Der Palazzo des Doctor Nikola

Guy Newell Boothby
Der Palazzo des Doctor Nikola

(sfbentry)
Originaltitel: Farewell, Nikola (London : Ward, Lock & Co. 1901)
Deutsche Erstausgabe (Paperback mit Klappenbroschur): August 2011 (Wurdack Verlag/HPA 005)
Übersetzung: Michael Böhnhardt
Cover: Ernst Wurdack
192 S.
ISBN-13: 978-3-938065-74-7

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Das geschieht:

Da Gattin Phyllis derzeit ein wenig kränkelt, ist Sir Richard Hatteras mit ihr auf Europareise gegangen. Begleitet werden sie von der jungen Gertrude Trevor, die auf diese Weise als noch unverheiratete Frau endlich einmal aus ihrem Elternhaus herauskommt. Seit einiger Zeit hält man sich in Venedig auf; Phyllis geht es deutlich besser. Ausgerechnet auf dem Markusplatz läuft der Gruppe Dr. Nikola über den Weg. Er hatte vor fünf Jahren Phyllis entführt und Richard bedroht, weil er sie unbedingt um den Besitz eines antiken chinesischen Holzstäbchens bringen wollte, das er für seine mysteriösen Forschungen benötigte.

Man schließt Frieden. Richard, Phyllis und Gertrude lassen sich in den düsteren Palazzo Revecce einladen. Dort residiert Nikola und ist wie üblich in unzähligen Ränken verstrickt. Mit dabei ist der Herzog von Glenbarth, ein inzwischen eingetroffener Freund der Hatteras. Nikola zeigt seinen Gästen unbekannte und bizarre Winkel von Venedig, man unterhält sich großartig. Richard wird sogar ins Vertrauen gezogen; Nikola erzählt ihm von seiner Kindheit und Jugend und von seinem grausamen Stiefbruder.

Inzwischen hat sich der Herzog heftig in Miss Trevor verliebt, die ihn jedoch zappeln lässt. Ein Freund von Richard Hatteras meldet brieflich die Ankunft eines Bekannten, um den man sich in Venedig bitte kümmern solle. Don José de Martines ist leider ein Widerling, in dem der eifersüchtige Glenbarth außerdem einen Nebenbuhler sieht. Als sogar ein Duell droht, greift Nikola rettend ein – und Hatteras erkennt, dass er abermals manipuliert wurde: Er sollte Nikola ‚zufällig‘ mit dem misstrauischen Don José in Kontakt bringen, damit eine diabolische Rache ihren Lauf nehmen kann …

Alte Spinne im neuen Netz

1901 läutet der Glockenturm der San-Marco-Kirche von Venedig das Requiem für Doctor Nikola ein; auch in dieser düsteren Phase seines Lebens hätte ihn eine unwürdigere Untermalung sicherlich beleidigt. In Venedig ist er nach einer Kette aufregender Abenteuer, von denen wir Leser ansatzweise in drei Büchern erfahren haben, würdig und stimmungsvoll untergekommen: Er hat einen Palazzo gemietet, der nicht nur romantisch verfallen ist, sondern angeblich von der Geistern zweier Liebender heimgesucht wird, die hier vor Jahrhunderten ein grausiges Ende fanden; eine Geschichte, die uns Boothby selbstverständlich nicht vorenthält.

„Verfall“ und „Degeneration“ sind zwei Begriffe, die Venedigs Besuchern schon um 1900 keineswegs fremd waren. Die ganz große Zeit war seit 1797 mit dem Ende der Republik vorüber, und mit dem Schwinden von Macht und vor allem Reichtum begannen die Schwierigkeiten einer Stadt, die man einst stolz aber unklug in einem Gewirr aus kleinen Inseln direkt im Wasser errichtete. Der Zahn der Zeit nagt besonders kräftig dort, wo es feucht ist. Venedigs Prunk der Vergangenheit begann sich bald sichtlich aufzulösen; der Anblick erzeugte eine Atmosphäre der Melancholie und der Vergänglichkeit, für die Künstler und Literaten besonders empfänglich waren.

Über viele Jahre war außerdem ein Labyrinth von Kanälen, Brücken, Stegen, Durchgängen und Gässchen entstanden, die sich – um 1900 des Nachts unbeleuchtet – als Kulisse für wilde Verfolgungsjagden förmlich anboten. Flucht ist schwierig, wenn die ‚Straßen‘ aus Wasser bestehen, und erfordert deshalb Erfindungsreichtum, der auch in der Beschreibung spannend ist.

Traurigkeit und Täuschung

Insofern ist Nikola ist Venedig sehr gut aufgehoben. Geschickt nutzt Boothby jene Mischung aus Weltschmerz und Lethargie, die Venedig ausstrahlt, um seine Leser über die wahren Absichten seines Erzschurken zu täuschen. Auch Richard Hattaras, dem wir nach „Die Rache des Doctor Nikola“ abermals begegnen, lässt sich abermals hereinlegen und für Nikolas manipulativen Meisterstreich rekrutieren.

Wobei dessen Niedergeschlagenheit nicht einmal gespielt ist, weshalb seine unfreiwilligen Helfer erst recht keine Chance haben, ihm auf die Schliche zu kommen. Nikola hat einen Scheideweg seines Lebens erreicht. Die Jagd nach dem ewigen Leben, auf der wir ihn drei Romanlängen begleiteten, nahm in „Das Experiment des Doctor Nikola“ ein schlimmes Ende. Zudem konnte Nikola, der unabhängig davon viel geheimes Wissen aufgetan hatte, der Versuchung nicht widerstehen, in die eigene Zukunft zu blicken. Was er dort sah, drückt er seinen Zuhörern (und uns Lesern) gegenüber gewohnt kryptisch aus, aber die Zeit läuft auf jeden Fall ab für ihn.

Nur eine – persönliche – Angelegenheit gilt es noch zu regeln. In „Der Palazzo …“ zeigt sich Nikola so ‚menschlich‘ wie nie zuvor. Er müsste Hattaras die Geschichte seiner bejammernswerten Jugend nicht erzählen; sein Plan würde trotzdem oder sogar besser aufgehen, da Nikola in seiner Schilderung so deutlich mit dem Zaunpfahl winkt, dass sogar der nicht als Blitzmerker eingeführte Hatteras die Verbindung zwischen dem bösen Halbbruder und dem bösen Don José begreift. (Nein, dies ist kein Spoiler; falls Boothby daraus ein Geheimnis machen wollte, hätte er sich die Mühe machen sollen, entsprechende Hinweise wenigstens ansatzweise zu verwischen.)

Genug ist genug

1901 hatte Boothby erkannt, dass er in vier Büchern aus seiner Figur alles herausgeholt hatte. Nikola begann sich in seinen Schachzügen zu wiederholen. Noch schlimmer: Er drohte seine geheimnisvolle Aura zu verlieren. Schon dass Nikola das Geheimnis seiner Herkunft lüftet, ist kontraproduktiv, da diese Geschichte zwar tragisch aber auch abgedroschen ist. Immerhin begreift man angesichts dieser Biografie Nikolas pathologischen Rachedrang besser. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird unbarmherzig zur Verantwortung gezogen, was in dieser blinden Wut gar nicht zum Bild des beherrschten Wissenschaftlers und kriminellen Meisterhirns passen will.

Bei nüchterner Betrachtung bietet „Der Palazzo …“ grundsätzlich keine originelle Unterhaltung. Nachdem er in den Bänden 2 und 3 deutlich agiler war, bleibt Nikola wieder nur eine größere Nebenrolle. Hin und wieder bringt er durch einen Zaubertrick seinen Status als Magier der Wissenschaft in Erinnerung. Viel zu viele Seiten vergehen dagegen über retardierenden Liebesgeplänkeln, die zum eigentlichen Geschehen nichts betragen. Boothby brachte seine mit flinker Feder geschriebenen Werke gern mit allerlei Füllseln auf Länge. Schon in den ersten drei Nikola-Bänden drehte sich die Handlung mehr als einmal im Kreis, bis dem Verfasser einfiel, wie es weitergehen könnte.

Wenn man Boothby abermals als Leser gern folgt, liegt es daran, dass er zwar kein guter Schriftsteller aber ein Erzähltalent ist, was durch eine vorzügliche, zwischen angemessen altertümlicher und moderner Sprache souverän das Gleichgewicht haltende Übersetzung abermals bewahrt wird. Boothbys Ton ist leicht, und er verfügt über einen Sinn für Humor, der ihm deutlich besser steht als sein Hang zu einer (zeitgenössischen) Theatralik, die sich überlebt hat. Das Finale ertrinkt förmlich in Edelmut. (Es belegt aber auch die Umsicht eines Verfassers, der seine Figur nicht umbringt, sondern quasi auf Eis legt: Wäre Boothby nicht so früh gestorben, hätte er womöglich Nikola aus seinem tibetischen Exil zurückgeholt.)

Leb wohl, Doctor Nikola – auf baldige Rückkehr!

Guy Newell Boothby findet auch mehr als einem Jahrhundert nach seinem Tod ein Publikum; eine erstaunliche Tatsache, die dadurch belegt wird, dass sämtliche vier Nikola-Bände nunmehr in Deutschland erschienen sind – die beiden letzten sogar zum ersten Mal. Dafür ist nicht nur Boothbys schlichtes aber schwer zu widerstehendem Erzählhandwerk verantwortlich, sondern auch eine sorgfältige (und durchhaltefreudige) Redaktion.

Die alten Geschichten werden dem Publikum des 21. Jahrhunderts lesbar übersetzt und schön gestaltet als (trotzdem kostengünstige) Paperbacks mit Klappenbroschur präsentiert. Dazu gibt es ‚Bonustrack‘, zusätzliche Storys und Hintergrundinformationen. Dieses Mal wird der Roman durch einen Nachruf auf Boothby aus dem Jahre 1905 eingeleitet. Dem Finale folgt eine lupenreine Geistergeschichte („Das verwunschene Goldfeld“), die so nostalgisch-spannend geraten ist, dass man gern mehr Boothby-Storys lesen würde.

Doch erst einmal geht es – ein weiterer Hinweis auf das Potenzial der Figur – mit brandneuen Nikola-Abenteuern weiter. Übersetzer Michael Böhnhardt schreibt den ersten Band einer Fortsetzungsreihe, die exklusiv in Deutschland entsteht. 111 Jahre liegen zwischen Nikolas Abgang und seiner Wiederkehr; dies dürfte ein Rekord sein. Die Nikola-Fans dürfen gespannt sein – und wir sind es auch!

Autor

Am 13. Oktober 1867 wurde Guy Newell Boothby im australischen Glen Osmond, einer Vorstadt von Adelaide, geboren. Die Boothbys gehörten zur Oberschicht, Guys Vater saß im Parlament von Südaustralien. Der Sohn besuchte von 1874 bis 1883 die Schule im englischen Salisbury, dem Geburtsort seiner Mutter.

Nach Australien zurückgekehrt, versuchte sich Boothby als Theaterautor. Sein Geld verdiente er allerdings als Sekretär des Bürgermeisters von Adelaide. Beide Tätigkeiten wurden nicht von Erfolg gekrönt. Boothbys Lehr- und Wanderjahre führten ihn 1891/92 kreuz und quer durch Australien sowie den südasiatischen Inselraum. Sein 1894 veröffentlichter Reisebericht wurde zum Start einer außergewöhnlichen Schriftstellerkarriere.

1895 siedelte Boothby nach England um, heiratete und gründete eine Familie. Er schrieb nun Romane, wobei er sämtliche Genres der Unterhaltungsliteratur bediente und lieferte, was ein möglichst breites Publikum wünschte. Boothby war ein findiger und fleißiger Autor, der überaus ökonomisch arbeitete, indem er seine Worte nicht niederschrieb, sondern in eine Phonographen diktierte und die so besprochenen Wachswalzen von einer Sekretärin in Reinschrift bringen ließ. Jährlich konnten auf diese Weise durchschnittlich fünf Titel erscheinen. Boothbys Einkünfte ermöglichten ihm den Kauf eines Herrenhauses an der Südküste Englands, in dem er mit seiner Familie lebte, bis er am 26. Februar 1905 im Alter von nur 37 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

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Doctor-Nikola-Reihe:

(1895) Die Rache des Doctor Nikola (A Bid for Fortune, or: Dr. Nikola’s Vendetta/Enter Dr. Nikola!)
(1896) Die Expedition des Doctor Nikola (Dr. Nikola)
(1898) The Lust of Hate
(1899) Das Experiment des Doctor Nikola (Dr. Nikola’s Experiment)
(1901) Der Palazzo des Doctor Nikola (Farewell, Nikola)

„The Lust of Hate“ wird keine Neuausgabe erfahren; Dr. Nikola tritt nur als ‚Gaststar‘ in einer Geschichte auf, die ansonsten mit ‚seiner‘ Serie nichts zu tun hat.

[md]

Comments

  1. Guy Newell Boothby hat noch weitere interessante Titel geschrieben, diese finden sich als Bestellinks unter der Besprechung! Am besten gibt man auch einen Teil des Autorennamen ein!

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