Weltgeschichte der Bekleidung

Patricia Rieff Anawalt
Weltgeschichte der Bekleidung

The Worldwide History of Dress, GB, 2007
Haupt Verlag, Bern/Stuttgart/Wien, 10/2007
Großformatiges, vollfarbiges HC, Bildband, Kulturgeschichte, 978-3-258-07213-5, 610/9900
Aus dem Englischen von Waltraut Kuhlmann, Elke Schröter, Anne Taubert
Gestaltung und Karten von Ben Crackwell Studios
www.haupt.ch

Zu den Grundbedürfnissen des menschlichen Lebens gehört neben dem Essen auch eine dem Klima und den Umständen angepasste Bekleidung. Wo Tiere sich durch ein Federkleid oder Fell vor der Auskühlung durch Kälte oder Überhitzung schützen können, müssen Menschen zu Hilfsmitteln zurückgreifen. Waren es anfangs noch Tierhäute, so entdeckte man irgendwann, das es auch möglich war, aus Pflanzenfasern Garn zu spinnen und aus diesem Stoffe zu wegen.

Doch auch schon in den frühen Zeiten stand nicht nur der Gebrauchswert im Vordergrund. Die Kleidung, so schlicht sie auch sein mochte, wurde schon in der Steinzeit zumindest ein wenig verziert. Später entwickelte sich eine eigene Kunstform daraus, die bis in unsere Zeit Bestand hatte.

Kleidung wurde über die Jahrhunderte auch zu einem Statussymbol und zeichnete den Stand eines Menschen aus. Bauern trugen weiterhin nur wenig oder in den fruchtbaren warmen Tälern der ersten Hochkulturen selten, wenn es sein musste, mehr als einen Lendenschurz. Der Adel achtete schon in den ersten Städten darauf, dass seine Kleidung sich durch eine besonders feine Webart, spezielle Farben und Verzierungen von der der restlichen Einwohner abhob. Und in der Moderne entstand die „Mode“.

Schon viele Bücher haben sich mit dem Thema ‚Bekleidungsgeschichte’ beschäftigt. Es gibt unzählige Kostümbücher, die sich darauf beschränken, Kleidungsbeispiele auf opulenten Bildtafeln wiederzugeben. Zeitgenössische Zeichner haben vor allem im 19. Jahrhundert anhand von alten Wandmalereien, Reliefs oder Statuen, die Kleidung vergangener Völker und Kulturen wiedergegeben. Woraus diese bestand, konnte man lange nur anhand von alten Schilderungen vermuten; genauere Analysen waren erst mit der Technik des späten 20. Jahrhunderts möglich. Gang und gäbe aber war, die Kleidung eines Volkes isoliert zu betrachten – und nicht aus dem historischen Kontext einer Region heraus.

Nur wenige Bücher, die meistens in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden sind, wählen den letztgenannten Ansatz. So wie etwa „Weltgeschichte der Bekleidung“ von der britischen Autorin Patricia Rieff Anawalt, das fast zeitgleich auf Deutsch und auf Englisch erschienen ist.

Das Buch ist nicht nach Epochen und Völkern gegliedert sondern nach zehn geografisch begrenzten Gebieten. Beginnend mit der Vorzeit betrachtet sie die Entwicklung der Bekleidungsgeschichte in einzelnen Regionen. Warum haben sich Grundformen der Kleidung, die noch heute existieren, überhaupt erst in dem Gebiet entwickeln können und welchen Zweck erfüllen sie? Wurden Kleidungsstil und Muster auch von anderen Ländern und den veränderten klimatischen Bedingungen beeinflusst?

Sie zeigt aber auch die durch die Wechselwirkung des Handelns entstehenden Veränderungen in der Fertigungsweise und Gestaltung der Bekleidung. Warum rückte irgendwann Wolle in den Vordergrund und drängte das Leinen zurück? Sind sich griechischer Chiton und römische Toga wirklich so unähnlich? Zwangen Eroberer den unterworfenen Ländern nicht auch ihre Kleidungsvorschriften auf, oder hielt man sich da ein wenig zurück? Was sagte die Qualität, Färbung oder Anzahl der zu tragenden Kleidungsstücke über den gesellschaftlichen Status eines Menschen aus? Was wurde dabei über die Zeiten bewahrt und was immer wieder umgestaltet, weil sich mit der Zeit ein anderer Modegeschmack entwickelt hatte?

Interessanterweise stehen in dem Buch weniger historische Besonderheiten im Vordergrund als regionale Gesetzmäßigkeiten. Viele der insgesamt über tausend Abbildung geben Bekleidung wieder, die wir heute folkloristisch nennen, die aber gerade die Identität eines Volkes und einer Region besonders gut charakterisiert.
Neben der elementaren Männer- und Frauenkleidung, die auch heute noch in jeder Kultur existiert, wird auch ein Blick auf das Drumherum geworfen: Schuhe, Schmuck für Körper und Haar, Kopfbedeckungen, Bänder, Schals und so fort. Auch spezielle Gewänder für den Krieg oder religiöse Ereignisse werden vorgestellt.

Die Autorin beschreibt zum Beispiel die verschiedenen Formen des Schleiers, erklärt wie ein klassisches japanisches Hofgewand mit zehn Kimonos übereinander aussehen kann oder wie die Han-Chinesen die Kleidung ihrer direkten Nachbarn beeinflussten und umgekehrt. Sie zeigt anhand von Beispielen, welche Elemente indianischer Gewandkunst aus den Anden und Mittelamerika sich auch in christliche Zeit hinüber retten konnten. Warum konnten Mitglieder afrikanischer Stämme schon anhand der Muster ihrer Gewänder erkennen, welchen Rang der andere in der Gemeinschaft einnahm, und was machte diese letztendlich so farbenfroh und bunt?

Interessanterweise wird gerade die europäische Modegeschichte des Mittelalters und der Neuzeit außen vor gelassen, die Autorin konzentriert sich lieber auf die regionalen Trachten Ost-, Süd- und Mitteleuropas. Auch wenn diese sich in ihrer bekannten Form erst im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt haben, so haben sie manchmal doch einige der typischen Muster bewahrt, die noch aus der Steinzeit stammen.

„Die Kulturgeschichte der Bekleidung“ weiß durch ihren überraschend anderen Ansatz und die Detailtreue der Autorin zu überzeugen. Dazu gehören auch Material- und Farbenkunde, ohne die sich manche Besonderheiten in der Kleidung nicht erklären lassen. Zwar verliert sie sich insgesamt nicht in Einzelheiten, gibt aber doch in einem umfassenden Rundumschlag einen Überblick über die Entwicklung der Kleidung in allen Teilen der Welt von der Jungsteinzeit bis in die Moderne.

Gerade weil sie aufzeigt, wie sich Völker durch Wanderungen und Invasionen gegenseitig im Kleidungsstil beeinflussten, wie Klimaveränderungen die Menschen zwangen, sich anders als früher anzuziehen, um sich vor Sonne, Wind und Regen zu schützen, und wie auch die anderen Bereiche der Kultur mit in Form und Gestaltung der Kleidung einflossen, bietet sie eine Abwechslung zu dem Inhalt klassischer Gewandungsbücher, die sich letztendlich doch mehr auf die Modetorheiten des Mittelalters und der Neuzeit bis in die Moderne konzentrieren und dabei die Folklore nur streifen.

Hier ist es genau umgekehrt. Die Trachten der Völker und heute noch in bestimmten Regionen der Erde gerne und teilweise auch aus zweckmäßigen Gründen getragene traditionelle Kleidung stehen im Vordergrund. Oft ist sie das Einzige, was der Bevölkerung noch an kultureller Identität geblieben ist, weil die ideologischen Machthaber, die ansonsten Religion und Gebräuche unterdrücken, mit der reinen Folklore Geld machen wollen, man denke dabei nur an die Minderheiten in China.

Man erfährt nicht nur, wie die Gewandteile aussehen und woraus sie sich entwickelt haben, sondern auch wie sie genannt werden und wann man sie noch heute bewusst trägt, wie die verschiedenen Schleierformen des vorderen Orients, angefangen mit dem Kopftuch und endend mit der Gesicht verhüllenden Burka, die übrigens nicht nur von Frauen angelegt wird.

Und auch heute noch haben afrikanische Zeremonialgewänder oder mongolische Schamanenkleider nicht nur einen kulturellen sondern in erster Linie einen religiösen Aspekt.

Die Auswirkung des Kontakts mit anderen Kulturen auf die Kleidung, mag er nun durch Einwanderung von neuen Volksgruppen aus einer anderen Region, Handel oder Eroberungszüge geschehen sein, wird ebenfalls sehr genau analysiert und in den regionalen Kontext – d. h., über Ländergrenzen hinweg – in Zusammenhang gesetzt.

Heraus kommt ein sehr spannendes Buch mit sorgfältig auf den Text abgestimmten Fotografien von historischen Kleidungsstücken, das man zwar nicht am Stück durchschaut, in dem man sich aber dennoch sehr leicht fest lesen kann, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Es ist nämlich in einem auch für den Laien gut verständlichen Stil geschrieben – ein nicht zu trockenes, von Fachbegriffen durchsetztes wissenschaftliches Werk -, aber dennoch keine oberflächliche und geschichtsverfälschende Lektüre.

Das macht „Weltgeschichte der Bekleidung“ zu einer wahren Fundgrube für alle, die sich vor allem für diesen Aspekt menschlicher Kulturgeschichte interessieren und nicht nur immer die Kleidung der westlichen Welt in ihrem verschiedenen Ausprägungen in den letzten zweitausend Jahren vorgesetzt bekommen wollen. Aber auch Autoren von Prosatexten und Sekundärliteratur, die ihren Texten mehr Authentizität verleihen möchten, werden hier viele Informationen und Anregungen geboten. (CS)

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Weltgeschichte der Bekleidung: Geschichte Traditionen Kulturen

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