Am Ende aller Zeiten

Adrian J. Walker:
Am Ende aller Zeiten

Originaltitel: The End of the World Running Club (2016).
Deutsche Übersetzung von Nadine Püschel und Gesine Schröder.
Frankfurt a. M: Verlag S. Fischer (Tor) 2016.
432 Seiten. 14,99 Euro.

Umschlaggestaltung: MaschmannFautzHuff, Hamburg.

ISBN 9783596037049

von Gunther Barnewald

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Sogenannte “Post Doomsday-Romane” sind klassische Sujets in der Science Fiction (siehe auch die Liste mit Literaturempfehlungen am Ende der Besprechung).

Während in vielen Büchern der “Weltuntergang” (meist im Sinne von Untergang der modernen Zivilisation) beschrieben wird (“Doomsday”), bestechen “Post Doomsday-Geschichten” durch die Beschreibung der Zeit nach dem Zusammenbruch und dem Fortschreiten menschlicher Zivilisation unter erschwerten Bedingungen.

Einige Bücher beschreiben auch beide Situationen. So auch der vorliegende Roman von Adrien J. Walker, wobei der größere Teil der Handlung auf die Zeit nach dem “Weltuntergang” entfällt (man das Buch also eher den “Post-Doomsday-Romanen” zurechnen sollte).

In diesem Fall bringen herabstürzende Meteoriten auf der Nordhalbkugel der Erde die moderne Zivilisation zum Kollabieren.

Zum Glück werden viele Menschen in Großbritannien von Expeditionen gerettet, die von der Südhalbkugel ausgehen und den Überlebenden anbieten, einige Migrationswillige per Schiff dorthin umzusiedeln, bevor die Barbarei wieder auf der Insel einzieht (ein leider eher unglaubwürdiger Plot, sieht man sich aktuelle Flüchtlingsproblematiken und das Verhalten der “Verschonten” an!).

Auch Edgars Familie, seine Frau und seine beiden kleinen Kinder, werden aus einem Militärlager nach Cornwall zur Verschiffung gebracht. Leider ist Edgar zu diesem Zeitpunkt auf einer Expedition unterwegs, um Nahrungsmittel und Technik zu beschaffen, so dass er nicht mitgenommen werden kann.

Als Edgar ins Lager zurückkehrt, wird ihm schnell klar, dass er sich zu Fuß von Schottland aus auf den Weg nach England machen muss, will er seine Familie nochmals wiedersehen, denn ein weiterer Hubschraubertransport steht nicht mehr zur Verfügung.

Und so brechen Edgar und vier weitere aus dem Lager auf nach Cornwall, durch ein verwüstetes Land, in dem die Sitten immer rauher werden und jeder bald nur noch um sein Überleben kämpft.

Da durch die Meteoriteneinschläge die meisten Straßen zerstört sind und gewaltige Krater immer wieder die Wege blockieren, müssen die fünf Reisenden den größten Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen. Da die Zeit drängt, denn die Schiffe sollen bald ablegen, wird die ganze Expedition bald zu einer unmenschlichen Strapaze, zu einem Dauerlauf über Hunderte von Meilen, einem Marathon von exorbitanten Ausmaßen, der alle an den Rand ihrer Kräfte bringt…

Der Autor fügt dem Genre kaum neue Aspekte hinzu, wer bereits Bücher zu diesem Thema gelesen hat, wird schnell bekannte Topoi entdecken.

Was das Buch jedoch so außergewöhnlich gut macht, ist der hervorragende Stil des Autors, der nicht nur Charaktere bewundernswert entwickeln kann, sondern auch ein Händchen für die passende Atmosphäre hat. Dabei ist es erstaunlich, dass ein Erstlingswerk dermaßen stark erzählt ist. Hier darf man sich sicherlich auch bei den beiden tollen Übersetzerinnen Nadine Püschel und Gesine Schröder bedanken, die tadellose Arbeit geleistet haben.

Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass Walker (und der Name ist bei dem Thema dann wohl Programm!) ein brillanter Stilist ist, der zudem durch geschickte Aufteilung der Geschichte (nicht alles wird chronologisch erzählt, obwohl der Autor längst nicht so wild hin und her springt wie seine Kollegin Emiliy St. John Mandel in ihrem tollen “Post Doomsday-Roman”; siehe unten) an der Spannungsschraube zu drehen versteht.

Insgesamt ist das vorliegende Buch, gerade trotz des ausgelutschten Themas, eine echte Offenbarung. Die Geschichte fließt beim Lesen nur so dahin, das Buch ist durchgängig fesselnd, gönnt dem Leser aber auch kurze Pausen, bevor die Handlung wieder mit Macht voran schreitet.

Wer das Thema der zusammenbrechenden Zivilisation mag (und gerade die politische Entwicklungen der letzten Monate und Jahre lassen dieses Thema wieder aktuell erscheinen), der sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen (und bekommt am Ende dieser Rezension auch noch einige Empfehlungen für weitere Lektüre, wenn ihm/ihr dieses Thema zusagt!).

Aber auch andere Leser, die nicht gerade eine Abneigung gegen dieses Sujet hegen, sollten Adrian J. Walker eine Chance geben, denn dieser exzellente Stilist vermag sicher auch Leser in seinen Bann zu ziehen, die mit dem Thema nicht so viel anfangen können.

Ein durchaus würdiger Auftakt für die neue Tor Science-Fiction-Reihe im S. Fischer Verlag, auch wenn der Plot mit der Rettung der Überlebenden auf die Südhalbkugel unglaubwürdig erscheint, denn ob man dort wirklich so human denken und handeln würde, dass man die Menschen von der Nordhalbkugeln (und damit uns!) retten, evakuieren und aufnehmen würde, erscheint extrem zweifelhaft aus meiner Sicht.

Auf weitere Werke dieses begnadeten Autors darf man aber trotzdem gespannt sein, denn so gut schreiben wie Walker können sonst nur wenige Schriftsteller!

Copyright © 2016 by Gunther Barnewald

Titel erhältlich bei Amazon.de
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barnewaldEine Liste von 30 (aus Sicht des Rezensenten) empfehlenswerten “Post Doomsday-Romanen” in alphabetischer Reihenfolge 2016 von Gunther Barnewald (Daten/Bücher) und Detlef Hedderich (Bestelllinks/URLs)

Auch wenn die Auswahl subjektiv ist und der ein oder andere Klassiker (Ward Moore, Carl Amery etc.) hier fehlt, da er dem Rezensenten unzugänglich erschien, dürfte diese Auswahl durchaus die meisten der großen Klassiker des “Post-Doomsday-Genres (allerdings nicht der “Doomsday-Romane”, die hier ausgelassen wurden) enthalten (natürlich nicht alle, es gibt noch einige mehr: Zelazny, Dick, McIntosh, Yancey usw.!).

Ein besonderer Hinweis an dieser Stelle noch auf Mordecai Roshwalds beeindruckenden Klassiker Das Ultimatum, der allerdings komplett in einem Bunker spielt, deshalb sicherlich deutlich abweicht von den Werken oben, aber auch zu den empfehlenswerten Büchern gehört (ähnlich wie der leider vollständig unverfilmbare Roman Dunkles Universum von Daniel F. Galouye, der eine Menschheit beschreibt, die sich nach einer Katastrophe in lichtlose unterirdische Höhlen geflüchtet hat und deren Mitglieder sich nach mehreren Generationen wie Fledermäuse orientieren können und so an die dortigen Bedingungen angepasst haben). In beiden Büchern entfällt jedoch die Erkundung der zerstörten Welt, die den anderen Romanen oft ihren besonders morbid-romantischen Charme verleiht.

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01)James Graham Ballard: Welt in Flammen (auch: Die Dürre)

02)James Graham Ballard: Karneval der Alligatoren

03)James Graham Ballard: Kristallwelt

(alle zusammen auch in: James Graham Ballard: Zeit endet)

04)Algis Budrys: Einige werden überleben

05)Jeff Carlson: Nano

06)Jeff Carlson: Plasma

(der letzte Band der Trilogie unter dem Titel Infekt ist so grottenschlecht, dass er leider hier nicht empfohlen werden kann!)

07)David Chippers: Zeit der Wanderungen

08)John Christopher: Das Tal des Lebens

09)John Christopher: Leere Welt

10)Michael G. Coney: Eiskinder

11)Arnold Federbush: Eis

12)Dmitry Glukhovsky: Metro 2033

13)Hellmuth Lange: Blumen wachsen im Himmel

14)Sterling E. Lanier: Hieros Reise

15)Sterling E. Lanier: Der unvergessene Hiero

16)Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

17)Richard Matheson: Ich bin Legende

18)Cormac McCarthy: Die Straße

19)Jack McDevitt: Die ewige Straße

20)Harold Mead: Marys Land

21)Walter M. Miller: Lobgesang aus Leibowitz

22)Sterling Noel: Die fünfte Eiszeit

23)Friedrich Scholz: Nach dem Ende

24)Arthur Sellings: Schrott

25)Robert Silverberg: Die Stadt unter dem Eis

26)George R. Stewart: Leben ohne Ende

27)Hans Wörner: Wir fanden Menschen

28)John Wyndham: Die Triffids

29)Georg Zauner: Die Enkel der Raketenbauer

30)Georg Zauner: Der verbotene Kontinent

Copyright © 2016 by Gunther Barnewald/Detlef Hedderich

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