Die drei Sonnen

Cixin Liu
Die drei Sonnen

Originaltitel: San Ti (2008).
Aus dem Chinesischen von Martina Hasse (Das Nachwort des Autors übersetzt von Jakob Schmidt).
München: Verlagsgruppe Random House 2017.
Heyne 31716.
591 Seiten. 14,99 Euro.
Umschlagillustration: Stephan Martinière.
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München.
ISBN 9783453317161

von Gunther Barnewald

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Dem chinesischen Autor Cixin Liu ist mit dem vorliegenden Werk ein wahres Kunststück gelungen, und dies gleich in mehrfacher Hinsicht: Als erstem Chinesen gelang es ihm mit Die drei Sonnen den bekannten us-amerikanischen Hugo-Award in der Kategorie Roman zu gewinnen und zudem eines der ausgelutschtesten, ältesten und langweiligsten Sujets der SF nochmals völlig neue und vor allem interessante Seiten abzugewinnen.

Doch hier soll nicht zu viel verraten werden, denn Liu ist ein wahres Meisterwerk gelungen, das wirklich in vielen Belangen überzeugt.

Große Stärke des Romans ist der verschachtelte, aber nie unübersichtliche Aufbau der Geschichte, welcher die vielen Geheimnisse erst so nach und nach scheibchenweise preisgibt. Wie in einem hervorragenden Krimi wird der Leser vor immer neue, ganz erstaunliche Erkenntnisse gestellt.

Dabei erinnert Lius Art zu Schreiben sehr an Isaac Asimov, denn ähnlich wie dieser schafft es der Autor, auch schwierige naturwissenschaftliche Erkenntnisse dem Leser von leichter Hand zu vermitteln (zumindest größtenteils, nur an wenigen Stellen schießt er über das Ziel hinaus und übertreibt es mit den Informationen). Auch Leser, die sich nicht für “Hard Science” interessieren, können von Liu bei der Stange gehalten werden, denn die Geschichte entwickelt einen unheimlichen Sog. Der Spannungsgehalt des Romans ist wirklich außergewöhnlich, selten wurde eine dermaßen ausgefeilte Geschichte so raffiniert und packend dargeboten.

Dabei spielt es gar keine Rolle, dass die Figuren anfangs etwas hölzern wirken, der Autor keine menschlichen Innenwelten beschreibt und die Emotionen der Charaktere mehr durch deren Erleben und Handeln geprägt sind, als durch Selbstreflektion (auch hier ähnelt er Asimov).

Geschickt beginnt Liu seine Erzählung zu Zeiten der chinesischen Kulturrevolution, als viele Unschuldige drangsaliert, gefoltert, gequält und ermordet wurden. So auch Ye Wenjies Vater, der Professor an einer Universität ist. Junge, von Mao aufgestachelte Revolutionäre mähen alles nieder, was ihnen im Wege steht. Ye Zhetai (in China beginnen die Namen der Menschen mit dem Familiennamen) ist Physikprofessor in Peking und nicht bereit, sich 1967 vor den Revolutionären zu beugen, ihnen nach dem Mund zu reden und den Kotau zu vollziehen. Für ihn sind die Physik, ihre Erkenntnisse und die in dieser Disziplin arbeitenden Wissenschaftler unantastbar. Deshalb wird er vor den Augen seiner Tochter brutal getötet. Wenjie selbst wird inhaftiert und später in eine einsame Gebirgsregion geschickt, um dort Bäume zu fällen.

Hier freundet sie sich mit einem jungen Mann an, der ihr eines der ersten grün-ökologischen Werke des 20. Jahrhunderts zeigt (Der stumme Frühling der us-amerikanischen Biologin Rachel Carson). Der junge Mann verfasst eine eigene Schrift, welche von diesem Werk inspiriert ist, stößt damit aber bei der Parteiführung nicht nur auf Ablehnung, sondern sogar auf Wut und Ärger. Um seinen Kopf zu retten, behauptet er, das Werk sei von Wenjie, hatte sie sein Traktat doch abgeschrieben, da er müde und erschöpft gewesen war und nicht gut hatte schreiben können, als seine Erkenntnisse an die Parteileitung hatten weitergegeben werden sollen.

Wenjies Unglück erweist sich bald als Vorteil für sie, denn sie wird in ein streng geheimes militärisches Projekt versetzt, mit der Maßgabe, dieses wegen der Geheimhaltungspflicht vielleicht zu Lebzeiten nie mehr verlassen zu können. Doch der desillusionierten jungen Frau ist inzwischen alles egal, dominiert bei ihr doch der blanke Hass und die Verachtung allen Menschen gegenüber nach den ganzen furchtbaren Geschehnissen vorher.

Dann macht sie aber in der militärischen Basis Rotes Ufer eine sensationelle, welterschütternde Entdeckung…

Parallel dazu wird die Geschichte aus der Perspektive von Wang Miao erzählt, der in der nahen Zukunft in China an sensationell neuen Nanomaterialien forscht. Kurz vor dem Durchbruch erhält er plötzlich seltsame, scheinbar unerklärliche Signale, die sein physikalisches Weltbild bis aufs Tiefste erschüttern. Auf Photos, die er selbst geschossen hat, ist eine Countdownuhr eingeblendet, bald sieht er die abwärts laufenden Zahlen sogar mit bloßem Auge. Dann beginnt die Hintergrundstrahlung des Weltalls zu schwanken und der Forscher erkennt, dass sich schon viele namhafte und fähige Physiker wegen ähnlicher Vorfälle suizidiert haben. Eine davon ist Wenjies Tochter.

Zudem wird Miao auf eine ausgefeilte Computersimulation aufmerksam, die eine physikalisch immer wieder instabile Welt simuliert. Als der Physiker diesen Rätseln nachgeht, stößt er auf eine unfassbare Verschwörung, die sein Schicksal an das von Ye Wenjie und an das der ganzen Menschheit knüpft…

Dass der Autor auch noch, quasi nebenbei, durch die virtuelle Welt, eine glaubhafte und schillernde exotische Welt erschafft, ist nur ein weiterer denkwürdiger Glanzpunkt dieses Meisterwerks.

Die geniale Verknüpfung der verschiedenen Erzählebenen, die clevere Handlung und ein guter, wenn auch nicht überragender Schreibstil machen das vorliegende Buch, welches allerdings nur der Auftaktband einer Trilogie ist (die beiden Folgebände sollen ebenfalls bei Heyne erscheinen), zu einem echten Lesegenuss.

Die ausgezeichnete Übersetzung von Martina Hasse (die das Buch nicht etwa, wie früher üblich, nach der us-amerikanischen Ausgabe übersetzte, sondern direkt das chinesischen Original verwendete) trägt ebenfalls dazu bei, Die drei Sonnen zu einem klugen Leseerlebnis zu machen.

Ein Lob auch für die tolle Covergestaltung und den besonders griffigen Einband der leicht übergroßen Taschenbuchausgabe, die aber längst nicht so klobig und wuchtig wie die üblichen Tradepaperbackausgaben daherkommt.

Ein rundum gelungenes Gesamtpaket, welches diese Buchausgabe zu etwas ganz Besonderem macht.

Und insgesamt ein echtes Meisterwerk, zwar mit Schwächen (Stil, Charakterisierungen und auch die Atmosphäre sind sicherlich noch ausbaufähig), aber insgesamt so überzeugend, intelligent und ideenreich, dass jeder aufgeschlossene SF-Leser sich hieran einmal versuchen sollte.

Wer wissen will, wie begnadet, geistreich, kreativ, exzellent und originell man ein Buch konstruieren kann, der sollte dies beim vorliegenden Werk studieren.

Copyright © 2016 by Gunther Barnewald

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