Erinnerungen an Morgen

Alisha Bionda (Hrsg.)
Erinnerungen an Morgen
Steampunk 1

Fabylon Verlag, Markt Rettenbach, 09/2012
TB im Überformat
Steampunk
ISBN 978-3-927071-69-8
Titelmotiv von Crossvalley Smith
Illustrationen im Innenteile von N. N.

http://fabylon.de
www.alisha-bionda.net
www.crossvalley-design.de/

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Obwohl beileibe keine neue Genreausprägung erfreut sich die Fantasygattung Steampunkt – die Verbindung viktorianischer Industrialisierung mit Retro-SF-Elementen und mysteriösen Handlungsplots – derzeit größter Beliebtheit. Auch Alisha Bionda, vor allem bekannt als Herausgeberin schön gestalteter Anthologien, outet sich hier als Steampunkanhängerin und ruft gleich eine ganze Reihe ins Leben. Für Band 1, „Erinnerungen an Morgen“, konnte sie eine überschaubare Schar ihrer StammautorInnen gewinnen, die – schaut man sich das Ergebnis an – scheinbar nur auf eine Möglichkeit gewartet haben, in diesem Genre zu glänzen.

„In einer kleine Kiste neben seiner Schöpfung fand Charles Hunderte feinsäuberlich sortierte Zahnräder, von denen jedes wiederum von mehreren tausend skurril geformten Löchern durchbrochen war. Hinzu kamen weitere hundert feine, zum Teil mit Gelenken und Gewinden versehene Stangen, die selten dicker als ein Draht waren.“ (Guido Krain: „Steam Is Beautiful”)

„Steam Is Beautiful“ – Guido Krain:
Nach dem Tod seines Onkels erbt der nahezu mittellose Charles Eagleton dessen Haus, in dem er selbst aufgewachsen ist. Schon kurz nach seinem Einzug erhält er Besucht von Pfarrer Gilmore, der ihn um die Reparatur einer geheimnisvollen Maschine bittet, die Charles‘ Onkel Garrish gebaut hat. Außerdem entdeckt Charles in einer Kiste auf dem Dachboden das funktionstüchtige automatische Dienstmädchen Fifi, das Gilmore nach Plänen aus Charles‘ Kindheit gebaut hat. Überhaupt zeichnet sich langsam ein düsteres Geheimnis ab, was Gilmores Erfindungen und Charles‘ Beteiligung daran angeht.

„Der Automat“ – Bernd Perplies:
Ein Mietattentäter erhält von dem Industriellen James Thomas Farnsworth den Auftrag, ein Kind zu töten. Einen Jungen, den Farnsworths Frau hat konstruieren lassen, aus dem Unvermögen heraus, ein leibliches Kind zu gebären. Ein Automat, der in Farnsworth nur Abscheu erweckt.

„Erinnerungen an Morgen“ – Sören Prescher:
Henry Curton, Doktoranwärter im Praktikum, stößt bei seiner Suche nach einem neuen Heilungsansatz für psychisch Kranke auf die Theorien des deutschen Arztes Franz Anton Mesmer. Mesmer propagiert den Einsatz medizinischer Magnete, um die Nerven und Körpersäfte der Kranken umzuleiten. Nach erfolgreichem Studienabschluss und der Eröffnung einer eigenen Praxis entwickelt Curton eine Mesmerismusmaschine, mit der er Patienten automatisch in Trance zu versetzen vermag. Einem seiner Patienten – Charles Ward – gelingt es, während der Trance geistig in ein vergangenes Leben zurückzureisen. Doch wäre es dann nicht auch möglich, auf diese Art in die Zukunft zu gelangen?

„Bringen Sie uns den Kopf von Abu Al-Yased!“ – K. Peter Walter
Der gefürchtete Pirat Abu Al-Yased beherrscht mit seiner Mannschaft das Horn von Afrika und damit den Suez-Kanal zwischen Rotem und Mittelmeer. Dort entführt er Schiffsbesatzungen und schneidet ihnen Körperteile ab, um von der englischen Regierung Lösegeld zu erpressen. Um dem Pirat endlich Einhalt zu gebieten, hat die englische Marine ein neuartiges Schiff entwickelt, mit dem man den Pirat endgültig vernichten will.

„Varieté d’Immortal“ – Tanya Carpenter:
Nach einem Streit mit seinem Vater über neuartige medizinische Studien, streift Edward Stone ziellos durch London, wo er schließlich ins Varieté d’Immortal gelangt. Mit dessen Besitzern Francois und Estrella verbindet ihn bald eine tiefe Freundschaft. Francois ermöglicht Edward schließlich auch, London zu verlassen und in der Schweiz zu studieren. Als Edward zehn Jahre darauf wieder vor den Türen des Varieté steht, muss er erfahren, dass Estrella verstorben ist. Francois jedoch hat ihren Körper eingefroren, so dass es Edward möglich sein soll, sie wieder zu erwecken.

„Der Maya-Transmitter“ – Andreas Gruber:
In einem Tempel in Uxmal findet Professor Gragham Worthington das Tagebuch der Anderson-Expedition, die sieben Jahre zuvor an diesem Ort war und an der er selbst hätte teilnehmen sollen, hätte das ein Unfall nicht in letzter Minute verhindert. Anderson und sein Team sind jedoch spurlos verschwunden, und es wurden Vorwürfe der Unterschlagung von Forschungsmitteln laut. Worthington hofft, den Ruf der Expedition reinwaschen zu können.

„Nachdem das Flimmern vor seinen Augen verschwunden war, blickte sich Worthington in der Höhle um. Im Schein der Lampe sah er ein monströses Kunstwerk aus Stein, aus dessen Rumpf Hebel und Knöpfe ragten, die mit Seilzügen und komplizierten Federmechanismen verbunden waren. Verborgen im Sockel entdeckte er mächtige Kolben, die ähnlich den Turbinen einer Dampfmaschine von einem Kessel gespeist wurden, der aus der Rückwand der Kammer ragte. Der rillenförmige Boden um die Maschine herum entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ein verzweigtes System aus Steinrohren. Womöglich befanden sich hinter dieser Kammer oder darunter noch mächtigere Maschinen, und dies war nur die Oberfläche des Geräts.“ (Andreas Gruber: „Der Maya-Transmitter“)

Die sechs Geschichten, die Alisha Bionda hier als Auftakt für ihre „Steampunk“-Reihe zusammengetragen hat, überzeugen durchgehend durch, formale Souveränität und thematischen Abwechslungsreichtum. Letztendlich bietet die Vorgabe – Steampunk – nur das äußere Gerüst, dass die beteiligten AutorInnen mit vielfältigem Leben zu füllen vermochten. Insofern ist auch das Korsett gar nicht so eng geschnallt, wie es vielleicht zunächst den Anschein haben mag. Die Bandbreite reicht von „Steam Is Beautiful“, wo ein dampfbetriebenes Dienstmädchen eine tragende Rolle spielt, bis zu „Erinnerungen an Morgen“, wo ein Hypnoseautomat lediglich Mittel zum weiteren Zweck ist.

Doch zu den Geschichten im Einzelnen:
Guido Krains „Steam Is Beautiful“ überrascht zu Beginn mit wohldosiertem Humor, mit dem er sein mysteriöses Technikmärchen garniert. Die liebgewonnenen Protagonisten – voran das künstliche Dienstmädchen Fifi – kann man wieder treffen in Krains Roman „Argentum Noctis“ (Band 3 der Reihe). Düsterer und mit einer Prise Philip K. Dick-Philosophie gibt sich Bernd Perplies‘ „Der Automat“, der die grundsätzliche Handlung von „Blade Runner“ ins viktorianische Steampunk-London transportiert.

Die nächste Überraschung bietet Sören Preschers Crossover von Edgar Allan Poes „Tatsachen im Fall Valdemar“ und H. G. Wells „Die Zeitmaschine“, garniert mit Figuren Locecrafts (Charles D. Ward/Joseph Curwen, Randolph Carter). Obwohl die Geschichte recht behäbig geschrieben ist entwickelt sie durch ihr wiederholtes Überraschungsmoment und die Einbindung bekannter phantastischer Figuren doch einen angenehmen Sog. Mit dieser großartigen Geschichte legt Sören Prescher den Grundstein für seinen Roman „Der Flug des Archimedes“ (Band 4 der Reihe).

Mit „Bringen Sie uns den Kopf von Abu Al-Yased!“ erzählt Klaus-Peter Walter ein kurzes, jedoch nicht minder actionreiches Piratenabenteuer zu Wasser und in der Luft, während Tanya Carpenter mit „Varieté d’Immortal“ ihren düster-romantischen Stärken treu bleibt und eine tragische Geschichte um Liebe, Freundschaft und einer Ehrenschuld im Steampunk-Gewand zum Besten gibt.

Als Bonusstory (weil sie nicht in London spielt) steuert der mehrfach ausgezeichnete Andreas Gruber noch den abschließenden Beitrag „Der Maya-Transmitter“ bei, der mit der Annahme spielt, dass schon die seinerzeit hochentwickelten Maya die Dampfkräfte für sich zu nutzen wussten und dies möglicherweise die Quelle ihres Wissens war.

Schon obligatorisch für Bionda-Anthologien ist das schmuckvolle Erscheinungsbild des Buches. Für das Covermotiv, das sich in das perfekt gestaltet Reihenlayout (inklusive tollem Steampunk-Logo) von Atelier Bonzai einfügt, zeichnet Crossvalley Smith verantwortlich, ebenso wie für die Innengrafiken. Außerdem gefallen die thematisch passenden Kapiteltrenner (drei Zahnräder) und die Initialen jeder Geschichte. Das gedruckte Cover könnte lediglich eine Nuance heller sein. Parallel zu dieser Sammlung ist ebenfalls im Fabylon-Verlag die Anthologie „Der Rtt auf der Mschine – Steampunk Erotics“ erschienen.

Humorvoll, überraschend, philosophisch, düster, romantisch, actionreich und durchweg überzeugend kommen die Geschichten aus Alisha Biondas Sammlung von Steampunk-Geschichten daher. Wie gewohnt in schmuckvoller Aufbereitung.

Copyright © 2013 by Elmar Huber (EH)

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