Galgenbett mit Arno Schmidt

Ernst Petz
Galgenbett mit Arno Schmidt

Aarachne (55048)
60 Seiten
ISBN 3852550483

Im Untertitel seines Buches stapelt Ernst Petz tief, denn hier drängelt sich nicht einfach eine Horde von Assoziationen – statt dessen erwarten den Leser eine Erzählung und sechs hervorragend geschriebene Essays: fünf zu Arno Schmidt bzw. dessen literarischen (Wieder-) Entdeckungen, einer zu Philipp K. Dick. Der Fan, der sich nun in sein SF-Ghetto einzuigeln gewohnt ist (und bisweilen – mit Recht, zu Unrecht – meint, die anderen ließen ihn da ja auch gar nicht raus), wird ein solches Buch wahrscheinlich zu ignorieren geneigt sein: auch 60 Seiten über Dick locken wohl kaum, denn Dick? wer liest schon Dick? Man erinnert sich eventuell an „Das Orakel vom Berge“ und verweist vielleicht im Gespräch mit SF-Verächtern von der Mainstream-Seite lässig auf literarische Qualitäten („Lies erst mal das, dann können wir weiter diskutieren!“) – aber ansonsten?? Menschen, die bewußt lesen, sind schon selten, dann existiert innerhalb dieser kleinen Gruppe die verschwindende Untergruppe derer, die das spezifische – und mit vielen auch unbegründeten Vorurteilen behaftete Genre Science Fiction interessiert… Schon die Zahl der möglichen Adressaten ist relativ klein, und auch da verweigern sich viele – kein leicht zu tragendes Schicksal für einen Autor, der mit seinem Werk etwas bewirken wollte: Nichts weniger als Nachdenklichkeit, Veränderung im persönlichen Kleinen als Vorstufe zu einer besseren Welt.

Anliegen und Qualität der Ideen und Weltentwürfe Dicks würden sich ein möglichst großes Publikum verdienen, aber für dieses vorhandene Massenpublikum existiert der Autor nur versteckt im Nachspann: Dem Zeitgeist entsprechend wurden genretypische Gesichter und der muskelbepackte Corpus, wurden die darstellerischen Zugpferde zum Kassenmagneten – nicht die schöpferische Gabe, nicht das phantastische Vermögen des Autors:

Harrison Ford als „Bladerunner“, Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail in der „Totalen Erinnerung“ sind Begriff geworden. Wer von den – von den großartig gemachten Filmen zurecht angetanen – Kinogängern kennt die Originale?

Danke für dieses Zitat, Ernst Petz (alles ab „Menschen, die…“). Ich habe es bewusst hier angeführt, um zu zeigen, worum es in diesem Essay und in diesem Buch auch geht: Der Autor denkt nach über das Verhältnis der Leser zur Literatur. Dabei erwarten einen spannende – ja! – Überlegungen zur Science Fiction, ihren Möglichkeiten, ihrer Wirkung; auch andere Autoren als Dick werden angesprochen. Der kleinen Minderheit in der Minderheit empfehle ich schon wegen dieser 60 Seiten das Buch bedenkenlos.

Doch ebenso geht es um die Verhältnisse der Autoren zu ihren Werken und den Werken anderer, und natürlich um Arno Schmidt (wer hat schon mal etwas von ihm gelesen?). Beeindruckend zu erleben, wie Petz Beziehungen zwischen den beiden Autoren herstellt, das SF-Element in Schmidts Werk hervorhebt und Lanze um Lanze für zwei Geistes- und Wirkungsgleiche bricht (wer innerhalb der Mainstream-Konsumenten liest schon Schmidt? Eine verschwindend kleine Minderheit in einer Minderheit …). Man merkt dem Autor Feuer, Begeisterung für seine Themen an – und er legt garantiert keinen Wert auf political correctness. Ernst Petz erweist sich hier – wieder einmal – als höchst politischer Autor, der von Elfenbeintürmen nichts, aber auch gar nichts hält (es sei denn, er mag die „Unendliche Geschichte“). Er geht – getreu Schmidt und Dick – mit Institutionen wie repräsentativer Demokratie, freier Marktwirtschaft, Kirche (zumal katholischer) hart und bissig ins Gericht; man lese nur seinen „Vorschlag zu einer Wahlrechtsreform“ auf S. 64, der das „Problem“ der Nichtwähler löst und meine Frau und mich in seltener politischer Einmütigkeit zurückließ (was in den letzten zehn Jahren eine fast vernachlässigbar geringe Zahl politischer Texte bewirkt konnte).

Na ja, und dann: Arno Schmidt. Ich will es einmal auf zwei Sätze bringen. Mein Verhältnis zu Schmidts Werk ist durchaus gespalten. Punkt. Aber ich habe jetzt wieder richtig Lust bekommen, ihn zu lesen! Ausrufezeichen. Da bleibt mir wohl auch noch einiges nachzuholen, denn so üppig gesegnet waren die Buchläden meiner Jugend mit Schmidt nicht (die reclam Leipzig-Edition kursierte unterm Ladentisch und als Geheimtipp, ich hörte erst mit neunzehn von einem unwahrscheinlich belesenen Freund, dass ein Arno Schmidt existiere und sogar ein ausgezeichneter, ja der beste deutsche Schriftsteller sei; ich habe nie einen Deutschlehrer nach ihm fragen können wie der (1954) 16-jährige Jörg Drews, der dem Band ein ebenso deftiges wie vergnügliches Nachwort hinzufügte. Was – ich meine den Deutschlehrer zu fragen – allerdings nicht unbedingt ein Verlust sein muss – siehe eben dieses Nachwort.

Bliebe zu erwähnen der erste Text, die Titelgeschichte: darin erweist sich Ernst Petz auch als einer, der Schmidts Stil einiges abgewinnen kann, ohne ihn zu kopieren, und beeindruckt – wie im ganzen Buch – durch seine Fähigkeit zum Sprachspiel, wenngleich diese in den Essays etwas an der Kette liegt, was Gegenstand und Darstellungsart geschuldet ist. Alles in allem habe ich gern im Galgenbett mit Arno Schmidt geles/gen und hatte sicherlich, da – bis auf einen heftigen Schnupfen – schmerzfrei, noch mehr Spaß an der Sache als der Patient-Erzähler, der den Reigen, nein, die Breitseite / das Feuerwerk eröffnet. (Ich hoffe nur, E. P. plauderte hier nicht vom eignen Krankenlager, da wüsste ich andere Leute, denen dies eher zu gönnen wäre, wenn überhaupt jemandem).

Also war das hier, die Rezension eines Aarachne-Buches nämlich, wieder einmal keine Pflichtaufgabe: sondern ein Vergnügen (und wenn ich Thomas Hofmann und Arnold Reisner richtig einschätze, müssten sie dieses Buch ebenfalls mögen, so dass eventuell eine gewisse Wirkung… na ja, erwarten wir mal nicht zu viel!). (Peter Schünemann)

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