Der Flug der Archimedes – Steampunk 4

Sören Prescher
Der Flug der Archimedes
Steampunk 4
(Hrsg. Alisha Bionda)

Fabylon Verlag, Markt Rettenbach, 02/2014
TB im Großformat, Fantasy, Steampunk, SF, 9783927071728, 200/1490
Buchumschlag-/Reihengestaltung von Atelier Bonzai
Titel- und Zeichnungen im Innenteil von Crossvalley Smith

www.fabylon.de/

www.soeren-prescher.de/

http://ab.alisha-bionda.net

www.atelierbonzai.de/

www.crossvalley-design.de

 Der Flug

„Sicher interessiert es Sie brennend, welche Dinge ich in der Zukunft gesehen habe und bis zu welchen Jahr ich gereist bin. Ich zumindest war es und habe meine Ausflüge mit ebenso viel Faszination wie Euphorie angetreten. Die Zukunft wird vollkommen anders, als Sie oder ich es uns je erträumen können. Es werden Dinge erfunden und entdeckt werden, die unser bisheriges Wissen teilweise erweitern und teilweise komplett auf den Kopf stellen.“

Bei einer Unterwasserschatzsuche, für die der Ingenieur Nigel Harris eigens ein Kraken ähnliches Tauchgerät konstruiert hat, bergen die Taucher außer einigen Goldstücken lediglich eine Kiste mit einem augenscheinlich wissenschaftlichen Buch, verfasst von einem gewissen Henry Curton.

Die Lektüre des Fundstücks gestaltet sich für den Gelehrten bald immer rätselhafter. Zusätzlich zur Erwähnung mesmeristischer Experimente und damit zusammenhängender Geistesreisen durch die Zeit sind in dem Buch plötzlich Ereignisse beschrieben, die erst lange nach der angeblichen Versenkung der Kiste passiert sind. Harris stellt weiter fest, dass in dem Buch sein eigenes Leben beschrieben ist, und zwar das Vergangene und das Zukünftige. Sogar der unerwartete Tod seiner Tochter Laura wird in dem Buch vorhergesagt. Eine unwahrscheinliche Prophezeiung, die jedoch schreckliche Gewissheit wird, als Harris noch London zurückkehrt und erfahren muss, dass Laura tatsächlich überraschend gestorben ist.

Gemeinsam mit dem Constable Charlie Grant, einem Nachbarn seiner Tochter und väterlichen Freund seines Enkels Joe, versucht Harris, den Prophezeiungen des Buchs auf den Grund zu gehen, denn der letzte Eintrag spricht von einer Katastrophe. An einem Septembertag des Jahres 1890 soll ein außer Kontrolle geratenes Luftschiff über dem British Museum abstürzen. Ein Unglück, das hunderte Tote fordern wird und das es für Harris und Grant nun zu verhindern gilt.

„Wieso machte sich jemand die Mühe, ein Buch in einer Kiste auf dem Meeresgrund zu verstecken? Und wie konnte der Verfasser sicherstellen, dass es ausgerechnet der Person in die Hände fiel, von der in dem Buch die Rede war? Zwangsläufig dachte Harris an Curtons verrückte Hypnoseexperimente, doch davon wollte er nichts wissen.“

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Das Rätsel um die geheimnisvollen „Prophezeiungen von London“ (so der ursprünglich geplante Titel des Romans), das sich hier vor Nigel Harris und damit auch vor dem Leser entspinnt und das die Geschichte wie ein roter Faden durchzieht, ist ein faszinierender und cleverer Plot Driver. Woher stammen die rätselhaften Weissagungen und wie und wieso wurde das Buch dort deponiert, wo ausgerechnet Harris es finden musste? Ist möglicherweise nur er in der Lage, durch seine herausragenden Fähigkeiten als Ingenieur, eine Katastrophe zu verhindern, und liegt dies überhaupt in der Absicht des Verfassers?

Nach einem anfänglichen dramatischen Höhepunkt beginnt Autor Sören Prescher, seine Charaktere zu formen; unaufdringlich wird die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Nigel Harris und Charlie Grant entwickelt. Dafür lässt er seine Helden zunächst einen empfindlichen Verlust erleiden, der Harris und Grant zu einer eher zufälligen Schicksals- und Zweckgemeinschaft vereint, bevor nach und nach ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Männern entsteht. Ungewöhnlich, aber es funktioniert.

Gemeinsam fassen die Männer den Plan, den Wahrheitsgehalt der Prophezeiungen weiter zu überprüfen und vor allem herauszufinden, ob sich die Voraussagen durch ihr Eingreifen abwenden lassen. Nachdem es ihnen gelungen ist, ein Mädchen vor dem Ertrinken zu retten, konzentrieren sie ihre Energie auf die Verhinderung der ‚September-Situation‘, indem Harris ein eigenes Luftschiff, die titelgebende „Archimedes“, entwirft, mit dem der Katastrophenflieger rechtzeitig abgefangen werden soll. Zusätzlich zu der knappen Zeit ist für Geheimhaltung des ‚Projekts Archimedes‘ zu sorgen. Alles dankbare Elemente, die einen hohen Spannungsbogen versprechen.

Im letzten Akt konzentriert sich Sören Prescher dann ganz auf handfeste Spannungselemente und bügelt damit über die subtileren Fragen, z. B. wo denn das vorausgesagte erste Luftschiff herkommt, hinweg. Zwar bleibt dies nicht unbeantwortet, doch hätte man die Enthüllung sicherlich von längerer Hand vorbereiten und damit eleganter in die Handlung einflechten können.

Was Zeit- und Ortskolorit angeht, ist das viktorianische London sehr gut getroffen. Dass er diese Stimmung angemessen einfangen kann, hat Sören Prescher bereits mit dem fantastischen Sherlock Holmes Roman „Sherlock Holmes taucht ab“ (gemeinsam mit Tobias Bachmann, Fabylon Verlag, 2012) bewiesen.

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„Der Flug der Archimedes“ ist eine Folgestory zu Sören Preschers Prolog-Kurzgeschichte „Erinnerungen an Morgen“, aus der gleichnamigen Steampunk-Anthologie von Alisha Bionda (Fabylon Verlag, 2012). Die Kenntnis der Kurzgeschichte ist jedoch zum Verständnis des Romans nicht weiter von Belang.

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Wie die anderen Bücher der Reihe ist auch „Der Flug der Archimedes“ innen wie außen ein Schmuckstück. Das exklusive Covermotiv von Crossvalley Smith passt sich wunderbar ins Reihenlayout ein. Auch das innere Erscheinungsbild – Satz, Innengrafiken, Verarbeitung – lässt keine Wünsche offen.

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Sören Prescher verbindet tolle Charaktere, ein gewaltiges Rätsel und den Geist Jules Vernes zu einem wohltemperierten Abenteuer um Zeitreisen, mysteriöse Prophezeiungen und fliegende Maschinen im viktorianischen London.

Copyright © 2016 by Elmar Huber (EH)

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