Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes

Mark Hodder
Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes

(Burton-&-Swinburne, Bd. 2)

(sfbentry)
Originaltitel: The Curious Case of the Clockwork Man (New York : Pyr/Prometheus Books 2011)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstausgabe (Paperback): August 2013 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei Fantasy 20730)
Cover: Jon Sullivan
526 S.
ISBN-13: 978-3-404-20730-5
eBook: August 2013 (Lübbe Digital)
1658 KB
ISBN-13: 978-3-8387-2482-9

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Das geschieht:

Wir schreiben das Jahr 1862 in einem ‚alternativen‘ Großbritannien: Queen Viktoria ist vor vielen Jahren durch ein Attentat gestorben, dampfbetriebene Fahrzeuge beginnen die Pferdefuhrwerke zu verdrängen, und dank enormer Fortschritte in den Naturwissenschaften ist es u. a. möglich, genetisch ‚aufgerüstete‘ Haustiere als Diener und Boten zu beschäftigen. Das britische Empire ist bereits eine Weltmacht, die sich stetig weiter über den Globus ausdehnt. Forschungsreisende und Soldaten erforschen und besetzen ferne Länder auf exotischen Kontinenten.

Zu den großen Entdeckern gehört Sir Richard Francis Burton, der inzwischen als Regierungsagent für besondere Fälle dort eingreift, wo Polizei und Scotland Yard überfordert sind. Aktuell ist es das Auftreten seltsamer ‚Metallmänner‘, die auf den Straßen der Millionenstadt London für Unruhe sorgen. Zu spät wird deutlich, dass sie nur Köder sind, die vom spektakulären Einbruch in den Safe-Keller des Diamantenhändlers Brundleweed ablenken sollten. Gestohlen wird ein Ensemble aus sieben schwarzen Diamanten, die durch eine besondere Eigenschaft noch wertvoller werden: Sie ‚singen‘, wenn sie einer bestimmten Tonfrequenz ausgesetzt werden.

Hinter dem Diebstahl steckt eine Verschwörer-Gruppe, die von einer Nebenwirkung des ‚Gesangs‘ profitieren will: Die Schwingungen wirken auf das menschliche Hirn, das dadurch quasi ‚umprogrammiert‘ werden kann. Als ‚Relais‘ dient der angeblich nach einem Schiffbruch heimgekehrte Adlige Roger Tichborn. Wer in den Bannkreis des grotesk verunstalteten Mannes gerät, mutiert erst zu einem Rebellen gegen die Krone und schließlich zum Zombie.

London verwandelt sich in ein Schlachtfeld, während Burton und sein unkonventioneller Assistent, der Dichter Swinburne, die wahre Natur des Komplotts aufdecken, das nicht nur auf einem anderen Kontinent, sondern in eine anderen Zeit seinen Anfang nahm …

Ein Riss zwischen den Realitäten

Das Abenteuer mausert sich zur Saga: Die Serie um Richard Burton und Algernon Swinburne bietet nicht nur abgeschlossene Abenteuer, sondern besitzt echten Fortsetzungscharakter. Autor Hodder entwickelt im zweiten Band zügig einen roten Faden, dem sich die Ereignisse in den (beiden) noch folgenden Romanen unterordnen werden.

Was wie lupenreiner Steampunk begann und spannende Abenteuer in einem nur nominell viktorianischen Zeitalter – Viktoria starb schon als blutjunge Königin – versprach, bekommt allmählich einen Unterton von Science Fiction. Hodders Welt hat sich von der Realität abgekoppelt, doch Störenfriede aus der Zukunft mischen sich bereits zum zweiten Mal in die ‚Gegenwart‘ der 1860er Jahre ein.

Fragt sich nur, welche Zukunft es ist – die der uns bekannten Realhistorie oder die des Zeitstroms, der nach dem Tod des zeitreisenden „Spring Heeled Jack“ seinen Anfang nahm. Noch konnte Burton nur die Ansätze einer Verschwörung offenlegen, der nicht nur Zeit und Raum, sondern auch verschiedene Alternativwelten als Spielflächen dienen.

Mysterien und Abenteuer

Drei seltsame ‚Diamanten‘ bilden die Kraftquelle, die in ihrer Gesamtheit die Herrschaft über viele Welten ermöglichen. Daraus entwickelt sich die genreübliche Jagd, denn selbstverständlich gedenken die ‚Guten‘ – hier verkörpert durch Burton und seine Gefährten – schneller als die noch gesichtslosen Eindringlinge zu sein. Die bizarren Attacken, denen sich die gegenwärtige Vergangenheit ausgesetzt sieht, deuten übelste Absichten an, was die Dringlichkeit dieses Wettlaufs unterstreicht.

Jenseits des puren Abenteuers gewinnt die Handlung ihren Reiz aus dem Spiel mit der realen Historie. Hodder beschränkt sich hier keineswegs auf bekannte Ereignisse oder Personen, sondern bezieht neben Politik- auch Sozial- und Wissenschaftsgeschichte ein. Das nicht mehr viktorianische Großbritannien hat nach dem Bruch von 1837 – in diesem Jahr starb die Königin bei einem Attentat – eine eigenständige Entfaltung erfahren. Sie lässt den naturwissenschaftlichen Fortschritt, der im 19. Jahrhundert ohnehin ein Eiltempo angenommen hat, förmlich explodieren.

Dennoch bleibt dieser Fortschritt der Zeit verhaftet: Zwar jagt Burton seinen Gegnern mit motorgetriebenen Fahrzeugen aller Art hinterher, doch werden diese weiterhin von Dampfmaschinen angetrieben – eine Technik, die weiterentwickelt wird, ohne durch den Benzinmotor abgelöst zu werden.

Darüber hinaus nutzt Hodder geschickt diverse Brüche der Forschung, die sich nachträglich als durch unglückliche Zeitumstände erzeugte Sackgassen erwiesen haben. So gilt Charles Babbage (1791-1871) als Erfinder einer Rechenmaschine, die gleichzeitig Vorläufer des modernen Computers war. Er war zu früh mit seiner Schöpfung, die sich deshalb nicht durchsetzen konnte. Hodder korrigiert dies und lässt Babbage „Elektronengehirne“ bauen, die von Uhrwerken angetrieben werden und folgrichtig in mechanische „Uhrwerkmänner“ eingebaut werden.

Beschränkung und Übertreibung

Der Mensch ist dem Fortschritt nur bedingt gewachsen. Hodder verdeutlicht dies mit spannenden und amüsanten Einfällen. Großbritanniens Gesellschaftsordnung hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Die Kluft zwischen Arm und Reich, Beherrschten und Herrschern, hat sich eher vergrößert. Der falsche Roger Tichborn wird zum Sprachrohr der Massen, die endlich Mitspracherechte und soziale Gerechtigkeit fordern. Freilich erweist sich Tichborn als krimineller Prophet, der das Volk erst recht ins Verderben führt. Am Ende ist alles wie zuvor, es herrscht nicht nur Frieden im Land, sondern die niederen Stände kehren demütig dorthin zurück, wohin sie Gott nun einmal gestellt hat …

Natürlich ist Hodder an Kapitalismuskritik nur als Mittel zur Unterhaltung interessiert. Dies gilt auch für seine farbenprächtigeren Schilderungen einer frühen – oder besser: verfrühten weil ethikfreien – Genetik, die ohne Rücksicht auf mögliche Folgen vorangetrieben wird. Deshalb kommt es zur Katastrophe in Irland, wo die gegen Fäulnis immunen Neo-Kartoffeln Giftstacheln sowie Intelligenz entwickeln und zur Jagd auf die entsetzten Bauern blasen.

In London bevölkern bizarre, cyborgähnliche Fusionen aus Maschinen und Tieren die Straßen. Gigantische Schwäne ziehen Luftschlitten, sprechende Hunde und Wellensittiche ersetzen Handy und Internet, ins Monströse gezüchtete Insekten und Spinnen werden zu dampfgetriebenen Fahrzeugen umgebaut. Hodders schönster Einfall ist sicherlich der britische „Volkswagen“: Ein künstlich mutierter Mistkäfer wird geköpft und ausgeweidet, dem runden Chitinpanzer werden Motor, Lenkung und Räder ein- bzw. anmotiert.

Der Blick von außen

Richard Francis Burton (1821-1890): Weltenbummler und Forscherheld, nun Geheimagent. Er ist der richtige Mann an diesem seltsamen Ort. Aufgrund seiner unsteten bzw. von Konventionen freien Lebensführung ist Burton in der Lage, sich über starre oder erstarrte hierarchische Grenzen hinwegzusetzen. Der Kontakt mit der Welt hat ihn buchstäblich zum Freidenker gemacht, der das Wissen afrikanischer und arabischer Völker, die von den ‚zivilisierten‘ Kolonialherren gern als unterentwickelte Heiden abqualifiziert werden, offen annimmt. In der Krise kann sich Burton deshalb auf Praktiken verlassen, die seinen Feinden fremd sind. Hier ist es u. a. eine arabische Variante der Meditation, die ihm den Verstand rettet, der eigentlich zerrüttet werden sollte.

Einer nicht linearen Gefahr begegnet man am besten durch Querdenken. Während Richard Burton dies rational praktiziert, ist Algernon Charles Swinburne (1837-1909) ein Wirrkopf, dessen brodelndem Hirn verrückte Ideen und unerwartete Handlungsvorgaben entspringen. Zwar ist Swinburne ein schwer zu kalkulierender Verbündeter, doch gleichzeitig erschwert seine Sprunghaftigkeit dem Gegner das Erkennen von Plänen, denen Burton eine gewisse Ordnung gibt.

Der Humor hat seinen festen Platz in der Handlung. Hodder schürt ihn durch die Vorstellung immer neuer, verrückter Erfindungen. Jedem Kapitel sind entsprechende Werbeannoncen vorgeschaltet, in denen Händler diese Merkwürdigkeiten anpreisen. Überhaupt ist Hodders Sinn für das Obskure gut entwickelt. Zum Figureninventar gehören u. a. der zur Dampfmaschine ‚umgebaute‘ Ingenieur Isambard Kingdom Brunel (1806-1859) oder der durch ständige biologische Renovierung praktisch unsterblich gewordene Premierminister Palmerston (1784-1865).

Gegenüber dem Auftaktband („Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack“) hält Autor Hodder das Handlungsruder deutlich fester in der Hand. Längen und Abschweifungen unterbleiben, das Geschehen schreitet zügig und spannend voran. Gut übersetzt und schön aufgemacht – es gibt ein richtiges Cover, kein Stock-Foto! – ist „Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes“ außerdem. Für Band 3 steht eine Reise ins „dunkelste“ Afrika an, auf die der Leser gespannt sein darf.

Autor

Mark Hodder studierte Kulturwissenschaften und arbeitete als Journalist, Redakteur, Web-Produzent und Autor für die BBC in London. 2008 ordnete er sein Leben neu und zog ins spanische Valencia, wo er sich als Lehrer und Schriftsteller niederließ. 2010 veröffentlichte Hodder den ersten Teil einer dem „Steampunk“ zuzurechnenden Serie um den Entdecker und Abenteurer Richard Francis Burton. Sein Wissen über und seine Liebe zur viktorianischen (Kultur-) Geschichte unterstrich Hodder bereits zuvor mit einer ebenso kenntnisreich wie liebevoll gepflegten Website über den frühen Groschenheft-Detektiv Sexton Blake.

Mark Hodder im Internet

Kurzkritik für Ungeduldige: In einem alternativen Jahr 1861 untersucht Regierungsagent Sir Richard Burton einen möglichen Fall von Erbschleicherei, der sich als Teil eines Planes entpuppt, mit dem das britische Empire zerstört werden soll … – Der zweite Teil der Burton-&-Swinburne-Serie ist deutlich eleganter geraten als der Auftaktband und lässt einen übergreifenden Handlungsbogen erkennen; noch krudere Einfälle und absurde Ereignisse unterstützen eine ohnehin turbulente und spannende Geschichte: richtig gutes Lesefutter!

[md]

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Comments

  1. Hallo Detlef,
    wie Teil 1 ist auch dies ein Kandidat für: SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Vintage – Steampunk-, Retro-Science-Fiction- und Alternativwelt-Geschichten”.
    VG; Michael

  2. FRISCH AUFGENOMMEN:

    sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Vintage – Steampunk-, Retro-Science-Fiction- und Alternativwelt-Geschichten” sagt:
    Donnerstag 31. Oktober 2013 um 21:39 e

    […] BUCHBESPRECHUNG: DER WUNDERSAME FALL DES UHRWERKMANNES (Burton-&-Swinburne, Bd. 2) von Mark Hodder – Rezension … […]

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