Aleppo: Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe – Geschichte, Gegenwart, Perspektiven

Mamoun Fansa (Hrsg.)
Aleppo: Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe – Geschichte, Gegenwart, Perspektiven

Nünnerich-Asmus Verlag, Mainz, 10/2013HC, Sachbuch, Geschichte & Archäologie, 978-3-943904-25-3, 120/2990
Aus dem Arabischen von Heysen Chekouni, aus dem Englischen von Karin Aydin
Titelgestaltung von Scancomp GmbH unter Verwendung der Fotos „Hotel Zamaria (Martinihotel),
Altstadt, Ortsteil Jdeideh, vor und nach der Zerstörung“
96 Abbildungen im Innenteil aus verschiedenen Quellen 

www.na-verlag.de

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 Aleppo

Aleppo liegt im Norden Syriens und ist nach Damaskus die zweitgrößte Stadt des Landes. Funde deuten darauf hin, dass bereits um 5000 v. Chr. erste Siedlungen existiert haben, wodurch Aleppo zu den ältesten Städten der Welt zählt. Ende des 19. Jh. v. Chr. wird der Ort erstmals in Quellen als Hauptstadt des Reiches Jamchad erwähnt. Es folgte eine wechselvolle Geschichte, während der die Region unter den Einfluss der Mitanni, Hethiter, Aramäer, Assyrer, Perser, Seleukiden, Armenier und Römer geriet, später eine Weile zum Byzantinischen Reich gehörte, schließlich an die Araber und Osmanen fiel. 1986 erklärte die UNESCO die Altstadt von Aleppo zum Weltkulturerbe.

Seit einigen Jahren tobt nun in Syrien ein Bürgerkrieg, in dem auch ausländische Mächte mitmischen. Weiß überhaupt noch jemand, wie es angefangen hat? Worum es geht? Wer beteiligt ist? Wer auf wessen Seite steht und sich wofür einsetzt? – Die Zerstörungen bedeutsamer historischer Kulturschätze durch Terroristen lösen schon lange keinen Aufschrei der Empörung mehr aus. Das Augenmerk ist auf den Flüchtlingsstrom gerichtet, dessen Ziel Europa ist. In dieser Rezension soll jenes Thema nicht diskutiert werden; hier geht es allein um das Buch, das Aleppo zeigt, wie es vor den Verwüstungen und danach (2013) aussah, und längst ist alles noch viel schlimmer geworden.

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Außer dem Herausgeber Mamoun Fansa kommen sieben weitere Nahost-Kenner zu Wort, die in kurzen Aufsätzen ihr Wissen über diesen geschichtsträchtigen Ort, ihre Eindrücke von der aktuellen Lage, ihre Beobachtungen, Befürchtungen und Hoffnungen schildern, aber auch um Hilfe bitten, damit das Morden und Zerstören endlich ein Ende hat und die Pläne für den Wiederaufbau bzw. die Rekonstruktion der historischen Stätten realisiert werden können.

Es ist keine einfache Lektüre, denn die Autoren, die aus Aleppo stammen wie der Herausgeber, haben eine gänzlich andere Sichtweise der Dinge als ihre beiden Kollegen mit einem westlich orientierten Hintergrund. Die Ausführungen zu vergleichen ist recht interessant, doch muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man als Mensch aus einem anderen Kulturkreis zu wenig aus den Medien erfährt, sich zu wenig um den Wissenserwerb bemüht, zu wenig Interesse und Verständnis aufbringt, grundsätzlich eine andere politische Auffassung vertritt – kurz: eigentlich nicht wirklich Ahnung hat, wovon gesprochen wird.

Die Autoren sind bemüht, ihre Meinungen plausibel zu erläutern und fordern zudem, dass der Wiederaufbau der zerstörten Stätten von den Aleppinern unter der Leitung einheimischer Fachleute betrieben wird, einerseits um das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken, andererseits weil es um ihre Heimat geht und mit fortschreitende Zerstörung auch um einen zunehmenden Verlust der kulturellen Identität.

Schwarz-weiße und farbige Fotos, die mindestens die Größe einer Kreditkarte haben und maximal eine Seite belegen, dokumentieren die Tragödie Aleppos, das von Barbaren in Schutt und Asche gelegt wurde: Den wunderschönen Bauwerken gegenübergestellt wurden die Ruinen – ein unerträglicher Anblick. Die Verluste sind kaum mit Worten zu fassen.

Das Buch wirkt erschreckend und aufrüttelnd, führt aber auch dem Leser die Hilflosigkeit all derer vor Augen, die sich um einen Waffenstillstand, ein Ende des Krieges, ein Ende der Zerstörungen und die Rückführung der Bevölkerung für den Wiederaufbau bemühen. Man muss befürchten, dass die alten Fotos bald das Einzige sind, was übrig bleibt von Aleppo, Damaskus und anderen Orten, wenn es noch länger dauert, bis Frieden in Syrien einkehrt.

Copyright © 2016 by Irene Salzmann (IS)

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