Ein Land für Helden 3: Der Drache erwacht

Phillip Mann
Der Drache erwacht
(Ein Land für Helden 3/4)

(sfbentry)
Originaltitel: A Land Fit for Heroes, Vol. 3: The Dragon Wakes (London : Victor Gollancz Ltd. 1995)
Deutsche Erstausgabe: August 2000 (Heyne Verlag/Heyne SF 06/6304)
Übersetzung: Usch Kiausch
Titelbild: Attila Boros
382 Seiten
ISBN-13 978-3-453-14916-8
eBook: Oktober 2014 (Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-11676-7

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Das geschieht:

In diesem 21. Jahrhundert ist das Römische Reich niemals zusammengebrochen. Es hat seinen Siegeszug über den gesamten Globus angetreten. Ob im fernen Asien, in Afrika oder auf dem amerikanischen Doppel-Kontinent: Überall ist der Wille Roms Gesetz. Allerdings sorgt eine globale Viehseuche für Unruhen Aufstände breiten sich aus, und in den Provinzen beginnt sich Widerstand gegen Rom zu regen.

„Der Drache erwacht“ setzt jene Ereignisse fort, die in Eburacum, der Hauptstadt der römischen Provinz Britannien, ihren Anfang genommen hatten („Ein Land für Helden 1 – Flucht in die Wälder“). Victor Ulysses, Sohn und Erbe der mächtigsten römischen Familie Britanniens, Angus Macnamara, der begabte Mechaniker, und Miranda Duff, die angehende Haushälterin, hatten Zuflucht bei den „Waldbewohnern“ gefunden, die sich nicht mit den Römern arrangiert haben, sondern ein Leben außerhalb der großen Städte führen. Bald musste das Trio jedoch weiterziehen und erreichte Stand Alone Stan, einem geheimen Ort, den der abtrünnige römische Gelehrte Roscius ins Leben gerufen hatte. Hier lehrte er seine Schüler, was ihnen von Staats wegen vorenthalten wurde, um sie unwissend und leicht lenkbar zu halten („Ein Land für Helden 2 – Der Monolith“). Miranda schloss sich einer Gruppe von Frauen an, die eine Bildungs- und Kultstätte für weibliche Schüler leiten. Angus wurde zum Widerstandskämpfer. Nur Victor Ulysses, der sich nun Coll nennt, blieb in Stand Alone Stan.

Lucius Prometheus Petronius, der neue Imperator, plant die uralten Wälder der Inselprovinz brandroden zu lassen. Britannien, das von der Viehseuche verschont blieb, soll in einen gewaltigen Rinder-, Schafs- und Schweinepferch verwandelt werden. Um dies durchzusetzen, ernennt Lucius Marcus Augustus Ulysses, Victor/Colls Vater, zu seinem Stellvertreter. Sogar der abgebrühte Marcus erschrickt, als ihm Lucius seine wahren Pläne offenbart: Der Kahlschlag Britanniens soll einhergehen mit der Deportation der Waldbewohner. In Ägypten sollen sie dem Imperator eine gigantische Residenz errichten, die selbst Rom in den Schatten stellen wird: Lucius ist dem Cäsarenwahn verfallen und will sich selbst zum Gott erheben! Das Imperium ist in der Hand eines unberechenbaren aber genialen Irren.

Angus und seine „Drachenkrieger“ setzen zum Sturm auf das Straflager Caligula an. Miranda lernte inzwischen, ihren Geist vom Körper zu lösen und durch die Welt zu reisen. Ihr Weg führt auch sie ins Straflager Caligula, wo sie zu ihrem Schrecken ihre gefangengesetzten Eltern entdeckt. Auch Coll, der sich inzwischen dem Waldbewohner Gwydion angeschlossen hat, nähert sich dem Lager, denn die beiden Gefährten haben durch Zufall vom schändlichen Plan der römischen Herren erfahren …

Der (allzu) lange Weg zum Finale

Nach dem furiosen Start mit dem ersten Band der Tetralogie „Ein Land für Helden“ und einem ebenso drastischen Abfall der Spannungskurve stieg die Erwartung angesichts der verheißungsvollen Handlungsstränge, die zum Finale des zweiten Teils einsetzten. Dieses Versprechen wird mit „Der Drache erwacht“ allerdings wieder nur partiell eingelöst. Wie zuvor sind es die im Römischen Reich spielenden Passagen, die zu einem echten Fortgang der Handlung beitragen. Aber selbst hier bleiben Längen nicht aus. Marcus‘ Abstecher nach Ägypten, wo der Imperator die Baustelle für seine megalomanische Residenz sichtet, ist interessant, weil man endlich einmal einen Blick auf das Reich außerhalb der Provinz Britanniens werfen kann. Zur Handlung trägt dieses Kapitel indes wieder wenig bei.

Schlimmer sind indes die endlosen Verzögerungen, denen die übrigen Hauptfiguren ausgesetzt werden. Coll und Gwyndion stolpern durch die britischen Wälder – ersterer immer noch auf der Suche nach sich selbst (was sich genauso banal liest wie es klingt) -, die Möchtegern-Terroristen um Angus basteln am rostigen Kampfdrachenwrack aus Band 1 herum, und Miranda unternimmt astrale Reisen durch das Zwischenreich, wo es nicht nur optisch ziemlich nebulös zugeht. Ein roter Faden wird zwar erkennbar, aber besonders stark spannt ihn Autor Mann leider nicht. Die Handlung plätschert beschaulich dahin, bis im letzten Drittel das Tempo endlich anzieht.

Der trockene und sarkastische Humor, der die Monotonie weiter Erzählstrecken bisher so trefflich auflockerte, hat sich in „Der Drache erwacht“ leider in sachtem Klamauk aufgelöst. Dabei wirkt das Thema denkbar ernst: Für Mann wiederholt sich offensichtlich sogar nie geschehene Geschichte. Er beginnt sich für die weitere Entwicklung seines Alternativwelt-Dramas immer stärker auf die Historie des realen „Dritten Reiches“ zu stützen, von dem dieses fiktive Britannien verschont geblieben ist, bevor es jetzt unter anderen Vorzeichen doch über die Insel kommt.

Zwei Reiche verschmelzen

Dass Mann sich auf ein Vorbild stützt, gestattet ihm die schriftstellerische Freiheit. Normalerweise müsste er bemüht sein, die Vorgabe so umzugestalten, dass sie als solche nicht gar zu deutlich wird. Mann kann oder will dies nicht. Die Entscheidung fällt schwer: Frühere Werke zeigen ihn als außerordentlich einfallsreichen Schriftsteller. Talentmangel dürfte folglich nicht die Ursache sein. Andererseits zeigt Mann in „Ein Land für Helden“ deutliche und sich von Band zu Band verstärkende Schwächen.

Der Plot kann so, wie Mann ihn gestaltet, die epische Länge des Gesamtwerks nicht tragen. Gravierender sind die Schwächen der Figurenzeichnungen. Victor/Coll, Angus und Miranda auf der einen und Lucius Petronius bzw. Lucius Ulysses sind Repräsentanten einer Handlung, die für den Verfasser offensichtlich Symbolwirkung besitzt. Es mag zu weit führen, Petronius mit Hitler und Ulysses mit einem seiner Paladine – vielleicht Speer oder gar Himmler – gleichzusetzen. Dennoch schreitet Mann in diese Richtung.

Zwischen (Römischem) „Imperium“ und (Drittem) „Reich“ sieht er deutliche Parallelen. Hinzu kommt das britannische Trauma einer nur knapp verhinderten nazideutschen Invasion, die bis zum Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre deutlich und drohend über der Insel schwebte – buchstäblich, denn  nach der verlorenen Luftschlacht von England (1940) schickte der rachsüchtige Hitler die unbemannten „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 über den Kanal.

So ist es kein Wunder, dass in England zahlreiche Romane, aber auch Sachbücher erschienen (und erscheinen), die sich mit der Frage „Was wäre, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten?“ beschäftigten. Mann verwandelt England in eines der Territorien, die von den Nazis aus eroberten und zerschlagenen Staaten in Osteuropa künstlich geschaffen wurden. Hier errichteten sie Terrorregimes, um die einheimische Bevölkerung auszurauben, zu vertreiben oder auszurotten und das Land für die nach dem Krieg geplante Ansiedlung von „Wehrbauern“ u. a. „reichsdeutschen“ Nutznießern zu ‚räumen‘.

Cover der dt. Erstausgabe

Spiegelbilder des Terrors

In diesen ‚altreichfernen‘ Regionen konnten die Nazis außerdem Konzentrationslager errichten, um nach dem Beschluss der „Endlösung“ Juden u. a. „Volksschädlinge“ im großen Maßstab umbringen zu können. Mann lässt Angus Macnamara einen Angriff auf das Straflager Caligula planen. Der Autor schuf es wohl nach dem Vorbild der frühen Lager, die noch nicht der Menschenvernichtung, sondern auch der Isolationshaft für Regimekritiker dienten.

In den genannten Territorien hausten die „Sonderkommandos“ der SS, während die einheimische Bevölkerung im besten Fall versklavt wurde. Das spiegelt Mann in dem perfiden Plan wider, England in einen Viehpferch zu verwandeln, was gleichzeitig mit der Vernichtung aller bisher geduldeten Traditionen einhergeht: Imperator Petronius zieht die Gewaltschraube an, während er gleichzeitig damit beschäftigt ist, sein persönliches „Germania“ in der ägyptischen Wüste aus dem Boden zu stampfen.

In einem Punkt weicht Mann ab von der ‚Realität‘ seiner ‚Vorlage‘. Obwohl vor allem Heinrich Himmler und Rudolf Hess ausgeprägte esoterische Interessen verfolgten, haben sich die vermuteten Naturgeister der ‚arischen‘ Vorfahren nie manifestiert. Die britischen Inseln waren die Heimat keltischer Stämme, die einen direkten Draht zu Mutter Erde und ihren Kräften zu besitzen vorgaben und einen faszinierenden Kult darum spannen. Mann greift diesen Mythos auf und haucht ihm ‚Leben‘ ein: Die Natur ist tatsächlich personifiziert. In der Regel hält sie sich zurück und lässt die Menschen gewähren. Das Ende der Toleranz ist erreicht, als die Römer planen, die tatsächlich „heiligen“ = naturgeistbelebten Wälder Britanniens zu vernichten.

Mystik ist ein schwieriges Thema und vor allen denen schwierig bis gar nicht zu vermitteln, die im Geiste der Aufklärung an „Geister“ generell nicht glauben können oder wollen. Darüber hinaus rutscht Mystik leicht ab in esoterischen Schwurbel, der die genannten Geister zu Rächern einer enterbten Natur ernennt.

Glücklicherweise geht es in „Der Drache erwacht“ deutlich weniger schmalspurspirituell zu. Die mächtigen Götter oder Elementargeister, die Miranda bereits kennengelernt hat, behalten ihre Weisheiten weitgehend für sich. Sie dürften im großen Finale – das den verheißungsvollen Titel „Der brennende Wald“  trägt – die Rolle des „deus ex machina“ übernehmen. Das ist ohnehin ihr Job, den sie in der Realität schmählich vernachlässigen. Im Fantasy-Roman kann dies zur Freude entsprechend gepolter Leser nachgebessert werden.

Die Weichen sind demnach gestellt – und nüchtern betrachtet wird es höchste Zeit: Das „Land für Helden“ hat seinen Zenit längst überschritten. Dem Finale bleibt es überlassen, die Fehler der Bände 2 und 3 auszugleichen: eine große Verantwortung, die sich der Autor aufgeladen hat.

Autor

Phillip Mann wurde 1942 in England geboren. In Manchester und im US-Staat Kalifornien studierte er Englische Literatur und Theaterwissenschaft. 1969 siedelte Mann nach Neuseeland um. Dort war er entscheidend an der Einrichtung eines Lehrstuhls für Theaterwissenschaft beteiligt, den er später übernahm und bis 1998 innehatte. Zwischen 1968 und 1970 arbeitete Mann außerdem für eine Nachrichtenagentur in der chinesischen Hauptstadt Peking.

Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte Mann einen ersten Science-Fiction-Roman. „The Eye of the Queen“ (1982; dt. „Das Auge der Königin“) beeindruckte durch die ideen- und detailreiche Schilderung einer Begegnung zwischen Mensch und Alien abseits der üblichen Feind-Freund-Klischees. Bis in die 1990er Jahre entstanden weitere Romane und Kurzgeschichten, die viel gelesen und von der Kritik gelobt wurden. Mit dem vierbändigen Zyklus „A Land Fit for Heroes“ (1993-1996, dt. „Ein Land für Helden“), einer Alternativweltgeschichte, verabschiedete sich Mann von der SF-Szene, um sich auf seine Theaterarbeit zu konzentrieren. Erst 2013 kehrte er mit „The Disestablishment of Paradise“ zum Genre zurück.

Phillip Mann lebt und arbeitet heute in Wellington, der Hauptstand von Neuseeland. Über seine Arbeit informiert er auf dieser Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: In einem nie untergegangenen Römischen Imperium plant ein wahnsinniger Kaiser die Zerstörung und Entvölkerung Britanniens, was drei denkbar unterschiedliche Gefährten zu verhindern versuchen … – Im dritten Teil der Tetralogie „Ein Land für Helden“ setzt sich die spannend begonnene Handlung träge fort, bis im letzten Drittel endlich die Weichen für das große Finale gestellt werden: Der Leser folgt dem Geschehen eher pflichtgemäß.

[md]

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