Deutschland macht dicht

Dietmar Dathdath
Deutschland macht dicht
Eine Mandelbaumiade
Illustrationen von Piwi
Suhrkamp-Verlag, 2010

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So macht ein Dath-Buch Spaß! Einmal das Äußerliche: Ein aus dem Rahmen fallendes Format, ein Paperback, fast quadratisch. Es lädt zum Schmökern, zum Blättern ein. Zudem zahlreich illustriert. Nun macht gerade dieser äußerliche Eindruck eine Nähe zur Kinderbuchliteratur auf, aber das täuscht. Diese Täuschung mag im Kalkül des Autors und / oder Verlages liegen. Denn es ist keine Kindergeschichte und sie ist auch nicht so harmlos, wie sie beginnt. Die Bilder von Piwi sind, wie sich beim Lesen herausstellt, 1:1-Umsetzungen des Textes. Damit werden sie kurios und sozusagen surrealistisch, denn der Text ist es auch.

Wer den Autoren kennt, weiß, dass er kaum ein Buch schreibt, in dem er nicht selbst vorkommt, in einer mehr oder weniger verfremden Form. Nunmehr hat er seine Zeit im Feuilleton bei einer führenden, großen Tageszeitung verarbeitet. Wenn hier im Text Anspielungen auf diese Zeit enthalten sind, so lassen sie sich sicher nicht so einfach erschließen, denn wer von seinen Lesern war mit dabei, um das bewerten zu können?

Aber man kann auch ohne diesen möglichen Zusammenhang das Buch genießen, sogar sehr gut. Aber nur, wenn man sich auf absurde Ideen einlassen möchte.

Ähnlich wie in „Phonon“ (Dath hat da seine Erfahrungen bei einer Musikzeitschrift mit kulturpolitischem Anspruch verarbeitet; damals noch sehr vordergründig, also geschrieben für „seine Fans“, die ihn kannten – mehr oder weniger), wo er eine bundesdeutsche Realität durch SF-lastige Ideen verfremdet und überhöht hatte, so hat er dies auch hier in „Deutschland…“ gemacht. Da gibt es z.B. halb-intelligente Tiere, die als billige Hilfskräfte verwendet werden, Affen und Delfine. Das erinnert natürlich sofort an David Brins geliftete Tiere. Einige Menschen sind ebenfalls anders als die Mehrheit, irgendwie unvollständig, dafür billig. Ihre Gesichter sind nicht vollständig, sie erscheinen skizzenhaft, verwaschen, unscharf.

Zum Inhalt der Story gehört, dass sich das Geld auflöst. Das ist natürlich ein direkter Bezug zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation. Der Autor nimmt es wörtlich, das Geld verschimmelt, wird weich.

Mit Deutschland passiert etwas Unglaubliches, das Land verfällt einem Prozess der Involution, also einer invertierten Revolution, was hier aber nicht nur politisch, sondern auch physikalisch zu verstehen ist. Grenzen können nicht mehr überschritten werden, alle geografischen Bezüge gehen verloren, was zu kuriosen Konstellationen kommt. Außerdem entsteht eine Art Wunderland, dass momentan (Anfang 2010) sehr an einen gerade im Kino laufenden Film gemahnt („Alice im Wunderland“). Das mag nun aber Zufall sein. Dath gibt seinem Affen Zucker und wagt fast einen Ausflug in den Dadaismus, zumindest in den verbalen Surrealismus. Das ist ein Fest!

So kommt aber der Leser in den Genuss, rock-musizierende Waldbäume, einen intelligenten Käs, gespickt mit Dynamit und terroristischen Ambitionen zu erleben, der sich konsequent auch gerne selber opfert und daher Kamikäse heißt. Ach ja, und dann greifen Vampirkatzen einen Bundeskanzler an: davon gibt’s her aber auch gleich mehrere, also von den Bundekanzlern.

Wie mit den SF-Ideen, so greift Dath auch auf einen weiteren bewährten Topos zurück; Die Coming of age-Story. Seine Protagonisten sind ja oftmals Heranwachsende, die schon abgeklärt und „cool“ genug sind, um nicht kindergleich mit staunenden Augen alles zu ertragen, aber noch nicht so fertig mit der Welt sind, dass sie nichts mehr angeht. Ob nun die kleine Dreier-Liebesgeschichte dabei den Leser wirklich fesselt, will ich mal in Frage stellen, aber bitteschön, es stört auch nicht.

Dafür gibt es noch eine richtig handfeste Queste der sich gefundenen Abenteurer-Gruppe, zu der auch der älteste Kommunist Deutschlands, ein Stoffhase und ein Kunstwerk Ohne Titel gehören, um das Zentrum der Krise aufzusuchen und das Leben wieder ins Lot zu bringen; um nichts weniger als die Rettung der Welt geht es ja. Das Alles ist eine spielerische, leichte Persiflage auf das Dilemma, in dem wir gerade stecken. Ob man mit der Lektüre nun klüger wird und das Alles besser versteht, vage ich anzuzweifeln, aber man kann sich köstlich amüsieren.

Unterm Strich war dies nach „Abschaffung der Arten“ und „Das versteckte Sternbild“ für mich ein wohltuendes Lektüre-Erlebnis der Dath’schen Art.

Titel bei buch24.de
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