Die Gräfin von Cagliostro

Maurice Leblanc
Die Gräfin von Cagliostro
oder: Die Jugend des Arsène Lupin

(sfbentry)
Originaltitel: La Comtesse de Cagliostro (Paris : Editions Pierre Lafitte 1924)
Deutsche [ungekürzte] Erstausgabe: 1963 (Luitpold Lang Verlag)
Übersetzung: Erika Gebühr
298 S.
[keine ISBN]
Diese Neuausgabe: Oktober 2007 (Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft/Die außergewöhnlichen Abenteuer des Arsène Lupin 1)
Übersetzung: Erika Gebühr, bearbeitet und ergänzt von Nadine Lipp
344 S.
ISBN-13: 978-3-88221-610-3
Als Taschenbuch: Oktober 2009 (Insel Verlag Nr. 3463)
Übersetzung: Erika Gebühr, bearbeitet und ergänzt von Nadine Lipp
344 S.
ISBN-13: 978-3-458-35163-4

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Das geschieht:

Im Jahre 1894 ist Arsène Lupin, der später ebenso berühmte wie berüchtigte französische Meisterdieb, noch ein zwanzigjähriger Jüngling, der sich eher schlecht als recht mit kleinen Diebstählen über Wasser hält. Zur Zeit hält er sich an der normannischen Atlantikküste auf, wo er eine Liaison mit der schönen Clarisse unterhält, Tochter des Barons Godefroy d’Etigues, der den dreisten Frechling gerade aus seinem Schloss gejagt hat.

Der liebeskranke Lupin belagert das Schloss und wird dabei Zeuge eines Komplotts. Baron d’Etigues gehört zu den Gefährten des Jesuiten Beaumagnan, der seit Jahren einen gewaltigen Kirchenschatz zu heben versucht: Im Mittelalter haben sieben reiche Klöster ihn zusammengetragen, um mit dem Erlös Feinde der Christenheit zu bekämpfen. Der Hort wurde sorgfältig versteckt, und alle Hinweise sind verschlüsselt.

Die größte Konkurrentin Beaumagnans nennt sich Joséphine Balsamo, Gräfin von Cagliostro. Sie ist angeblich die Tochter des Alchimisten Guiseppe Balsamo und soll mehr als 100 Jahre alt aber jung und bildhübsch geblieben sein. Der fanatische Beaumagnan nimmt Joséphine gefangen und will sie als Hexe ermorden, doch Lupin kann sie retten. Joséphine gilt als tot und kann die Schatzsuche fortsetzen. Dabei begleitet sie Lupin. Er hat sich unsterblich in die ‚Gräfin‘ verliebt, die sich als Anführerin einer erfolgreichen Diebesbande entpuppt. In den nächsten Monaten lehrt sie ihren jungen Geliebten das Gaunerhandwerk und die Liebe. Doch während Lupin das Leben achtet, geht Joséphine über Leichen. Der Konflikt ist vorgezeichnet. Zu allem Überfluss hat Beaumagnan erfahren, dass seine Feindin lebt, und rüstet zur neuerlichen Attacke …

Eine von hinten aufgezäumte Gaunerbiografie

1924 trieb der Arsène Lupin bereits seit zwei Jahrzehnten gewandt sein Unwesen. Maurice Leblanc hatte die Figur zwar nicht erfunden, sie aber entwickelt und zu seiner eigenen gemacht. 11 Lupin-Abenteuer waren seit 1905 erschienen; sie hatten den Verfasser und seinen Gentleman-Verbrecher nicht nur in Frankreich bekannt und erfolgreich gemacht.

Allerdings gab es anders als beispielsweise im Fall des ebenso berühmten Sherlock Holmes (mit dem Lupin 1906 zumindest intellektuell die Klingen kreuzte) einen weißen Fleck, der die Ursprünge des Meisterdiebs gänzlich verdeckte. Woher kam Arsène Lupin, wie wurde er DER Arsène Lupin? Leblanc schien es 1924 an der Zeit, diese Frage zu beantworten; sie bot ihm außerdem erfreuliche literarische Möglichkeiten.

In den 1920er Jahren waren Lupin-Krimis zwar weiterhin Bestseller, doch die Figur hatte sich spätestens nach dem I. Weltkrieg in einen Anachronismus verwandelt. Lupin gehörte in eine Welt, die von fixen Regeln und einer hierarchischen Gesellschaftsordnung gekennzeichnet wurde. Die einen durchbrach er, mit den anderen spielte er, und das elegante Gelingen dieses Balanceaktes machte seinen Reiz aus. Doch dieser ‚alten‘, in sich ruhenden Welt hatte besagter Krieg ein Ende gemacht.

Mit einem Jugendabenteuer konnte Leblanc sie wieder aufleben lassen. Dabei ging es ihm keineswegs um eine authentische Rekonstruktion der Vergangenheit. Unbekümmert schuf Leblanc eine Mischung aus überzeichnender Fiktion und unterhaltungsorientierter Realität. Viele Jahre vor Dan Brown & Co. ließ er obskure Geheimbünde munkeln und meucheln, die im wahren Leben keinerlei Gegenstücke besaßen. Nächtliche Treffen in verfallenen Kellern, Heldenlauschen in geheimen Verstecken, mysteriöse Botschaften aus dem Mittelalter, eine womöglich unsterbliche Gaunerchefin – und im durchaus gewollt krassen Widerspruch dazu ein Arsène Lupin, der Schurken per Fahrrad verfolgt: Der Ernst der Geschichte liegt allein im Willen, den Leser zu unterhalten. Dazu war Leblanc jedes Mittel, jedes (freilich ironisch gebrochene) Klischee recht.

Klassiker abgehangen aber dennoch frisch

Der Verzicht auf einen ernsthaften Unterton wird neben dem Vergnügen an einer turbulenten Geschichte zum Garanten für einen Lektürespaß, der auch im 21. Jahrhundert anhält. Leblanc tüftelte keine raffinierten Krimi-Plots aus, die dem Leser noch heute Bewunderung abnötigen. Lupin ist mindestens ebenso Abenteurer wie Kriminologe bzw. Krimineller. Er verfügt durchaus über das geistige Potenzial des klassischen Detektivs. Mehrfach verfällt schon der junge Lupin in tiefes Sinnieren und knackt dabei manche Rätselnuss. Ganz wie die „masterminds“ seiner Epoche liebt er es, erst nachträglich dem staunenden Publikum seine Gedankengänge zu enthüllen; über den Zeitpunkt entscheidet er selbst.

Aber unvermittelt begeht der kluge, doch unberechenbare Lupin eine Dummheit, die aus Ungestüm und Liebe und oft genug aus der Kombination beider Elemente geboren wird. „Jugend“ ist für Leblanc ein Synonym für überschäumende und noch nicht zielgerichtete Kraft. Das unterstreicht er durch einen Erzählstil, der eines ganz gewiss nicht ist: sachlich. Gefühle sprudeln förmlich zwischen den Zeilen auf. Erneut zeigt Leblanc die Freude an der Übertreibung. Es wird geliebt und gehasst, als ob das Leben davon abhinge – und zumindest in dieser Welt ist dem auch so. Entsprechend überzeichnet sind die Negativ-Figuren; die sich mit Fug und Recht durch die altmodischen Bezeichnungen „Schurke“ und „Bösewicht“ charakterisieren lassen. Sie tücken so offenkundig, ja naiv, dass der dem Leser die gute, alte Stummfilm-Orgel im geistigen Ohr dröhnt.

Nur Jungfrauen bedrohen sie nicht, denn die glänzen durch Abwesenheit. Dafür sorgt zuverlässig Arsène Lupin persönlich, wobei seine ‚Opfer‘ sich nie zieren; auch dies ist einer jener absichtsvollen Brüche, mit denen Leblanc die zeitgenössische Prüderie auf gallische Weise konterkariert und die den Leser mit dem manchmal allzu ‚ausschmückenden‘ Tonfall versöhnen, der vor allem das Alter dieses Romans belegt.

Lupin kehrt zurück – wieder einmal

„Die Gräfin von Cagliostro“ wurde in Deutschland ungekürzt erst vier Jahrzehnte nach der französischen Originalausgabe veröffentlicht, aber seitdem immerhin regelmäßig aufgelegt. Die Ausgabe von 2007 bzw. 2009 wurde auf der Basis der französischen Neuedition von 2004 durchgesehen, überarbeitet und vor allem mit Anmerkungen versehen, die den Leser über die zum Teil doch fremden Welt von 1894 sowie die normannische Kulisse der Handlung informieren.

Darüber hinaus vermittelt Richard Schroetter unter dem Titel „Initiationen eines Gentleman-Schwindlers“ dem Leser Grundsätzliches zu Maurice Leblanc, seiner Figur Arsène Lupin und zum Roman „Die Gräfin von Cagliostro“, der sich nur nachträglich in die Lupin-Chronologie einpassen lässt.

Zum Text gehören zahlreiche Zeichnungen von Falk Nordmann, die im comichaften Stil das Geschehen illustrieren und gleichzeitig interpretieren. Der Versuch, die Handlung auf diese Weise ins 21. Jahrhundert zu transponieren, kann nur bedingt als gelungen bezeichnet werden, da sich die beabsichtigte Wirkung selten oder gar nicht einstellen will.

Autor

Maurice Leblanc wurde am 11. November 1864 in Rouen, einer kleinen Hafenstadt an der Seine, geboren. Wie es in im 19. Jahrhundert üblich war, wollte der Vater dem Sohn eine ‚sichere‘ Zukunft anbefehlen, was für Maurice die Übernahme Stellung im Verwaltungsapparat der Textilindustrie bedeutet hätte. Doch Leblanc wollte stattdessen Schriftsteller werden. Er zog nach Paris und arbeitete zunächst als Journalist. Erste ‚ernsthafte‘ Romane wurden von der Kritik zwar freundlich aufgenommen, verkauften sich jedoch nicht.

Immerhin weckten Leblancs Versuche als Autor das Interesse des Herausgebers Pierre Laffitte. Er beauftragte 1905 den erfolglosen Verfasser, für die Zeitung „Je Sais Tout“ eine Kurzgeschichte zu schreiben mit dem Titel „Die Festnahme von Arsène Lupin“ zu schreiben. Die Story gefiel außerordentlich, wurde von Leblanc zum Roman „Arsène Lupin, Gentleman cambrioleur“ (dt. „Arsène Lupin, der Gentleman-Gauner”/„Arsène Lupin, der Gentleman-Einbrecher“) ausgearbeitet und war Start zu einer zu einer langen Reihe von Romanen, Geschichten und Theaterstücken um den zwar skrupellosen aber keineswegs unmoralischen Helden, der gegen Gauner-‚Kollegen‘, die gegen seine Grundsätze verstoßen, ebenso vorgeht wie gegen die stets düpierte Polizei. Überhaupt bestiehlt Lupin nur die Reichen und Rücksichtslosen.

Leblanc entlieh sich den Namen „Arsène Lupin“ vom Pariser Stadtrat Arsène Lopin, der darüber nicht begeistert war. Obwohl der Autor dies verneinte, ist Lupins Charakter wohl vom Anarchisten Marius Jacob (1879-1954) inspiriert, der als genialer Einbrecher zum Volkshelden aufstieg, der den Staat, die Justiz und die Polizei immer wieder einfallsreich vorführte.

Arsène Lupin gehört zu den Literaturfiguren, die ihren Schöpfer – Maurice Leblanc starb am 6. November 1941 im südfranzösischen Perpignan – überlebten und auch außerhalb der gedruckten Medien erfolgreich waren. So wurde ein erster (stummer) Lupin-Film bereits 1910 gedreht. Auch ins Fernsehen sowie in kulturell eigentlich fremde Dimensionen stieß Lupin vor; der Enkel des Meisterdiebs ist Held der japanischen Manga- und Anime-Serie „Lupin III“.

Selbstverständlich ist Lupin auch im Internet präsent. Nur stellverstretend seien an dieser Stelle folgende Website (mit zahlreichen Links) genannt. Wie sich dem Titel entnehmen lässt, ist diese Website französischsprachig. Eine deutsche Website speziell zu den von ihm herausgegebenen Lupin-Neuausgaben unterhält die Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft.

[md]

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