittlungen mit einem der Hauptverdächtigen, Gregor Krampe, konfrontiert. Diesen sieht sie in einer Fernsehsendung und findet ihn auf Anhieb sympathisch. Zumindest Bettinas Herz schlägt, von diesem Zeitpunkt an, schon einmal höher. Kurz darauf bekommt sie die Chance das BKA bei einer Ermittlung zu unterstützen, die in engem Zusammenhang mit Gregor Krampe und dessen Umfeld steht. Krampes Mutter wird Opfer eines Brandanschlages, sie überlebt, liegt jedoch im Koma.

Darüber hinaus geht es um ein wertvolles Buch, den Ovid, der für viel Wirbel  sorgt. Dieses Buch wurde gespendet, anonym. Es soll nun, auch hinsichtlich seiner Herkunft und seines angeblichen Alters von über 1000 Jahren, wissenschaftlich anaylisiert werden. An dieser Arbeit ist Gregor Krampe als Bibliothekar und Kurator der Ritter-Sammlung maßgeblich beteiligt. Bei ihren Ermittlungen leidet Bettina Boll mehr und mehr darunter nicht mit ihrem alten Polizeikollegen gemeinsam ermitteln zu können, sondern als Mitarbeiterin der Soko nun mit einer Chefin zu arbeiten, die sehr distanziert und kurz angebunden ist, und mehr als einmal den Eindruck erweckt, keinerlei Verständnis für Bettinas familiäre Situation aufbringen zu können. Bettina, die sich nach dem Tod ihrer Schwester um die Erziehung der Nichte und des Neffen kümmert, hat ihre Arbeitszeit reduziert und übt jetzt einen Teilzeitjob aus.

Dieser Kriminalroman ist nicht blutrünstig, sondern mitten aus dem Leben gegriffen. Schön sind die verschiedenen Personen und ihre charakterlichen Eigenschaften beschrieben, so dass auch jeder, der die vorangegangenen Krimis nicht kennt, sich ins Geschehen einfinden kann. Der Leser kann hier erleben welchen Schwierigkeiten eine alleinerziehende Kriminalkommissarin mit zwei Kindern und einem Halbtagsjob ausgesetzt ist und welche Probleme sie neben ihrem Job noch zu meistern hat. Man leidet mit ihr, wenn Sie von Ihrer Vorgesetzten Syra, einer starken Persönlichkeit, wieder einmal kritisiert wird. Und man freut sich mit ihr, wenn sie zu guten Lösungsansätzen im Fall beitragen kann. Der Roman spiegelt so ein Leben wieder, welches aus dem Alltag gegriffen ist. Vielen von uns mag es im Leben ähnlich und vergleichbar ergehen und das macht das Schöne an diesem Buch aus. Es ist so nah am Leben dran. Auch die Nebencharaktere laufen nicht einfach so am Rande mit, sondern bleiben aufgrund ihrer detaillierten Beschreibungen im Gedächtnis des Lesers haften. Sehr genau beschreibt Monika Geier die Wesenszüge eines jeden Einzelnen und so werden auch die verschiedenen Babysitter, eine Wahrsagerin und weitere Randfiguren ein Stück weit zur Hauptfigur.

Der Kriminalfall an sich ist anders als gewöhnlich. Hier geht es eben nicht von Anfang an um ein Opfer bzw. eine/n Tote/n. Hier geht es mehr um den Ovid und um alles was mit ihm zusammenhängt. Die SOKO hat zunächst einmal beobachtende Funktion. Bettina Boll jedoch lässt sich mehr durch ihre Gefühle leiten und wird schnell hineingezogen in Gregor Krampes Welt. Sie liefert ihm sogar ein Alibi und gibt gegenüber den Kollegen/innen mehr als einmal ein schlechtes Ermittlerbild ab. Dennoch gelingt es ihr immer einen Schritt voraus zu sein und irgendwie den Überblick zu bewahren.

Ein lesenswertes Buch, ein etwas anderer Krimi, nicht nur für das weibliche Geschlecht gedacht, auch wenn dies anhand des Titels auf den ersten Blick so scheinen mag.

Copyright © 2010 by Iris Gasper
 
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Bettina Boll 1: Wie könnt ihr schlafen
Bettina Boll 2: Neapel sehen
Bettina Boll 3: Stein sei ewig
Bettina Boll 4: Schwarzwild
Bettina Boll 5: Die Herzen aller Mädchen

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Fullmetal Alchemist 16

Erstellt von Werner Karl am 25. Januar 2010

fullmetal-alchemist-16Hiromu Arakawa
Fullmetal Alchemist 16

Hagane no Renkinjutsushi, Vol. 16, Japan, 2007
Panini Comics, Stuttgart, 11/2009
TB, Planet Manga, Steampunk, Fantasy
ISBN 9783866077546

Aus dem Japanischen von Burkhard Höfler

www.paninicomics.de
http://gangan.square-enix.co.jp/hagaren/
www.aniplex.co.jp/hagaren/
www.adultswim.com/shows/fullmetalalchemist/index.html
www.animecentral.com/series/series.aspx?ID=4
http://fullmetalalchemist.com.au/

Eigentlich suchen die Brüder Ed und Al Elric nur nach einem Weg, wie sie ihre ursprünglichen Körper zurück bekommen können, die bei einer verbotenen Transmutation erheblich beschädigt wurden, in Als Fall sogar verloren ging. Doch was sie gefunden haben, seit sie Informationen über den Stein der Weisen sammeln, ist eine groß angelegte Verschwörung, die das ganze Militär durchdrungen hat und deren Hintermänner offenbar für den grausamen Vernichtungskrieg gegen Ishbar verantwortlich sind. So mancher, der zu viel wusste, wurde bereits beseitigt. Die Elric-Brüder müssen ebenso vorsichtig sein wie Oberst Roy Mustang und seine Getreuen, denn man droht ihnen mit dem Leben der Menschen, die ihnen nahe stehen. Dennoch setzen sie ihre Nachforschungen im Geheimen fort. Während Mustang Kontakt zu einer Gruppe vertrauenswürdiger Veteranen aufnimmt, folgen Ed und Al Skar, um Antworten zu erhalten. Sie ahnen nicht, dass sich noch jemand an die Fersen des Ishbariers geheftet hat, der ihn töten soll.

Statt auf Skar stoßen sie zuerst jedoch auf die große Schwester von Major Armstrong in Fort Briggs, einem der Außenposten im unwirtlichen Norden – und auf mehr als eine unangenehme Überraschung. Mit jedem Band werden neue Puzzlestücke ausgespielt, die das Bild ergänzen. Hatte man anfangs noch den Eindruck, „Fullmetal Alchemist“ wäre ein Steampunk-Manga mit viel Action und Klamauk, so bleiben einem nun die Lacher über die Running Gags meist im Hals stecken, da der Kontext ernst und düster ist, man nichts witzig finden kann an den Machtgelüsten der geheimen Drahtzieher, die ein ganzes Volk nahezu ausgelöscht haben, um einen Stein der Weisen zu erschaffen, und weitere Verbrechen dieser Art planen.

So mancher, der an den Gräueln beteiligt war, tat es für die Forschung oder hatte keine andere Wahl. Viele mussten bereits dafür büßen oder versuchen nun, im Rahmen ihrer Möglichkeiten an anderen Menschen etwas wieder gut zu machen. Obwohl Skar weiß, dass seine Rache auch Personen trifft, die bereuen und selbst Opfer waren, ist er noch weit davon entfernt umzudenken und die wahren Feinde zu erkennen. Anders die Elric-Brüder und Roy Mustang, die langsam ahnen, was wirklich vor sich geht. Sie wollen zwar dasselbe – diesen Wahnsinn beenden -, beschreiten aber verschiedene Wege, um ihr Ziel zu erreichen. Dabei machen sie auch so manche neue Erfahrung, die ihre Sicht der Dinge verändert. Was auch passiert, sie bleiben menschlich und erinnern sich immer wieder an das, was wichtig ist: das Wohl ihrer Freunde, Unrecht aufzudecken und für das Gute einzutreten, selbst wenn das oft nicht einfach und mit Opfern verbunden ist.

Die sympathischen oder skurrilen Figuren wachsen dem Leser schnell ans Herz. Trotz heiterer Szenen und den mit ihnen einher gehenden unvermeidlichen superdeformierten Abbildungen, verfügt der Manga über erstaunlichen Tiefgang, der ihn aus dem auf pure Unterhaltung ausgerichteten Einerlei etwas heraushebt. Da der Band wieder einmal mit einem Cliffhanger endet, darf man voller Spannung auf die nächste Episode warten.

Irene Salzmann (IS)
 
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Fullmetal Alchemist 16

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Die Arena

Erstellt von Michael Drewniok am 24. Januar 2010

king-arena-coverStephen King
Die Arena

Originaltitel: Under the Dome (New York : Scribner 2009)
Deutsche Erstausgabe (geb.): November 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
Übersetzung: Wulf Bergner
1280 S.
ISBN-13: 978-3-453-26628-5

Das geschieht:

Chester’s Mill im US-Staat Maine ist ein 2000-Einwohner-Städtchen, das es bisher nie in die überörtlichen Nachrichten schaffte. Die meisten Bürger kennen einander, man weiß, was man von seinem Nachbarn zu halten hat. Für die größten Probleme sorgen “Big Jim” Rennie, der Zweite Stadtverordnete, ein bigotter, verlogener, aalglatter Gebrauchtwarenhändler, der sein Amt weidlich ausnutzt, um in Chester’s Mill das Sagen zu haben, und “Junior” Rennie, sein nichtsnutziger, psychopathischer Sohn.

An einem schönen Herbsttag geht unvermittelt der “Dome” über Chester’s Mill nieder: eine unsichtbare, nur für Schall und etwas Luft durchlässige, ansonsten undurchdringliche Kuppel, deren Gestalt sich sehr genau an der Ortsgrenze orientiert. Niemand kann Chester’s Mill verlassen, niemand kann hinein. Ratlos riegelt das Militär die Region ab, während sich der “Dome” rasch in einen Kessel verwandelt, dessen Innendruck stetig steigt. Die Verteilung von Nahrung, Wasser, Heizöl und Treibstoff ist schlecht organisiert. Statt sich darum zu kümmern, schwingt sich “Big Jim” mit Hilfe des ihm hörigen stellvertretenden Polizeichefs Randolph zum Diktator auf. Endlich kann er seine Träume von einem Gottesstaat der Tüchtigen verwirklichen! Vor Gewalt und Mord schrecken seine Schergen, die Rennie mit Privilegien und Sonderzuteilungen an sich zu binden weiß, nicht zurück.

Nur eine kleine Schar unter Leitung des ehemaligen Elite-Soldaten und heutigen Aushilfskochs Dale Barbara stemmt sich dem ausbrechenden Irrsinn entgegen. Irgendwo in Chester’s Mill muss die Maschine stehen, die der Kuppel ihre Energie zuführt. Während wenige suchen, unterwerfen sich viele dem Willen des zunehmend dem Cäsarenwahn verfallenden Rennies, was dafür sorgt, dass die Stadt sich in eine Arena verwandelt, in der Feinde wie Freunde auf Leben und Tod kämpfen …

Dick aber nicht behäbig, schwer aber leicht lesbar

Man hatte Stephen King bereits ein wenig abgeschrieben. Obwohl er seine Alkohol- und Drogensucht überwinden konnte und endlos die in die Breite getretene Saga vom “Dunklen Turm” abschloss, schien Sohn Joe Hill mit eigenen, frischeren Werken dem Vater den Rang abzulaufen. “Cell” (dt. “Puls”) und “Lisey’s Story” (dt. “Love”) waren eher zähe Werke. 2008 zeigte King mit “Duma Key” (dt. “Wahn”), dass mit ihm noch zu rechnen war. Damals arbeitete er bereits an seinem aktuellen (erstmals 1976 begonnenen und damals abgebrochenen) Opus, das mit knapp 1300 Seiten Großwerken wie “The Stand” (dt. “Das letzte Gefecht”) und “It” (dt. “Es”) an die Seite zu stellen ist.

Das gilt nicht nur für den Umfang, sondern erfreulicherweise auch für die Qualität. Mit “Die Arena” blieb der Verfasser nach eigener Auskunft als Erzähler ständig auf dem Gaspedal. Dass ihm in der Tat eine rasante und trotz gewisser, wohl unvermeidbarer Längen im Mittelteil fesselnde Geschichte gelang, sorgt für eine Lektüre, die den Leser nicht irgendwo im Mittelteil seufzen und die Zahl der noch zu bewältigenden Seiten prüfen lässt.

King füttert sein handlungshungriges Buch-Monstrum mit allem, das er im Verlauf seiner langen Karriere in Sachen Spannung und Dramatik als funktionstüchtig kennengelernt hat. Das gelingt ihm mit erstaunlicher Virtuosität, und darüber hinaus prunkt “Die Arena” mit einem Figurenpersonal, das nach Dutzenden zählt, ohne dass Autor und Leser deshalb den Überblick verlieren. Diese Geschichte ist sicher länger, als sie sein müsste, doch sie bleibt auf Kurs bis zum kuriosen Finale, das so wohl nur King umsetzen kann, ohne vom Absurden ins Gefühlsduselige abzudriften.

Chester’s Mill als Spiegelbild

Während der ‘normale’ Leser sich der rasanten Handlung erfreut, stürzt sich der eher dem Kopf als dem Bauch verpflichtete Literaturkritiker auf die allegorische Seiten des monumentalen Buches, denn auch der kluge Mensch, der Weltflucht-Lektüre politisch korrekt zu verabscheuen hat, darf sich dieses Mal ohne schlechtes Gewissen in die Lese-Schlacht stürzen.

King hat eine Rechnung offen. Glücklicherweise begleicht er sie zwar auf Dollar und Cent, ohne darüber ins Dozieren oder Predigen zu verfallen, sondern bleibt unterhaltsam, wenn er seinem Land einen Spiegel vorhält. King gefällt nicht, was spätestens seit dem 11. September 2001 aus den USA geworden ist: ein von hohlem Patriotismus, bigotter Gottesfurcht, nackter Gier und Rücksichtslosigkeit geschüttelter Staat, dessen hehre Ansprüche als moralisches Gewissen und selbst ernannter Ordnungshüter der Welt sich realiter längst in heiße Luft aufgelöst haben.

Mill’s Creek wird zum Mikrokosmos: vordergründig zum Spielfeld für Außerirdische, aber auch zur experimentellen Bühne für King, der ausführlich durchspielt, was geschehen kann, wenn sich die USA weiter selbst ins globale Aus drängen. Die Kuppel sorgt dafür, dass eine Flucht und damit die übliche Verlagerung interner Probleme ins Ausland unmöglich werden. Dieses Mal schmoren die Führer und Seelenretter mit denen, die sie machen und sich dabei für dumm verkaufen lassen, buchstäblich im eigenen Saft. Die Rettung erfolgt in letzter Sekunde, aber ein Happy-End ist das nicht: Chester’s Mill hat sich längst selbst zerrieben.

Abrechnung mit selbst ernannten Führern

Die Parallelen zwischen der Stadtverwaltung von Chester’s Mill und der US-Regierung Bush sind unübersehbar. King vermeidet direkte und plumpe Schuldzuweisungen, sondern bricht sie allgemeinverständlich so weit hinab, bis sie Volkes Stimme entspricht, die King so unnachahmlich zu imitieren weiß. Wie üblich ist Zurückhaltung nicht seine Sache. Dabei bringt King es immer wieder mit plakativen und zielsicheren Formulierungen wie dieser auf den Punkt: “Amerikas große Spezialitäten sind Demagogen und Rock’n’Roll, und wir haben zu unserer Zeit reichlich genug von beidem gehört.” (S. 960)

“Big Jim” Rennie ist nicht George W. Bush. Diese Figur vereint mehrere politische, wirtschaftliche und religiöse Führergestalten der Gegenwart und verschmilzt sie – gleichzeitig scharf umrissen und um der Verdeutlichung willen überspitzt – zu einem kleingeistigen aber cleveren Mann, der die Krise als Chance sieht, ganz nach oben zu kommen, und alles tun wird, um sich dort zu halten. Rennie geht es nicht um Geld, das er zwar in Millionenbeträgen ergaunert, ohne sich selbst damit zu bereichern. Die Macht ist das Rauschmittel, nach dem er giert.

Allzu problemlos kann er sie an sich reißen. In “Die Arena” präsentiert King die breite Palette menschlichen Versagens. Dazu gehört für ihn das Mitläufertum. Wer laut genug schreit, dem folgen jene, die sich vor Widerstand und den daraus resultierenden Folgen fürchten. Zu ihnen gesellen sich Dummen und von der Situation Überforderten, die sich nach einem ‘starken Mann’ sehnen, der für sie in Ordnung bringt, was sie in Angst versetzt, ohne selbst aktiv werden zu müssen – Verhaltensmuster, in denen King nicht grundlos deutliche Parallelen zum deutschen Nationalsozialismus sieht. Freilich vereinfacht er die Mechanismen der Volksverführung und stark. Natürlich ist “Die Arena” ein Unterhaltungsroman. King vergröbert, um für Deutlichkeit zu sorgen.

Kleine Lichter in einem düsteren Tunnel

Helden sind rar unter der Kuppel. Selbst der beinahe übertrieben gewaltlos agierende Dale Barbara hütet ein dunkles Geheimnis: Als ‘Verhörspezialist’ des US-Militärs hat er im Irak die Demütigung und Folter von Gefangenen geduldet. Er bereut und hat aus seinen Fehlern gelernt. Wie so oft bei King gesellen sich Kinder, Hausfrauen und Senioren an seine Seite, denn nur sie haben sich eine Offenheit bewahrt bzw. im Alter wiedergefunden, die sie über sich selbst hinauswachsen lässt und ihnen Zugang zu unkonventionellen Lösungswegen ermöglicht. Realistisch ist das ganz sicher nicht, doch King lässt man das durchgehen, weil er über die Fähigkeit verfügt, solche Figuren ohne schlammige Gefühlsduseligkeiten zu gestalten.

Vermutlich gäbe es ohne Computerkids, abgeklärte Greise und kluge Hunde keine logische oder wenigstens logisch wirkende Auflösung des Kuppel-Spektakels. Lange sieht es so aus, als würden sämtliche Protagonisten einen elenden Tod erleiden. Von 2000 Bürgern überlebt in der Tat nur eine Handvoll. Völlig wollte King nicht auf ein versöhnliches Ende verzichten. Wer sich durch 1300 Buchseiten gekämpft hat, würde das absolute Desaster vermutlich ungnädig aufnehmen; in diesem Punkt sollte man dem Profi King vertrauen. Faktisch wirkt sein Finale dennoch naiv bzw. der wuchtigen Vorgeschichte nicht gewachsen. Die Demokratie unter Druck beschäftigte den Verfasser offensichtlich stärker als die Klärung des Kuppel-Mysteriums. Dass der Berg kreißt und doch nur ein Mäuslein gebiert, ist der King-Leser allerdings gewohnt.

Es hätte schlimmer kommen können: So unterbleiben schwurbelige Mystizismen à la “Das letzte Gefecht” dieses Mal vollständig. Wir vermissen sie nicht und sind froh über eine zwar überdimensionierte aber unterhaltsame Gruselmär über die Abgründe in der Seele des (US-amerikanischen) Durchschnittsmenschen, in denen sich Stephen King immer noch bestens auskennt.

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen – aus gutem Grund, denn der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

[md]

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The Surrogates

Erstellt von Werner Karl am 24. Januar 2010

the-surrogatesRobert Venditti
The Surrogates

USA, 2006
Cross Cult, Ludwigsburg, 9/2009
HC, Graphic Novel im Comicformat mit umfangreichem Zusatzmaterial
Science Fiction, Action
ISBN 9783941248311
Aus dem Amerikanischen von Christian Langenhagen
Titelillustration und Zeichnungen von Brett Weldele

www.cross-cult.de
www.brettweldele.com

Die Zukunftsvisionen haben sich in den letzten dreißig Jahren mit der fortschreitenden Weiterentwicklung der Computertechnik sehr stark verändert. Bestanden die frühen Visionen eher aus Katastrophenszenarien oder dem handfestem Terror totalitärer Regime, spielt sich heute immer mehr in virtuellen Welten ab oder überträgt das Bewusstsein der Menschen in eine andere Ebene. So auch in der Graphic-Novel „The Surrogates“ von Robert Venditti und Brett Weldele, deren Verfilmung mit Bruce Willis im Winter 2009 in die Kinos kommt. Im Jahr 2054 scheint ein Traum wahr geworden zu sein. Mit dem entsprechenden Bankkonto ist man nicht mehr länger darauf angewiesen sein Haus zu verlassen, sondern kann sein Bewusstsein in ein so genanntes ‚Surrogat’ transferieren, einen kybernetischen Körper, der so gestaltet ist, wie man ihn haben möchte, um seiner Arbeit nachzugehen oder mit anderen Menschen zu interagieren.

In dieser schönen neuen Welt muss niemand mehr unter Vorurteilen wegen seinem Aussehen, Geschlecht oder seiner Hautfarbe leiden, denn das kann durch das entsprechende Surrogat verschleiert werden. Die Luxusmodelle ermöglichen sogar gefühlsechten Sex. Auch Gewalt und Verbrechen sind dadurch auf ein geringes Maß gesunken. So haben die Polizeibeamten Harvey Greer und Pete Ford nur wenig zu tun – bis zu dem Tag, an dem eine grausame ‚Mord’-Serie beginnt. Ein vermummter Techno-Terrorist zerstört ein Surrogat nach dem anderen und scheint dem virtuellen Leben den Kampf angesagt zu haben. Doch wer steckt dahinter? Etwa ‚Der Prophet’, ein obskurer Sektenführer, der schon vor Jahren gegen die neue Technologie gewettert hat, oder jemand, der bisher seine Karten noch nicht aufgedeckt hat?

Harvey Greer muss sich seinem Gegner bald persönlich stellen, denn sein Surrogat wird bei ihrer ersten Begegnung zerstört, und ein Ersatz ist noch nicht in Sicht. So ist der Polizeibeamte das erste Mal nach Jahren gezwungen, sein Haus zu verlassen und sich wieder selbst der Außenwelt zu stellen – und allen Gefahren, die ihn dort erwarten. Düster und fatalistisch wie einst in „Blade Runner“ muss sich ein alternder und abgewrackter Held einer kalten, neuen Welt stellen und versuchen, den Feind zu finden, nur um von ihm am Ende wachgerüttelt zu werden. Doch wie so oft schlägt ihm das Schicksal ein böses Schnippchen und lässt am Ende offen, ob er mehr daraus macht.

Die beiden Künstler erzählen ihre Geschichte mit einer düsteren Intensität, die einen manchmal ziemlich schaudern lässt. Dazu passen die kalten und oftmals schmutzigen Farben, die die Kälte dieser schönen neuen Welt deutlich hervorheben. Ganz im Gegensatz dazu stehen die Hochglanz-Prospekte der Firma, die die Surrogate produziert, und eine schöne neue Welt der Perfektion und Eleganz suggerieren, in der jeder das sein kann, was er gerne sein möchte, ohne sich selbst körperlich verändern zu müssen. Viele Menschen sind bereits so süchtig nach diesen Stellvertretern, dass der gewaltsame Einbruch in die heile Welt zu einem grausamen Schock wird, den nicht alle verkraften können. Auch die nachfolgenden Reaktionen sind sehr realistisch und nachvollziehbar umgesetzt, so dass man am Ende sehr nachdenklich zurückbleibt.

Gerade der Gegensatz zwischen der Werbung und der dahinter stehenden Geschichte ist sehr faszinierend und berührend. Das beweist auch das umfangreiche Zusatzmaterial, das einige Punkte nochmals vertieft. Alles in allem ist „The Surrogates“ die gelungene und engagiert umgesetzte Vision einer zukünftigen Welt, auf die wir durchaus zusteuern könnten, wenn die Entwicklungen so weiter laufen wie bisher.

Christel Scheja (CS)
 
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The Surrogates

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Die Reise nach Tulum & Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet

Erstellt von Werner Karl am 23. Januar 2010

die-reise-nach-tulum1Federico Fellini & Milo Manara
Die Reise nach Tulum & Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet
Manara Werkausgabe 1

Keine Angaben zu Originaltiteln und Erscheinungsjahr
Panini Comics, Stuttgart, 8/2008
HC mit Schutzumschlag auf Kunstdruckpapier, Comic, Kunst, Surrealismus, Fantasy, SF
ISBN 9783866078727
Aus dem Italienischen von Michael Leimer
Titelbild und Zeichnungen von Milo Manara

www.paninicomics.de
www.milomanara.com/

Viele haben den Namen Federico Fellini bestimmt schon einmal gehört. Der 1920 geborene und 1993 verstorbene Filmemacher gehörte zu den schillernden italienischen Regisseuren und Produzenten, der gerade zwischen 1940 und 1970 durch seine eigenwilligen, surrealistisch angehauchten und oftmals provokativen Filme die Gemüter der Kritiker erregte. Er gilt als einer der Tabubrecher, die schon früh – wenn auch eher auf künstlerische Art und Weise – Erotik in seinen Werken präsentierte und mit Gesellschaftsschelte nicht sparte. Zu seinen bekanntesten Werken gehören unter anderem „Das Lied der Straße“, „Das süße Leben“, „8 ½“ oder „Satyricon“. Der 1945 geborene Milo Manara schuf bereits in den 1970er Jahren Comics, die mehr Kunst als Unterhaltung waren wie „Der Affenkönig“ oder „Revolution“. Später arbeitete er dann mit Hugo Pratt, Luc Besson und nicht zuletzt Federico Fellini zusammen. Für Letzteren setzte er zwei nicht verfilmte Szenarien um, die wohl zum ersten Mal auch auf Deutsch vorliegen: „Die Reise nach Tulum“ und „Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet“. Beide Geschichten basieren auf Skripten von Fellini, der zu der Zeit, in der er diese verfasste, von Carlos Castaneda und seinen esoterischen Werken begeistert war.

„Die Reise nach Tulum entführt in ein Mexiko, in dem sich Traum und Wirklichkeit vermischen. Der Held ist gefangen in Illusionen und kann bald nicht mehr unterscheiden, ob das, was er wahr nimmt, Wirklichkeit ist oder die reine Erfindung seines Geistes. Denn die Stätten, die er auf diese Weise kennen lernt, sind viel farbenprächtiger und schöner als die Realität. Nach und nach verliert er sich immer mehr in den Traumbildern, nicht ahnend, das er damit alles verlieren könnte, was er sich bisher erarbeitet hat. Auch „Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet“ schildert eine Reise aus der Wirklichkeit in die der Visionen und Träume. Doch diesmal muss sich der Protagonist der Tatsache stellen, dass ihn am Ende das Jenseits erwartet und seine Reise eine ohne Wiederkehr ist. Wie in allen surrealistischen Werken fließen Traum und Realität ineinander, finden sich in ganz normalen Städten plötzlich magische Paläste mit einer archaischen Ausstrahlung, wechseln die Figuren von einem zum anderen Mal die Szenerie und müssen sich phantastischen Bedrohungen und philosophischen Fragen stellen, wenn sie auf ihrem Weg weiter kommen sollen.

Natürlich gibt es auch eine Menge hübscher Frauen zu sehen, die ihre weiblichen Reize präsentieren, aber die Erotik, die sie ausstrahlen, ist ebenso unwirklich wie das Setting und weit entfernt davon, Pornographie zu sein. Man muss sich schon Zeit nehmen, um in die Geschichte einzutauchen und sie zu verstehen, denn vieles erschließt sich nicht unbedingt nach dem ersten Lesen. Und auch danach kann man noch eine Weile darüber nachdenken, denn einfach zu verstehen, sind die Szenen dann immer noch nicht. Neben den beiden Geschichten gibt es noch eine Menge Illustrationen und Entwürfe zu sehen, u. a. auch das Storyboard von Fellini. Ergänzende Texte klären über die Intention und den Hintergrund der Geschichten auf, was stellenweise auch sehr hilfreich ist, wenn man z. B. Castaneda nicht gelesen hat. Alles in allem sollte man keine leicht verdauliche erotische Kost erwarten, sondern schwergängige künstlerische Geschichten, die zwar herausragend gezeichnet, aber nicht leicht zu verstehen sind, da sie mehr auf den phantastischen Surrealismus der Szenen als auf eine klare Aussage und geradlinige Handlung setzen.

Christel Scheja (CS)

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Die Reise nach Tulum & Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet

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Die Wurmgötter

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Januar 2010

keene-wurmgoetter-coverBrian Keene
Die Wurmgötter

Originaltitel: Earthworm Gods/The Conqueror Worms (North Webster : Delirium Books 2005)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstausgabe (geb.): November 2007 (Otherworld Verlag)
283 S.
ISBN-13: 978-3-9502185-9-6
(sfbentry)

Das geschieht:

Seit mehr als 40 Tagen regnet es auf dem gesamten Erdball. Gewaltige Fluten haben die Küstenregionen sämtlicher Kontinente verwüstet. Das Wasser steigt ständig. Die Zivilisation ist zusammengebrochen, die meisten Menschen sind tot oder auf der Flucht dorthin, wo das Wasser sie nicht erreicht. Wer sich den großen Evakuierungen nicht angeschlossen hat, blieb isoliert und ohne Nachrichten zurück. So wird es auch bleiben, denn ein Kommunikationsnetz existiert nicht mehr.

Im US-Staat West Virginia gehört Teddy Garnett zu denen, die sich störrisch weigerten, ihr Heim zu verlassen. Über 80 Jahre ist er alt und mag dem Wetter nicht weichen. Da er sein Haus hoch auf einem Berg errichtet hat, blieb er von der Flut verschont. Doch Garnett ist einsam, Lebensmittel und Brennstoff für den Stromgenerator drohen ihm auszugehen. Zudem bemerkt er Seltsames im ewigen Regen: Eine aggressive Schimmelart breitet sich aus und befällt Tiere und Pflanzen. Schlimmer ist jedoch eine akute Würmerplage. Garnett führt das zunächst auf die Feuchtigkeit zurück, bekommt es aber mit der Angst zu tun, als er erlebt, wie plötzlich riesenhafte und fleischhungrige Würmer an der Erdoberfläche erscheinen.

Wie gewaltig diese wirklich werden können, weiß eine kleine Menschengruppe, die gerade aus der versunkenen Stadt Baltimore entkommen ist. Dort hatte sie sich in einem Hochhaus verbarrikadiert, denn in den Ruinen lauerten offenbar wahnsinnig gewordene Zeitgenossen, die an eine Rückkehr uralter Götter als Auslöser der neuen Sintflut glauben und ihnen Menschenopfer bringen. Tatsächlich treiben seltsame Wesen ihr Unwesen in den Fluten, und sie dringen ins Landesinnere vor.

Der Weg der Flüchtlinge endet vor Garnetts Hütte, in der man sich erneut einigelt: Aus dem Boden steigen Monsterwürmer, deren Gier auf Menschenfleisch unersättlich ist …

Der Wurm als Monster & Metapher

Der Mensch teilt diese Erde seit Jahrmillionen mit den Würmern: unzähligen Würmern, die teilweise äußerst unerfreuliche Ernährungsgewohnheiten an den Tag legen, in der Regel schleimig sind und manchmal bemerkenswerte Längen erreichen. Er mag sie nicht oder fürchtet sie, doch in der Regel bleibt die Koexistenz zwischen Mensch und Wurm friedlich, weil letzterer tief in der Erde oder im Meer lebt und ersterem erst zu Leibe rückt, wenn er (oder sie) in Friedhofserde ruht.

Was wäre allerdings, blieben Würmer nicht klein und ängstlich, sondern würden riesig und angriffslustig? Keine angenehme Vorstellung; obwohl Riesenwürmer ohne Knochenstütze vermutlich unter ihrem Eigengewicht zusammenbrächen, lässt die Vorstellung trotzdem schaudern. Zu fremdartig wirken diese Tiere. Kein Wunder, dass Würmer in der Mythologie des Menschen keine sympathischen Rollen besetzen. Den sprichwörtlichen Wurm im Apfel kennt jede/r; er symbolisiert, dass unter einer glänzenden Oberfläche schon die Verderbnis lauern kann. Der Wurm (oder die Schlange) Ouroboros, der sich selbst in den Schwanz beißt, steht für den ewigen Kreislauf des Lebens, dessen Ende immer einen neuen Anfang beinhaltet, doch andererseits ist es der Wurm, der nach dem Tod unter der Erde auf uns wartet.

In der Unterhaltungsliteratur dominiert der Wurm als schreckliche Kreatur aus der Unterwelt. Bram Stoker, der Autor von „Dracula“, schrieb 1911 „Lair of the White Worm“ (dt. „Das Schloss der Schlange“); das Untier weist gewisse Ähnlichkeit mit den Wurmgöttern auf, die Brian Keene über die Menschheit herfallen lässt. Er verschmilzt den Wurm mit dem gallertigen Dämonen-Gott Cthulhu, den H. P. Lovecraft (1890-1937) einst zu ewigem literarischen Leben erweckte. (Eigentlich tritt Cthulhu ja in Tintenfisch-Gestalt auf; Brian Keene ließ sich offenbar vom Lovecraft-Epigonen Brian Lumley inspirieren, der in seinem „Titus-Crow“-Zyklus [1974-1989] die Menschheit durch die wurmigen Chtonier terrorisieren ließ.)

Apokalypse in Episoden

Allzu genau nimmt es Keene indes weder mit der Mythologie noch mit dem Cthulhu-Mythos. Die Herkunft seiner Wurmgötter deutet er nur an und tut gut daran, denn eine Klärung widerspräche der Intention seiner Geschichte. Der Untergang der Welt findet außerhalb der Sicht seiner Figuren statt, die nur über Ursache und Ausmaß der Katastrophe spekulieren können.

„Die Wurmgötter“ ist in doppelter Hinsicht ein episodenhafter Ausschnitt aus einem Geschehen, das auch dem Leser unklar bleibt. Keene verzichtet sogar auf einen stringenten Handlungsbogen. Sein Buch zerfällt in drei Teile: die Geschichte des alten Teddy Garnett, die Abenteuer der Baltimore-Gruppe und der Überlebenskampf der Überlebenden beider schließlich vereinter Gruppen. Die Wirksamkeit dieser Differenzierung bleibt fraglich; stattdessen sinniert der Leser über der Frage, ob Keene überfordert mit der Gestaltung einer durchgängigen Handlung war. Die beiden ersten Teile stehen im Grunde ohne logische Verbindung nebeneinander und werden für das Finale nur notdürftig zusammengeführt. Die Geschichte leidet darunter, weil sie ab Seite 119 mit Teil 2 praktisch neu beginnt. Stilistisch fällt dieser zudem ab: Während sich Keene in Teil 1 Zeit für den Aufbau der Ereignisse nimmt, setzt er hier allzu simpel auf Action, Gewalt und Sex.

Die menschliche Zukunft: üblich düster

Viele spannende Episoden hat sich der Verfasser ausgedacht. Grandios ist indes vor allem sein Gespür für Stimmungen. Das Grauen einer im Wasser versinkenden Welt vermag Keene ausdrucksstark zu schildern. Schlechter schneidet er ab, sobald er seine Protagonisten reden und miteinander agieren lässt. Der Mensch ist kein für die Krise geeignetes Wesen, lautet Keenes Credo; Egoismus und Irrsinn kommen zum Vorschein, wird die dünne Tünche der Zivilisation abgekratzt. Wie sich dies äußert, bleibt bei ihm freilich Klischee. Keenes schlechtester Einfall bleiben in dieser Hinsicht die ‚Satanisten‘ von Baltimore, die sich genauso (dämlich) benehmen wie die Spinner aus 1001 schlechten Hollywood-Streifen.

Das Ende bleibt offen; zumindest in dieser Hinsicht beugt sich der Verfasser nicht der Happy-End-Fraktion. Bis es soweit ist, legt er keine Zimperlichkeit an den Tag, wenn es darum geht, die Reihen seiner Figuren zu lichten. Niemand ist sicher, Sympathie keinesfalls eine Garantie für Überleben. Für diese Konsequenz ist man Keene dankbar, denn sie stellt ein angenehmes Gegengewicht zu den genannten Schwächen dar (zu denen sich noch ein Stützen auf plakativen Ekelszenen gesellt, die allzu offensichtlich effekthascherischer Selbstzweck sind.)

Starke Würmer aber blasse Figuren

Die Zweiteilung der Handlung setzt sich in der Figurenzeichnung fort. Mit Teddy Garrett ist Keene definitiv eine Hauptperson gelungen, die im Gedächtnis bleibt: ein alter Mann aus einfachen Verhältnissen, der ausgiebig über sein Leben reflektiert und zu einer echten Persönlichkeit reift. Flach bleiben dagegen die Flüchtlinge aus Baltimore, deren Denken und Handeln oft nicht nachzuvollziehen ist und eher den Konventionen des Horrorromans als der Logik folgen.

Vor allem die Schwachen und die Bösen gerinnen zum Popanz. Bei Keene werden sie entweder wahnsinnig oder von Dämonen besessen. In beiden Fällen mutieren sie zu Massenmördern und ergehen sich in endlosen Drohreden, in denen sie düster über anstehende Apokalypsen unken und sich auch sonst lächerlich benehmen.

Auf die ‚göttliche‘ Herkunft der Würmer hätte Keene übrigens problemlos verzichten können. Er geht ohnehin nur ansatzweise darauf ein (und produziert dabei primär Kinderbibel-Horror). Letztlich bleibt absolut ungeklärt, wer oder was sich hinter den Würmern verbirgt. Sie könnten durchaus biologische Mutationen sein, die von der Flut an die Oberfläche getrieben wurden. Der große Behemoth-Wurm zeigt keine Anzeichen von Intelligenz. Leviathan, sein aquatisches Gegenstück, der angebliche Cthulhu, scheint auch keine Ahnung zu haben, was er mit der Erde, die ihm in den Schoß gefallen ist, anfangen soll. Wozu also das mythologische Fundament, wenn Keene nie wirklich auf ihm aufbaut und seine Mammut-Würmer den ganz und gar irdischen Wurmgetümen aus den „Tremors“-Filmen anpasst?

„Die Wurmgötter“ sind unterm Strich die auf dem Fernsehen bekannten „Monster der Woche“, Keenes Roman ist spannender Horror mit nur behauptetem Tiefgang, der allerdings handwerklich sauber präsentiert wird. Dass man zunächst mehr erwartet, liegt an der wirklich schönen Buchgestalt, die der Otherworld-Verlag der deutschen Ausgabe dieses Romans spendierte. Sie wurde fest in rotes Leinen gebunden, sauber gedruckt, mit einem handgemalten (!) Cover (von Abrar Ajmal – er lässt seinen Behemoth-Wurm wie einen Shai-Hulud aus den „Dune“-Romanen von Frank Herbert aussehen) versehen und flüssig (vom Michael Krug) übersetzt. Negativ ins Auge fallen höchstens die sich häufenden falschen Worttrennungen, die auf eine zu hastige Endredaktion hindeuten.

Autor

Brian Keene (geboren 1967) wuchs in den US-Staaten Pennsylvania und West Virginia auf; viele seiner Romane und Geschichten spielen hier und profitieren von seiner Ortkenntnis. Nach der High School ging Keene zur U.S. Navy, wo er als Radiomoderator diente. Nach Ende seiner Dienstzeit versuchte er sich – keine Biografie eines Schriftstellers kommt anscheinend ohne diese Irrfahrt aus – u. a. als Truckfahrer, Dockarbeiter, Diskjockey, Handelsvertreter, Wachmann usw., bevor er als Schriftsteller im Bereich der Phantastik erfolgreich wurde.

Schon für seinen ersten Roman – „The Rising“ (2003), eine schwungvolle Wiederbelebung des Zombie-Subgenres – wurde Keene mit einem „Bram Stoker Award“ ausgezeichnet. Ein erstes Mal hatte er diesen Preis schon zwei Jahre zuvor für das Sachbuch „Jobs In Hell“ erhalten. Für seine Romane und Kurzgeschichten, ist Keene seitdem noch mehrfach prämiert worden. Sein ohnehin hoher Ausstoß nimmt immer noch zu. Darüber hinaus liefert er Scripts für Comics nach seinen Werken. Außerdem ist Keene in der Horror-Fanszene sehr aktiv. Sein Blog „Hail Saten“ gilt als bester seiner Art; die Einträge wurden in bisher drei Bänden in Buchform veröffentlicht.

Brian Keene hat natürlich eine Website, die sehr ausführlich über sein Werk und seine Auftritte auf Lesereisen informiert. Über den Privatmann erfährt man allerdings nichts; es gibt nicht einmal die obligatorische Kurzbiografie.

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