Schaumschwester

Thor Kunkel:thor
Schaumschwester
Roman, Matthes & Seitz Berlin, Neue Welt 2
2010, 277 Seiten
ISBN 978-3-88221-690-5

www.thorkunkel.com
www.matthesseitz-berlin.de

Das Buch ist ein Science Fiction-Krimi. Thematisch wird es von einem Lieblingsthema des Autors bestimmt: Die gesellschaftlich-soziale Bedeutung der Sexualität.

Das klingt grausam, nicht wahr? Doch als Leser sollte man darauf gefasst sein, denke ich. Ähnlich wie in „Endstufe“, einem der bekannten Romane des Autors, das bei einigen Kritikern einen Sturm der Entrüstung auslöste und dadurch als „umstritten“ gilt, zeigt der Autor auf, wohin unser seltsamer Drang nach dem anderen Geschlecht unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen führen kann. „Endstufe“ ist ein historischer Roman und zeigte mit einer ironischen Sprache und abenteuerlichen Handlung auf, welche Kapriolen – kurioser als auch bösartiger Art – das Wechselspiel aus unterdrückter und enthemmter Sexualität in Weltkriegszeiten schlagen kann.

Nun schauen wir in die nahe Zukunft – mit  einem kurzen Ausblick auf eine ferne Zukunft.  Im Zeitalter des absoluten Kapitalismus wird – sicher ist diese Erkenntnis nicht neu – Sexualität auch als Ware vermarktet. Der Drang nach äußerlicher Perfektion und absoluter Beherrschung lässt aus einer schmuddeligen Sex-Industrie, die immer perfektere Surrogate für die Stimulation des Triebes schafft, also aus Sex-Gummi-Puppen, so etwas wie Androiden entstehen. Sie machen Frauen als Sexualpartner überflüssig. Die Fortpflanzung der Menschheit wird in Frage gestellt. Das ruft Interpol auf den Plan.

Nun kann man als Leser auf jeden Fall geteilter Meinung sein, ob der Kriminal-Plot wirklich so stimmig und überzeugend daher kommt. Das Buch ist auch eine Satire und dass da eine Art inoffizieller, freier Mitarbeiter der Behörde, ein Mann mit einem desillusioniertem Weltbild und hervorragenden Programmierkenntnissen, auf den Hersteller dieser besonderen Sex-Puppen, der Schaumschwestern, angesetzt werden muss, um die Konstruktionsdaten vom Laptop des Erfinders zu stehlen, fand ich nicht gerade sehr überzeugend.

Dem Autor geht es auch weniger um diesen abenteuerlichen Plot vor der Mittelmeerküsten-Kulisse von Nizza, der dem Leser den Stoff schmackhaft machen soll, sondern eher um eine Botschaft. Offensichtlich traut der Autor seiner Art zu, dass sie sich auf jeden Fall selbst auslöschen wird. Auch zeigt er auf, dass wir von einer künstlichen Intelligenz abgelöst werden, wie dies ja viele Futurologen und SF-Autoren prophezeien, doch die letzte Schlacht zwischen der zu erwartenden KI und der überlebten Menschen wird nicht durch Terminatoren oder Nanopartikel geführt, sondern über die Lenden der männlichen Teilhaber unserer Gesellschaft.

Die Schaumschwestern machen alles viel besser und sie haben kein störendes Ego – ist das das Ideal des modernen Mannes? Single-Dasein und Scheidungsraten geben dem Autor wohl Recht. Also haben wir es auch nicht anders verdient…

Wie auch immer. Der kurze Roman überzeugt wie so oft bei Thor Kunkel durch eine lockere, spannende Handlung, interessante Figuren und absurde Szenen. Insgesamt schreibt der Autor sehr realistisch und immer wieder ironisch, wenn nicht gar sarkastisch. Das Buch ist ein Fest!

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