Die Bibliothek des Alchemisten

Jon Fasman
Die Bibliothek des Alchemisten

(sfbentry)
Originaltitel: The Geographer’s Library (New York : The Penguin Press 2005)
Übersetzung: Birgit Moosmüller
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2006 (Wilhelm Heyne Verlag)
544 S.
ISBN-13: 978-3-453-01840-2
Als Taschenbuch: Mai 2007 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 81108)
544 S.
ISBN-13: 978-3-453-81108-9

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Das geschieht:

Im Jahre des Herrn 1154 schickt Roger II., König von Sizilien, seinen Geografen al-Idrisi auf eine heikle Mission: Der arabische Gelehrte soll eine Karte der bekannten Welt zeichnen. Al-Idrisi gilt als genialer Forscher und brillanter Kartograph. Die Reise ist höchst gefährlich und wird ihn viele Jahre seinem Labor fernhalten. Dies bekümmert al-Idrisi, der sich auch als Alchemist versuchte und dabei ein Rezept entdeckte, das sein Leben weit über das übliche Maß verlängert. Hinweise darauf geben einige Instrumente und Artefakte, die in al-Idrisis Labor zurückblieben. Der Dieb Omar Iblis macht sich die Abwesenheit des Hausherrn zu Nutze und stiehlt die unersetzlichen Objekte gestohlen. Sie werden im Laufe der nächsten Jahrhunderte vor allem in die Weiten der späteren UdSSR zerstreut.

Al-Idrisi hatte einige Alchemisten-Kollegen in sein Geheimnis eingeweiht. Diese gründeten einen Bund, den sie seiner Bewahrung weihten. Skrupellose Männer trugen das Verlorene wieder zusammen. Der letzte Hüter erwies sich als Verräter, was einen erbitterten Kampf im Verborgenen ausgelöst hat: Die Alchemisten wollen ihren Schatz zurück – um wirklich jeden Preis!

Der junge Paul Tomm arbeitet als Journalist für eine kleine Wochenzeitschrift, die im Städtchen Lincoln im neuenglischen US-Staat Connecticut über die alltäglichen Vorfälle in dem recht verschlafenen Ort berichtet. In dieses Muster passt Tomms aktuelle Recherche: Er soll einen Nachruf auf den just verblichenen Jaan Pühapäev schreiben, der an der Universität im nahen Wickenden sehr unauffällig als Linguist und Professor für baltische Geschichte tätig gewesen ist. Tomms Interesse erwacht, als er herausfindet, dass Pühapäev weit mehr war als ein weltfremder Bücherwurm. Offenbar gehörte er einem Orden oder einer Sekte an, die (s. o.) nach gewissen Objekten fahndet. Paul gerät den Alchemisten in die Quere, und was zunächst wie die Story seines Lebens aussieht, droht ihn bald genau jenes zu kosten …

(Anbemerkung: Sage ich zu viel über die Handlung? Nun, meine Idee war es nicht, dieses Buch „Die Bibliothek des Alchemisten“ zu nennen und damit bereits im Titel zu verraten, wer hinter dem mysteriösen Geschehen steckt …)

Vergangenheit als Mysterium

Ein dunkles Geheimnis aus ferner Vergangenheit wirft in der Gegenwart bedrohliche Schatten: Auf diese wenigen Worte lässt sich der Plot reduzieren. Geht man von der alten Hollywood-Weisheit aus, dass sich eine richtig gute Story auf der Rückseite einer Streichholzschachtel skizzieren lassen muss, darf man zwar nichts Neues aber hoffentlich Spannendes von diesem Roman erwarten.

Es geht auch erfreulich wenn auch gemächlich los. „Die Bibliothek …“ startet zwei Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun haben: die kommentierte Geschichte diverser Gegenstände aus al-Idrisis Labor sowie der Bericht von Paul Tomm, der von einem autobiografischen Abriss mit zahlreichen „Coming-of- Age“-Elementen langsam (sehr langsam) in eine Thriller-Handlung übergeht. Allmählich kristallisieren sich diverse Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart heraus; Verfasser Fasman weiß hier die Spannung zu schüren, indem er jedem Artefakt eine ‚Karteikarte‘ zuordnet, die es als Museumsobjekt zu beschreiben scheint. Entscheidende Episoden aus der Historie der Stücke werden erzählt; sie enthüllen eine endlose Kette von Gräueltaten, die im Laufe von Jahrhunderten um ihren Besitz begangen werden. Diese Rückblicke bleiben unkommentiert. Wer schreibt sie, was ist der Grund? Es bleibt offen, der Leser muss sich selbst einen Reim darauf machen.

Interessante Geschichte wird lahm erzählt

Die eigentliche Handlung ist keine große Hilfe. Während Fasman die historischen Vignetten sehr gut gelingen, geht ihm im Paul-Tomm-Strang die Puste aus. Er kommt einfach nicht auf den Punkt. Mehr als 100 Seiten vergehen, ehe überhaupt etwas geschieht, das den Thriller andeutet. Leider wird das nicht besser, sondern geht ebenso behäbig weiter. Fasman scheint lieber vom Alltag eines jungen Mannes – sein Alter Ego? – zu erzählen, der nach seinem Platz in dieser Welt sucht. Die entsprechenden Fragen mochten ihn, der bei der Niederschrift seines Romans noch recht jung war (Jahrgang 1975), stark beschäftigen, doch im Rahmen eines Thrillers drücken sie in dieser epischen Breite auf Tempo und Spannung. Fasman hätte lieber den Handlungsmotor mit mehr Hirnschmalz schmieren sollen, denn als es endlich ein wenig lebhafter wird, wirken die Thriller-Elemente hausbacken und ungelenk.

Die meisten alchemistischen Artefakte tauchen in der historischen UdSSR bzw. in deren Nachfolgestaaten auf. Das ist kein Zufall, sondern lässt sich mit Fasmans Biografie erklären; der Autor hat einige Jahre in Moskau gelebt und gearbeitet und dort auch „Die Bibliothek …“ geschrieben. Als Journalist steht er in den Passagen, die in allerlei exotischen Winkeln des versunkenen Sowjetreiches spielen, auf spürbar sicherem Boden. Hier bietet der Roman eine Qualität, die man in der Haupthandlung schmerzlich vermisst.

Als das Rätsel des Alchemisten endlich gelüftet wird, ist das Interesse an diesem Roman jedenfalls fast erloschen. Das letzte Kapitel schreibt Hannah Rowe – es gibt da noch eine ganze Reihe von offenen Fragen, die abschließend zu klären sind: Kein gutes Zeichen, wenn solche Erklärungen einem Roman quasi angeklebt werden. Als Leser ist man bei der Lektüre geblieben, weil man nach vielen Stunden wissen will, wie es ausgeht.

Fasman kann anders als allzu viele ‚Schriftsteller‘, welche den beliebten „Da-Vinci-Code“-Quark in den Buchläden der Welt breit treten, immerhin schreiben. Auch damit hievt der Autor sein Werk höchstens nur auf Mittelmaß: Zufriedenheit und Enttäuschung halten sich mühsam die Waage. Fasman hat sich viel vorgenommen aber nur wenig erreicht.

Pappkameraden ziehen in die Welt

Über Paul Tomm wurde bereits weiter oben geklagt. Fasman gelang die Schaffung eines jungen, unerfahrenen Charakters allzu gut. Paul als glaubhafter Handlungsträger ist dagegen untauglich ist. Auch sonst treten nur Chargen auf, die mit viel Klischeewolle gestopft wurden. Väterlicher Freund des Helden, kantiger Bulle mit Herz aus Gold, schwarzhumoriger Pathologe, weltfremder Universitätsdozent … Sie alle sind fest verankert in der modernen Unterhaltung, sollten jedoch nicht so eindimensional daherkommen wie hier.

Wieso sich Hannah in Paul verliebt, wird uns nachträglich erläutert. Zu ihrem Glück ist das Opfer keine Leuchte, denn als Agentin taugt Hannah ganz sicher nicht. Damit der Leser merkt, dass sie verdächtig ist, lässt Fasman sie etwa so diskret handeln wie Mata Hari in einem Stummfilm der 1920er Jahre. Dass mit der guten Hannah Rowe, die sich so bereitwillig ins Pauls Bett ziehen lässt, etwas faul ist, merkt so, wie Fasman an die Sache herangeht, selbst der inzwischen schläfrig gewordene Leser. Nur der gute Paul ist wie gesagt mit einer Blindheit geschlagen, die man ihm gern durch einen kräftigen Tritt in den Hintern austreiben möchte.

Die Alchemisten-Schurken in unserem Spektakel konzentrieren sich glücklicherweise auf ihren Job. Sie suchen und killen und treten primär in den Rückblenden auf. Das bekommt ihnen gut, denn sie müssen nicht hilflos im Sumpf von Fasmans Trivialcharakterisierungen versinken. Erst im großen Finale – das sich auf eine lächerliche Prügelei und umständliches Geschwätz beschränkt – kommt der Chefgauner aus seinem Loch. Er enthüllt einen Masterplan, über dessen Sinn man lieber nicht nachdenken sollte, weil man sich sonst nachträglich ärgern würde, diesem Roman so viel Zeit gewidmet zu haben, und entfernt sich zwecks weiterer Spinntrigen (aber hoffentlich nicht in Vorbereitung einer Fortsetzung!) in die weite Welt.

Autor

Jon Fasman wurde 1975 in Chicago geboren. Er wuchs in Washington, D.C., auf und studierte in Rhode Island Englische Literatur der Renaissancezeit. Anschließend arbeitete er für eine kleine Wochenzeitschrift. Der Liebe wegen ging er nach Moskau, wo er für die „Moscow Times“ tätig wurde. „The Geographer’s Library“ entstand nach eigener Auskunft als Zeitvertreib und verarbeitete, was sein Verfasser über die Verhältnisse und die Geschichte seines neuen Heimatlandes lernte. Später fand das Manuskript seinen Weg zum renommierten Penguin-Verlag in New York, wo es 2005 erschien.

Der Autor hat Moskau inzwischen verlassen und lebt in London, wo er für „The Economist“ schreibt und 2008 einen neuen Thriller („The Unpossessed City“) veröffentlichte.

[md]

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