Das Obsidianherz

das-obsidianherzJu Honisch
Das Obsidianherz

(sfbasarentry)

Feder & Schwert / origin (2008)
ISBN 978-3-86762-028-4
816 Seiten, broschiert
Lektorat: Oliver Hoffmann
Umschlaggestaltung: Oliver Graute

http://www.juhonisch.de

Im München des Jahres 1865 verschwindet ein magisches Manuskript, das in den falschen Händen die Welt zerstören kann. Eine Gruppe von einflussreichen Männern – zu denen auch König Ludwig II gehört – stellen eine Mannschaft auf, die nach dem Manuskript suchen soll. Der britische Agenten Delacroix, der Magier Vonderbrück und zwei junge deutsche Offiziere steigen nun im Hotel Nymphenburg ab, um dort nach eben jenem Manuskript zu suchen.

Zur gleichen Zeit befindet sich auch Corrisande Jarrencourt von Jarrencourt Hall mit ihrer Anstandsdame und ihrer Zofe in dem Hotel. Corrisande ist auf der Suche nach einem passenden Ehemann, um sich zu verheiraten und ein anständiges Leben zu führen. Zufällig wird sie dabei in die Ermittlungen von Delacroix und seinen Leuten hineingezogen, die auf der Jagd nach einem übernatürlichen Wesen sind. Dieses Wesen scheint mit dem verschwunden Manuskript in Verbindung zu stehen, und findet widernatürlichen Gefallen an Corrisande …

Juliane „Ju“ Honisch präsentiert mit „Das Obsidianherz“ ihren ersten großen Roman und erhielt 2009 auch prompt den Deutschen Phantastik Preis in der Kategorie „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“. Trotz kleiner Merkwürdigkeiten, hat sie diesen Preis wohlverdient und zeigt der Leserschaft, dass es auch in Deutschland außergewöhnliche Phantastik gibt. Dabei spielt Frau Honisch ihre Stärken aus, mischt dramatische Elemente, ausgezeichnete Charakterentwicklungen und eine Prise Humor zu einem unterhaltsamen Ganzen.

„Das Obsidianherz“ ist ein außergewöhnlicher Roman. Er spielt in einer historischen Parallelwelt, die vielen künstlichen Zwängen und Ritualen unterliegt. Diese fließen nebensächlich in den Roman ein, sind handlungsbestimmend, aber zu keinem Zeitpunkt dominant. Wo in anderen Romanen die Leser den Helden für einen naiven Dummkopf halten („Hau doch endlich ab, du Idiot!“), erscheinen die manchmal abstrusen Handlungsweisen in Honischs Roman nachvollziehbar, transportiert sie die Motivation der Figuren transparent mit („Klar, er wurde als Held erzogen, deswegen bleibt er stehen.“). Dadurch wirkt die Welt authentisch, lebt förmlich und bietet einen einzigartigen Blick in eine verklärte Vergangenheit. Das ist einfach grandios!

Schauplatz der Handlung ist vor allem das Hotel Nymphenburg. Fast die gesamte Handlung findet in diesem einzigen Objekt statt, weitgehend in einigen wenigen Räumlichkeiten. Ein magischer Bann ist dafür verantwortlich, der die Feyon in den Mauern hält.

Feyon, das sind übernatürliche Wesen wie Geister, Vampire und Nymphen. Die normalen Menschen streiten ihre Existenz ab, es ist anstößig über sie zu reden – ebenso über sexuelle Dinge. Nein, so etwas macht kein anständiger Mensch! Doch diese Wesen existieren. Und wenn sie einmal entdeckt werden, dann werden sie erledigt. Immerhin handelt es sich um bösartige, anstößige Kreaturen. Notfalls wird Magie eingesetzt, denn tatsächlich gibt es wahre Magie. Während nun die Laienmagier und Bühnenzauberer mit ihrer Taschenspielermagie manchmal in die Salons der feinen Gesellschaft eingeladen werden, so ist wahre Magie selten und ebenfalls ein Tabuthema.

Die Geschichte dreht sich natürlich um Magie, übernatürliche Kreaturen, Tabus und einige Dinge mehr. Ju Honisch bricht in ihrem Roman einige Klischees auf oder bedient sie ordentlich, je nach Lust und Laune. Dadurch bleibt die Handlung spannend und gibt es immer wieder Überraschungen. Zwar ist die ein oder andere Sache vorhersehbar, aber gut geschrieben und unterhaltsam Bemerkenswert ist vor allem, dass es keinen toten Punkt gibt oder sinnloses Füllmaterial. Jedes Kapitel, jeder Satz und jedes Wort haben eine Bestimmung; das macht einen guten Roman aus.

Die Autorin legt dabei großen Wert auf die Entwicklung ihrer Figuren. So gibt es viel Dialog und sozial spannende Szenen. Obwohl auch Horror und Abenteuerelemente existieren, bleibt die Geschichte in eher ruhigen Bahnen. Sie bedient die Vorstellung der Persönlichkeiten und keinesfalls die Vorstellung der Person. Ein großer Unterschied, der durch die bildhafte Beschreibung der Autorin ebenfalls zu einem farbigen und lebendigem Bild beiträgt. Schick!

Sehr spannend ist vor allem die phantastisch historische Darstellung der Romanwelt. Angelehnt an die Realität, kommt die Kulisse in einem bezaubernden Gewand daher. Obwohl Phantastik, spiegelt sie auch gleichzeitig sozialpolitische Einstellungen der Vergangenheit wieder und zeigt ein bekanntes und dennoch fremdes Weltbild auf. Weibliche Unterdrückung, enge Mieder, Intrigen, Verwirrungen, Verpflichtungen, Ehrgefühl, Illoyalitäten, ein irriger Glauben … „Das Obsidianherz“ ist eine gelungene Mischung.

Leider verliert der Roman zum Ende hin ein wenig an Energie, geht über zu einem halbherzigen Liebesroman, wie er an jedem Bahnhofskiosk zu finden ist. Das die verklärte, romantische Liebe eine große Rolle in dieser Welt spielt, dass gehört einfach dazu, das passt. Aber auf den letzten Seiten werden die Romanzen zu schmalzig, die Andeutungen zu seicht – und kommt es zu einem typischen Happy End, wie es aus unzähligen billigen Liebesromanen bekannt ist. Diesen Schwenk in die Trivialliteratur hätte sich Frau Honisch schenken sollen. Trotzdem, den Helden sei ihr Happy End gegönnt.

Der Roman überzeugt trotz allem, was auch an seiner guten Sprachwahl liegt. Einzig der öfter vorkommende Terminus „Team“ ist manchmal etwas störend, da sich das Wort vom eingesetzten Sprachmuster leicht abhebt und etwas befremdlich wirkt. Ansonsten besitzt die Autorin ein ausgezeichnetes Gefühl für Sprache und Rhythmus. Nun, immerhin ist sie auch eine Liedermacherin, studierte Anglistik und Geschichte und hielt sich beruflich längere Zeit in Irland auf. Diese Eckpfeiler in Ju Honischs Leben haben lesbaren Einfluss in „Das Obsidianherz“ gehalten. Die persönlichen Erfahrungen runden den Roman gekonnt ab und lassen ihn stets schlüssig wirken. Erstklassig!

„Das Obsidianherz“ ist ein gelungener Roman, der spannend unterhält und einen feinen Humor besitzt. Am Ende etwas schmalzig, aber stets kurzweilig, überzeugt die Geschichte auf ganzer Linie.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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