Das Blut Belsazars

Robert E. Howard
Das Blut Belsazars

Deutsche Erstveröffentlichung = Originalausgabe (Paperback/Klappenbroschur): Juli 2012 (Edition Phantasia/Phantasia Paperback Pulp Fiction 5002)
Übersetzung: Joachim Körber
157 S.
ISBN-13: 978-3-937897-52-3

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Inhalt:

In zwei Storys und einem Fragment schildert Autor Howard die Abenteuer des irischen Glücksritters Cormac Fitzgeoffrey im Palästina der Kreuzfahrerzeit:

– Joachim Körber: Vorbemerkung zur Edition, S. 7-9

Die Falken von Outremer (Hawks of Outremer, 1931), S. 11-58: Der 3. Kreuzzug endete 1192 mit einem Patt. Die christliche Rückeroberung „Outremers“ – der vier Kreuzfahrerstaaten Jerusalem, Antiochia, Edessa und Tripolis im Palästina „jenseits des [Mittel-] Meeres“ – ist misslungen. Der endgültige Siegeszug des Sultans Saladin, Anführer der sarazenischen Heerscharen, konnte von Richard Löwenherz immerhin verhindert werden. Es herrscht ein labiler Waffenstillstand, der von beiden Seiten immer wieder gebrochen zu werden droht.

In dieses Land des ständigen Aufruhrs kehrt Cormac Fitzgeoffrey zurück. Im heimischen Irland ist dem ständig in Fehden verstrickten Krieger der Boden zu heiß geworden. Außerdem gilt es in Palästina noch eine Ehrenschuld zu tilgen: Während des Kreuzzuges hatte Cormac dem Ritter Gerard Gefolgschaft gelobt, der wachsam im Orient zurückgeblieben ist. Inzwischen wurde er vom Verräter Scheich Nureddin getötet. Cormac macht sich zu dessen Burg El Ghor auf, um den Ritter zu rächen …

Das Blut Belsazars (The Blood of Belshazzar, 1931), S. 59-104: Cormac will sich dem Räuberhauptmann Skol Abdhur anschließen, um Lösegeld für einen von den Sarazenen gefangenen Kameraden aufzubringen; in der Banditen-Burg Bab-el-Shaitan, dem „Tor des Teufels“, gerät er in eine mörderische und schwarzmagische Verschwörung …

Die Sklavenprinzessin (The Slave Princess, 2003) [Fragment], S. 105-140: Mit seinem Freund, dem Ritter Amory, heckt Cormac einen gewagten Plan aus: Das Sklavenmädchen Suleika ähnelt der vor drei Jahren entführten Prinzessin Zalda so sehr, dass die Freunde sie ihrem Bräutigam Suleiman Bey für viel Geld übergeben wollen …

Die Sklavenprinzessin (The Slave Princess, 2003) [Synopse], S. 141-146

– Christian Endres: Nachwort, S. 147-156

– Nachweise, S. 157

Niemals denken, immer handeln

Robert E. Howard wurde bekannt als Schöpfer schwertschwingender Barbaren, die in mythischen Vorzeiten Schwerter und Äxte schwangen. Krieger wie Conan, Kull oder Solomon Kane bekamen es dabei immer wieder mit Zauberern, Ungeheuern, lebenden Leichen und anderen gruseligen Geschöpfen zu tun. Die Kombination aus Fantasy und Horror war schon in den 1930er Jahren beliebt – beliebter jedenfalls als die in ein historisch (vergleichsweise) akkurates Umfeld verorteten Abenteuergeschichten, die Howard trotz zeitaufwendigerer Recherchen viel lieber schrieb, wie uns Christian Endres in seinem informativen Nachwort zu dieser schmalen aber feinen Sammlung berichtet.

Howard musste von seiner Feder leben, und die „Pulp“-Magazine seiner Zeit zahlten notorisch schlecht. Da sie praktisch die einzigen Abnehmer für Storys darstellten, mussten die Autoren sich dem kaufenden Publikum anpassen, wenn sie regelmäßig gedruckt werden wollten. Auch Howard schrieb, was sich verkaufte. Als geborener Geschichtenerzähler fand er meist trotzdem einen Dreh, sein Steckenpferd zu reiten.

1931 hatte Howard Glück: Für das Magazin „Oriental Stories“ konnte er der Liebe zur Vergangenheit auf seine ganz besondere Weise huldigen. Er wählte das Palästina der Kreuzfahrerzeit als Bühne – ein kluger und für Howard naheliegender Entschluss. Für ihn stellte der kriegerische Konflikt innerhalb verschwindender und verschwimmender Grenzen den idealen Nährboden für seine buchstäblich überlebensgroßen Helden dar. Cormac Fitzgeoffrey ist selbst in seiner rauen mittelalterlichen Welt ein Außenseiter. Er schlug sogar dem König Richard Löwenherz – kein Mann, der für Geduld oder Toleranz bekannt war – die angebotene Ritterwürde aus. Cormac ist Individualist durch und durch sowie ausschließlich seinem eigenen, simpel strukturierten, recht verqueren Ehrenkodex verpflichtet. Kurioserweise ist er darin ritterlicher als die meisten echten Ritter: Howard unterschlug keineswegs das heuchlerische Element der Kreuzzüge, deren Teilnehmer unter dem Deckmantel der christlichen Mission mordeten, plünderten und sich untereinander befehdeten.

Von Schlachtfeld zu Schlachtfeld

In solche Machtspiele lässt sich Cormac nicht ziehen. Dabei ist er konsequent. In „Die Falken von Outremer“ muss er ‚nur‘ Irland, England und die meisten festlandeuropäischen Reiche meiden, weil er sich dort unversöhnliche Feinde geschaffen hat. Nachdem er einen verräterischen aber leider gut im Adel vernetzten Ritter tötet, ist er bald auch in Palästina verfemt. Die Sarazenen hassen ihn ohnehin, da er sie während des 3. Kreuzzuges ausgiebig gezüchtigt hat.

Doch Cormac ist ein Mensch des Augenblicks. Er schaut höchstens im Suff und nie sentimental zurück und lebt ansonsten in der Gegenwart. An die Zukunft verschwendet er kaum einen Gedanken, was angesichts seines Lebenswandels logisch erscheint. Cormac ist im Hinblick auf seinen stets drohenden Tod ein Stoiker, da er ein friedliches Leben nie kennengelernt hat. Dazu passt, dass er Frauen tunlichst meidet, da er ihre kriegstugendaufweichenden Eigenschaften fürchtet und sich darin in „Das Sklavenmädchen“ durch das Beispiel seines Gefährten Amery bestätigt sieht. Der lässt einen lukrativen Menschentausch durch die plötzlich aufflackernde Liebe zum weiblichen Objekt dieses Handels scheitern (worauf ihn Cormac in einem Wutanfall beinahe erwürgt).

In diesem Klima darf sich Cormac zu Hause fühlen. Seit einem Jahrhundert toben die Auseinandersetzungen zwischen muslimischen Sarazenen und christlichen Kreuzzüglern. Beide Parteien werden von religiösen Zielen fanatisiert; die ‚heilige‘ Stadt Jerusalem ist das ständig umkämpfte Symbol dieses Konfliktes. Städte werden erobert, wieder geräumt und zurückerobert. Grausamkeiten im Namen des jeweiligen Gottes sind an der Tagesordnung. Ständige Unsicherheit ist die einzige Konstante.

Bunter & böser als im Leben

Dies ist wie gesagt ein Klima, in der Cormac aufblüht – und Robert E. Howard seine ungestüme Wortgewalt entfesselt. Dabei geht es ihm wiederum um den Effekt. Nicht nur Kampfszenen werden in knochenkrachenden Zeitlupen zelebriert. Auch die Figurenzeichnung ist Teil der Handlung und ihr unbedingt unterworfen. Das trug Howard den Vorwurf ein, Rassist zu sein. Cormac trifft immer wieder auf sehnige, hakennasige, dunkelhäutige Araber mit eng beieinanderstehenden, funkelnden Augen: Klischees, die heute dem Bannstrahl (angeblich) politisch korrekten Denkens anheimfallen.

Allerdings schrieb Howard seine Geschichten in den diesbezüglich wenig zimperlichen 1930er Jahren. Er ist ein Kind der Zeit und in den Magazinen in einem Umfeld, in dem er keine Ausnahme, sondern die Regel darstellt. Kritiker übersehen außerdem gern, dass Howard seine Helden zwar schlagkräftig aber lernfähig schilderte. Cormac ist kein ‚Übermensch‘, sondern psychisch geprägt durch seine Lebensgeschichte. In „Das Blut Belsazars“ kommt es zu einem Moment der Selbstreflexion, der Cormac mit Scham erfüllt – und dies geschieht ausgerechnet in der Begegnung mit dem Sarazenen-Herrscher Saladin, den Howard als kultivierten und weisen Mann charakterisiert.

Abenteuerlich soll es zugehen, und Howard gibt seinen Lesern, was sie wollen. Natürlich ist er kein Literat; ihn nach entsprechenden Maßstäben zu beurteilen, wäre ungerecht. Howard ist ein ungezügeltes Talent, das nie die Zeit hatte zu reifen. Das Ungestüme verleiht seiner Prosa freilich einen Schwung, der sie bis heute lesenswert erhielt. Nur wenige Zeilen genügen Howard, um einen Schauplatz nicht einfach zu beschreiben, sondern ihn stimmungsvoll zu inszenieren. Dabei ist er über ‚echte‘ Fantasy-Elemente keineswegs erhaben. Unter dem „Tor des Teufels“ stößt Cormac auf die Relikte einer vorzeitlichen Kultur, die sehr an H. P. Lovecraft erinnert, mit dem Howard eine langjährige Brieffreundschaft verband. Beide Autoren ‚borgten‘ gern Grusel-Gottheiten voneinander aus: ein Insider-Spaß.

Cormac kehrt zurück

Diese deutsche Erstausgabe der Cormac-Storys schließt eine Lücke in der Fantasy-Historie. Was einst für den Verbrauch produzierter „Pulp“ war, wird heute sorgfältig ediert, übersetzt und gedruckt. Howard schrieb im Wettlauf mit dem Gerichtsvollzieher (um es bildlich auszudrücken). Die dabei zu Papier gebrachten Worte werden heute auf die Goldwaage gelegt und möglichst originalgetreu übernommen. In Howards Fall ist dies von besonderer Bedeutung, wie im Vor- und Nachwort erläutert wird: Nach seinem frühen Tod hinterließ Howard zahlreiche Entwürfe und halbfertige Manuskripte, die nach seiner Wiederentdeckung als Genre-Pionier in den 1950er und 60er Jahren von anderen Autoren ‚vervollständigt‘ wurden. Diese waren sicher guten Willens, aber mit Howard konnten sie es in der Regel weder formal noch inhaltlich aufnehmen.

Auch Cormac Fitzgeoffrey blieb dieses Schicksal nicht erspart. Richard L. Tierney nahm sich der Story „Das Sklavenmädchen“ an, die Herausgeber Joachim Körber authentisch in der unvollendeten Fassung druckt; wie die Geschichte ausgehen sollte, geht aus einer Synopse hervor, die Howard selbst angefertigt hat. Das Manuskript legte er, der Profi, beiseite, als sich abzeichnete, dass er mit anderen Geschichten besser verdienen konnte.

Sorgfältig übersetzt, informationsreich kommentiert und schön als Paperback in Klappenbroschur gedruckt, verdient „Das Blut Belzasars“ einen Ehrenplatz im Regal des Lesers & Sammlers. Nur in einem Punkt sei sachte Kritik gestattet: Das Cover-Layout sollte der Herausgeber besser denen überlassen, die wissen, wie man so etwas macht …

Verfasser

Robert Ervin Howard wurde am 22. Januar 1906 in Peaster, einem staubigen Flecken irgendwo im US-Staat Texas, geboren. Sein Vater, ein Landarzt, zog mit seiner kleinen Familie oft um, bis er sich 1919 in Cross Plain und damit im Herzen von Texas fest niederließ. Robert erlebte nach eigener Auskunft keine glückliche Kindheit. Er war körperlich schmächtig, ein fantasiebegabter Bücherwurm und damit der ideale Prügelknabe für die rustikale Landjugend. Der Realität entzog er sich einerseits durch seine Lektüre, während er sich ihr andererseits stellte, indem er sich ein intensives Bodybuilding-Training verordnete, woraufhin ihn seine Peiniger lieber in Frieden ließen: Körperliche Kraft bedeutet Macht, der Willensstarke setzt sich durch – das war eine Lektion, die Howard verinnerlichte und die seine literarischen Helden auszeichnete, was ihm von der Kritik lange verübelt wurde; Howard wurden sogar faschistoide Züge unterstellt; er selbst lehnte den zeitgenössischen Faschismus ausdrücklich ab.

Nachdem er die Highschool verlassen hatte, arbeitete Howard in einer langen Reihe unterbezahlter Jobs. Er war fest entschlossen, sein Geld als hauptberuflicher Autor zu verdienen. Aber erst 1928 begann Howard auf dem Magazin-Markt Fuß zu fassen. Er schrieb eine Reihe von Geschichten um den Puritaner Solomon Kane, der mit dem Schwert gegen das Böse kämpfte. 1929 ließ er ihm Kull folgen, den König von Valusien, dem barbarischen Reich einer (fiktiven) Vorgeschichte, 1932 Bran Mak Morn, Herr der Pikten, der in Britannien die römischen Eindringlinge in Angst und Schrecken versetzte. Im Dezember 1932 betrat Conan die literarische Szene, ein ehemaliger Sklave, Dieb, Söldner und Freibeuter, der es im von Howard für die Zeit vor 12000 Jahren postulierten „Hyborischen Zeitalter“ bis zum König bringt.

Die Weltweltwirtschaftskrise verschonte auch die US-amerikanische Magazin-Szene nicht. 1935 und 1936 war Robert E. Howard dennoch in allen wichtigen US-Pulp-Magazinen vertreten. Er verdiente gut und sah einer vielversprechenden Zukunft entgegen, korrespondierte eifrig und selbstbewusst mit Kollegen und Verlegern und wurde umgekehrt als noch raues aber bemerkenswertes Erzähltalent gewürdigt.

Privat litt Howard an depressiven Schüben. Hinzu kam eine enge Mutterbindung. Als Hester Ervin Howard 1935 an Krebs erkrankte und dieser sich als unheilbar erwies, geriet ihr Sohn psychisch in die Krise. Im Juni 1936 fiel Hester ins Koma, am 11. des Monats war klar, dass sie den Tag nicht überleben würde. Als Howard dies realisierte, setzte er sich in seinen Wagen und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Er war erst 30 Jahre alt. Sein umfangreiches Gesamtwerk geriet in Vergessenheit, bis es in den 1950er und 60er Jahren wiederentdeckt wurde und nie gekannte Bekanntheitsgrade erreichte, was seinen frühen Tod als doppelten Verlust für die moderne Populärkultur erkennbar macht.

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

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