Darkness – Wettlauf mit der Zeit

Douglas Preston/Lincoln Child
Darkness – Wettlauf mit der Zeit

Originaltitel: The Wheel of Darkness (New York : Warner Books 2007)
Übersetzung: Michael Benthack
Dt. Erstausgabe (geb.): Januar 2009 (Droemer Verlag)
499 S.
ISBN-13: 978-3-426-19808-7
www.droemer.de

Das geschieht:

Nachdem er im mörderischen Kampf mit seinem wahnsinnigen Bruder an Leib und Seele Schaden nahm (vgl. die Trilogie „Burn Case“, Dark Secret“ und „Maniac“), zieht sich FBI-Agent Aloysius Pendergast – begleitet von seinem jungen Mündel Constance Green – für eine Weile in das abgelegene tibetanische Kloster Gsahrig Chongg zurück. Lama Thubten bittet ihn dort um seine Unterstützung: Aus der Schatzkammer des Klosters wurde das Agozyen gestohlen. Worum es sich bei dem uralten Artefakt handelt, ist den Mönchen nicht bekannt; der Überlieferung zufolge soll es dereinst die sündige Menschheit von dieser Welt tilgen.

Der Täter, ein englischer Bergsteiger, kann sich seiner Beute nicht lange erfreuen. Pendergast findet Jordan Ambrose brutal ermordet in einem Londoner Hotelzimmer. Das Agozyen ist verschwunden. Die Spur führt an Bord der „Britannic“. Das brandneue Linienschiff – es ist das größte der Welt – steht vor seiner Jungfernfahrt. 2700 betuchte und einflussreiche Passagiere werden während der siebentägigen Seereise von Southampton nach New York von 1600 Besatzungsmitgliedern betreut. Der Mörder hat sich mit dem Agozyen unter sie gemischt.

Auch Pendergast und Constance schiffen sich ein. Möglichst unauffällig beginnen sie die in Frage kommenden Passagiere zu überprüfen. Eile ist geboten, denn Mitreisende beginnen spurlos zu verschwinden. Wenig später tauchen grässlich verstümmelte Leichen auf. Zu allem Überfluss beginnt ein leibhaftiger Dämon unter Deck umzugehen. Auf der „Britannic“ macht sich Panik breit, Meuterei liegt in der Luft. Die Schiffsführung wird von der Situation überrumpelt. Eine bösartige Macht übernimmt buchstäblich das Steuer. Mit Höchstgeschwindigkeit steuert die „Britannic“ auf die mörderischen Klippen der Carrion Rocks zu. Nur Pendergast könnte dem Einhalt gebieten, doch der steht längst im Bann des Agozyen …

Mystery-Action, die den Bauch erfreut

Zum achten Mal gerät Aloysius Pendergast, der für das FBI tätig ist (das aber dieses Mal nie in Erscheinung tritt bzw. keine Einwände gegen einen Beamten hat, der viele Monate in einem tibetanischen Kloster meditiert, sich von einem Bergmönch als Reliquienjäger anheuern lässt sowie auf eigene Faust einen Serienkiller jagt), in ein Abenteuer, das weder dem gesunden Menschenverstand noch den Naturgesetzen, sondern ausschließlich den Regeln der Unterhaltung verpflichtet ist. „Darkness“ – Wettlauf mit der Zeit“ klingt zwar nach einem dieser sinnfreien deutschen Titel, die übersetzten Thrillern gern übergestülpt werden, doch in diesem Fall trifft zu, was angedeutet wird: Ein düsteres Geheimnis muss gelüftet werden, damit eine Doppel-Katastrophe – der Untergang eines gigantischen Schiffes, gefolgt vom Untergang der Welt – ausbleibt.

Nach dem monumentalen, sich über drei Bände hin- und herziehenden Duell der Brüder Aloysius und Diogenes Pendergast kehrt das Autorenduo Preston & Child zu einer deutlich simpler gestrickten Handlung zurück. Wie Perlen auf einer Kettenschnur reihen sich mehr oder weniger spektakuläre Ereignisse. Die Chronologie bleibt gewahrt, es gibt keine Rückblenden oder Zeitsprünge. Auch topografisch geht es von Ort A nach B, dann nach C und so weiter. Für den Anschein von Dynamik sorgt eine Flut von Cliffhangern; die Handlung bricht im entscheidenden Moment ab, um zum nächsten Krisenpunkt zu springen.

Nicht so hanebüchen wie üblich

Die einfache Dramaturgie ist der Story angemessen. „Darkness“ funktioniert deutlich besser als die künstlich aufgeblähte Vorgänger-Trilogie. Preston & Child spinnen ein recht dünnes Garn, dem der Verzicht auf allzu übertriebene und dadurch ins Lächerliche abgleitende Knalleffekte guttut. Der Plot ist bewährt; schließlich bedient sich das Autorenduo seiner schon seit vielen Jahren. „Darkness“ ist wieder ein ‚Remake‘ von „Relic“ (dt. „Das Relikt“), dem ersten und mit Abstand besten Band der Pendergast-Serie. Das „American Museum of Natural History“ wird durch die “Britannic“ ersetzt, in deren Stahlrumpf es ebenso verwinkelt und unübersichtlich zugeht. Die Führung des Schiffes ist untereinander uneins, es wird gemobbt und gemauschelt. Ein Monster schleicht durch die Gänge, bis sich die feine Gesellschaft in einen tobenden Mob verwandelt, der sich selbst effektiver meuchelt als jede Bestie. Darüber schwebt mehr als ein Hauch von „Titanic“ in der Seeluft, was Preston & Child gar nicht leugnen, sondern selbst mehrfach ansprechen; er sorgt für zusätzliche Gänsehaut, die nicht eigens heraufbeschworen werden muss.

Von außen ist keine Hilfe zu erwarten, der Ort des Geschehens ist isoliert, denn ein Schiff auf hoher See bleibt ein auf sich gestellter Mikrokosmos, der es zu einem klassischen und immer wieder gern genutzten Schauplatz macht. Die „Britannic“ ist zu allem Überfluss so gut gegen (terroristische) Attacken aller Art geschützt, dass sie sich partout nicht lahmlegen lässt, als der Wahnsinn auf der Kommandobrücke regiert. (Auch ein aus „Relic“ übernommener Punkt.)

Bis es soweit ist, gilt es für den Leser manche Flaute zu überstehen. Um auf die vertraglich vereinbarte Seitenzahl zu kommen, scheinen die Autoren tüchtig Stroh dreschen zu müssen. Absolut ohne Belang für das eigentliche Geschehen ist u. a. eine endlos ausgewalzte Episode, die sich um die Entlarvung an Bord aktiver Falschspieler dreht. Viel zu viel Zeit investieren Preston & Child außerdem in die Biografien von Figuren, die nur Futter für das Monster sind.

Auch dass ein Handlungsstrang in Tibet spielt, lässt Unbehagen aufkommen. In der Tat kommen uns Preston & Child einmal mehr mit dem Langbart-Klischee der übermenschlichen Weisheit meditierender Himalaya-Mönche. Mit exotischen Ritualen lassen sich Seiten füllen, und es klingt bedeutsam, wenn die Autoren einige tibetische Sprachbrocken einfließen lassen. Faktisch langweilen solche Luftnummern, alldieweil Konsequenzen stets ausbleiben. Die Mönche von Gsahrig Chongg wirken nicht wirklich weise – geschickt fassen sie Binsenweisheiten in möglichst kryptische Worte. Selbst das vorgeblich allmächtige Agozyen begnügt sich damit, einen Ozeanliner zu verwüsten. Das Ende der Welt bleibt wieder einmal aus.

Agent auf neuen Pfaden?

Agent Pendergast war im Konflikt mit seinem Bruder Diogenes (der in „Darkness“ einen ‚Gastauftritt‘ hat; in der Mystery-Märchenwelt von Preston & Child gilt der Tod als reversibler Faktor …) vom exzentrischen und eigenwilligen Ermittler zum tragischen Übermenschen mutiert: aufdringlich geheimnisvoll, ausgestattet mit überragenden geistigen Fähigkeiten, die ihn zur Konstruktion eines virtuellen „Gedächtnis-Palastes“ befähigen, geschlagen mit einer bizarren Familiengeschichte, die beinahe außerirdisch anmutet, unermesslich reich und fähig, mit immer neuen Talenten und Fähigkeiten aufzuwarten. In „Darkness“ schalten Preston & Child einen Gang zurück. Die Figur Pendergast bekommt wieder Bodenkontakt, was ihr gut bekommt. Weiterhin schüttelt Aloysius Genialitäten aus den Ärmeln seines feintuchigen Anzugs, doch er ist nicht mehr seine eigene Karikatur.

An seine Seite tritt zum ersten Mal mehr oder weniger selbstständig Constance Green, bisher eher lästig als lebendiger Schatten der Vergangenheit und später Jungfrau in Not, die von Diogenes Pendergast primär deshalb gepiesackt wurde, weil er damit seinem Bruder eins auswischen konnte.

Als ausgezeichnete Entscheidung erweist sich der Verzicht auf ausgelaugte Figuren wie den Knurr-Cop Vincent D’Agosta oder den rasenden Reporter Bill Smithback. Preston & Child lieben ausgiebige Querverweise zwischen ihren Werken und kombinieren gern ihre Hauptfiguren neu. In „Darkness“ werfen sie diesen Ballast ab. Pendergast und Green bleiben unter sich.

„Darkness“ wird als Roman seine Leserschaft spalten. Was die eine Seite im Bruderkampf zu spektakulär i. S. von übertrieben fand, wird die andere dieses Mal vermutlich vermissen. Klammert man den direkten Vergleich aus, kann man „Darkness“ unterhaltsam genug finden, um dem Autorenduo das fortgesetzte Breittreten bekannter Elemente zu verzeihen.

Autoren

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am „American Museum of Natural History“ in New York an. Während der Recherchen zu einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei St. Martin’s Press von einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“ (1994; dt. „Das Relikt – Museum der Angst“).

Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei St. Martins Press angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er an den Feierabenden mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller. (Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.)

Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Unter „www.prestonchild.com“ wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).

[Michael Drewniok]

Titel bei Amazon.de:
Darkness: Wettlauf mit der Zeit. Ein neuer Fall für Special Agent Pendergast

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