Der Bruder des Königs

George R. R. Martin und Gardner Dozois (Hrsg.):
Der Bruder des Königs
Originaltitel: Rogues (2014).

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Kasprzak, Tobias Toneguzzo, Michaela Link und Andreas Helweg.
München: Verlagsgruppe Random House 2016.
Penhaligon Tradepaperback.
1055 Seiten. 19,99 Euro.
Umschlagsgestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Incraft.
ISBN 9783764531751
von Gunther Barnewald

Nach Königin im Exil legen die beiden Herausgeber George R. R. Martin und Gardner Dozois einen weiteren Monumentalband (über 1000 Seiten) mit diesmal (ebenfalls) insgesamt 21 Novellen vor, die in der Seitenzahl zwischen jeweils etwas über 30 Seiten bis knapp 80 Seiten variieren.

Erneut konnten sie einen illustren Kreis von Autoren für ihre Anthologie gewinnen, wobei allerdings diesmal ganz eindeutig Fantasygeschichten den Ton angeben, nur wenige Thriller oder gar SF-Erzählungen vertreten sind (und z. B. gar keine Texte aus dem Westerngenre, wie noch in der letzten Anthologie).

Anthologien, zumal dermaßen voluminöse, bieten immerhin den Vorteil, dass der Leser bei Nichtgefallen einer Geschichte einfach zur nächsten weiterblättern kann.

Und so ist hier eigentlich für jeden etwas enthalten.

Sei es die wunderbar erzählte schräge Gangsterposse von Michael Swanwick mit dem Titel “Der Fall Petticoats”, in der charmante Trickbetrüger selbst zu Opfern zu werden drohen und die in einer Welt spielt, in der Verurteilte oder auch Menschen mit Schulden für einige Zeit in Zombies verwandelt werden können, um ihre Schuld(en) abzuarbeiten.

Ebenfalls sehr gelungen ist Walter Jon Williams Erzählung “Diamanten aus Tequila” um einen selbstbezogenen Filmstar, der in einen heißen Fall verwickelt wird, die Übersicht behält und seiner Karriere nochmals Auftrieb geben kann durch seine emotionale Abgebrühtheit.

Absolutes Highlight ist sicherlich Connie Willis hochaktuelle und extrem clevere Novelle “Jetzt im Kino”, die derzeitige Entwicklungen satirisch auf die Spitze treibt. Zwar dürfte der ein oder andere Leser den Plot kommen sehen, die Umsetzung ist jedoch grandios und unnachahmlich. “Schöne neue Welt”, in der alles nur noch “Fake” ist.

Phyllis Eisenstein verhilft in “Die Karawane nach nirgendwo” ihrem Helden Alaric zu einem gediegenen Comeback; eine Geschichte mit starker Atmosphäre, während Steven Saylor, der Autor vieler Historiengeschichten um den Römer Gordianus, seinen Helden verwendet, um seinem Kollegen Fritz Leiber und dessen Helden Fafhrd und dem Grauen Mausling Tribut zu zollen (“Unsichtbar in Tyros”).

Überhaupt geht es diesmal mehr um die Schurken und deren Taten, oft liebenswerte Taugenichtse wie Patrick Rothfuss Antiheld Bast, der in “Der Blitzbaum” eine besondere Methode entwickelt hat, seine Dienste gewinnbringend anzubieten. Tom Sawyer und Huck Finn lassen grüßen.

Auch Garth Nix hinterlässt in der actionreichen und sehr schmissigen Geschichte “Die Fracht aus Elfenbein” einen guten Eindruck, in der zwei seiner bekanntesten Helden (Sir Hereward und Mister Fitz) viele Hindernisse überwinden müssen, um zu verhindern, dass rachsüchtige und mächtige Götter sich in unserer Welt manifestieren.

Eine weitere sehr gute Erzählung stammt von Gillian Flynn, die einen cleveren Thriller als Spukhausgeschichte tarnt und so den Leser geschickt an der Nase herumführt, bis, nach mehrmaligem Twist, der eigentliche Plot in “Die unheimlichen Geschehnisse in Carterhook Manor” geliefert wird.

Neben Scott Lynch, der in “Ein Jahr und ein Tag im alten Theradane” ein Gruppe ehemaliger Gangster nochmals zu einem besonderen “Verbrechen” antreten lässt (sie sollen eine Straße stehlen!) und der vor allem atmosphärisch überzeugt, zeigt David W. Ball in “Provenienz”, dass der Zeit des Nationalsozialismus noch immer die ein oder andere ausgekochte Verbrechergeschichte abzuluchsen ist; zwar nicht klischeefrei, aber doch extrem smart.

Auch Lisa Tuttle und Neil Gaiman wissen zu überzeugen, während Matthew Hughes und Bradley Denton schon deutlich weniger packend und innovativ erzählen; aber immerhin noch gut lesbar.

Die Fans werden natürlich Martins Novelle aus der Welt von “Game of Thrones” lieben, aber sicherlich haben auch die anderen Novellen die ein oder andere gute Idee zu bieten (nur leider dem Rezensenten nicht so zugesagt, weshalb sie hier keine ausdrückliche Erwähnung finden!).

Insgesamt wieder eine wunderbare Anthologie von teilweise mitreißenden Novellen, einer literarischen Länge, die viel Abwechslung und Ideen bieten kann, die aber leider dank des heutigen literarischen Marktes in Deutschland fast im Aussterben begriffen ist. Schön dass Martin und Dozois hier etwas dagegen haben und gut, dass Martin inzwischen so bekannt ist, dass alleine seine Erzählung viele Leser zum Kauf dieses wunderbaren (wenn auch sperrigen) Bandes animieren wird. Und wer sich dann das Buch schon zugelegt hat, der kann ja auch den anderen Geschichten mal eine Chance geben!

Copyright © 2016 by Gunther Barnewald

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Autor
George R. R. Martin, geb. 1948 in Bayonne/New Jersey, veröffentlichte seine ersten Kurzgeschichten im Jahr 1971 und gelangte damit in der Science-Fiction-Szene zu frühem Ruhm. Gleich mehrfach wurde ihm der renommierte Hugo Award verliehen. Danach arbeitete er in der Produktion von Fernsehserien, etwa als Dramaturg der TV-Serie ‚Twilight Zone‘, ehe er 1996 mit einem Sensationserfolg auf die Bühne der Fantasy-Literatur zurückkehrte: Sein mehrteiliges Epos ‚Das Lied von Eis und Feuer‘ wird einhellig als Meisterwerk gepriesen. George R. R. Martin lebt in Santa Fe, New Mexico.
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Übersetzer
Andreas Kasprzak ist erfahrener Rollenspieler und Abenteurer. Seine Vorliebe für Adventures und strategische Rollenspiele und seine lockere, leichte und dabei kompetente Art Lösungsbücher zu schreiben, machen seine Bücher zu Begleitern durch das Spiel, die man nicht mehr missen möchte. Seine Fantasieromane sind spannende Lektüre.

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