Der Kapitän der Polestar

Arthur Conan Doyle
Der Kapitän der Polestar
und andere unheimliche Abenteuer

Originalausgabe
Übersetzung: Bernd Seligmann
Deutsche Erstausgabe: 1983 (Bastei-Lübbe-Verlag/Phantastische Literatur 72023)
206 S.
Cover: Roland Winkler
Illustrationen: Klaus D. Schiemann
ISBN-13: 978-3-404-72023-1
Neuausgabe*: 2001  (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 25680)
186 + 180 + 158 S.
ISBN-13: 978-3-404-25680-8

* Dreifachband mit der Story-Kollektion „Professor Challenger und das Ende der Welt“ und dem Roman „Die Maracot-Tiefe“

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Inhalt:

Sechs Kurzgeschichten beweisen, dass Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes & Dr. Watson, auch im phantastischen Genre ein versierter Autor war:

Der Kapitän der „Polestar“ (The Captain of the Pole-Star, 1883), S. 7-41: Die Mannschaft des Walfängers „Polestar“ wird hart geprüft; kein Tran-Tier in Sicht, das Schiff im Nordpolareis gefangen, der Kapitän lebensmüde und geistesgestört. Kaum verwunderlich, als nun ein Gespenst über dem gefrorenen Meer auftaucht.

Lot No. 249 (Lot No. 249, 1892), S. 43-93: Jeder verabscheut den Ägyptologie-Studenten Edward Bellingham, ist er doch dick und überhaupt kein Gentleman. Dass er sein immenses Fachwissen in den Dienst seiner Rachsucht stellt, bleibt den Kommilitonen verborgen, bis ein gruseliger Geselle sich nachts an ihre Fersen heftet.

Der Ring des Thoth (The Ring of Thoth, 1890), S. 94-122: Die Unsterblichkeit ist ein Menschentraum, doch werden die Konsequenzen selten durchdacht; was geschieht, wenn so ein Glückspilz seines Lebens überdrüssig geworden ist, aber partout nicht sterben kann?

Der Schrecken aus der Tiefe (The Terror of Blue John Gap, 1910), S. 123-151: Ein römischer Minenschacht in der englischen Grafschaft Derbyshire entpuppt sich als Zugang zu einer seit Jahrzehntausenden isolierten, von monströsen Kreaturen bewohnten Unterwelt.

Der Käfersammler (The Beetle Hunter, 1898), S. 153-179: Wissen ist Macht, lautet ein alter Spruch, und manchmal bedarf es ausgerechnet eines Kerbtier-Kenners, um einen mordlüsternen Irren zu überlisten.

Das Manuskript aus den Wolken (The Horror of the Height, 1913), S. 181-206: Ein kühner Pilot entdeckt beim Versuch, einen neuen Höhenflug-Rekord aufzustellen, hoch über den Wolken eine bizarre ätherische Wildnis, doch nicht nur auf, sondern auch über dieser Welt gibt es keinen Dschungel ohne Tiger.

Ein Handwerk wie jedes andere

Der Ruhm des Arztes und Schriftstellers Arthur Conan Doyle (1859-1930) ist auf ewig verbunden mit seiner erfolgreichsten Schöpfung, dem Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Zum großen Leidwesen Doyles war dies schon zu seinen Lebzeiten so. Erst im Alter hat er sich mit Holmes arrangiert, nachdem er zuvor vergeblich versucht hatte, ihn umzubringen.

Was Doyle furchtbar ärgerte, war in erster Linie die Ignoranz seines Publikums, das auf der einen Seite immer wieder neue Holmes-Geschichten forderte, während es sein Gesamtwerk eher höflich als begeistert zur Kenntnis nahm. Dabei stellen die vier Holmes-Romane und 56 Kurzgeschichten nur einen Bruchteil des Œvres dar. Als Autor war Doyle beinahe ein halbes Jahrhundert aktiv, und er war ein fleißiger Mann.

Er beschränkte sich keineswegs auf Kriminalgeschichten. Doyles schriftstellerisches Spektrum deckte praktisch alle Gebiete der Unterhaltungsliteratur ab. Besonders stolz war er beispielsweise auf seine seitenstarken historischen Romane, in denen er ruhmreiche und (seiner Meinung nach) bedeutende Episoden der (meist britischen) Geschichte aufleben ließ. (Gerade diese Schinken mag heute allerdings kaum jemand mehr lesen.)

Nicht vergessen werden darf die schnöde Realität: Bis ihn Sherlock Holmes nicht nur reich, sondern auch berühmt machte, war Doyle ein Schriftsteller, der von seiner Arbeit leben und sich deshalb nach einem möglichst kopfstarken Publikum richten musste. Also verfasste er Abenteuer-, Seeräuber-, Kriegs-, Entdecker- oder Fliegergeschichten, Romanzen sowie Sachbücher und Reportagen.

Die andere Seite eines Realisten

Selbstverständlich ließ Doyle die Phantastik nicht aus, denn schon die zeitgenössische Leserschaft ließ sich gern in wohlige Schrecken versetzen. Diese Erzählungen zeigen Doyle deutlicher als seine Holmes-Geschichten als versierten Handwerker. Erhaltene Manuskripte zeigen, dass er schrieb und anschließend wenig änderte. Doyle war ein Profi, der sich nicht länger mit einem hoffentlich gut bezahlten Text aufhielt, als es notwendig war.

Die Mechanismen der Unterhaltung beherrschte er ausgezeichnet. Gerade die daraus resultierende Nüchternheit lässt seine Geschichten noch heute funktionieren: Zwar mögen sie in der Darstellung veraltet sein. Die Knöpfe, auf die ein Autor drücken muss, um seinem Publikum mit den gewünschten Effekten zu dienen, sind jedoch dieselben geblieben.

Als Meister ist auch Doyle nicht vom Himmel gefallen. „Der Kapitän der ‚Polestar‘“ ist eine seiner frühen Erzählungen. Doyle erzählt eine lupenreine Gespenstergeschichte, die vor allem durch die Kulisse, d. h. angemessen düstere Landschafts- und Stimmungsbilder fesselt. Obwohl er nie in Faktenhuberei verfiel, recherchierte Doyle für seine Geschichten. Dieses Wissen ließ er einfließen, ohne dabei die Handlung zu vernachlässigen. Sollte sich die Realität als untauglich für eine Idee erweisen, war Doyle jederzeit bereit, sie entsprechend zu beugen. Sein Talent als Erzähler glich daraus resultierende Unstimmigkeiten aus, der Leser ignorierte sie, weil er gut unterhalten wurde. Deshalb bereitet auch „Der Kapitän der ‚Polestar‘“ Lesevergnügen, obwohl der Handlung bei genauer Betrachtung jegliche Logik abgeht. Wieso spukt des Kapitäns Geliebte, die im heimatlichen Cornwall zu Tode kam, nun im nordpolaren Eismeer? Woher weiß der Kapitän, wer ihn wo erwartet?

So wird’s gemacht!

Nur ein Jahrzehnt später hatte Doyle verinnerlicht, dass zur Idee zumindest eine ihr folgende Logik gehört. Mit „Lot Nr. 249“ gelang dem Verfasser ein Klassiker. Dabei ist diese Geschichte nur bedingt gruselig. Doyle geht eher sachlich an das Thema heran, ohne sich unklug in Technobabbel zu verstricken. Stattdessen setzt er auf eine stringente Story und vergisst dabei nicht, das Unheimliche möglichst im schützenden Schatten zu halten.

‚Gewürzt‘ wird nicht nur diese Story mit zeitgenössischen Klischees, die uns heute einerseits komisch und andererseits unerfreulich vorkommen: Abercrombie Smith ist ein lerneifriger Student, der sich Freizeit zur körperlichen Ertüchtigung durch „männlichen‘ Sport abknappst, der Gefahr ruhig und entschlossen die Stirn bietet und sich nicht einmal durch eine ihm auf den Hals gehetzte Mumie einschüchtern lässt: ein echter Brite also! Demgegenüber ist Edward Bellingham ein fettleibiger, charakterlich instabiler, dem gesunden Mannschaftssport abholder Stubenhocker, der auf unheiligen Abwegen der Wissenschaft wandelt und unübersehbar geil einer reinen englischen Maid hinterhersteigt! Kein Wunder, dass diesem negativen Spiegelbild eines Gentlemans das Handwerk gelegt wird.

Ungeachtet solcher ursprungszeittypischer Vorurteile bietet „Lot No. 249“ eine Blaupause für spätere Gruselgarne, in denen wiederbelebte und rächende Mumien ihr Unwesen trieben. Schon zur Entstehungszeit dieser Story war Doyle beileibe nicht der einzige Autor, der das Potenzial dieser konservierten Leichname erkannte. Das alte Ägypten war dank aufwändiger archäologischer Ausgrabungen auch im fernen England präsent: Da Ägypten unter britischer Kontrolle stand, konnten Grabungsfunde problemlos außer Landes geschafft und ‚daheim‘ präsentiert werden. Begüterte Privatleute kauften Mumien, die im Rahmen geselliger Zusammenkünfte ausgewickelt wurden. In dieses Umfeld passt auch „Der Ring des Thoth“, dessen (etwas melodramatische) Story sich aus der Frage entwickelt, wie eine Konfrontation der für die Ewigkeit präparierten Mumien mit der modernen Gegenwart aussehen könnte.

Wackere Abenteurer und Entdecker

„Der Käfersammler“ könnte auch als Sherlock-Holmes-Geschichte funktionieren. Doyle verwickelte seinen Detektiv und den geistig schlichten Dr. Watson gern in scheinbar übernatürliche Ereignisse, die später den ersten Eindruck Lügen straften. Dabei war Doyle im realen Leben ein Anhänger des Spiritismus und glaubte fest an Geister, Feen u. a. übernatürliche Wesen. Freilich stand er damit nicht allein: In einer von der Wissenschaft geprägten Ära schien es möglich zu sein, auch das Jenseits nachzuweisen oder sogar zu bereisen. Schließlich lebte Doyle in einem Zeitalter der Entdeckungen. Vor 1900 gab es noch viele weiße Flecken auf den Landkarten. Immer wieder machten sich Briten – oft finanziert von der „Royal Geographic Society“ und damit quasi im Dienst des Vaterlandes – auf, diese entlegenen Regionen zu erkunden. Eine aktive Presse sorgte dafür, dass auch die Daheimgebliebenen mitreisen konnten.

Zwar konnte das in der Fremde Entdeckte nicht immer den Erwartungen standhalten, doch hier konnten Schriftsteller einspringen. „Der Schrecken aus der Tiefe“ verortet eine aus der Zeit gefallene Nische tief unter englischer Erde. Auch diese Themen lagen in der zeitgenössischen Luft. Dank Charles Darwin kannte jeder Engländer den Begriff „Evolution“. Gleichzeitig erforschte der Paläontologie Richard „Old Bones“ Owen mit einem ausgeprägten Sinn für Öffentlichkeitsarbeit über Dinosaurier. 1912 verklammerte Doyle in „The Lost World“ (dt. „Die vergessene Welt“) die wissenschaftliche Realität mit den romantischen Wünschen seiner Leser zu einer erfolgreichen, bis heute immer wieder aufgegriffenen Abenteuergeschichte.

„Das Manuskript aus den Wolken“ belegt abermals Doyles Gespür für aktuelle Themen. Hier war es die noch junge Luftfahrt, an der sich seine Fantasie entzündete: Wenn in der Tiefsee Leben existiert, könnte es womöglich auch oberhalb der Wolken eine Ökosphäre geben, die Doyle mit bizarren Lebewesen bevölkert. Einmal mehr weicht die Wirklichkeit bereitwillig der Fiktion, die auf bewährte Weise an ‚Realität‘ gewinnt, weil Doyle die Expedition in die Lüfte betont sachlich beschreibt.

Der heutige Leser mag diese Erzählungen für naiv halten. Ihren professionell erzielten Unterhaltungswert haben sie nicht eingebüßt, sondern durch den Nostalgiefaktor an Glanz gewonnen. Der ‚phantastische‘ Arthur Conan Doyle steht weiterhin im Schatten von Sherlock Holmes – zu Unrecht, wie diese kleine aber feine Sammlung beweist.

Anmerkung

Zwar gibt es eine englische Sammlung unter dem Titel „The Captain of the Polestar and Other Tales“ (London – New York : Longmans, Green, and Co. 1890), doch enthält diese bis auf die Titelstory andere phantastische Doyle-Erzählungen.

Autor

Arthur Conan Doyle wurde 1859 im schottischen Edinburgh geboren. Hier studierte er Medizin, heiratete 1884 seine erste Gattin und ließ sich im folgenden Jahr als praktizierender Arzt in Hampshire nieder. Parallel dazu begann er als Schriftsteller zu arbeiten. Mit „A Study in Scarlet“, veröffentlicht zunächst in „Beeton Christmas Annual“, einem der zahllosen Magazine der viktorianischen Epoche, begann noch recht bescheiden eine echte Weltkarriere. Erst die zweite Holmes-Geschichte „The Sign of the Four“ (1890, dt. „Das Zeichen der Vier“) und die ab 1891 im „Strand Magazine“ in Serie veröffentlichtem Sherlock Holmes-Kurzgeschichten brachten den Durchbruch.

Damit wollte es Doyle eigentlich bewenden lassen. Inzwischen verfasste er voluminöse historische Romane, die ihm wesentlich bedeutender erschienen als seine Detektivgeschichten. Deshalb ließ er Holmes 1893 im Kampf gegen Professor Moriarty sterben. Doch die untröstliche Leserschaft forderte seine Wiederauferstehung, die sich Doyle mit einem Bestseller-Honorar versüßen ließ. Holmes‘ Rückkehr war spektakulär: 1902 erlebte er in „The Hound of the Baskervilles“ (dt. „Der Hund der Baskervilles“) sein sicherlich berühmtestes Abenteuer, 1903 schlossen sich neue Kurzgeschichten im „Strand Magazine“ an (1905 gesammelt in „The Return of Sherlock Holmes“, dt. „Die Rückkehr des Sherlock Holmes“).

Während des Burenkrieges (1899-1902) diente Doyle als Arzt in einem Feldlazarett. Seine Erfahrungen schrieb er in „The War in South Africa“ nieder und zeigte sich dabei als konservativer Verfechter der britischen Großmachtpolitik. Die Belohnung folgte 1902. Doyle wurde zum Ritter geschlagen. Der Versuch, den Ruhm in politisches Kapital umzumünzen – 1900 und 1906 kandidierte Sir Arthur für das britische Parlament -, scheiterte. Mit bemerkenswertem Erfolg konzentrierte sich Doyle nunmehr auf seine schriftstellerische Karriere. Nach dem Tod seines Sohnes Kingsley, der im I. Weltkrieg fiel, wandte er sich außerdem dem Spiritismus zu. Mit Sherlock Holmes hatte er sich ausgesöhnt und nutzte dessen außerordentliche Publikumswirksamkeit: der Meisterdetektiv sicherte ihm ein geregeltes Auskommen. Bis 1927 verfasste Doyle immer neue Holmes-Geschichten.

Obwohl seine Gesundheit in den späten 1920er Jahren zunehmend verfiel, blieb Sir Arthur Conan Doyle schriftstellerisch bis zuletzt außerordentlich aktiv. Tief betrauert starb er am 7. Juli 1930 in seinem Haus in Windlesham, Sussex. Dorthin hatte sich auch Sherlock Holmes als Pensionär zurückgezogen, um Bienenzüchter zu werden. So schloss sich schließlich der Kreis.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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