Die Verschollenen

Brian Keene
Die Verschollenen

Originaltitel: Castaways (New York : Leisure Books 2009)
Übersetzung: Charlotte Lungstrass
Deutsche Erstausgabe: März 2011 (Heyne Verlag/TB Nr. 52742)
381 S.
ISBN-13: 978-3-453-52742-3
eBook: März 2011 (Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-03986-8

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Das geschieht:

Zehn im realen Leben gescheiterte Pechvögel und Hohlköpfe verkaufen dem Teufel bzw. einem US-Fernsehsender ihre Seelen. Sie werden auf eine Tropeninsel im Südpazifik geschafft, wo sie im Rahmen der Realityshow „Castaways“ gegeneinander antreten. Dümmliche Spiele, inszenierter Streit und voyeuristische Fleischbeschau sollen für hohe Einschaltquoten sorgen, während ein eingebildeter ‚Moderator‘ die Peitsche schwingt.

Die Invasoren aus der Zivilisation haben selbstverständlich weder Interesse an noch Kenntnis von der Geschichte des vermeintlich einsamen Eilands. Sie wüssten sonst, wieso die Ureinwohner der Region sie meiden wie die Pest: Seltsame Kreaturen hausen in den tiefen Wäldern. Sie sind leidlich intelligent aber extrem ungesellig und leicht erregbar. Schon früher endeten Besucher ausnahmslos unter ihren Speeren. Die „Castaways“-Meute hat einen besonders ungünstigen Moment für ihren Auftritt gewählt. Den Wesen geht das Jagdwild aus, und die inselbedingte Isolation ließ sie degenerieren.

Ein aufziehender Tropensturm sorgt für die ersehnte Gelegenheit. Die skrupellosen Fernsehleute lassen ihre Dschungelcamper auf der Insel zurück. Ohne Störung beginnen die Geschöpfe, ihren Plan zu verwirklichen: Die Männer sollen im Kochtopf landen, die Frauen gesunde Monsterbabys zur Welt bringen.

Natürlich ergeben sich die entsetzten Opfer nicht in ihr Schicksal. Allerdings verhindern Feiglinge und Irre die Bildung einer kampfstarken Front, während der Gegner seinen Heimvorteil erbarmungslos ausnutzt. Zu einem gewissen Ausgleich kommt es erst, als die Überlebenden die Gesetze und Regeln der Zivilisation abstreifen und es den Wesen mit gleicher Münze heimzahlen …

Horror – und nur Horror!

Wieso orientiert sich Brian Keene für seinen Roman „Die Verschollenen“ ausgerechnet an Richard Laymon, einem – vorsichtig ausgedrückt – fragwürdigen Vorbild? Die Antwort ist einerseits einfach und andererseits schwer verständlich: Keene möchte Laymon als König des literarischen Trash-Horrors huldigen. Dieser merkwürdige Monarch war weniger Schriftsteller als Lieferant eines rasanten, wie besessen produzierten Grobschnitt-Grusels, der im Rahmen simpler Plots und auch stilistisch denkbar einfach grässliche Metzeleien und pubertäre, gern durch Gewalt ‚aufgepeppte‘ Sex-Szenen aneinanderreihte.

In schneller Folge warf Laymon solche Reißer auf den Buchmarkt, denn es gab (und gibt) ein Publikum, das seinen Horror lieber eindimensional, d. h. ohne Subtext oder ähnliche Ecken und Kanten goutiert. (Böse Menschen – zu denen dieser Rezensent natürlich nicht gehört – würden in diesem Zusammenhang Mutmaßungen über Anspruch oder gar Intellekt der genannten Leserschaft anschließen; weiten wir stattdessen die Definition dessen aus, was „Unterhaltung“ darstellt, und gönnen wir dem Trashhound, was des Trashhounds ist.) Diesen lukrativen Kurs haben weitere Autoren eingeschlagen, zu denen auch Brian Keene gehört.

Mit „Die Verschollenen“ schließt er einen Kreis, den Laymon mit „The Cellar“ (dt. „Im Keller“) 1980 öffnete. Dieses Buch wurde Keene zur Vorlage, obwohl auch Laymon seinen Horror-Roman „Island“ (1995; dt. „Die Insel“) auf einer tropischen Insel spielen ließ. Wie der Verfasser in einem Nachwort berichtet, ehrten 2001 Laymon-Jünger den gerade verstorbenen Meister mit einem voluminösen Erinnerungsbuch. Keene trug die Story „Castaways“ bei, die lose an Laymons „Im Keller“ anknüpfte. Dort hausten Kreaturen, die ein allzu unternehmungslustiger Seefahrer einst von einer Pazifikinsel entführt hatte. Keene ließ seine Protagonisten 2001 genau dort stranden. Für „Die Verschollenen“ strich er 2009 diesen Kontext. Die „Keller“-Monster sind nun einfach Monster auf einer Insel.

„Locked Room Hystery“

Nicht nur der Rätselkrimi liebt den von der Außenwelt isolierten Tatort. Alle Verdächtigen sind versammelt, niemand kann flüchten, und von außen ist keine Einmischung zu befürchten: Man muss sich arrangieren sowie damit leben, dass der Mörder ein Mitglied der Gruppe ist.

Keene wählt eine besonders exponierte Kulisse: Er pfercht seine Figuren in einem sogar heutzutage schwer zugänglichen Winkel der Welt zusammen, der zu allem Überfluss auf allen Seiten von Wasser umgeben ist. Auf dieser Erde gibt es wenige Plätze, die es in Sachen Isolation mit einer Insel aufnehmen können. Flucht ist – mit freundlicher Unterstützung eines Wirbelsturms – unmöglich.

Das Böse kommt nicht bzw. nur bedingt aus den Reihen der TV-Insulaner. Es ist auf der Insel ansässig und tarnt sich dort zunächst, bis die Falle zuschnappt. Aus seiner Existenz macht Keene kein Geheimnis; Stimmung und subtiler Spannungsaufbau sind dem Trash-Horror fremde Elemente. Irgendwann und zu einem erstaunlich frühen Zeitpunkt tauchen die Kreaturen auf, von denen wir primär wissen müssen, dass sie böse, hungrig und geil sind.

Wenn sich Mensch und Monster treffen, bricht atemlose Hektik bzw. Hysterie aus. Kreuz und quer geht die wilde Jagd – dabei eine breite Spur aus Blut, Eingeweiden und Leichen hinterlassend – über Stock & Stein. Keene bemüht sich nach Kräften, die erwarteten Gräuel zu inszenieren, die indes auf dem Papier nur bedingt die gewünschte Mischung aus Ekel und Faszination entfalten können.

Parade der Pappkameraden

Woran die Figurenzeichnung ein hohes Maß an Mitschuld trägt. Etwa ein Dutzend mehr oder weniger repräsentativer Zeitgenossen hat sich dem Diktat des modernen Müll-Fernsehens unterworfen. Sie tragen Namen, die Keene zwar nennt; er macht sich sogar die Mühe, seinen Protagonisten (klischeetriefende) Vorgeschichten zu dichten, ohne zu bemerken, wie kontraproduktiv dies ist: Dass wir die Figuren kennenlernen, ändert nichts an ihrer Profillosigkeit. Keene könnte sie „Zicke“, „Schläger“, „Psycho“, „Sonderling“, „Mädchen von nebenan“ usw. nennen, was völlig ausreichend wäre. Wir interessieren uns nicht für sie, die ohnehin nur Kanonenfutter sind, das von den Inselmonstern filetiert wird.

Bis es soweit ist, füllt Keene viel zu viele Seiten mit ‚perversen‘ Sex-Szenen, die höchstens unter verklemmten US-Highschülern für emotionalen Aufruhr sorgen könnten. Hinzu kommen kindische Intrigen, mit denen Keene die Uneinigkeit seiner Robinsons betonen möchte. Sie folgen der Holzhammer-Regie echter Reality-Shows und produzieren folgerichtig nur heiße, übelriechende Luft bzw. Langeweile. Zu allem Überfluss entpuppt sich eine der Fernseh-Marionetten als irrer Fanatiker, der seine Weltverbesserungs-Visionen durch Mord & Todschlag zu verwirklichen versucht.

Keene gelingt die Hommage insgesamt viel zu gut, obwohl er sich besser ausdrücken kann als Laymon. „Die Verschollenen“ ist ein jederzeit eindimensionales Hit-&-Run-Spektakel, das durch Blut-und-Gekröse-Einlagen aufgeladen werden soll. Doch ohne jede Raffinesse serviert, funktioniert Splatter höchstens im Film. Wieso sollte man sich durch ein Buch quälen, das nur andeuten kann, was Spezialeffekte buchstäblich sichtbar machen? Dieses Manko könnte durch einen hintergründigen Plot ausgeglichen werden. Den gibt es nicht. „Die Verschollenen“ bietet viel Gebrüll, aber es fehlen die Zähne, mit denen sich die Geschichte im Hirn festbeißen könnte; sie erreicht höchstens den Hintern des Lesers.

Autor

Brian Keene (geboren 1967) wuchs in den US-Staaten Pennsylvania und West Virginia auf; viele seiner Romane und Geschichten spielen hier und profitieren von seiner Ortkenntnis. Nach der High School ging Keene zur U.S. Navy, wo er als Radiomoderator diente. Nach Ende seiner Dienstzeit versuchte er sich – keine Biografie eines Schriftstellers kommt anscheinend ohne diese Irrfahrt aus – u. a. als Truckfahrer, Dockarbeiter, Diskjockey, Handelsvertreter, Wachmann usw., bevor er als Schriftsteller im Bereich der Phantastik erfolgreich wurde.

Schon für seinen ersten Roman – „The Rising“ (2003), ein schwungvoll-rabiates Zombie-Garn – wurde Keene mit einem „Bram Stoker Award“ ausgezeichnet. Ein erstes Mal hatte er diesen Preis schon zwei Jahre zuvor für das Sachbuch „Jobs In Hell“ erhalten. Für seine Romane und Kurzgeschichten, ist Keene seitdem noch mehrfach prämiert worden. Sein ohnehin hoher Ausstoß nimmt immer noch zu. Darüber hinaus liefert er Scripts für Comics nach seinen Werken. Außerdem ist Keene in der Horror-Fanszene sehr aktiv. Sein Blog „Hail Saten“ gilt als bester seiner Art; die Einträge wurden in bisher drei Bänden in Buchform veröffentlicht.

Brian Keene hat natürlich eine Website, die sehr ausführlich über sein Werk und seine Auftritte auf Lesereisen informiert. Über den Privatmann erfährt man allerdings nichts; es gibt nur die obligatorische, hier besonders karge Kurzbiografie.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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