Die Eishölle

Basil Copper
Die Eishölle

Originaltitel: The Great White Space (London : Hale 1974)
Übersetzung: Karsten Weinert
Deutsche Erstausgabe: Februar 2002 (Festa Verlag 2608/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens 8)
176 Seiten
ISBN-13: 978-3-935822-11-4

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Das geschieht:

Professor Clark Ashton Scarsdale lädt im Frühjahr des Jahres 1932 den abenteuerlustigen Fotografen Frederick Seddon Plowright auf seine nächste Expedition ein. Englands berühmter Weltreisender macht ein großes Geheimnis um diese Fahrt, denn er bewegt sich wissenschaftlich auf schwankendem Boden: Seit einigen Jahren verdichtet sich sein Verdacht, dass die Geschichte dieser Welt eine ganz andere als die überlieferte ist. In grauer Vorzeit könnten seltsame Wesen aus den Tiefen des Alls die Erde heimgesucht und sogar besiedelt haben. Ihre Spuren lassen sich finden, wenn man nur tief genug gräbt – in den Schwarzen Bergen beispielsweise, gelegen irgendwo in Asien, wo unter dem Fels eine titanische Höhlenwelt und der sagenumwobene „Große Weiße Raum“ – auch „Eishölle“ genannt – auf wagemutige Besucher wartet.

Vor zwei Jahren ist Scarsdale schon einmal dort gewesen und gerade noch mit dem Leben davongekommen. Was er vor Ort gesehen hat, verschweigt er seinen Gefährten, zu denen außer Plowright die Wissenschaftler Van Damm, Holden und Prescott gehören. Die Expedition nimmt ihren Anfang; sie verläuft trotz aller Schwierigkeiten erfolgreich, bis man sich dem Ziel nähert. Dort mehren sich die Anzeichen dafür, dass die „Eishölle“ noch heute streng bewacht wird.

Sabotageattacken und seltsame Vorfälle in der Nacht beunruhigen unsere Reisenden. Unverdrossen dringen sie dennoch weiter durch einsame Wüsten und steinige Einöden vor und erreichen den Eingang in die Unterwelt, der sie in die Urzeitstadt Croth führt – und weiter in den „Weißen Raum“, der sich als Portal in fremde Sphären entpuppt, deren unangenehme Bewohner sich just rüsten, die Erde zu überfallen, und erwartungsgemäß wenig erfreut reagieren, als sie dabei überrascht werden …

Eine Welt im Tentakelgriff

„At the Mountains of Madness“ (dt. „Berge des Wahnsinns“) lautet der Titel einer klassischen Gruselnovelle, mit der Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) ein weiteres Mal in die Geschichte der Phantastik einging. Ihm gelang eine grandiose Mischung aus Horror, Science Fiction und klassischem Reiseabenteuer, ein Fundamentstein jenes Gedankengewölbes, dessen Wand- und Deckenschmuck die imaginäre Geschichte eines Universums bildet, das schon lange vor den Menschen von intelligenten, mächtigen und vor allem höchst bösartigen Wesen aus den Tiefen des Weltalls bewohnt wurde. Auch die Erde haben sie heimgesucht, die erschrockene Urbewohnerschaft versklavt oder in apokalyptische, längst vergessene Kriege verwickelt und mehrfach an den Rand der Ausrottung gebracht.

Später brachten interne Querelen die „Großen Alten“ zur Ruhe; seit langer Zeit lassen sie die Menschheit in Frieden, aber sie sind noch da und bleiben eine ständige Bedrohung. Besonders der tintenfischköpfige Cthulhu treibt weiterhin sein Unwesen, aber seine Kumpane nutzen ebenfalls gern jede Gelegenheit, die Erde erneut unter ihre Gewalt zu zwingen. Übles Gelichter unter den Menschen fördert dies um seines Vorteils willen, und wo die Gier nicht greift, ziehen die unwillkommenen Gäste aus dem Jenseits telepathische Saiten auf.

Zurück in die Berge des Wahnsinns

In vielen großartigen Stories und Novellen hat Lovecraft dieses bruchstückhafte und dadurch umso überzeugender wirkende Weltbild entwickelt, bis sein allzu früher Tod das zunehmend ehrgeiziger werdende Projekt zu einem jähes Ende brachte. Kollegen und Fans setzen seither sein Werk fort. Dabei gibt es zwei grundsätzliche Strömungen: Die Fähigen, Ehrgeizigen bedienen sich der Lovecraftschen Vorgaben, drücken ihnen aber ihren eigenen Stempel auf und schaffen dadurch etwas Neues. Dagegen klammern sich die Puristen an die Vorlage und bemühen sich, Lovecraft quasi in Bild und Tonfall exakt zu treffen. Da dieser ein seltsamer Mensch, aber ein fähiger Autor war, ist das Ergebnis in der Regel unerfreulich: ein Nachäffen, keine Neuinterpretation.

Auch Basil Copper versucht sich als Kopist. Immerhin ist er ein alter Unterhaltungsprofi, der sein Publikum selten langweilt. „Die Eishölle“ liest sich deshalb flott und kurzweilig und irritiert höchstens dort, wo der Verfasser sich an Lovecrafts gern bespöttelter (und parodierter) Eigenheit versucht, das Grauen durch den exzessiven Einsatz von Adjektiven herbeizuzwingen: Was soll denn bitte „blasphemisches Licht“ sein?

Mehr als die Hälfte des ohnehin schmalen Bändchens verstreicht mit der Schilderung einer nostalgisch-futuristischen Expedition an das Ende der Welt. Das liest sich durchaus spannend und oft witzig und erinnert an die verschrobenen Expeditionen des Jules Verne. Wirklich spannend ist es freilich nicht. Erst im letzten Viertel wird es übernatürlich, aber bevor es allzu dramatisch werden kann, ist die Geschichte vorbei bzw. sind fast alle Beteiligten tot. Auch dies ist ein alter Trick Lovecrafts, dessen Protagonisten fast immer ins Hirnkoma fallen, bevor sie das erlebte Grauen in allzu deutliche und desillusionierende Worte fassen können.

Expedition der Unsympathen

Fünf Männer auf großer Fahrt, keine (Alibi-) Frau an Bord oder am Wegesrand der Rettung harrend: sehr ungewöhnlich. Dies ist der erste Gedanke, der dem politisch korrekt denkenden Leser kommt. „Die Eishölle“ ist ein reiner Abenteuerroman ohne jede Romanze. Für diese klare Entscheidung muss man Copper Anerkennung zollen. Sein Quintett kann ansonsten auf kein besonderes Mitgefühl hoffen. Selten geschieht es in der Literatur, dass gleich fünf Figuren keine besonderen Sympathien wecken können. Fotograf Plowright, der Ich-Erzähler, kann nur schildern, was er erlebt hat. Allwissend ist er jedenfalls nicht, sondern stattdessen ein arger Tropf, der sich dem herrischen Professor Scarsdale recht willenlos unterordnet. Völlig profillos bleiben die übrigen drei Teilnehmer der Expedition, die Copper ziemlich grobschlächtig mit scheinbaren individuellen Zügen ausstattet, die sich als pure Klischees entpuppen. Aber es müssen halt einige Nebenfiguren mitreisen, die später um der Dramatik willen den Monstern vorgeworfen werden können.

Clark Ashton Scarsdale erinnert zunächst natürlich an einen weiteren Titanen der phantastischen Literatur: Clark Ashton Smith (1893-1961), ein Zeitgenosse und guter Freund H. P. Lovecrafts, dessen „Cthulhu“-Mythologie er gern ins eigene Werk einfließen ließ. Darüber hinaus lehnt sich die Figur an Professor George Challenger an – und zwar an den literarischen Challenger, einen widerborstigen, von sich eingenommenen, tatkräftigen Charakter, wie ihn Arthur Conan Doyle (1859-1930) für „The Lost World“ (1912, dt. „Die vergessene Welt“) geschaffen hatte. (Die „Lost-World“-TV-Verfilmung von 1998 – nicht zu verwechseln mit der Trash-Serie von 1999 – kupfert übrigens ohne Angabe der Quelle überdeutlich von der „Eishölle“ ab; sogar die urtümlichen Jeep-Panzer entdecken wir dort.)

Große Namen bringt Copper in ein nostalgisches aber begrenzt unterhaltsames Spiel. Lovecraft, Smith und Doyle beherrschten ihr Handwerk deutlich besser als Mr. Copper. Wieso „Die Eishölle“ inzwischen selbst als Klassiker gilt, bleibt jedenfalls rätselhaft.

Autor

Basil Frederick Albert Copper, geboren 1924 in London, gilt merkwürdigerweise als Meister der unheimlichen Literatur, obwohl er eher ein Fachmann auf diesem Gebiet war. Dieses einschlägiges Hintergrundwissen ist unstrittig profund; Copper ist u. a. Autor des Standardwerks „The Vampire in Fact, Legend & Art“ (1974, dt. „Der Vampir in Legende und Wirklichkeit“). Ansonsten war er jedoch eher fleißig als fähig und hat mehr als achtzig Bücher praktisch aller Genres geschrieben, darunter zwischen 1966 und 1988 allein 52 (!) Kriminalromane um den smarten Privatdetektiv Mike Faraday.

Von H. P. Lovecrafts Schüler, Freund und Nachlassverwalter August Derleth (1909-1971) übernahm Copper die recht populäre Figur des „Solar Pons“, eine leicht parodistische Variation des Meisterdetektivs Sherlock Holmes.

Basil Copper hat sich als Sammler alter Filme große Verdienste erworben. Seit Jahrzehnten führt er die „Tunbridge Wells Vintage Film Society“, eine Vereinigung von Filmliebhabern. Zuletzt lebte Copper im englischen Kent, wo er am 3. April 2013 gestorben ist.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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