Die unheimliche Reise

Wade Miller
Die unheimliche Reise

Nightmare Cruise (New York : Ace Books 1961)/The Sargasso People (London : W. H. Allen 1961)
Deutsche Erstausgabe: 1963 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 156)
Übersetzung: N. N.
174 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Mit seiner alten DC-3 fliegt Pilot und Lebenskünstler Ed Koch jede Fracht von Puerto Rico in die USA und umgekehrt. Dieses Mal hätte er sich den Inhalt der transportierten Kisten besser anschauen sollen, denn sie enthielten Heroin, das von der Polizei entdeckt und beschlagnahmt wurde. Dass man ihn ebenfalls zur Rechenschaft ziehen wird, ist nur eine Frage der Zeit, weiß Koch, und tatsächlich taucht ein FBI-Agent auf, der ihn verhaften will. Koch wehrt sich und erschießt versehentlich den Mann. Nun bleibt ihm nur noch die Flucht.

Trotz eines schweren Sturms steigt er mit seiner Maschine auf. Doch die Natur ist gegen ihn. Die DC-3 stürzt über der Sargassosee ab. Koch hat noch Glück, denn die Maschine landet auf einem dicken Braunalgen-Bündel und bleibt über Wasser. Niemand wird ihn hier draußen jedoch suchen oder finden. Die Lage scheint aussichtlos, bis Koch durch den dichten Nebel plötzlich Klaviermusik hört: Auch die Yacht „Nymphe“ wurde vom Sturm beschädigt, das Funkgerät zerstört. Ohne Antrieb und Steuer treibt das Boot hilflos über den Atlantik.

Der gerettete Cook findet sich in einer eigentümlichen Gesellschaft wieder. Kapitän Moya Auberon steuerte mit ihrem Vater, dessen deutlich jüngeren Ehefrau Holly June, ihrem Ex-Mann und einigen undurchsichtigen Freunden die Bahamas an. Von Einigkeit gibt es auch in der jetzigen Krise keine Spur, stattdessen stiehlt und hortet jemand Lebensmittel für den Notfall – und ermordet in der Nacht den verletzt im Koma liegenden Koch Opie!

Gejagt vom Gesetz, gestrandet und an Bord mit einem Mörder: Kann es für Cook noch schlimmer kommen? Die Antwort ist klar, als Holly June behauptet, sie habe eine Gestalt gesehen, die sich im Nebel über die Algenbänke der Yacht näherte …

Pulp in seiner reinen, besten Form

„Pulp“: Dies bezeichnete ursprünglich das holzige Ausgangsmaterial, aus dem möglich kostengünstig das Papier für jene billig verkauften Magazine hergestellt wurden, die ab den 1920er Jahren für knallige, politisch unkorrekte und optimale Genre-Unterhaltung sorgten. Der Manuskript-Hunger der Herausgeber sorgte dafür, dass auch Neulingen eine Veröffentlichungs-Chance geboten wurde. Die Honorare waren niedrig, sodass vor allem fixe Autoren auf ihre Kosten kamen. Trotzdem – oder gerade wegen der limitierenden Faktoren? – gelangen vielen später berühmten Schriftstellern ihre ersten Schritte im Pulp-Getto. Andere Autoren lieferten hier ihr besten Arbeiten, denn niedrige Entlohnung, billiges Papier und bunte Titelbilder schlossen vielleicht literarische, keineswegs aber erzählerische Qualitäten aus. Diese Geschichten mussten nur einem Zweck genügen – nämlich ihre Leser unterhalten.

Nach dem II. Weltkrieg gingen die klassischen Story-Magazine allmählich ein. Sie wurden ersetzt vom Taschenbuch-Markt, auf dem das „Pulp“-Prinzip ebenfalls funktionierte. Weiterhin triumphierte, was die selbsternannten Wächter der wahren Werte u. a. Spielverderber die Nasen rümpfen ließ: Gewalt, Sex, Action, wobei die Reihenfolge ständig wechselte. Freilich besaß eben diese rohe, auf den Punkt gebrachte Verbrauchsliteratur ohne verklärenden Zuckerguss ihre ganz eigenen Qualitätenm wie Wade Miller mit „Die unheimliche Reise“ belegt.

Der Story – und nur der Story – dienen

1961 erschien dieser Roman bei Ace Books und damit in einem Verlag, der praktisch ein Synonym für effektvolle Reißer ist, die direkt auf den Bauch des Lesers zielen (und gern auch noch ein Stückchen darunter). Verfasser Miller befolgt perfekt die Vorgaben, die den Käufer nach „Die unheimliche Reise“ greifen lassen sollen. Wer die Inhaltsangabe studiert, kann im Grunde gar nicht anders, als neugierig zu werden. Sie lockt mit Köder-Begriffen wie „Flugzeug-Absturz“, „Hurrikan“, „Sargasso-See“, „steuerlose Segel-Yacht“ und beschwört bereits auf diese Weise eine ebenso spannende wie unheimliche Atmosphäre herauf.

Obwohl Miller jeder Effekt und jeder Trick recht ist, um seine Leser auf die Folter zu spannen, spielt er dennoch mit offenen Karten. Es gibt jede Menge Überraschungen aber keine verborgenen Hintertürchen. Zwar ist „Die unheimliche Reise“ nicht nur Krimi, sondern auch Abenteuer-Roman, doch Miller hält sich strikt an die Regeln des klassischen „looked room mystery“: Obwohl sich ein Nebenstrang der Handlung um nächtliche ‚Besuche‘ aus dem Algen-Dschungel dreht, gehört zur uns vorgestellten Besatzung, wer mordend auf der „Nymphe“ umgeht.

Realismus ist nur insoweit gefragt, wie er die Handlung spannender gestalten kann. Gleichzeitig sind Klischees keineswegs verpönt, sondern problemlos gestattete Gestaltungshilfen. „Pulp“-Storys müssen schnell geschrieben werden und sein. Auf diese Weise trägt der Schwung die Handlung über logische Löcher hinweg, in die sie ansonsten sicherlich stürzen würde. In unserem Fall lassen u. a. Cooks ‚Ausflüge‘ über die Algenwälder stutzen. De facto bilden die (tatsächlich existierenden) Algen der Sargasso-See keinen ‚begehbaren‘ Dschungel. Ebenso unwahrscheinlich – aber eben effektvoll – ist die Begegnung mit einem im Tang gefangenen Wikingerschiff, das Auftauchen eines zombiehaften Schiffbrüchigen oder die Invasion gefräßiger Mini-Krabben.

Eine kunterbunte, verdächtige Schar

Klischees bestimmen die Figurenzeichnung. Auch hier hat der „Pulp“ eigene Regeln: Die bekannten Standards werden überzeichnet und auf die Spitze getrieben, bis sie wieder unterhaltsam wirken. Die durch die neblige Sargasso-See treibende „Nymphe“ wird zu einem Geisterschiff der verloren Seelen, denn an Bord sind ausschließlich Männer und Frauen, die nicht nur düstere Geheimnisse hüten, sondern auch in der Gegenwart sehr exzentrisch auftreten.

Hauptfigur Ed Cook führt den Leser durch das Geschehen. Er ist der Außenseiter, der den objektiven Blick auf das auch ohne kriminelles Tun seltsame Reden und Handeln seiner ‚Retter‘ versucht. Dabei passt er selbst hervorragend in diese Runde, denn auch Cook ist ein Mann, der etwas verbirgt – und ein Mann, der noch im Moment der Rettung quasi verdammt ist.

Wiederum ohne Scheu vor offensichtlicher Effekthascherei setzt Miller die Besatzung der „Nymphe“ sexuellen Spannungen aus. Schon die Namen sind Hinweise: Moya Auberon ist die gleichermaßen erfahrene wie vom Leben enttäuschte, scheinbar kalte und unnahbare ‚Göttin‘, Holly June die junge, hübsche, dumme aber berechnende Schlampe. Die eine ist gar nicht so eisig, wie sie sich gibt; sie wartet nur auf den richtigen Mann (= Cook), die andere sorgt durch erotische Disziplinlosigkeit für eine weitere Zuspitzung der ohnehin explosiven Stimmung.

Das Ende ist gleichzeitig Anfang

Aufgrund des exotischen Schauplatzes ignoriert Miller, der im Krimi-Hauptplot ‚fair‘ spielt, ansonsten Genregrenzen. „Die unheimliche Reise“ bietet Horror und vor allem Abenteuer. Selbstverständlich gehen die Lebensmittel zu Ende, schwappen die Wogen ins lecke Schiff, warten hungrige Haie im Kielwasser der „Nymphe“ auf ihre Stunde. Einmal mehr muss man Miller dafür bewundern, dass er diese Klischees nicht nur direkt ansteuert, sondern sie in den Verlauf einer reizvollen Geschichte zu integrieren weiß. „Die unheimliche Reise“ bietet in den Einzelheiten nichts Neues. Insgesamt bietet dieser Roman reines Lektüre-Vergnügen. Miller hat ein ausgezeichnetes Gespür für Spannung und Stimmung. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Timing.

Höchstens der Schluss kommt ein wenig abrupt. Möglicherweise drohte der Redaktionsschluss, oder die vereinbarte Seitenzahl war erreicht. Miller bringt die Handlung jedenfalls recht abrupt zur Auflösung. Zu diesem Zeitpunkt ist das eigentliche Rätsel – wer mordet an Bord der „Nymphe“? – glücklicherweise bereits aufgeklärt. Nun gilt es, das Happy-End zu gewährleisten. Wie wäscht man einen Mann rein, der einen FBI-Mann – in den 1960er Jahren Repräsentant von Recht & Gesetz – umgebracht hat? Miller wusste es auch nicht bzw. griff auf die „Pulp“-Logik zurück – und dieses eine Mal überreizt er sein Blatt, was gar nicht einfach ist in einer insgesamt irrealen Story! Allerdings kann dieser eine ‚Ausrutscher‘ keinesfalls verderben, was auf 170 immer  turbulenten Seiten vor den Augen des faszinierten Lesers entfesselt wurde!

Autor

Wade Miller ist das Pseudonym des Autorenduos Robert Allison „Bob“ Wade (geb. 1920) und H. William „Bill“ Miller (1920-1961). Die beiden seit Schultagen unzertrennlichen Freunde debütierten 1947 mit „Guilty Bystanders“, dem ersten Roman der Serie um den Privatdetektiv Max Thursday, die von der Kritik zu den besten ihrer Zeit gezählt wird. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten schrieben Wade & Miller als „Wade Miller“, aber auch als „Will Daemer“, „Dale Wilmer“ und „Whit Masterton“ mehr als dreißig Romane, von denen immerhin neun verfilmt wurden. Unter diesen Filmen ragt hoch der Noir-Klassiker „Touch of Evil“ heraus, den 1958 Orson Welles mit Charlton Heston, Janet Leigh, Marlene Dietrich und sich selbst in den Hauptrollen inszenierte.

Als Miller 1961 völlig überraschend einem Herzanfall erlag, schrieb Wade im Alleingang weiter, beschränkte sich jedoch zukünftig auf das Pseudonym „Whit Masterton“. Sein letzter Roman erschien 1979. Dem Krimigenre ist er jedoch als kundiger Spezialist und Autor der Kolumne „Spadework“ verbunden geblieben.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Hallo Michael,

    sag mal, du must doch auch in deinem Keller einige Tonnen Papier haben. Und deinen Rezis nach, hast du auch in deinem Leben viel gelesen. Einfach unglaublich gut, vielen Dank an dieser Stelle noch mal für deine Rezis.

    Mit galaktsichen Grüßen
    galaxykarl ;-))

  2. Die Wahrheit ist: Herr Drevniok hat sich heimlich vom Millitär klonen lassen, als die ein Experiment wagen wollten. Rausgekommen ist: Herr Drevniok gibt es vier mal! Aber das Problem beim Militär war: alle wollten von Krieg und Waffen nix wissen und nur sich mit Bücher beschäftigen. So leben die vier also in einem Haus auf dem Lande und müssen immer wieder drauf achten, dass nur immer einer von Ihnen das Haus verläßt, damit man dort nicht merkt, dass es den Herrn gleich viermal gibt!

    Habe ich Recht? Herr Drevniok?

  3. Das mit dem „Haus auf dem Lande“ stimmt, und gewichtsmäßig könnte es mich wohl doppelt geben, aber ansonsten ist es erstaunlich, was man lesend schaffen kann, wenn man das Fernsehen hauptsächlich furchtbar findet und das Internet nur als Informationsquelle aufsucht! (M. Drewniok)

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