Die schwarzen Tränen

John Cassells
Die Schwarzen Tränen

(Superintendent-Flagg-Serie, Bd. 8)

Originaltitel: The Waters of Sadness (London : Andrew Melrose 1950)
Deutsche Erstausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 102)
Übersetzung: Anneliese von Eschstruth
183 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

In Indien ist Bauingenieur Abe Tanner zu Reichtum gekommen. Als alter Mann hat er im idyllischen englischen Landstädtchen St. Basil-in-the-Wold Kurer Keep, einen burgähnlichen Landsitz, erworben, auf dem er als Pensionär stilvoll residiert. Abe ist ein Querkopf, der niemandem traut. Deshalb hat er sich einen gepanzerten Tresorraum einbauen lassen, in dem er seinen liebsten Schatz lagert: die „Schwarzen Tränen“, eine Sammlung auserlesener Juwelen und Rubine, deren Wert mindestens 1 Mio. Pfund beträgt! Oft aber vergeblich haben Joe Batty, Tanners Leibwächter, jetzt Butler und bester Freund, und seine Stieftochter Catherine „Kit“ Dalgleish ihn gewarnt, dass dieser Schatz Räuber anlocken könnte.

Gerade hat Scotland Yard Tanner mitteilen lassen, dass die gefürchtete Schwanen-Bande in St. Basil gesichtet wurde. Der Alte bleibt stur, bis Kit im Park von Kurer Keep einen durch Kopf und Herz geschossenen Mann findet, der als Safeknacker Rafe Kirby identifiziert wird. Der hat mit der Schwanen-Bande nichts zu tun, sodass davon auszugehen ist, dass weitere Gauner nach den Schwarzen Tränen gieren.

Superintendent Flagg von Scotland Yard reist mit den Sergeanten Lott und Maturin nach St. Basil. Er stößt auf viel zu viele Verdächtige und einen alten Bekannten, den Betrüger Harry Wellington, der zugeben muss, es ebenfalls auf Tanners Vermögen abgesehen zu haben. Dann wird ein Attentat auf Wellington verübt, und wieder ist die Schwanen-Bande unschuldig: Eine dritte, bisher völlig unbekannte und skrupellose Gangster-Partei treibt ihr Unwesen! Sie steht kurz davor, aktiv zu werden, und Flagg muss sich eilen, um einen schwer bewaffneten Schurkentrupp vom Sturm auf Abe Tanners Burg abzuhalten …

Land-Idylle mit Gangster-Schlacht

Der Abstieg in die Kellergewölbe der (Kriminal-) Literatur ist eine spannende Angelegenheit. Man weiß nie, womit man wieder zurück ans Tageslicht kommt: mit einer Staublunge oder mit einer Lektüre-Überraschung. In diesem Fall ist die Freude besonders groß, da mit einer (Wieder-) Entdeckung eigentlich nicht zu rechnen war: Wie unterhaltsam kann ein Autor schreiben, der a) schon 1975 starb und b) mehr als drei Jahrzehnte durchschnittlich sieben Romane jährlich (!) auf den Buchmarkt brachte?

Allerdings gilt es mit solchen Pauschalurteilen vorsichtig zu sein, denn ein schneller Autor kann durchaus ein versierter Geschichtenerzähler sein. „John Cassells“ (der eigentlich William M. Duncan hieß – dazu unten mehr) darf dieses ehrenvolle Prädikat für sich beanspruchen, und mit „Die Schwarzen Tränen“ verdeutlicht er, wieso dies der Fall ist – wobei eine Kritik aus heutiger Sicht sicherlich völlig anders klingen dürfte als zur Entstehungszeit dieses Romans. Deutlich mehr als ein halbes Jahrhundert ist seither verstrichen. Diverse Sünden der Vergangenheit haben sich längst relativiert bzw. – quasi literaturalchimistisch – in Lesegold verwandelt.

Zu besagten ‚Sünden‘ gehört in erster Linie der Plot, der eigentlich die Bezeichnung „Schauergeschichte“ verdient. Knarziger Greis haust in einer mittelalterlich Burg und brütet über einem Schatz, auf den es eine Schar finsterer Raubgestalten abgesehen hat: Diese absurde Ausgangsposition wird gebührend, d. h. ohne Rücksicht auf Logik und den gesunden Menschenverstand, entwickelt. St. Basil-in-the-Wold und Kurer Keep verwandeln sich in einen vom Rest der Welt isolierten Mikrokosmos, dessen wunderliche Bewohner nach eigenem Gutdünken handeln. Ausflüge in die Hauptstadt ändern wenig an dieser ‚Alltagsflucht‘, da Cassells ein London schildert, in dem sich nicht nur Sherlock Holmes, sondern auch Charles Dickens gut zurechtfänden.

Ein in jeder Hinsicht zeitloses Vergnügen

England im Jahre 1950 dürfte selbst in der Provinz schwerlich so weit außerhalb der Restwelt gelegen haben, dass dort ein Privatkrieg zwischen Gangstern und der Polizei angezettelt werden konnte, zumal besagte Gauner sich so umständlich anstellen, dass sie ihre räuberischen Absichten selbst am nachhaltigsten sabotieren. Auch sonst leugnet Autor Cassells so nachdrücklich jeden Realitätsbezug, dass man beinahe annehmen möchte, er habe eine Krimi-Parodie verfassen wollen. Das darf freilich ausgeschlossen werden, da viele der insgesamt 33 (!) Flagg-Romane ähnlich verschrobenen Inhalts sind.

Also streifen theatralisch denkende und handelnde Gaunerbanden durch Englands Provinzen wie Banditen durch den Wilden Westen. Wieso auch nicht, findet doch die einheimische Bevölkerung offensichtlich nichts dabei. Abe Tanners durch seine wilde Zeit in den indischen Kolonien inspirierter Notfallplan klingt folgendermaßen:

„Ich besitze noch ein altes Lee-Enfield-Gewehr, damit knalle ich sie einen nach dem anderen ab wie …“

Zumindest theoretisch hat sich die Welt indes ein Stück weitergedreht:

„Johnny unterbrach ihn lachend: ‚Wenn Sie das tun, Mr. Tanner, wird man Sie dafür aufknüpfen.‘
Mr. Tanner war bass erstaunt. ‘Wird das hier so streng bestraft?’“

Nicht denken, sondern lesen und Spaß haben

Es sind Stellen wie diese, die den Leser stutzen lassen. Meint Cassell es wirklich ernst, oder treibt er seine Scherze mit uns? Eine Entscheidung ist kaum möglich; letztlich muss sich auch der Rezensent mit einem Verweis auf den berühmten „englischen Humor“ begnügen, der knochentrocken und rabenschwarz ist. (Ein Lob verdient an dieser Stelle die deutsche Übersetzung, die sich trotz ihres Alters vorzüglich liest und dem Comic-Charakter dieses Krimis gerecht wird.)

Zum bizarren Personeninventar gesellt sich gleichrangig ein selbst nach den Maßstäben der Kriminalliteratur exzentrischer Detektiv. Superintendent Flagg mag nominell ein Beamter von Scotland Yard sein. Tatsächlich ermittelt er wie weiland Sherlock Holmes rein eigenständig. Zwar reist er mit Personal an, doch die Sergeanten Lott und Maturin verschmelzen zu einem Doppel-Watson; sie stellen Fragen, die ihr Chef nie oder nur kryptisch zu beantworten gedenkt, erledigen die Fußarbeit und sind – hier ist vor allem Lott zu nennen – für die komischen Momente der Handlung zuständig.

Von einem Alkoholverbot im Dienst ist diesem Trio definitiv nichts bekannt. Vermutlich würde Flagg ohne regelmäßigen Bier- und Whiskey-Genuss die Fahndung einstellen müssen. Selbstverständlich werden Zigaretten und Zigarren in beachtlichen Quantitäten geraucht und dazu Mahlzeiten von gesundheitlich fragwürdiger Konsistenz genossen. Als Nachtisch gibt es Klagen und Grobheiten aus Flaggs Mund, denn als Genie ist es ihm gestattet, gegen gesellschaftliche Normen zu verstoßen: Dies sind weitere und für Genre-Fans unverzichtbare Merkmale eines „Cozy“-Krimis.

Es überrascht nicht, dass Cassells dem großen Finale und der triumphierenden Entlarvung der Strolche durch den Detektiv wiederum eine eigene Note gibt: Zum einen hat er uns, seinen Lesern, bereits früh enthüllt, wer die eigentlichen Bösewichte sind. Im letzten Drittel seiner Geschichte wechselt er immer wieder die Perspektive und schildert nicht selten identische Ereignisse aus unterschiedlicher Sicht.

Zum anderen wagt es Cassells tatsächlich, uns mit einem Sturm auf die Mauern von Kurer Keep zu konfrontieren. Nicht grundlos hat uns der Verfasser mehrfach auf die Funktion des alten Gemäuers als Wehranlage hingewiesen. Der Höhepunkt wird auf diese Weise turbulent, wobei einmal mehr die Fadenscheinigkeit des ‚Plans‘ sekundär bleibt, weil sie zur fröhlichen Naivität der Handlung passt. ‚Logisch‘ ist höchstens die Detektivarbeit, die den einschlägigen Regeln (und Klischees) des Kriminalromans folgt. Der zusätzliche Spaß an der schnurrigen Rahmenhandlung war so vom Verfasser vermutlich nicht intendiert. Viele Jahre später schlägt er sehr positiv zu Buche und komplettiert einen Krimi, der abseits eines manchmal lästigen Klassiker-Prädikats ‚nur‘ lesenswert ist.

Autor

John Cassells (alias Peter Malloch, Neill Graham, John Dallas, Martin Locke, Lovat Marshall) hieß eigentlich William Murdoch Duncan (1909-1976). Seine zahlreichen Pseudonyme verbargen den Lesern anspruchsloser Kriminalromane, dass der schottische Autor dieses Marktsegment mit seinen Werken fast im Alleingang abzudecken vermochte. Duncan stellt sogar seinen Landsmann Edgar Wallace in den Schatten: Mehr als 200 Thriller verfasste der fleißige Mann, den hierzulande und heute kaum noch jemand kennt, obwohl seine Bücher lange auch in Deutschland gern gedruckt wurden.

Freilich ist unbestreitbar, dass Duncan von der Zeit nicht nur eingeholt, sondern überrollt wurde. Seine Romane sind einfach gestrickt und ohne die Raffinesse einer Dorothy L. Sayers, eines Michael Innes oder anderer Vertreter jener „Goldenen Ära“ des Thrillers, deren Werke auf der Nostalgie-Schiene direkt in den Krimi-Himmel auffuhren, wo sie auf ewig thronen werden.

Duncan konnte nie viel Zeit auf seine Geschichten verwenden, was andererseits aber nicht bedeutet, dass sie zwangsläufig schlecht geschrieben wären. Es fehlt nur das gewisse Etwas, das altmodische Gemütlichkeit zeitlos werden lässt. Wer freilich einfach ‚nur‘ nach Krimis im Wallace-Stil (schlicht geplottet, bevölkert mit ‚Typen‘, durchzogen von Nebelschwaden) sucht, wird mit Duncan zufrieden sein.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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