EarthCore

sigler-earthcore-cover-heyne-2010Scott Sigler
EarthCore

Originalausgabe: Earthcore (2001; als Buch Calgary : Dragon Moon Press 2005)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstausgabe (geb.): Juni 2008 (
Otherworld Verlag)
384 S.
ISBN-13: 978-3-9026-0704-1
Als Taschenbuch: Juni 2010 (
Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43507)
624 S.
ISBN-13: 978-3-453-43507-0

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Das geschieht:

Der alte Prospektor Sonny McGuiness kann sein Glück kaum fassen, als er in den Bergen der Wah-Wah-Moutains tief in der Wüste des US-Staates Utah auf die legendäre Jessup-Mine stößt. Anderthalb Jahrhundert war sie verschollen, und noch länger gilt sie bei den Ureinwohnern der Region als verflucht, da Goldgräber und später Höhlenforscher hier beunruhigend regelmäßig spurlos verschwanden. Zuletzt ereilte 1942 drei Studenten dieses Schicksal, aber zuvor bargen sie ein seltsames, viele Jahrtausende altes Messer aus purem Platin, das für Menschenhände untauglich wirkt. Die Archäologin Veronica Reeves hat ein gussgleiches Messer in Argentinien entdeckt; offenbar gab oder gibt es im Inneren der Erde eine uralte, mächtige Kultur, die den ‚oben‘ lebenden Menschen feindlich gesonnen ist.

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Fundstätte in Utah ist allerdings nicht möglich. Der mächtige, sowohl rechtlich als auch moralisch außerhalb der Norm agierende EarthCore-Konzern ist McGuiness auf die Schliche gekommen und hat ihn zur ‚Zusammenarbeit‘ erpresst. Modernste Technik wird heimlich zur Mine geschafft, die sich als gewaltiges, künstlich geschaffenes Höhlensystem entpuppt, dessen Zentrum ein gewaltiger, unermesslich wertvoller Block puren Platins bildet. Diesen Schatz will EarthCore-Manager Connell Kirkland mit wirklich allen Mitteln sowohl geheim halten als auch heben. Dazu bedient er sich notfalls der psychopathischen Killerin Kayla Meyers, die freilich längst das Lager gewechselt hat und das Wissen um die Mine an EarthCores Konkurrenz verkaufen will.

Fünf Kilometer dringt die Bohrfräse in die Erdkruste vor. In ewiger Dunkelheit stören die (neu-) gierig dorthin vorrückenden Menschen, zu denen sich inzwischen Veronica Reeves gesellt hat, Kreaturen auf, die spinnefeind auf die Gäste aus der Helligkeit reagieren. Entschlossen, die Eindringlinge auszurotten, strömen sie aus der Tiefe, um ihre planvoll von der Außenwelt abgeschnittenen Opfer zu zerschnetzeln …

Schatten und Dinge, die in ihnen lauern

Uralte Furcht und Hightech-Wissen: Theoretisch sollte das Wissen den meisten Ängsten den Garaus machen. Doch das menschliche Reptilien-Gehirn ist noch präsent, und es greift nach wie vor steuernd in die Angriffs- und Verteidigungs-Aktivitäten seines Trägers ein, dessen Bauplan nie wirklich grundlegend modernisiert wurde. Gespeichert blieben und abgerufen werden deshalb Reize und Reaktionen, die dem urzeitlichen Höhlenbewohner angemessener sind als dem selbstbewussten Herrn oder der Dame der Schöpfung.

Wer dies auf die Probe stellen möchte, begebe sich im Einklang mit der Handlung dieses Romans in eine Höhle und schalte tief in deren Inneren das Licht ab. Selbst der Skeptiker wird nach kurzer Zeit erleben, wie die Vernunft mit archaischer Beklemmung zu kämpfen beginnt. Dass Ohren, Nase und Haut die Sinnesaufgaben der Augen zu übernehmen beginnen, bietet dabei keinen Trost, da der Mensch der Jetztzeit solche Signale nicht mehr korrekt auszuwerten weiß. Unbeeinträchtigt bleibt jedoch seine Vorstellungskraft. Diese stimuliert besagtes Reptilien-Gehirn, und das drückt den Alarmknopf.

Somit bietet eine Höhle ideale Voraussetzungen für spannende Geschichten, obwohl die thematische Spannbreite beschränkt bleibt: Es kann im Grunde immer nur darum gehen, dass in der Dunkelheit jemand hockt, der sich besser orientieren kann als das zitternde Opfer. Dieser Plot funktioniert jedoch prächtig. Wir wissen, dass hinter der nächsten Biegung kein Höhlenbär mehr auf uns wartet. Trotzdem stellen sich unsere Haare immer noch auf, selbst wenn wir über eine Expedition ins düstere Innere der Erde nur lesen.

Das Angst-Eisen schmieden, bis es heiß wird

Das Vergnügen steigt, wenn sich ein Autor wie Scott Sigler des Jobs annimmt, seine Leser in Angst & Schrecken zu versetzen. Literarische Ehren wird er zwar kaum jemals beanspruchen dürfen, doch in Sachen Unterhaltung ist sein Talent außerordentlich. „EarthCore“ ist ein Weird-&-Science-Fiction-Thriller der trivialen Art: ein „No-Brainer“, wie Sigler selbst sein Werk nennt. Originelle Ideen wird der Leser nicht finden. Die Story ist – freundlich umschrieben – gut abgehangen, die Figuren wurden aus Tiefen der Klischee-Kiste hervorgelockt, die noch unter dem Handlungsort zu orten sein dürften.

Dem Spaß tut dies keinen Abbruch, denn Sigler umgeht die daraus eigentlich automatisch resultierende Abklatsch-Ödnis, indem er die Kopie kräftig nachfärbt. „EarthCore“ ist reines, gelungenes Fabulieren. Sigler hat ein erstaunliches Gespür für Timing. Die Spannung wird klassisch langsam aufgebaut, wobei sorgsam vielversprechende Hinweise auf das sich anbahnende Grauen eingestreut werden. Selbstverständlich ist die alte Mine verflucht; für entsprechende Vorfälle gibt es ‚historische‘ Quellen, die Sigler seine Protagonisten in stimmungsvoll verstaubten Archiven finden lässt.

Obwohl die Figuren dem Baukasten des trivialen Abenteuers entnommen wurden, bemüht sich Sigler um Ambivalenz. ‚Gut‘ und ‚böse‘ werden sorgfältig miteinander verwoben. Selbst die sadistische Kayla hat ihre schwachen Momente. Eine Figurenentwicklung ist ausdrücklich Element des Roman-Konzepts. Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass dies tatsächlich funktioniert. Zu allem erfreulichen Überfluss reibt uns der Verfasser solche emotionalen Momente nicht aufdringlich unter die Nase, sondern integriert sie geschmeidig in die Handlung, die dadurch keine Sekunde ins Stocken gerät – eine Talent, über das nicht gerade viele „No-Brainer“-Autoren verfügen.

An alle Leser wird gedacht

Für den historisch eher desinteressierten Leser bietet „EarthCore“ viel Technobabbel, denn schließlich ist es keine Kleinigkeit, ein Fünf-Kilometer-Loch in die Erdkruste zu bohren. Hightech überwindet zudem reale Hindernisse, die sich auf dir Handlung auswirken könnten; beispielsweise ist die enorme Abbildungskraft der beschriebenen Erdschichten-Tomografie reines Wunschdenken. Auch sonst bedient sich Sigler gern aus dem Fundus der Science Fiction. Den Leser stört dies nicht, denn er ist daran gewöhnt, dass man ihm naturwissenschaftliche und technische Superleistungen vorgaukelt – beschwert sich etwa jemand über die Märchen-Labors in den „CSI“-TV-Serien?

Allemal erweist sich „EarthCore“ als wahre Wundertüte. Aus einem Mystery- und Wissenschafts-Thriller wird eine Abenteuer-Geschichte, in der schließlich ‚echte‘ SF-Elemente die Oberhand gewinnen. Genrereinheit war und ist weder Vorschrift noch Tugend, doch selten wirkt die Mixtur so harmonisch wie hier. Dabei erschien „EarthCore“ ursprünglich als Fortsetzungsroman. Die ‚Nähte‘ zwischen den Episoden hat der Verfasser sauber kaschiert.

Selbst eine übliche und typische Enttäuschung hält sich in Grenzen: Ist die Katze aus dem Sack, entpuppt sie sich in der Regel als sehr gewöhnliche Kreatur. Auch die Silberkäfer und Felskraken aus „EarthCore“ können der zuvor aufgebauten Erwartungshaltung nicht standhalten. Mit seinem unbändigen Erzähldrang vermag Sigler dies zu überspielen. Er verzettelt sich nicht mit unnötigen Nebenschauplätzen, sondern hält die Story geradlinig und hart am Wind. Klug hält er immer neue Details parat, mit dem er unser Interesse entfachen kann. Es bleibt spannend bis zum Schluss; keine geringe Leistung bei einem Roman dieses Umfangs!

Mit „EarthCore“ schließt Scott Sigler nicht nur zu Science-Thriller-Autoren wie Michael Crichton oder Douglas Preston & Lincoln Child auf, sondern deklassiert sie, während grobschlächtige Fließband-Fabulierer wie James Rollins („Sub Terra“) oder Matthew Reilly („Ice Station“) sich schamvoll in noch tiefere Höhlen als Siglers Felskraken verkriechen sollten.

Eine interessante Veröffentlichungsgeschichte

Mit „EarthCore“ wollte Scott Sigler 2001 zum Pionier einer damals noch in den Kinderschuhen steckenden Publikationstechnik werden, denn dieser Roman war als eBook geplant. Der Plan zerschlug sich, und ein frustrierter Scott veröffentlichte sein Buch, dessen Rechte an ihn zurückgefallen waren, 2005 als Podcast. Dies hatte noch kein Autor gewagt. Scott setzte auf die Mund-zu-Mund-Propaganda seiner Leser und lag richtig. 2005 erschien „EarthCore“ als gedrucktes Buch in einem Kleinverlag, 2006 als kostenpflichtiger iTunes-Download. Der Erfolg bestärkte Sigler in dem Entschluss, auch zukünftig durch Podcast-‚Erstveröffentlichungen‘ auf seine Romane aufmerksam zu machen.

In Deutschland wurde Sigler erst 2008 und dann praktisch zeitgleich von zwei Verlagen ‚entdeckt‘. „Infected“ (dt. „Infiziert“) erschien als Taschenbuch im Heyne Verlag, „EarthCore“ gebunden bei Otherworld. Nachdem „Infiziert“ zahlreiche Leser fand und Heyne weitere Titel veröffentlichen wollte, war klar, dass Sigler dorthin wechseln würde, wo man ihn besser bezahlen konnte. 2010 ging auch „EarthCore“ diesen (noch) seltenen Weg von einem deutschen Kleinverlag zu einer modernen Buchfabrik.

Autor

Scott Sigler wurde in Cheboygan, US-Staat Michigan, geboren. Hier wuchs er auf und studierte Journalismus und Marketing. Seine dabei erworbenen Kenntnisse kamen Sigler zupass, als er Ende der 1990er Jahre als Autor tätig wurde. Abseits ausgefahrener bzw. blockierter Wege zu den etablierten Printmedien setzte er von Anfang an auf digitale Vertriebswege. „Earthcore“, sein Romanerstling, erschien gratis als Podcast. Das Buch wurde zahlreich heruntergeladen und verschaffte Sigler ein festes Stammpublikum, das er bis heute hält, indem er seine Werke zunächst weiterhin ins Netz stellt; manche Romane und Siglers Kurzgeschichtensammlungen erschienen bisher sogar ausschließlich dort.

Auch mit seinen Fans hält Sigler online engen Kontakt: Er reagiert so auf einen Markt, in dem gedruckte Bücher nur mehr ein Segment des Gesamtangebotes bilden. Als literarische Vorbilder bezeichnet Sigler Stephen King und Jack London. Er ist verheiratet, lebt und arbeitet in San Francisco.

[md]

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