Die Kinder des Kapitäns Grant

Jules Verne
Die Kinder des Kapitäns Grant

(sfbentry)
Originaltitel: Les enfants du captaine Grant (Paris : Pierre-Jules Hetzel 1867/68)
Deutsche Erstveröffentlichung: 1876 (A. Hartleben’s Verlag/Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen 11, 12, 13)
[keine ISBN]
Diese Ausgabe (geb.): 1970 (Diogenes Verlag/Jules Verne – Sammlung klassische Abenteuer)
Übersetzung: Walter Gerull
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1977* (Diogenes Verlag/Detebe 20404 u. 20405)
Übersetzung: Walter Gerull
533 u. 486 Seiten
DM 16,80 u. 16,80
ISBN-10: 3-257-20404-3 u. 3-257-20405-1
Neuausgabe (Reprint der dt. Erstausgabe von 1876): April 2011 (Salzwasser Verlag)
652 S.
ISBN-13: 978-3-861-95786-7

* zahlreiche Neuauflagen

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Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1864 erfährt die Welt endlich vom Schicksal des Kapitäns Robert Grant. Zwei Jahre zuvor war der berühmte Seemann und Patriot mit seinem Schiff, dem Dreimaster „Britannia“, aufgebrochen, um irgendwo in den Weiten des Pazifiks eine schottische Kolonie zu gründen. Seither ist er verschollen. Aus dem Bauch eines Hammerhais taucht nun eine Flaschenpost auf, die Auskunft gibt: Die „Britannia“ ist zwar mit Maus aber nicht mit Mann versunken, und Grant gehört zu den Überlebenden! Leider hat die Nachricht die lange Meeresreise nicht gut überstanden; genau dort, wo sich Kapitän Grant über den Ort seines Aufenthaltes auslässt, hat Hai-Magensäure ein großes Loch ins Papier gefressen: Auf 3711’ südlicher Breite lassen sich die Schiffbrüchigen finden, aber der Längengrad, der zur präzisen Lokalisation zwingend notwendig ist, bleibt unbekannt.

Entdeckt wurde Grants Notruf von der Besatzung der Jacht „Duncan“. Lord Edward Glenavan ist ein begeisterter Seefahrer. Außerdem ist er ein schottischer Edelmann vom alten Schlag und stets bestrebt, den Schwachen und Unterdrückten zu helfen – besonders, wenn sich die in Schottland wenig geliebten ‚Besatzer‘ in London dadurch beschämen lassen. Die britische Admiralität will dem lästigen Lokalpatrioten keineswegs eine Suchexpedition hinterherschicken. Lady Helena, Glenavans frisch angetraute Ehefrau, hat den rettenden Gedanken: Wieso nicht mit der „Duncan“ auf Weltreise gehen und den Verschollenen suchen? Dieser hochherzige Plan ist so recht nach dem Herzen ihres wackeren Gatten! Angespornt werden die Retter durch die Ankunft der Kinder des Kapitäns Grant. Mary und Robert haben aus der Zeitung vom Schicksal ihres Vaters erfahren und wollen Genaues erfahren. Als die „Duncan“ gen Südamerika aufbricht, sind sie mit an Bord.

Die patagonische Küste ist das Ziel der Reise. Glenavan und seine Gefährten – sein stoisch-tapferer Vetter Major MacNabbs und John Mangles, Kapitän der ‚Duncan‘ – meinen hier den Ort festmachen zu können, an dem die „Britannia“ scheiterte. Bestärkt werden sie von ihrem neuem Begleiter Jacques Paganel, Sekretär der Geographischen Gesellschaft von Paris und als Gelehrter so berühmt wie als zerstreuter Professor belächelt.

Die Suche nach Kapitän Grant ist schwieriger als erwartet. Obwohl die Reisenden den gesamten südamerikanischen Kontinent auf dem 37. Breitengrad durchqueren und dabei viele gefährliche Abenteuer erleben, finden sie keine Spur von dem Vermissten. Als sich die Gefährten noch einmal mit Grants Nachricht beschäftigen, merken sie, dass diese sich auch ganz anders interpretieren lässt: Die „Britannia“ könnte durchaus auch an der südaustralischen Küste zerschellt sein. Also lässt Lord Glenarvan die „Duncan“ Kurs auf Australien nehmen, doch am Ziel angekommen, müssen die Retter erkennen, dass ihre Irrfahrt um die ganze Welt noch lange nicht zu Ende ist …

Ein Meister auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft

„Die Kinder des Kapitäns Grant“ (in der Verne-Gesamtausgabe später Band 5 der „Voyages extraordinaires“) bildeten 1867/68 den Auftakt einer Trilogie, die mit dem ewigen Verne-Klassiker „20.000 Meilen unter dem Meer“ 1869/70 fortgesetzt und mit dem nicht minder bekannten Monumentalwerk „Die geheimnisvolle Insel“ 1874/75 abgeschlossen wurde.

Nicht von ungefähr repräsentieren diese Werke drei der wichtigsten „Voyages extraordinaires“, denen Jules Verne (1828-1905) jene Verehrung verdankt, die er als Autor bis heute genießt. Sie zeigen den Verne der frühen Jahre, der auf unnachahmliche Weise eine hochspannende, akribisch recherchierte Abenteuergeschichte mit der Hymne auf den menschlichen Forschergeist, der praktisch jedes Hindernis aus dem Weg räumt, zu verbinden wusste.

In diesem Sinne ist Verne ein herausragender Vertreter des Zeitalters der Entdeckungen, die das 19. Jahrhundert als Epoche stürmischen naturwissenschaftlichen Forschens definiert. Über die ganze Welt schwärmten Gelehrte aus und revolutionierten binnen weniger Jahrzehnte das in vielen Aspekten noch mittelalterliche Bild, das sich die Menschen von ihrem Planeten machten. Die Lösung der letzten Rätsel schien zum Greifen nahe – und mit dem Wissen um die Geheimnisse der Natur die Überwindung der menschlichen Unzulänglichkeit. Die Welt zu kennen hieß sie zu ordnen, und mit der Ordnung mussten Frieden, Freiheit und Glück kommen; jedenfalls für jene, die fähig und willens waren, zu lernen und das Gelernte einzusetzen.

Wissenschaftler als Garanten des Fortschritts

Wissenschaftler wurden zu Volkshelden und Garanten für das zukünftige Heil der Menschheit. Zu ihren hervorragenden Vertretern gehörte der deutsch-französische Universalgelehrte und Humanist Alexander von Humboldt (1769-1859). Seine Losung „Mit Wissen kommt das Denken und mit dem Denken der Ernst und die Kraft in die Menge“ könnte praktisch über jeder der „außergewöhnlichen Reisen“ Jules Vernes stehen; nicht ohne Grund lässt der Autor Humboldts (leicht, aber liebevoll karikiertes) Alter Ego Paganel in „Die Kinder des Kapitäns Grant“ dessen Verdienste rühmen.

So stellt sich Vernes Welt geordnet dar. Noch die tiefste Wildnis ist eine Parklandschaft, die gemächlich durchreist und dabei bewundert werden kann. Selbst Naturkatastrophen gleichen eher dramatischen als gefährlichen Höhepunkten; sie konfrontieren die Reisenden mit weiteren Wundern und lassen sich mit Entschlossenheit und in Vorkenntnis des Erlebten mit Leichtigkeit meistern.

Der Mann mit dem Karteikasten

Verne sah sich in der Pflicht, sein Scherflein Wissen beizutragen. Zwar hat ausgerechnet der Autor der „Voyages extraordinaires“ (ähnlich wie Karl May) die meisten Stätten seiner zahlreichen Reiseromane niemals bereist, doch er hat sich und seinen Lesern die Welt praktisch von seinem Schreibtisch erschlossen. Vernes enorme Kartei verzettelte das naturwissenschaftliche Wissen seiner Epoche, sauber geordnet nach Themen und sorgfältig auf dem neuesten Stand gehalten. Wenn die Suchexpedition der „Duncan“ die Südhalbkugel der Erde bereist, dann bewegt sie sich in einer Welt, die ‚stimmt‘ – jedenfalls nach dem Kenntnisstand der europäisch-amerikanischen Forscherelite.

Dies zu gewährleisten war Verne stets ein Herzensanliegen und eine Ehrensache. Wer seine Romane las, sollte sich unterhalten und bilden oder unterhaltsam bilden; er zog da keinen strengen Trennstrich. So nehmen Beschreibungen über Land und Leute, Tier- und Pflanzenwelt, reichlich ergänzt durch erklärende Fußnoten, in „Die Kinder …“ mindestens die Hälfte der bedruckten Seiten ein (1). Sie wurden später gern zugunsten der ‚actionbetonten‘ Passagen gekürzt: ein eindrucksvoller Beleg für sich wandelnde Lesegewohnheiten, besonders aber für das Ende eines Zeitalters, in dem der Erwerb, die Vermittlung und die Rezeption von Wissen quasi einen Breitensport bedeutete, dessen Anhänger in sämtlichen Gesellschaftsschichten zu finden waren.

Macht bedeutet Verantwortung

Fortschrittlich für einen Mann des 19. Jahrhunderts zeigt sich Verne auch in der Frage des Umgangs mit den Ureinwohnern dieser Welt. Während diese im Zeitalter des Imperialismus entweder als dumpfe Wilde und Heiden betrachtet wurden, die es zu missionieren, als Arbeitssklaven auszubeuten oder als lästige Bewohner jener Landstriche, die man in Beschlag zu nehmen gedachte, auszurotten galt, ist sein Urteil differenzierter. Natürlich steht auch für Verne der weiße Mann turmhoch über dem ‚Eingeborenen‘, der zu leiten und zu zivilisieren ist. Andererseits macht er unmissverständlich klar, dass besagte Ureinwohner als menschliche Wesen mit eigener Kultur und eigenen Rechten zu achten sind. Ausführlich und ebenfalls sehr deutlich für einen Mann, der doch angeblich ‚nur‘ Unterhaltungsromane schrieb, verdeutlicht Verne am Beispiel der neuseeländischen Maoris, dass primär Unverständnis und Rücksichtslosigkeit seitens der weißen Siedler jenes Klima der Gewalt erzeugten, das von diesen beklagt und den ‚Wilden‘ angelastet wurde (2).

Sogar über die Zerstörung der Umwelt macht sich Verne seine Gedanken, und das verblüfft wirklich, war er doch Kind einer Zeit, in der die Menschen buchstäblich Berge versetzten – oder gnadenlos ganze Urwälder niederholzten, Kontinente ihrer Schätze beraubten und zum Zeitvertreib auf alles schossen, was da kreuchte und fleuchte. Verne ist diese brachiale Eroberung der Erde – selbst wenn er sie gern dem kolonialen Konkurrenten Großbritannien anlastet – durchaus unheimlich; seine Hellsichtigkeit in diesem Punkt bescherte ihm im Alter viel Kummer und Verdruss, denn unter dem Eindruck einer gar nicht so strahlenden, die Versprechungen der Jugend Lügen strafenden Realität verkehrte sich sein Kultur-Optimismus ins Gegenteil.

Wer viel weiß, wird gern ausführlich

Die eigentliche Handlung leidet selten bis gar nicht unter den fortwährenden geografischen, bio-/geo-/ethnologischen etc. Lektionen: Jules Verne war als Schriftsteller ein Vollprofi, der die Mechanismen des Geschichtenerzählens sehr genau kannte. Gealtert sind „Die Kinder …“ höchstens in Passagen, die aus heutiger Sicht entweder zu patriotisch oder zu pathetisch (oder beides) geraten sind. Es werden Hände gerungen und Treueschwüre geleistet, Busen wogen heftig bei Weiblein und Männlein, laut wird in der Wildnis Hurra gerufen, wenn etwas gelingt oder gefällt, manche bittere Zähre vergossen, wenn dies nicht der Fall ist, und so manches Mal werfen sich unsere Reisenden zwischen den Zeilen gar zu sehr in Pose.

Auch die weibliche Leserschaft dürfte im 21. Jahrhundert mit Vernes Frauenbild ihre Schwierigkeiten haben. Dabei gestattet er seinen beiden Heldinnen wenigstens hier und da durchaus mehr als die rein passive Rolle, die ihnen die Mehrzahl der zeitgenössischen Autoren zugebilligt hätte. Doch „Die Kinder …“ entstanden nun einmal in einer vergangenen Epoche, und das muss und sollte man bei der Lektüre berücksichtigen. Auf jeden Fall vermeidet Verne den gar zu tiefen Griff in den Schmalztopf, der die meisten Karl-May-Romane heute schier unleserlich werden lässt. Deshalb lesen sich mehr als 1.000 Seiten heute noch so unterhaltsam wie vor mehr als einem Jahrhundert (3).

Die Kinder des Kapitäns Grant im Film

1962 ließ Walt Disney-das Verne-Abenteuer unter dem Titel „In Search of the Castaways“ verfilmen. Hausregisseur Robert Stevenson inszenierte einen aufwändig-bunten Streifen im Stil seines Studios, d. h. besetzt mit zweitklassigen oder gerade in einem Karrieretief befindlichen Schauspielern (u. a. spielte Maurice Chevalier, der Hans Moser Hollywoods, den Paganel), geschlagen mit einem plump harmoniesüchtigen, sentimental-kitschigen Drehbuch aber technisch und ausstattungsmäßig auf der Höhe der Zeit und heute durch einen kräftigen Nostalgie-Bonus geadelt.

Die Qual der Wahl …

In mehr als einem Jahrhundert wurden „Die Kinder …“ auch in Deutschland immer wieder aufgelegt und neu veröffentlicht. Leider erfuhr Jules Verne dabei allzu oft das Schicksal, primär als Kinder- und Jugendbuchautor verkauft zu werden. Da der Nachwuchs bekanntlich lesefaul und vor allem blöd ist (jedenfalls nach Ansicht derer, die ihn mit Büchern versorgen), wurden Vernes Bücher ‚bearbeitet‘, d. h. gekürzt und auf ihr Handlungsgerüst reduziert. Dass damit Vernes Intentionen mit Füßen getreten wurde, war dabei selbstverständlich kein Hinderungsgrund.

Heute sollte man am besten auf den Taschenbuch-Doppelband des Diogenes-Verlages zurückgreifen. Dies ist nicht die erste oder einzige vollständige Ausgabe, aber wohl diejenige, die sich antiquarisch am einfachsten (und kostengünstig) finden und erwerben lässt.

Anmerkungen

(1) Hier fließen Vernes ab 1864 belegten Vorarbeiten zu seinem Sachbuch-Klassiker „Découverte de la Terre. Histoire générale des grands voyages et des grands voyageurs“ (1878/80, dt. „Die großen Seefahrer und Entdecker. Eine Geschichte der Entdeckung der Erde im 18. u. 19. Jh.“) deutlich und vielleicht ein wenig zu penetrant ein.

(2) Natürlich steht Verne damit auch in der Tradition des „edlen Wilden“, der die gebildeten Europäer (aus sicherer Entfernung) ihre Sehnsucht nach einem reinen, unverfälschten und vor allem überschaubar-einfachen Leben in die „Naturvölker“ projizieren ließ. James Fenimore Cooper („Lederstrumpf“), Friedrich Gerstäcker oder der unvermeidliche Karl May sind hier zu nennen, doch Jules Verne wird sich vermutlich eher an den französischen Bestsellern wie Gustave Aimards „Balle-franche“ (1860, dt. „Freikugel“) orientiert haben.

(3) Wer in Wort und Bild mit auf diese und andere Verne-Reisen gehen möchte, kann und sollte dies hier im Internet unter tun.

[md]

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