Amerikkan Gotik – Finstere Geschichten aus dem Herzen Amerikas

Markus K. Korb
Amerikkan Gotik – Finstere Geschichten aus dem Herzen Amerikas

Luzifer Verlag, Drensteinfurt, 04/2015
PB mit Klappenbroschur, Kurzgeschichten, Horror, Dark Fantasy, 978-3-95835-058-8, 244/1299
Titelmotiv von Michael Schubert
Innenillustrationen von Peter Davey

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9783958350588

„Die drei entfernten sich. Francine stellte ihre Kerze einen Meter von mir entfernt auf den Boden. Obwohl der Schein nicht weit reichte, war er mir doch ein Trost in der Finsternis und der Kälte, die von jenseits des Gitters in meinen Rücken sickerten. Von Minute zu Minute schlich sich das Grauen tiefer in mein Herz. Am Rand der Lichtglocke vermeinte ich, Schemen umher huschen zu sehen. […]

Die Zeit dehnte sich, wurde zu einem unermesslichen Band.

Und dann waren da auf einmal diese Finger.“ („Entfremdung“)

 

„Abels Rückkehr“:

Als der Priester bei der Trauung der schwarzen Lilith und des weißen Kain die Frage stellt, ob jemand gegen die Verbindung beider etwas einzuwenden habe, öffnet sich das Kirchenportal, und Kains Bruder Abel betritt die Kirche. Abel, der als Mitglied des Ku-Klux-Klans schon immer gegen die Verbindung der beiden war. Abel, der ihnen stets nachgestellt hat, in der Hoffnung, seinen Bruder zur Vernunft zu bringen. Bis die Liebenden ihn getötet und seine Leiche ins Meer geworfen haben.

„Faulspiel“:

Die Unterweltbosse und die High Society von Chicago genießen eine neue, exklusive Attraktion und Wettvergnügen. Ein Spiel, in dem lebende Tote gegeneinander antreten, um einen tödlichen Parcours zu überwinden. Das Zombiepulver eines haitianischen Medizinmanns macht es den Betreibern Andy und Greg möglich, das Spiel stets am Laufen zu halten. Dumm nur, wenn sich beide plötzlich nicht mehr vertrauen.

„Entfremdung“:

Für die Europäer, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika kamen, war Ellis Island die erste Station ihres Aufenthalts, wo die neuen Bürger von Ärzten begutachtet wurden. Auch war es keine Seltenheit, dass Familien getrennt wurden und die Kinder in den Kindertrakt des dortigen Krankenhauses verbracht wurden. Wie der junge Thomas, der gleich in der ersten Nacht dort eine Mutprobe über sich ergehen lassen muss. Doch weit schlimmer und gefährlicher ist die Legende vom Gespensterdoktor auf Ellis Island.

„Ho-ho-ho!“:

Samt seines dicken Weihnachtsmannskostüms steckt er nun schon tagelang im Kamin fest. Es sollte eine Überraschung sein, doch er ist im falschen, unbewohnten Haus eingestiegen und damit ohne Hoffnung auf Rettung. Dann beginnt er plötzlich nach unten zu rutschen. Dank der unfreiwilligen Diät, wie er vermutet, und verwundert bemerkt er, dass das Haus gar nicht unbewohnt ist.

„Amerikkan Gotik“:

Der Independent-Schriftsteller Eric Harper glaubt, seinen Augen nicht zu trauen, als er in der Ramschkiste seines Lieblingscomichändlers seine eigenen Bücher entdeckt. Seine Bücher? Nicht ganz, denn bei diesen Exemplaren handelt es sich um dilettantisch nachgeschriebene Kopien. Halb erzürnt, halb neugierig begibt er sich auf die Suche nach dem Autor dieser Machwerke und damit ins finstere Herz Amerikas.

„Prybjat Requiem“:

Er ist Spezialist darin, Vermisste wieder aufzuspüren, nach dem die offiziellen Organe die Suche bereits aufgegeben haben. Sein neuster Auftrag führt ihn in die Geisterstadt Prybjat, seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl verlassen. Seit kurzem jedoch eine Attraktion für unerschrockene Touristen. Tatsächlich findet er dort Spuren des Vermissten und noch etwas mehr.

„Zwo“:

Stephen und Clive wollen sich nur das Spektakel des verglühenden Satelliten am Nachthimmel ansehen. Doch ein Teil des künstlichen Himmelskörpers schlägt ganz bei ihnen in der Nähe auf den Erdboden. So nahe, dass sie mit ihren Rädern zur Absturzstelle fahren können und einen Teil des Satelliten mit nach Hause nehmen. Doch der Satellit hat etwas von seiner Reise durchs All mitgebracht.

„Lost America“:

Der Fotograph Troy Paiva ist ständig auf der Suche nach Friedhöfen der Zivilisation, um diese abzulichten und seiner Bildersammlung „Lost America“ hinzuzufügen. Beim nächtlichen Besuch der ‚Leiche‘ des Phoenix Trotting Park wird ihm vor Augen geführt, worauf die amerikanische Kultur in Wahrheit aufgebaut ist.

„Candyman Jack“:

Die Kinder des Waisenhauses Wineyard Mansion müssen als billige Arbeitskräfte herhalten, um Mutter Cassandras spezielle Ernte auf der benachbarten Jim Parks Farm einzubringen. Dafür erhalten die Verantwortlichen einen Teil der Ernte und die Kinder Mutter Cassandras Spezialbonbons. Sollte ein Kind jedoch … oder etwas kaputt machen, muss es sich vor dem Besitzer der Farm, dem geheimnisvollen Mr. Jack, verantworten, der stets nur nachts auftaucht. Diese Kinder werden nie mehr gesehen. Als Marcus an der Reihe ist – wegen einer zerbrochenen Harke –, beschließen er und sein Freund Peter, Mr. Jack den Kampf anzusagen.

„Die Großen sprachen davon und erzählten sich Gruselgeschichten darüber. Sie sagten, dass die Kinder nie mehr zurückgekommen seien. Man habe ihre toten Leiber mit verrenkten Gliedern meilenweit entfernt in vertrockneten Flussbetten liegend oder auf hohen Bäumen zwischen Ästen eingekeilt gefunden. Wenn man aber genauer nachfragte, hatte niemand die toten, bestraften Kinder persönlich gekannt. Immer waren es Nachrichten, die man von Freunden der Freunde bekommen habe.“ („Candyman Jack“)

Mit „Amerikkan Gotik“ legt Markus K. Korb nur ein Jahr nach „Der Struwwelpeter-Code“ gleich die nächste Storysammlung vor, die diesmal aus dem Luzifer Verlag kommt. Wie in einigen vorher gehenden Kurzgeschichtenbänden des Schweinfurter Autors, gibt es hier wieder eine thematische Klammer, nämlich die USA und vor allem die Dinge, die dort nicht so prima gelaufen sind oder immer noch quer laufen. Damit erklärt sich auch gleich die seltsame Schreibweise des Titels und die damit verbundene Anordnung und Hervorhebung dreier „K“ in direkter Nachbarschaft. Diese stehen als Initialen für den grausamen und rassistischen Ku Klux Klan, ein wahrhaft erschreckendes Kapitel amerikanischer Geschichte. Entsprechend lautet der Untertitel der Sammlung „Finstere Geschichten aus dem Herzen Amerikas“.

Nun ist Markus K. Korb mit „Amrikkan Gotik“ nicht zum ernsthaften Ankläger amerikanischer Umtriebe geworden. Dazu bleibt er doch zu sehr seinem angestammten Metier, der auf den Effekt ausgerichteten Horrorgeschichte, treu, die angesteuerte Botschaft gerät daneben ins Hintertreffen.

Nichtsdestoweniger gelingt es ihm damit doch, seine Absicht klar zu machen und Denkanstöße zu geben. Am eindringlichsten gelingt dies mit dem fast schon elegischen „Lost America“, in dem Atmosphäre und subtile Anklage wunderbar Hand in Hand gehen. Zu dem wirklich originellen Setting der Geschichte ließ sich Markus Korb durch die real existierende Website www.lostamerica.com inspirieren (ein Besuch dort vertieft die Wirkung der Geschichte enorm).

Besonderes Augenmerk hat auch die augenzwinkernd vorgetragene Titelgeschichte „Amerikkan Gotik“ verdient, die unübersehbar autobiografisch gefärbt ist und dem Korb-Stammleser damit einfach nur Spaß macht.

Einen kleinen Ausflug auf die andere Seite der Welt bietet außerdem der ‚Exkurs‘ „Prybjat Requiem“, in dem Korb – nicht zum ersten Mal – William Hope Hodgsons „Stimme in der Nacht“ variiert. Diesmal in der titelgebenden Geisterstadt nahe Tschernobyl, die der eine oder andere möglicherweise aus dem Film „Chernobyl Doaries“ kennt.

Das Covermotiv wurde von Michael Schubert geschaffen und wirkt in seiner symbolischen Aussage sehr raffiniert. Mit dem zentralen Motiv einer überdachten Brücke, wie sie typischerweise in den USA zu finden sind, kann man den Handlungsort sofort festmachen, ohne dass hier plump z. B. eine amerikanische Flagge gezeigt wird. So funktioniert die Brücke als subtiles Sinnbild für die USA, aus der symbolische Flammen schlagen, die das noch intakte Bauwerk zu zerstören drohen.

Insgesamt decken die neun Geschichten aus „Amerikkan Gotik“ eine schöne Bandbreite ab, die sich zwischen subtilem Grauen und Kirmes-Grusel bewegt. Die Botschaften von Rassismus, Gier und Entfremdung haben indes Mühe, sich an die Oberfläche zu kämpfen.

Copyright © 2016 by Elmar Huber (EH)

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