Das Logbuch der „Waratah“

Geoffrey Jenkins
Das Logbuch der „Waratah“

Originaltitel: Scend of the Sea (London : Collins 1971)/The Hollow Sea (New York : G. P. Putnam’s Sons 1971)
Deutsche Erstausgabe: 1971 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Abenteuer A 58)
Übersetzung: Norbert Wölfl
179 S.
ISBN-10: 3-442-24058-1

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Das geschieht:

Die Familie Fairlie, südafrikanische Seefahrer und später Piloten, wird in der dritten Generation heimgesucht. Erstes Opfer wurde Douglas, Offizier an Bord der „Waratah“: Der Passagierdampfer verschwand 1909 auf der Fahrt nach Kapstadt im Südatlantik mit mehr als 200 Menschen an Bord, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. 58 Jahre später ging die Passagiermaschine von Flugkapitän Bruce Fairlie, Douglas‘ Sohn, in genau jener Region verloren, in der das Wrack der „Waratah“ vermutet wird.

Vier Jahre später macht sich Ian, Bruces Sohn, daran, das Rätsel zu lüften. Nach ausgiebiger Recherche meint er den Ort, an dem Großvater und Vater verschollen sind, eingekreist zu haben. Ian macht eigentümliche Witterungs- und Strömungsverhältnisse für die beiden Katastrophen verantwortlich: Unter bestimmten Wetterbedingungen kann hier ein Sturm Wellenberge von außergewöhnlicher Höhe auftürmen, die alles unter sich begraben. Ian kennt sich aus, ist er doch Kapitän des Wetterschiffes „Walvis Bay“ und soll genau solche Phänomene auf hoher See beobachten.

Deshalb folgt er mit der „Walvis Bay“ dem Kurs der „Waratah“ als sich ein besonders heftiger Sturm anbahnt. Das Schiff wird dabei schwer beschädigt, mehrere Besatzungsmitglieder werden verletzt, und Ian droht sein Seemannspatent zu verlieren – für ihn nebensächlich, da der Sturm seinen Bruder Alistair, einen Kampfpiloten der südafrikanischen Luftwaffe, verschlungen hat – ebenfalls dort, wo Vater und Großvater verschwanden! Nun gibt es kein Zurück mehr. In Begleitung der geheimnisvollen Tafline und des treuen Freundes Jubela macht sich Ian mit der Rennyacht „Touleier“ auf in den Südatlantik. Nur sie schenkten ihm Glauben, als er erzählte, was er an Bord der „Walvis Bay“ auf dem Höhepunkt des Orkans gesehen hat: die Umrisse eines uralten Segelschiffes, das gegen den Wind durch die kochenden Wogen steuerte …

Katastrophen-Rätsel ohne Erklärung

Die Geschichte der Seefahrt ist reich an seltsamen Ereignissen, die niemals wirklich geklärt werden konnten und zu dankbaren Objekten mehr oder weniger begründbarer Spekulationen mutierten. „Marie Celeste“, „Titanic“, „Cyclops“: drei aus einem Reigen spät, kaum oder nie gelöster Rätsel – und die „Waratah“, ein großer Dampfer, der tatsächlich in einer Winternacht des Jahres 1909 wider alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit mit Mann und Maus im Meer versank. Bis auf den heutigen Tag ist ungeklärt, was damals geschah.

Dem Schriftsteller Geoffrey Jenkins konnte 1971 die Ungewissheit nur recht sein. Wie seine früheren Romane sollte auch sein neuestes Werk in Südafrika spielen. Dort lebte und arbeitet Jenkins – in Pretoria, um genau zu sein -, dort kannte er sich aus. Die „Waratah“ war vor der südafrikanischen Küste verschwunden; ideale Ausgangsbedingungen also, aus denen der Autor kein spektakuläres oder an prominenter Position in die Literaturgeschichte eingehendes aber ein solides und fesselndes Abenteuergarn spinnt. Für das „Waratah“-Rätsel findet er eine schlüssige Lösung, die auf bestimmten meteorologischen Phänomenen im Bereich der berühmt-berüchtigten „Brüllenden Vierziger“ fußt.

Selbstverständlich hat Jenkins damit nur bedingt Anklang gefunden: Schon drei Spezialisten entwerfen mindestens neun Theorien, die sich exponentiell vermehren, wenn sich weitere ‚Fachleute‘ einmischen. Aktuell neigt eine knappe Mehrheit zur Ansicht, ein „Kaventsmann“ habe die „Waratah“ in ein nasses Grab befördert; eine jener Monsterwellen, die noch nicht sehr lange aber nun definitiv wissenschaftlich untermauerte Realität geworden sind. Eine unheilvolle Dynamik aus Sturmwind und Strömung lässt sie scheinbar urplötzlich auf dreißig oder mehr Meter anwachsen. Selbst große und moderne Schiffe haben bei der Begegnung mit einer solchen Grusel-Woge große Schäden erlitten und noch Glück gehabt: Es ist durchaus realistisch, dass eine Monsterwelle ein Schiff binnen Sekunden und endgültig in die Tiefe drückt.

Leicht wackliger Story-Rahmen

Jenkins hat sich sichtlich in die Materie eingearbeitet. Als Journalist weiß er die komplexe Materie der Meteorologie so aufzuarbeiten, dass der wetterunkundige Leser nicht nur begreift, sondern sich sogar dabei ertappt, die Informationen als interessant zur Kenntnis zu nehmen! Das nautische Umfeld sorgt für den passenden Rahmen: Jenkins gelingen stimmungsvolle Bilder vom Alltag auf See, der durch Stürme besonderen Kalibers jederzeit in eine Krise umschlagen kann.

Das Kap der Guten Hoffnung ist trotz des freundlichen Namens ein gefährlicher Ort. Tatsächlich kündet dieser Name von der Zuversicht jener Seeleute, die es einst nur mit Segelkraft umrunden wollten. Meist hatten sie Pech, denn die Topografie der afrikanischen Südspitze sorgt für Luftturbulenzen, die das Meer buchstäblich in Aufruhr versetzen. Gewaltige Strömungen fördern auch ohne Monsterwellen Meeresbewegungen, die selbst heute Schiffe in Bedrängnis geraten lassen oder auf weit ins Meer hinausragende Klippen werfen. Vor der Küste pflastern Wracks aus vielen Jahrhunderten den Meeresboden; sie bilden einen Friedhof, den Jenkins oft mit bedrohlichem Unterton ins Spiel bringt.

Weniger gelungen ist dagegen sein Einfall, gleich drei Mitglieder der Familie Fairlie präzise auf derselben Stecknadel im feuchten Heuhaufen ihr Ende finden zu lassen. Hier strapaziert er die Gesetze der Wahrscheinlichkeit ebenso wie die Geduld des Lesers ein wenig zu heftig. Dasselbe gilt für das sorgfältig vorbereitete aber dann allzu knapp abgehandelte Finale, dem außerdem ein finaler Knalleffekt aufgesetzt wird, der einfach übertrieben ist aber glücklicherweise mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun hat.

Familie im Pech plus eine geheimnisvolle Frau

Die Figurenzeichnung ist schlicht aber meist gelungen. Ian Fairlie wirkt als gleichermaßen gebeutelter wie besessener Seefahrer überzeugend. Glücklicherweise ist er die Hauptperson und nicht die somnambule Tafline, die als geheimnisumwitterte Schöne und „love interest“ aufgebaut wird, ohne jemals echtes Profil zu gewinnen: Jenkins selbst scheint sich wenig für sie interessiert und Tafline nur eingeführt zu haben, um eine weibliche Hauptfigur – unumgänglich eine für eventuelle Verfilmung – vorweisen zu können. Zwiespältig erscheint im Rückblick die reale Geschichte Südafrikas die Figur des Jubela, der den edlen Schwarzen und Blutsbruder Ians in einem Land zur Hochzeit der Apartheit mimen muss, die selbstverständlich mit keinem Wort erwähnt wird..

Natürlich darf man nicht zu viel erwarten von einem Abenteuerroman, der primär spannende Unterhaltung bieten soll. In diesem Rahmen kann „Das Logbuch …“ bestehen. Während Geoffrey Jenkins und sein Werk in Deutschland längst vergessen sind, genießt der Autor im angelsächsischen Sprachraum als Erzähler schneller und actionbetonter, aber sauber recherchierter und gut geplotteter Geschichten einen ausgezeichneten Ruf. „Das Logbuch …“ ist sogar ein internationaler Klassiker des Genres, der immer wieder aufgelegt wird und u. a. Clive Cussler, den erfolgreichen geistigen Vater des ‚Unterwasser-007‘ Dirk Pitt (z. B. „Hebt die Titanic!“) formal wie inhaltlich stark beeinflusst hat. (Cussler finanzierte später mehrere Expeditionen auf der Suche nach dem Wrack der „Waratah“.)

Wer neugierig geworden ist und mehr über die Geschichte der „Waratah“ erfahren möchte, kann eigene Recherchen online u. a. hier und hier starten:

Anmerkung

Die Reihe „Abenteuer-Taschenbücher“ war der Versuch des Goldmann-Verlags, ein Publikum zu interessieren, das jenseits etablierter Genres wie Krimi und Science Fiction Abenteuergeschichten schätzte. Wie „Abenteuer“ zu definieren ist, sorgte verlagsintern freilich für Unsicherheit. Die Reihe präsentierte letztlich hauptsächlich Westernromane um harte Kerls mit rauchenden Colts, zwischen denen die wenigen modernen und durchaus interessanten Geschichten um Reisen in entlegene Weltwinkel, Schatzsuchen oder brennende Ölbohrinseln untergingen, weshalb es mit den „Abenteuer-Taschenbüchern“ bald wieder vorbei war.

Autor

Geoffrey Ernest Jenkins wurde am 16. Juni 1920 im südafrikanischen Port Elizabeth (andere Quellen nennen Pretoria) geboren. Dank eines an einen Preisgewinn gebundenen Stipendiums konnte er in London eine journalistische Ausbildung beginnen. Nach Ausbruch des II. Weltkriegs blieb Jenkins als Kriegskorrespondent in England. 1945 ging er nach Rhodesien, später zurück nach Südafrika und arbeitete als Journalist. 1950 heiratete Jenkins die Autorin Eve Palmer (1916-1998), mit der er auch zusammenarbeitete.

Jenkins selbst veröffentlichte 1959 einen ersten Roman. „The Twist of Sand“ wurde ein Bestseller, der in viele Sprachen übersetzt, u. a. von Ian Fleming rezensiert (und gelobt) sowie 1968 verfilmt wurde. Jenkins hatte den Schriftsteller, der damals für den britischen Geheimdienst tätig war, in London kennengelernt und war sein Freund geworden. Nachdem er zwei weitere Romane geschrieben hatte, wurde Jenkins hauptberuflicher Schriftsteller. Seine mit Thriller-Elementen angereicherten Abenteuerromane waren erfolgreich; dies auch deshalb, weil Jenkins die Orte, an denen sie spielten, bereiste und vor Ort ausführlich recherchierte.

1966 schrieb Jenkins nach Flemings Tod einen James-Bond-Roman („Per Fine Ounce“), der jedoch nie veröffentlicht wurde und als verschollen gilt. Ein letzter Roman erschien 1994. Sieben Jahre später (und drei Jahre nach dem Tod seiner Gattin) starb Geoffrey Jenkins am 7. November 2001 im Alter von 81 Jahren in Pretoria.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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