Der Gespensterkönig

Kenneth Robeson
Doc Savage: Der Gespensterkönig

(Doc-Savage-Serie, Bd. 36)

(sfbentry)
Originaltitel: The Sea Magician (Doc Savage Magazine, Ausgabe November 1934)
Übersetzung: H. C. Kurtz
Deutsche Erstausgabe: September 1975 (Erich Pabel Verlag/Doc Savage-TB Nr. 36)
145 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im sumpfigen Marschland von Holland County geht der Geist von Englands Ex-König John um. Er beschuldigt die erstaunten Anwohner, ihm 1216 Gift in den Wein geträufelt zu haben, und zieht ihnen rachsüchtig eins mit dem Schwert über. Während sich die Presse lustig macht, findet der Archäologe und Geologe William Harper „Johnny“ Littlejohn endlich ein Ventil für seine Langeweile. Er reist nach England, stellt Nachforschungen an, trifft prompt den unfreundlichen König, wird von diesem niedergeschlagen und entführt.

Das war keine gute Idee, denn Littlejohn gehört zum Team von Dr. Clark „Doc“ Savage, jr., dem übermenschlich klugen und starken Bronzemann, der unermüdlich das Böse auf dieser Welt jagt und züchtigt. Als Savage, der in England einige Vorträge halten soll, seinen Freund und Gefährten vermisst, setzen er sowie Andrew Blodgett „Monk“ Mayfair und Theodore Marley „Ham“ Brooks sich auf dessen Spur.

Sie geraten in ein aufwendig organisiertes Gaunerstück. Eine Schurkenbande hat den exzentrischen Wissenschaftler Wehland Mills entführt und gezwungen, auf der Insel Magna Carta vor der englischen Küste eine Maschine zur Gewinnung von Gold aus Meerwasser zu bauen. Elaine, des Erfinders Nichte, ist dem Onkel auf der Spur, wird aber von den Schuften bemerkt und ebenfalls gekidnappt.

Doc Savage und sein Team müssen diverse Ablenkungsmanöver durchschauen. Gut und Böse finden sich schließlich auf der Insel wieder. Der Doktor ermittelt, was wirklich hinter dem Goldprojekt steckt und wieso ausgerechnet König John in die Ereignisse verwickelt ist. Allerdings weiß sich der Kopf der Bande verborgen zu halten. Aus dem Schatten heraus macht er Doc und seinen Mitstreitern das Leben schwer, doch mit „Gnadenkugeln“ und harten Fäusten wissen die sich gut zu wehren …

Unterhaltung vor Logik – immer!

Wie sich aus dem Handlungsabriss erkennen lässt, haben wir es hier nicht mit sog. Hochliteratur zu tun. Action und Abenteuer bestimmen ein Geschehen, das sich am besten fern jeglicher Logik goutieren lässt. So war es ohnehin geplant, denn Doc Savage ist eine Gestalt aus der klassischen Ära der „Pulps“: Magazine der 1920er und 30er Jahre, gedruckt auf billiges, holzhaltiges Papier, illustriert mit grellbunten, knalligen Titelbildern, die eindeutig auf den Bauch (bzw. die darunter befindlichen Körperregion) und weniger auf den Kopf zielten.

181 schier unglaubliche Abenteuer er- und überlebten der Doc und seine fünf Kumpane zwischen 1933 und 1949. Verfasst wurden sie hauptsächlich von einem fleißigen Mann, der indessen stets unter Zeitdruck stand. Eine ausgefeilte Story oder gar emotionale Tiefe darf man von einem typischen Doc-Savage-Thriller daher nicht erwarten.

„Der Gespensterkönig“ verrät das Schema: Irgendwo auf der Welt ereignet sich Seltsames. Übernatürliches scheint vorzugehen, obwohl sich stets sehr irdische Mächte übelwollend hinter Geisterschiffen, marodierenden Riesenspinnen, Gruselhexen, Giftwolken und ähnlichen Mysterien verbergen. Sie erregen die Aufmerksamkeit von Doc Savage, der als Mischung aus Superman und Batman alle guten Eigenschaften des Menschen in sich vereinigt. Unermüdlich heizt er dem Bösen ein, das sich glücklicherweise trotz des unerhörten Aufwands, den zu treiben es fähig ist, stets als geistig recht beschränkt erweist und niedergerungen werden kann. Bis es soweit ist, tappen Doc und seine Gesellen in exotische Todesfallen, aus denen sie sich turbulent herauskämpfen, bis genug Seiten bis zum Finale gefüllt sind. Dann geht es dem theatralischen Oberbösewicht an den Kragen, dem Recht geschieht Genüge, und es wartet schon wieder das nächste Rätsel.

„Doc Savage“: Das ist die unbekümmert kunterbunte Comicwelt der 1930er Jahre. Noch weist die Welt weiße Flecken auf, in die sich untergegangene Zivilisationen und andere Absonderlichkeiten platzieren lassen. Gleichzeitig nehmen Technik und Wissenschaft einen Aufschwung, der nichts mehr unmöglich erscheinen lässt. Zu Mystery und Fantasy tritt die Science Fiction; wenn alles verloren scheint, zieht Doc stets eine buchstäblich unglaubliche Erfindung aus einer seiner vielen Taschen, um das Blatt zu wenden.

Held ohne Profil und Kanten

Es ist paradox, aber Dr. Clark Savage, jr., der Mensch, der so viel kann, ist er ein Mann ohne Eigenschaften. Als „Der Mann aus Bronze“ ist er ein wahrer Herkules vor dem Herrn, ein Modellathlet, der jeden Olympiasieger beschämt, dazu ein Genie, das auf allen Gebieten der Wissenschaft brilliert, jedes technische Gerät meistert, viele neu erfindet, die Erkenntnisse versunkener Kulturen anwendet und uralte Weisheiten kennt, unerschrocken im Augenblick der Gefahr, wenn es gilt, eine gute Tat zu vollbringen. Die Bösen straft er, aber er bringt sie nur um, wenn sie sich gänzlich unbelehrbar zeigen. Ansonsten unterzieht er sie notfalls einer kleinen Operation und schneidet ihnen die verbrecherischen Ganglien aus dem Hirn.

Furcht zeigt Doc in der Tat nur, wenn eine der holden Maiden, die er zu retten pflegt, ein Interesse kundtut, das über Bewunderung und Dankbarkeit eindeutig hinausgeht. Dann weist er auf sein Leben voller Schrecken im Dienst der Menschheit hin und empfiehlt sich eilig, um dem nächsten Geisterbahn-Schurken den Spaß am Tücken zu verderben.

Wie es sich für einen Superhelden seiner Ära gehört, kann Doc über unerschöpfliche Geldmittel aus einem mittelamerikanischen Fantasieland zurückgreifen. Standesgemäß residiert er im obersten Geschoss des höchsten Wolkenkratzers von New York. Wird es ihm zu viel mit dem Job, zieht er sich in seine „Festung der Einsamkeit“ (!) zurück, die in der Arktis (!!) verborgen liegt. Man sieht, dass mindestens ein späterer Superman(n) sich von Doc inspirieren ließen.

Harte Jungs & dumme Schurken

Da nichts so langweilig ist wie die Perfektion, gesellen sich dem Bronzemann einige exzentrische Normalmenschen hinzu. Gegen den „Gespensterkönig“ treten u. a. „Johnny“, „Ham“ und „Monk“ an. Durch Abwesenheit glänzen dieses Mal Elektroingenieur Thomas J. „Long Tom“ Roberts und der Meister aller Maschinen: John „Renny“ Renwick.

Dieses Quintett repräsentiert eine Gruppe oberflächlich einprägsamer Typen, deren Aufgabe es ist, ihren Meister menschlicher wirken zu lassen. Der muss sie retten, ansonsten erledigen sie subalterne Aufgaben für ihn. Doc benötigt sie nicht wirklich – er wäre sonst auch kein Superheld -, aber sie treiben ulkige Faxen für die Leser, da Doc zwar mit allen denkbaren Kräften, jedoch leider nicht mit Humor ausgestattet ist. Der Kreuzzug gegen das Böse ist bekanntlich eine ernste Angelegenheit.

Dennoch demonstriert die Geschichte vom „Gespensterkönig“ wieder einmal, dass sich Verbrecher zwar nie lohnt, der Schurke aber trotzdem die wirklich interessante Figur ist. Docs Gegner scheitern regelmäßig an ihren umständlichen, höchst verwickelten Plänen, die mehr auf ihre Außenwirkung als auf ein Gelingen zu zielen scheinen. Zudem leidet der unsichtbare Mastermind im Hintergrund unter der Tücke des Objekts: So einfallsreich er seine Listen zum Einsatz bringt, er muss doch scheitern, denn immer findet er nur Strohköpfe, die seine Pläne um- und dabei in den Sand setzen. In der Pulp-Welt des Doc Savage ist der typische Bösewicht tückisch, hässlich und dumm, was beruhigend auf die Leser wirken sollte.

Anmerkungen

Doc Savage gehört in den USA zu den klassischen Figuren der Trivialkultur. Er ist immer wieder in Erscheinung getreten. Die alten Pulp-Abenteuer wurden seit den 1960er Jahren mehrfach neu aufgelegt und dabei überarbeitet bzw. mehr schleicht als recht ‚modernisiert‘. Es fällt auf, dass eingestreute Anachronismen die Tatsache verschleiern sollen, dass wir Geschichten aus den 1930er Jahren lesen. So wird z. B. im „Gespensterkönig“ eine regelmäßige Flugzeug-Verbindung zwischen den Kontinenten erwähnt. Trotzdem werden sämtliche Reisen über das Meer per Schiff absolviert: So überquerte man Ozeane, als Doc Savage vor dem II. Weltkrieg als Weltretter agierte.

Nach Deutschland kam er im Dezember 1972. (Zwei Doc-Savage-Titel waren zuvor arg gekürzt als Heftromane erschienen.) „Doc Savage – Der Bronzemann“ brachte es in acht Jahren auf insgesamt 89 Taschenbücher, von denen viele mit den wundervoll schundigen Titelbildern – nur echt mit Doc im malerisch zerrissenen Hemd – der US-Bantam-Ausgabe geschmückt waren.

Auch einen Doc Savage-Film gibt es, 1975 von Michael Anderson mit dem Ex-TV-Tarzan Ron Ely als gewollt ironisches, aber letztlich allzu billiges B-Movie in Szene gesetzt.

Im Netz ist Doc sehr präsent. Für den Einstieg eignet sich vorzüglich diese Website.

Autor

„Kenneth Robeson“ ist kein leibhaftiger Schriftsteller, sondern ein vor allem im Heft- bzw. Magazinbereich verwendetes Verlagspseudonym. Um den Lesern lang laufender Serien (= Gewohnheitstiere) die kundige Hand eines erfahrenen Geschichtenerzählers vorzugaukeln bzw. die eigenen Autoren anonym und damit honorargünstig zu halten, griffen Verlage gern zu diesem Trick. Der Robeson-Deckname wurde für die „Doc- Savage“-Pulp-Serie erfunden, die man 1933 aus der Taufe hob. In den 16 Jahren ihres Bestehens wurde sie von mehreren Autoren verfasst. Einer hatte ein besonderes Händchen für den Doc: Lester Dent, dem auch der „Gespensterkönig“ eingefallen ist.

Dent wurde am 12. Oktober 1904 in La Plata im US-Staat Missouri in eine Farmerfamilie geboren. Der junge Lester wollte freilich zunächst Banker werden, entschied sich dann für eine Laufbahn als Telegraf. In den späten 1920er Jahren traf er einen Kollegen, der nebenbei für Pulp-Magazine schrieb. Dent fühlte weniger den Drang zum Schreiben als die Liebe zum Geld und wurde 1929 professioneller Autor – ein disziplinierter Schwerarbeiter ohne literarische Ambitionen, aber ein durchaus geschickter Geschichtenerzähler.

Als solcher passte Dent gut in die Welt der Pulps. 500 Dollar zahlten ihm Street & Smith Publications monatlich, ein ansehnliches Honorar in dieser Zeit der Großen Depression, das später erhöht wurde, als die neue Serie „Doc Savage“ einschlug. Zwei Episoden pro Monat hieb Dent in die Tasten, mit weiteren Geschichten außerhalb der Serie verdiente er zusätzliches Geld, kaufte ein Boot und besegelte diverse Meere. Auch sonst reiste Dent gern und weit, was in seinen Werken positiv durchscheint.

„Doc Savage“ wurde 1949 eingestellt. Für den Profi Dent bedeutete das keine Katastrophe. Er überlebte das Ende der Pulps und schrieb nun für den Taschenbuchmarkt. Im Februar 1959 erlitt Lester Dent einen Herzinfarkt und starb am 11. März dieses Jahres.

Kurzkritik für Ungeduldige: Doc Savage, Streiter für das Gute, wird durch einen angeblichen Geisterkönig nach England gelockt, wo er eine raffinierte Schurkerei entdeckt, deren Verursacher ein Menschenleben ziemlich gering achten … – Mystery-SF-Serien-Thriller aus der Zeit der US-„Pulp“-Magazine, d. h. anspruchslose, garantiert realitätsferne, nur der Unterhaltung verpflichtete Action um einen eindimensionalen „Supermann“ und seine skurrilen Streitgenossen, die sich mit Welteroberern, verrückten Wissenschaftlern und sonstigen Finsterlingen zu Wasser, zu Lande & in der Luft gewaltige Schlachten liefern.

[md]

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