Das Blut des Skorpions

Massimo Marcotullio
Das Blut des Skorpions
(Fulminacci-&-Beatrice-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Il sangue dello scorpione (Casale Monferrato : Edizioni Piemme Spa 2006)
Übersetzung: Karin Diemerling
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2008 (Lübbe Verlag)
540 S.
ISBN-13: 978-3-7857-2331-9
Neuausgabe: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 16387)
540 S.
ISBN-13: 978-3-404-16387-8
eBook: März 2009 (Bastei-Lübbe-Verlag)
2407 KB
ISBN-13: 978-3-8387-0009-0

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Das geschieht:

Rom im Mai des Jahres 1666: Der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher entdeckt bei seinen astronomischen Beobachtungen die Wiederkehr einer Konstellation der Gestirne, die in alten Schriften als „Zeitalter des Skorpions“ beschrieben wird. Sie gilt als Vorbote großen Unglücks, worin sich Kircher nachdrücklich bestätigt fühlt, als sein alter Freund Pater Bartolomeo Stoltz, erster Bibliothekar der päpstlichen Bibliothek, enthauptet aufgefunden wird. Diese Art des Mordens ist Kircher nicht unbekannt. Als junger Seminarist hat er vor vielen Jahren im Jesuitenkolleg zu Paderborn ähnliche Bluttaten erlebt; sie konnten nie aufgeklärt werden.

Neugierig schaut sich der wenig erfolgreiche Maler Giovanni Battista Sacchi, genannt „Fulminacci“, am Schauplatz des Verbrechens um. Dabei findet er einen in Gold gefassten Bernstein, in den ein winziger Skorpion eingeschlossen ist. Als der finanziell stets klamme Fulminacci es verkaufen will, erregt er die Aufmerksamkeit des Eigentümers, der das Schmuckstück unbedingt zurückholen will.

Mehrere Mordanschläge später dämmert es Fulminacci, dass ihm ein erbarmungsloser Mörder auf den Fersen ist: Der „Skorpion“ agiert seit Jahrzehnten als höchst erfolgreicher Attentäter. Er ist Teil eines Komplotts, das mit der politischen und religiösen Neuordnung Europas enden soll und dessen Fäden in Rom zusammenlaufen. Zu allem Überfluss bekommt der fanatische Inquisitor Bernardo Muti Wind von den Morden, die er als Anlass missbraucht, einen Feldzug gegen „Hexen“ und „Zauberer“ zu inszenieren.

Fulminacci zeigt sich erstaunlich überlebenstüchtig. Er kann sich bei seinem Kampf mit dem „Skorpion“ auf die Unterstützung der Wahrsagerin und Agentin Beatrice und des slawischen Kraftmenschen Zane verlassen. Aber der „Skorpion“ wird von finsteren Mächten unterstützt und setzt sein mörderisches Treiben unerbittlich fort …

Die (angeblichen) Geheimnisse des Vatikans

Im Dunkeln ist gut munkeln, lautet ein altes Sprichwort. Der Vatikan erfüllt diese Voraussetzung vortrefflich, gehört doch das Handeln „im Namen des Herrn“ seit Jahrhunderten zur Maxime einer der ältesten religiösen und politischen Mächte dieser Erde, wobei die Gesetze und Regeln der schnöden Welt gern mit Nichtachtung gestraft werden.

Viele Eskapaden oder moralische Ungeheuerlichkeiten des Vatikans sind historische Realität und als solche aufgedeckt worden. Da Geheimniskrämerei zum Alltag der Kirche gehört und die Tiefe der vatikanischen Archivgewölbe legendär ist, gilt es als ‚sicher‘, dass mehr düstere Geheimnisse verborgen blieben als entdeckt wurden. Unabhängig von der Wahrheit dieser Theorie hat sich deshalb der Mythos eines Vatikans entwickelt, der an allen möglichen und unmöglichen Ränkespielen beteiligt war und ist. Spätestens Dan Brown hat dies so nachhaltig ‚bewiesen‘, dass längst ein eigenes Subgenre – der historisierende Kirchen-Thriller – entstand, der eine große Schar von Epigonen ernährt.

Munkeleien in der Light-Version

Massimo Marcotullio gesellt sich gerade erst zu ihnen, „Das Blut des Skorpions“ ist sein Romanerstling. Als solcher vermag er zu erfreuen aber noch mehr zu ärgern. Nüchtern betrachtet ist dieses Buch ein reichlich weitmaschig gestricktes Garn. Zwar geschieht ständig etwas, doch die Handlung ist überaus simpel und eindimensional. Das mag der Leser als angenehme Abwechslung betrachten, nachdem er allzu oft durch allzu ausgeklügelte Verschwörungen eher geprügelt als spannend geführt wurde. Allerdings macht es sich Marcotullio ein wenig zu einfach. Statt das Geheimnis des Komplotts, dem der „Skorpion“ zum Durchbruch verhelfen soll, sorgfältig zu konstruieren und dann nach und nach zu aufzudecken, denkt sich der Verfasser eine wenig überzeugende und weit hergeholte Hintergrundgeschichte aus.

Tatsächlich interessiert ihn dieser Aspekt des Geschehens sichtlich wenig. Marcotullio fokussiert die Handlung auf seine Hauptfiguren – den Maler Fulminacci und seine farbenfroh gezeichneten Gefährten, den „Skorpion“, den Inquisitor Muti und diverse Mitglieder des notorisch intriganten römischen Hochadels. Sie stürzt er in eine Reihe mechanisch hintereinander geschalteter Abenteuer-Episoden, die in ihrer Gesamtheit einen Historienthriller ergeben sollen.

Um den überzeugend zu kreieren bedarf es freilich mehr Raffinesse. Marcotullios offensichtliche Unbekümmertheit im Umgang mit dem im Genre Historienroman oft viel zu sakrosankten Faktor Realität mag erfrischend wirken. Leider wird sie nicht wirklich genutzt. Stattdessen übertreibt es Marcotullio mit den Anachronismen. Seine Figuren wären in einem Drehbuch besser aufgehoben. Ständig ‚spielen‘ sie – manchmal ziemlich aufdringlich – mit den Alltäglichkeiten ihrer Zeit. Das könnte witzig sein, wenn der Verfasser über entsprechendes Talent verfügte. Dem ist nicht so, weshalb entsprechende Passagen platt wirken. Da hilft auch nicht der ‚sensationelle‘ Gastauftritt eines der berühmten vier Musketiere.

Schmalspurhelden und flaue Bösewichte

Die Flachgründigkeit spiegelt sich schmerzhaft deutlich in den Figuren wider. Fulminacci ist zwar Künstler aber auch ein Feuerkopf, Weiberheld und Raufbold. Das soll ihn zu einem unkonventionellen Sympathieträger adeln. Stattdessen wirkt er wie ein infantiler Trottel, der irgendwann die Kontrolle über sein Handeln mehr oder weniger aufgibt und sich der Leitung einer starken Frau ergibt, „für die man schwerlich ein historisches Vorbild finden dürfte, da die Rolle der Frau zu jener Zeit eine eher untergeordnete war. Weil ich dem Maler eine unabhängige, besonnene und couragierte Frauenfigur zur Seite stellen wollte, habe ich mir erlaubt, die Grenzen der Historizität etwas zu dehnen …“ (Autor Marcotullio auf S. 536).

Während man sich damit noch abfinden könnte, erzürnt das Ergebnis, das Beatrice zu einem streitsüchtigen Frauenzimmer mutieren lässt, was verdrehte Verliebtheit suggerieren soll: Die angeblich erwachsenen Protagonisten führen sich wie pubertierende Jugendliche auf; ein Verhalten, dass Marcotullio unerhört komisch zu finden scheint, da er viele Seiten auf entsprechende Schilderungen verwendet.

Die Schwere der historischen Realität soll durch weitere unkonventionelle Figuren gebrochen werden. Baldassarre Melchiorri, der „Großmeister“, gibt den schlauen Bruder Leichtfuß, der sich als Magier und Ratgeber das Vertrauen dümmlicher Hochadliger erschleicht. Valocchi, der flämische Maler, steigt mit jeder Frau ins Bett und sorgt für ‚komische‘ Zwischenspiele, wenn er mit der aktuellen Dame seines Herzens in flagranti ertappt wird.

Einen Bösewicht wie aus dem Märchenbuch mimt Bernardo Muti. Diese Figur ist völlig misslungen, weil sie ein reales historisches Phänomen auf Hollywood-Niveau herunter bricht: Die Inquisition gehört zu den unangenehmen Aspekten einer an Unmenschlichkeiten ohnehin reichen Geschichte. Sie als Instrument fanatischer, machtgieriger, sexuell gestörter Zeitgenossen darzustellen ist jedoch billig, Bernardo Muti eine Witzfigur, dessen Denken und Handeln wie auf Schienen erfolgt.

(Fehl-) Investition in die Zukunft

„Das Blut des Skorpions“ war die gedruckte Hoffnung seines Verfassers, der die dem Zeitgeschehen gewidmete Recherchearbeit in möglichst viele Fortsetzungen zu investieren gedenkt. Sehr deutlich und sogar aufdringlich stellte Marcotullio die Weichen für weitere Abenteuer von Fulminacci & Beatrice. Auch Melchiorri und Valocchi sollten bei Erfolg – der sich in der Auflagenstärke messen lässt – wieder auftreten, und nicht einmal die Rückkehr des kaltgestellten Muti durfte ausgeschlossen werden. Der verführerische leichte Ton und das erzählerische Mittelmaß sollten die Zustimmung fördern

Die Weichen waren gestellt, nun durften die Leser entscheiden. Zu Marotullios Pech gefielen ihnen die schematische Handlung und groben Figurenzeichnungen aber mehrheitlich nicht. Hierzulande war schon nach dem zweiten Teil Schluss, in Italien folgte 2008 ein dritter Band, der weder fortgesetzt noch übersetzt wurde.

Autor

Massimo Marcotullio wurde 1955 im norditalienischen Pavia geboren, wo er auch heute lebt und als freier Schriftsteller arbeitet. Das Multitalent Marcotullio hat darüber hinaus Comics gezeichnet, in einer Band gespielt sowie ein Opernhaus geleitet.

Copyright © 2010/2016 by Michael Drewniok (md)

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