Die Feuerzunge

Sax Rohmer
Die Feuerzunge

Originaltitel: Fire-Tongue (London : Cassell 1921/New York : Doubleday 1922)
Deutsche Erstausgabe: 1927 (Verlag Rijke & Stock/Internationale Abenteuerreihe)
Übersetzung: Reinhard Rijke
268 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1981 (Heyne Verlag/Heyne Crime Classics 1948)
Übersetzung: Rosemarie Moeller-Wagenitz
175 S.
ISBN-13: 978-3-453-10551-5

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Das geschieht:

Paul Harley ist nach außen ein ehrbarer Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in London. Tatsächlich arbeitet er für den britischen Geheimdienst und ist Spezialist für den Nahen Osten, dessen Länder in diesem Jahr 1920 entweder als Kolonie zum Empire gehören oder außenpolitisch von diesem so gut wie möglich manipuliert werden.

Harley nimmt zur Wahrung seiner Tarnung Klienten an. Aktuell wendet sich Sir Charles Abingdon, ein berühmter Mediziner, hilfesuchend an ihn. Seit einiger Zeit fühlt er sich und seine Tochter Phyllis verfolgt und bedroht. Doch bevor er sich Harley offenbaren kann, fällt Sir Charles einem Giftattentat zum Opfer. Seine letzten Worte sind kryptisch: „Feuerzunge … Nicol Briun!“

Nicol Briun ist ein steinreicher amerikanischer Geschäftsmann und Weltreisender, der auffallend ausweichend reagiert, als Harley ihn mit der Frage nach der „Feuerzunge“ konfrontiert. Der inzwischen ebenso besorgte wie verärgerte Anwalt stellt Nachforschungen an und findet einen Verdächtigen: Ormûz Khân ist angeblich ein einflussreicher persischer Bankier, der sich geschäftlich in London aufhält. Außerdem macht er Phyllis Abingdon den Hof, die darauf durchaus wohlwollend reagiert.

Ist Khân, der wie ein Potentat aus 1001 Nacht auftritt, mit der geheimnisvollen „Feuerzunge“ identisch? Oder ist doch Briun der Schuldige? Obwohl er sein Ehrenwort als Gentleman gab, setzte dieser sich spurlos ab. Die Ankunft der schönen aber ebenfalls mysteriösen Naîda ließ ihn jede Vorsicht vergessen, was sich bitter rächt. Nun ist es an Harley, die wenigen, einander widersprechenden Indizien zu einem erschreckenden Bild zusammenzusetzen: Ein uraltes Verderben erwachte im fernen Indien und wird in England aktiv …

„Sie haben die Pforten der Hölle aufgestoßen“ (S. 31)

Anno 1921 bedeutete dies nicht das sofortige Ende der Welt, die sich immer noch ein gutes Stück langsamer drehte als heute. Der Leser war mit dem Versprechen einer Katastrophe nicht nur zu ködern, sondern wartete geduldig, wenn sich ihr Ausbruch hinzog. Und das tut sie; aus heutiger Sicht hält Autor Rohmer seine Leser sogar unverzeihlich lange hin. Wer ist die „Feuerzunge“? Eine simple und verständliche Frage, und es ist nicht so, dass niemand etwas über sie wüsste. Doch wen immer Paul Harley danach fragt, bittet um Bedenkzeit, die dieser – ein Gentleman unter Seinesgleichen – trotz unguter Vorahnungen gibt. Und tatsächlich: Ist der Moment der Enthüllung endlich gekommen, geschieht garantiert etwas, das ihn zunichte macht. Mord, Entführung, Rache; diese Motive ahnt man, und man ahnt noch deutlicher, dass sich das Geheimnis, wenn es denn gelüftet ist, sich als vergleichsweise banal herausstellen wird.

Das liegt in der Natur von Geschichten, die auf einem Geheimnis gründen. In unserem Fall nimmt man es dem Verfasser indes übler als sonst, obwohl er für die Ungeduld der Nachgeboren nicht verantwortlich zu machen ist. Kann man dies ignorieren, ist „Die Feuerzunge“ trotz des bizarren Plots ein unterhaltsamer Roman, dessen altmodischen Tricks immerhin durch nostalgische Patina glänzen.

„Er hatte sämtliche Vorurteile des Kolonial-Engländers gegen Farbige“ (S. 22)

Was über den verstorbenen Sir Charles gesagt wird, trifft auf alle ‚weißen‘ Figuren dieses Romans zu: „Die Feuerzunge“ ist nicht nur ein Klassiker des Genres, sondern konserviert leider auch die Rassismen seiner Entstehungszeit. Ormûz Khân ist selbst dem sich kultiviert und aufgeschlossen gebenden Paul Harley ein Dorn im Auge: Der „Asiat“ denkt gar nicht daran, sich seinem Rang als Mensch zweiter Klasse entsprechend zu bescheiden, sondern tritt stolz und durchaus herausfordernd als Repräsentant einer eigenständigen Kultur auf. Die gilt den Engländern zwar als exotisch und interessant, aber gleichzeitig als ‚heidnisch‘ und minderwertig.

Das Auftreten Khâns ärgert Harley, was er bemäntelt, indem er, der wackere Engländer, es als „dekadent“ geißelt. Khân hält er für undurchschaubar und deshalb verdächtig, sein Selbstbewusstsein für Anmaßung, sein gutes Aussehen für „feminin“ – eine größere Beleidigung als dieser mehrfach wiederholte, kaum verhohlene Vorwurf der Homosexualität konnte es 1920 nicht geben!

„Schießen Sie auf alles Farbige, was Ihnen hier begegnet …“ (S. 149)

Die ‚Guten‘ treten in zwei Varianten auf. Da ist Paul Harley, der beharrlich forschende, zurückhaltende aber im Notfall tatkräftige Engländer; eine Zierde seines Inselvolkes halt. Ihm faktisch zur Seite steht der ungestüme, eher mutige als gedankenstarke, eben typisch ‚amerikanische‘ Nicol Briun (dessen Nationalität Rohmer mit Rücksicht auf ein potenzielles Publikum jenseits des Atlantiks wählte).

Auch 1921 gehörte eine schöne Frau zum Inventar einer zünftigen Abenteuergeschichte. Naîda ist ebenso schwüle Versuchung wie Opfer einer Intrige; sie darf verehrt und gerettet werden, wobei die Rettung durch diverse Rückschläge spannend in die Länge gezogen wird. Immer wieder blicken unsere Helden einem ‚asiatischen‘ und deshalb besonders fürchterlichen Tod ins Antlitz. Glücklicherweise können sie sich darauf verlassen, dass ihr Gegner dieses Ende wortreich kommentieren und seinen Triumph auskosten will, was ihnen genug Zeit lässt, ein Hintertürchen zu finden.

Das Finale ist merkwürdig: Plötzlich bricht die Handlung ab; das nächste Kapitel setzt zeitlich deutlich später ein und präsentiert einen Helden, der das Ende der „Feuerzunge“ in der Rückschau schildert. Das tut dem Spannungsbogen aus heutiger Sicht gar nicht gut, ist aber kein ungewöhnliches Stilmittel; z. B. bediente sich Arthur Conan Doyle seiner in den Sherlock-Holmes-Romanen „Das Zeichen der Vier“ (1890) und „Das Tal der Furcht“ (1915).

Selbstverständlich wird den Untaten der „Feuerzunge“ ein Riegel vorgeschoben. Die eigentliche Konfrontation zwischen Ormûz Khân und Nicol Briun bleibt ausgespart; nur in Ansätzen enthüllt Rohmer, wie Gerechtigkeit geschah: Nicht die Tat zählt, sondern das Ergebnis. Stattdessen schiebt der Verfasser die seitenlange Nacherzählung der Briunschen Abenteuer in Nordindien ein. Die sind durchaus reizvoll und klären die gemeinsame Geschichte von Briun und Naîda, wirken an dieser Stelle freilich fehl am Platz: Der Leser wartet auf Gewissheit über das Schicksal des bösen Ormûz Khân, und auch Paul Harleys Verbleib ist noch ungeklärt.

Selten wird das Alter dieses Romans deutlicher als in diesen kontraproduktiv wirkenden Schlusskapiteln: Heute wäre Khâns Untergang nach allen Regeln der Wortkunst zelebriert worden. Man vermisst nicht die blutigen Details, doch der Ausgang dieses Abenteuers kann einfach nicht (mehr) zufriedenstellen. Die Geschichte von der „Feuerzunge“ ist in ihren Teilen besser geraten als in ihrer Gesamtheit.

Cover der dt. Erstausgabe

Autor

Sax Rohmer wurde am 15. Februar 1883 als Arthur Henry Ward im englischen Birmingham geboren. William Ward, der Vater, arbeitete als Büroangestellter, Margaret, die Mutter, war nervenkrank und alkoholsüchtig, der Familienalltag deshalb ungeregelt. Arthur besuchte erst im Alter von neun oder zehn Jahren die Schule – sein Vater unterrichtete ihn daheim. Später versuchte sich Ward in einer ganzen Reihe von Jobs. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeitete er als Reporter für eine Wochenzeitschrift. In diese Jahre fallen auch erste literarische Veröffentlichungen. 1903 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Sax Rohmer“ „The Mysterious Mummy“, seine erste Kurzgeschichte. Nach eigener Auskunft stand „Sax” für „Saxon”, also (Angel-) Sachse, und „Rohmer“ für „roamer”, d. h. „Wanderer“, aber auch „Herumtreiber“.

Sax Rohmer war kein Literat, sondern ein Produzent für die Magazine und Groschenhefte seiner Ära. Der Durchbruch als Autor kam 1913 mit „The Mystery of Dr. Fu Manchu“, dem ersten einer langen Reihe von Mystery-Thrillern um den anscheinend unsterblichen Fu-Manchu, der Verkörperung der „Gelben Gefahr“ aus einem märchenhaften Asien. In den 1920er und 30er Jahren war Rohmer mit seinen oft mit übernatürlichen Elementen bereicherten Thrillern überaus erfolgreich.

Nach dem II. Weltkrieg siedelten Rohmer und seine Familie in die USA um. Nach einigen Umzügen ließ man sich endgültig in White Plains im Staat New York nieder. Geldnot ließ Rohmer weiterhin sehr produktiv bleiben. Allerdings griffen die bewährten Spannungselemente in einer durch den Krieg kulturell stark veränderten Welt nicht mehr so zuverlässig wie früher. Rohmer konterte u. a. mit einer ‚modernen‘ weiblichen Version von Fu-Manchu und startete 1950 die fünfbändige „Sumuru“-Serie mit dem verheißungsvollen Titel „Nude in Mink“.

Auch das Original blieb aktiv. Der Korea-Krieg ließ alte und neue Vorurteile aufleben. Fu-Manchu wurde kurzerhand Kommunist und trat in die Dienste der chinesischen Machthaber, die er mit aberwitzigen Teufeleien nachhaltig unterstützte. 1955 suchte Fu-Manchu das US-Fernsehen heim, und auch im Radio war er selbstverständlich präsent. „Emperor Fu-Manchu“ wurde Sax Rohmers letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk; der Autor starb am 1. Juni 1959 im Alter von 76 Jahren an einer Lungenentzündung, der ein Schlaganfall folgte.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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sfbentry

Comments

  1. Sehr schöne Rezi, mit vielen Hintergrundinformationen.
    Von Sax Rohmer habe ich nur „Das Geheimnis des Dr. Fu-Manchu“ gelesen. Sogar zweimal! Er war, wie oben beschrieben, kein Literat, verstand es aber zumindest in diesem Roman, sehr spannend zu schreiben. Das kommt vielleicht von seinen Groschenroman-Wurzeln 😉

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