Dead Sea – Meer der Angst

Tim Curran
Dead Sea – Meer der Angst

Originaltitel: Dead Sea (Lake Orion/Michigan : Elder Signs Press 2007)
Übersetzung: Alexander Rösch
Cover: Alejandro Colucci
Deutsche Erstausgabe: November 2013 (Festa Verlag/Horror TB 1564)
763 S.
ISBN-13: 978-3-86552-255-9
eBook: Juni 2013 (Amazon Kindle)
1092 KB
ISBN-13: 978-3-86552-256-6

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Das geschieht:

Mit 21 Mann Besatzung und sieben Bauarbeitern, die in Südamerika eine Landebahn anlegen sollen, an Bord sticht der alte Frachter „Mara Corday“ unter dem Kommando von Kapitän Morse in See. Die Route führt nicht nur durch die Sargassosee, in der ein gewaltiger Wirbel Tang- und Algenbündel zu riesigen Teppichen zusammendreht, sondern auch durch das berüchtigte Bermuda-Dreieck. Hier sind seit Jahrhunderten immer wieder Schiffe und später Flugzeuge spurlos verschwunden.

Auch die „Mara Corday“ gerät in Seenot. Eine seltsame Nebelbank erfasst das Schiff, das kurz darauf durch seltsam zähflüssiges Wasser fährt und in bestialischen Gestank gehüllt wird. Aus dem Dunst dringen bizarre Kreaturen auf die Männer ein. Erste Opfer sind zu beklagen, dann wird die „Mara Corday“ von einem herrenlos treibenden Geisterschiff gerammt und versenkt.

Nur zehn Männer überleben in zwei voneinander getrennten Gruppen das Unglück. In einem Rettungsboot bzw. einem Rettungsfloß sind sie der feindseligen Umwelt noch stärker ausgeliefert als zuvor. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass man nicht nur abseits der bekannten Schiffsrouten gestrandet ist, sondern sich nicht mehr auf der Erde befindet. Die Nerven liegen blank, vor allem im Boot geraten die Männer in Streit, statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Dabei geht im und unter Wasser zunehmend Unheimliches vor. Trotz des Nebels werden die Bewohner des nur scheinbar toten Meers auf die Neuankömmlinge aufmerksam.

Auf dem Floß herrscht zwar Frieden, doch die Angst wächst, als sich die Männer auch hier bewusst werden, dass es nicht nur hungrige Untiere gibt, sondern auch eine scharfe aber bösartige Intelligenz nach ihnen sucht. Bauarbeiter Ryan wird mit einem Phantom konfrontiert, das in der Gestalt eines kleinen Mädchens aus dem 19. Jahrhundert auftritt. Die anderen Männer machen ähnliche Erfahrungen, was sie nicht immer überleben. Stetig nehmen die Attacken aus dem Nebel zu, während die Zahl der Schiffbrüchigen schrumpft. Der Gipfel des Horrors ist erreicht, als die Überlebenden den Friedhof des Teufels erreichen …

Die Angst in & vor der Fremde

Seit er weiß, wie er sich über Wasser halten kann, befährt der Mensch die Meere. Je robuster seine Schiffe wurden, desto weiter traute er sich hinaus. Die nautischen Fähigkeiten waren begrenzt und wurden durch Wagemut ausgeglichen. Das Wissen um die fremde, feindliche Welt, die man befuhr, konnte erst recht nicht mit der Reiselust (und der Gier) Schritt halten.

Schon über dem Wasser ging es seltsam und oft gefährlich zu. Doch was lauerte unter der Oberfläche? Manchmal tauchten gigantische, unheimliche Wesen auf, die womöglich nur Vorboten wahrhaft höllischer Kreaturen sein mochten, die außer Sicht darauf warteten, heimlich das einsam auf dem Meer dümpelnde Schiff zu entern und über die Besatzung herzufallen!

Seeleute waren (und sind) abergläubisch. Zurück an Land wurden merkwürdige Erlebnisse gern erzählt und dabei übertrieben; atemlos lauschende Landratten zu beeindrucken, bot einen gewissen Ausgleich für erlittene Schrecken. Ein Universum eigene Mythen entstand, wobei nicht wenige Vorstellungen global geteilt wurden: Schließlich verband die Seefahrt weit voneinander entfernte Welten und fremde Kulturen.

Das Leben kann in der Fülle tödlich sein

Die Literatur thematisierte das Meer und seine Wunder & Schrecken ebenfalls früh. Viele Autoren haben ihre Leser mit Geschichten über Stürme, Schiffbrüche, Seeschlangen oder Piratenattacken gefesselt. Dabei fühlten sie sich keineswegs an die Grenzen des wissenschaftlich Bestätigten gefesselt. Selbst nachdem der Mensch die Weltmeere zu ertauchen und besser kennenzulernen begann, blieben mehr als genug weiße Flecken, in die glaubhaft spannende, gruselige Ereignisse projiziert werden konnten.

Im Zeitalter der TV-‚Dokumentationen‘ und Internet-‚Spezialisten‘ schießt das Seemannsgarn sogar kräftiger als denn je ins Kraut. Die Sargassosee als Schreckensort der frühen Neuzeit wurde im 20. Jahrhundert durch das Bermuda-Dreieck ersetzt, in dem nun nicht nur Ungeheuer, sondern auch Außerirdische ihr irrationales Unwesen treiben. (Im Universum der Spinner ist sicherlich auch Meeres-Munkel kartiert, der erst im 21. Jahrhundert aus weichen Hirnen gewrungen wurde, doch für solche Klabautereien ist hier nicht der Platz.)

Wahrscheinlich der Großmeister des ‚maritimen Horror‘ ist William Hope Hodgson (1877-1918). Er war selbst zur See gefahren und kannte den Schiffsalltag genau. Als Schriftsteller kehrte er oft in diese Welt zurück. Hodgson schrieb Kurzgeschichten und Novellen, die zum Besten gehören, das die moderne Phantastik zu bieten hat. Er kombinierte bekannte Schrecken mit den Erkenntnissen noch junger Naturwissenschaften. Vor allem die Frage nach der Entstehung des Lebens beschäftigte Hodgson. Bereits zu seinen Lebzeiten kristallisierte sich heraus, dass es auf dieser Welt wohl im Wasser entstanden ist – im warmen, nährstoffreichen Wasser und begleitet von zahllosen Fehlversuchen und bizarren Mutationen.

Meeresschrecken einst und jetzt

Hodgson ging davon aus, dass diese urzeitlichen Lebensquellen weiterhin existierten. Immer wieder spielte er durch, wie Menschen in solche „hot spots“ gerieten. Der biochemische Urschleim griff sie nicht einfach an, sondern absorbierte sie. Der Mensch löste sich auf und wurde zum Baustein eines fremden Lebens, das – eine weitere Steigerung des Grauens – womöglich ebenso intelligent wie er war.

Wohl am besten hat Hodgson dies in dem 1907 erschienenen Kurzroman „The Boats of the ‚Glen Carrig‘“ (dt. „Die Boote der ‚Glen Carrig‘“) zusammengefasst: Schiffbrüchige geraten in einen Sturm, der sie zu unbekannten Meeresgestaden führt. Dabei müssen sie sich gegen schleimige, krustige, faulige, stets hinterlistige und gierige Kreaturen behaupten, die ihnen ans Leder wollen. 1909 veröffentlichte Hodgson „The Ghost Pirates“ (dt. „Geisterpiraten“). Hier erweiterte er sein Konzept, indem er darüber spekulierte, ob solche heimgesuchten Orte möglicherweise durch transdimensionale Pforten zugänglich waren, die unsere Welt mit weitaus unwirtlicheren Orten verbanden.

Die Leser von „Dead Sea – Meer der Angst“ werden diese Vorstellungen sämtlich wiederentdecken. Autor Tim Curran macht keinen Hehl heraus, dass er seinen Roman als Hommage an W. H. Hodgson betrachtet. Oder sollte man von einem Reboot sprechen? Curran greift die Vorgaben auf, variiert sie und steigert vor allem die Effekte drastisch. Außerdem zieht er in die Länge, was Hodgson verdichtet und komprimiert hat.

Erfreulicherweise kennt Curran auch die Macht der Andeutung. „Dead Sea“ ist deshalb nicht die übliche Folge sinnloser Grässlichkeiten, auf die sich der moderne Splatter-&-Stammel-Horror viel zu oft beschränkt. Curran selbst hat solche Schlachtplatten geliefert, weshalb es doppelt überrascht, dass er wirklich schreiben = sich ausdrücken kann. Eindrucksvoll stellt er unter Beweis, weshalb man ihn (nach seinem vielleicht berüchtigtsten Werk) den „Leichenkönig“ nennt: Über 750 Seiten schwelgt Curran in einfallsreich und detailfreudig beschriebenen Schleimig- und Scheußlichkeiten, bis dem Leser – im positiven Sinn – gemeinsam mit den geplagten Helden übel wird. (Ein Lob verdient der Übersetzer, der mit dem Wörterbuch in Reichweite der Vorlage Paroli bot. Wahrscheinlich taucht jedes Wort der deutschen Sprache, mit dem sich Abscheuliches ausdrücken lässt, in diesem Buch auf!)

Monster und Mensch, Mensch = Monster

In einem Punkt ist Curran zynischer – oder realistischer? – als Hodgson. Dieser ging davon aus, dass Menschen in der Krise zueinanderstehen. Selbst unter dem Druck angreifender Geiferlinge zerbricht dieser Korpsgeist nicht. Die berühmte Oberlippe des englischen Gentlemans bleibt bei Hodgson auch in einem Rettungsboot steif. Es wird geteilt und einander geholfen.

Davon ist in Currans Gegenwart nichts mehr geblieben. Seine Helden sind einander spinnefeind. Die blanke Geldnot hat die Bauarbeiter zur Annahme eines Auftrags gezwungen, der durch allerhand kriminelle Machenschaften zustande kam. Der Bauleiter mutiert zum Lagerführer, der darauf achtet, dass seine Sklaven auf Zeit sich nicht aus dem Staub machen. Auch an Bord der „Mara Corday“ ist die Stimmung gereizt. Das riesige Schiff wird von einer Minimalbesetzung bemannt, denn die Reederei spart an den Löhnen. Man geht einander so gut wie möglich aus dem Weg. Als die Katastrophe kommt, ist dies nicht mehr möglich. Nun hockt man aufeinander.

Curran stellt unter Beweis, dass sein Fäkal-Wortschatz seinem Ekel-Vokabular mindestens gewachsen ist. Vor allem Bauführer Saks ist ein nie versiegender Quell entsprechender Reden. Immer wieder droht die Gewalttätigkeit der Männer sich gegen sie zu wenden, während sich aus dem Wasser und der Luft blutgierige Mäuler recken. Die gegensätzliche Reaktion besteht aus Resignation. Statt zu helfen, geben einige Männer auf oder flüchten sich in die Religion. Eigentlich braucht es keine Monster, um diese Gruppe auszulöschen. Sie schaffen das selbst sehr gut.

Aufs Gaspedal abgerutscht?

Während „Dead Sea“ im Mittelteil ein wenig auf der Stelle tritt – so wird beispielsweise aus mehreren alten Logbüchern vorgelesen, ohne dass Neues daraus erwächst –, drückt Curran im letzten Viertel so stark auf die Tube, dass er mehrfach ins Stolpern gerät. Eigentlich beginnt er mit einer neuen Geschichte, statt sich diese für eine Fortsetzung aufzusparen. Dabei hat die „Dead-Sea“-Welt entsprechendes Potenzial, wie Currans Schwenk vom Horror zur Science-Fiction à la H. P. Lovecraft zeigt. Hier könnte der Verfasser ansetzen.

Stattdessen verlässt Curran die „Dead Sea“ nicht nur allzu hastig, sondern sprengt sie US-typisch mit einer Antimateriebombe (!) in Stücke. Das ist alles andere als eine originelle Lösung. Dennoch ist es dem Autor gelungen, klassischen Grusel und modernen Horror spannend zu verbinden.

Autor

Tim Curran (geb. 1963) hält sich zumindest in Sachen Privatleben bedeckt. Er lebt mit Ehefrau und drei Kindern im US-Staat Michigan und ist kein Vollzeit-Autor, sondern arbeitet hauptberuflich in einer Fabrik.

Auf seiner Website weicht er einer ‚ordentlichen‘ Biografie aus und schreibt stattdessen über seine Kinder- und Jugendjahre und wie er die Liebe zur Phantastik entdeckte. Curran schätzt die Altmeister wie Lovecraft ebenso wie den zynisch-groben Horror der EC-Comics aus den 1950er Jahren.

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