Unter dem Schleier die Freiheit

Khola Maryam Hübsch
Unter dem Schleier die Freiheit
Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann

Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern, 02/2014
HC mit Schutzumschlag
Sachbuch, Kultur & Religion, Soziologie & Emanzipation
ISBN 978-3-8436-0473-4
Titelgestaltung von Finken & Bumiller, Stuttgart unter Verwendung eines Fotos von Daliah Immel, Wiesbaden

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Es steht wohl außer Frage, dass mit dem Islam und dem Christentum, mit Orient und Okzident zwei völlig verschiedene Religionen und Kulturkreise aufeinanderprallen, die einander fremd sind und es trotz großer Bemühungen, dies zu ändern, nach wie vor bleiben, obschon sie dieselben Wurzeln haben (Judentum, Jesus wird im Islam als Prophet gesehen).

Die Autorin will nicht auf alle Unterschiede und Missverständnisse, auf erfolgreiche und nicht erfolgreiche Integration eingehen; stattdessen greift sie gezielt das Bild der Muslima aus westlicher – insbesondere deutscher – Sicht und in diesem Zusammenhang das symbolträchtige Kopftuch auf. Sie macht dabei den Soziologen und Feministinnen den Vorwurf, das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung und als Sinnbild gewaltbereiter Islamisten zu verunglimpfen, obwohl es für jede gläubige Muslima nur eine ganz bestimmte Bedeutung hat: Es wird freiwillig getragen, ebenso die körperverhüllende Bekleidung, die dazu dient, jegliche optische Reize auszuschließen, sodass sich Mann und Frau in der Öffentlichkeit als gleichwertige, relativ geschlechtsneutrale Personen begegnen können, womit der Frau im Islam mehr Emanzipation und Gleichberechtigung zugestanden wird als im Westen, da hier die Frau durch figurbetonte Kleidung u. a. m. auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert und zum Sex-Objekt herabgewürdigt wird.

Attraktiv will die Muslima nur für ihren Ehemann sein, der es zu schätzen weiß, dass sie ausschließlich für ihn (und im engen Familienkreis) das Kopftuch ablegt. Durch die ‚Geschlechtsneutralität‘ in der Öffentlichkeit wird die eheliche Treue und Liebe gestärkt, denn es kommt auch nicht zu Ehebrüchen im Kopf. Flüchtige Beziehungen, wechselnde Partnerschaften ‚wie im Westen üblich‘, sind verpönt; Jungfräulichkeit, Ehe und Familie werden hochgehalten, die Polygamie und die Aussicht auf 72 hübsche Jungfrauen für den gläubigen Muslim im Jenseits in die Welt der Märchen verbannt. Es geht außerdem weniger um die äußerliche als die innere Attraktivität. Zwar sollen sich Muslime pflegen, denn Allah liebt die Schönheit, aber die innere Schönheit – Frömmigkeit – liebt er noch mehr. Der Glaube ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben, einer liebevollen Ehe – und das schließt den Kreis zum Kopftuch.

Natürlich muss die Autorin zugeben, dass es auch Muslimas gibt, die das Kopftuch nicht aus eigener und religiöser Überzeugung tragen, sondern weil es von ihren Familien erwartet wird, weil es ihnen aufgezwungen wird oder weil sie damit provozieren wollen. Gegen diese Frauen und ihre Kreise richtet sich ebenfalls die Kritik, denn das ist ein Aspekt des Islams, der vom Westen gesehen wird und der gewissermaßen die im Buch propagierte ‚heile Welt‘ der überzeugten Kopftuchträgerinnen stört. Notgedrungen werden hierzu einige, aber nicht zu viele Worte geäußert und entsprechende Entwicklungen wie das Führerscheinverbot für Frauen in Saudi-Arabien, der hedonistische Lebensstil junger Muslime, die (illegitimen) Nebenfrauen und Kinder verheirateter Muslime, der Burka-Zwang und das Schul-Verbot für Mädchen in abgelegenen Regionen Afghanistans etc. als hinterwäldlerische Ausnahmen abgetan, die mit der korrekten Auslegung des „Korans“ nichts zu tun haben. Durch bewusste Fehlinterpretationen legitimieren einzelne Muslime die Aufrechterhaltung überholter patriarchalische Strukturen, Intoleranz, Unterdrückung und Gewalt, was der Islam in Wahrheit kategorisch ablehnt, so die Autorin.

Bei der Lektüre des Buchs hat man stellenweise das Gefühl, als westlicher Leser ausgeschimpft zu werden. Tatsächlich polemisiert die Autorin („Stammtischrhetorik“) und betrachtet die westliche Kultur und ihre Einstellung gegenüber dem Islam genauso engstirnig und klischeebehaftet wie sie es umgekehrt den deutschen/westlichen Bürgern und Soziologen vorwirft. Die enge Verknüpfung von Religion, Alltagsleben und Politik wird als ein Ideal beschrieben, dem sich der westlich orientierte, säkulare Mensch, der die Religion als Privatangelegenheit erachtet und für sich in der Gesellschaft altruistische Prinzipien geltend macht, nicht anschließen kann. Der Westen zeigt seine Toleranz, indem er z. B. die Ausübung anderer Religionen und den Bau von Gotteshäusern zulässt – etwas, was man in islamischen Ländern vermisst, ja, wo man u. U. sogar mit Strafen rechnen muss, übt man seine Religion aus (das Christentum ist derzeit weltweit die meist verfolgte Religion!). Auch ein Punkt, den anzusprechen in diesem Buch vermieden wird. Oder man denke an westliche Politikerinnen, die aus Respekt vor tiefgläubigen Muslimen bei einem Empfang ein Kopftuch tragen. Oder die Umbenennung des St.-Martin-Festes in „Mond und Sterne-Fest“ in Kindergärten und Schulen, um das religiöse Empfinden der muslimischen Familien nicht zu verletzen. Was davon wirklich als Toleranz und sinnvoll gewertet werden darf, möge jeder selbst entscheiden …

Ein interessanter Gedankenansatz ist, dass man sich als westliche Frau den Konventionen (Kleidung, Fitness/Diät, Schönheits-OPs …) unterwerfen muss, um einen Platz in der Gesellschaft zu erlangen – nicht auf Augenhöhe mit den Männern. Schon in der „Bibel“ wird die Frau zum Menschen zweiter Klasse degradiert (erschaffen aus Adams Rippe). Fakt ist, dass es auch in der Frühzeit des Christentums und in westlichen Ländern patriarchalische Strukturen gab und noch immer gibt, dass Männer ihre Interessen zu wahren versuch(t)en und Frauen unterdrück(t)en – es gibt also Parallelen bei diesen Auswüchsen. Die sie betreffenden negativen Aspekte sind vielen emanzipierten Frauen und Feministinnen sehr wohl bewusst. Aber welche Frau würde sich in der eigenen Haut wohlfühlen, wenn sie mit ungewaschenen Haaren und der ausgeleierten Jogging-Hose ihres Mannes aus dem Haus treten würde, nur um keine begehrlichen Blicke auf sich zu ziehen? Nun, auch Muslimas sind nicht frei von Eitelkeit und unterziehen sich Schönheits-OPs. Insbesondere in der Region Libanon/Syrien sind ‚Katzenaugen‘ le dernier cri. Aber das sind dann auch nur wieder verwerfliche Auswüchse innerhalb einer Minderheit.

Wie man es dreht und wendet: Es sind zwei verschiedenen Weltanschauungen, und man kann nicht behaupten, dass ein Muslim/eine Muslima weniger klischeebelastet ist als ein Christ/Deutscher, wenn es darum geht, die anderen zu verstehen oder auch nur ihre Einstellung einzuschätzen. Die Kultur, die man kennt, die Maßstäbe, nach denen man aufgezogen wurde, prägen – und bestimmen die Einstellung und das Verhalten. „Unter dem Schleier die Freiheit“ mag einige Denkansätze liefern, zeigt aber auch nur wieder die Sichtweise einer Seite, die nicht frei ist von Vorurteilen und sich schwertut, andere Meinungen zuzulassen. Nebenbei fragt man sich, weshalb die Autorin das Weltbild der Deutschen korrigieren will, die letztendlich den Muslimas ihr Kopftuch belassen, und nicht den Anfang bei den aus ihrer Sicht fehlgeleiteten Muslimen macht?

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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