Erlkönig

Jim Butcher
Erlkönig
Die dunklen Fälle des Harry Dresden 7

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (2011)
576 Seiten, ISBN 978-3-86762-097-0
Originaltitel: Dead Beat (2005)
Deutsch von: Dominik Heinrici
Lektorat: Oliver Hoffmann
Korrektorat: Florian Don-Schauen
Umschlagillustration: Chris McGrath

Die Reihe „Die dunklen Fälle des Harry Dresden“ hat sich im Programm von Droemer-Knaur nur sechs Bände lang halten können, dann warf der Verlag das Handtuch. Scheinbar erhielt die Reihe zwar Zuspruch vom Fachpublikum, aber dennoch blieben wohl die Leser aus. 2011 hat sich nun der weitgehend auf Phantastik spezialisierte Verlag Feder & Schwert der Reihe angenommen und führt mit dem siebten Band die Geschichte um Magier Harry Dresden fort. Die bei Droemer-Knaur bisher erschienen Bände sollen in neuem Gewand ebenfalls folgen.

Der Mannheimer Kleinverlag hat sich einiges vorgenommen und versucht also da zu punkten, wo ein Großverlag scheiterte. „Erlkönig“ ist glücklicherweise ein ziemlich großes Kaliber und besitzt die Durchschlagskraft, um einen ordentlichen Eindruck zu hinterlassen.

Nach seinen letzten Abenteuern ist Harry Dresden schwer angeschlagen. Seine Habe hat Kratzer abbekommen, der Körper ist geschunden und die linke Hand verkrüppelt. Außerdem fliegt die Braut auf die Harry steht ausgerechnet mit einem fiesen Kerl in den Urlaub – und es gibt keinen Zweifel daran, was die beiden dort anstellen werden. Die Ausgangssituation ist also mehr als beschissen. Und es kommt noch schlimmer.

Harrys Erzfeindin Mavra lädt zu einem Treffen ein. Übernatürliche Mittel haben versagt, um Harry zu erledigen oder zu einem Spielzeug ihres Willens zu machen. Also setzt sie nun auf weltliche Mittel und greift zur profanen Erpressung. Wo keine Magie der Welt erfolgreich war, geht Harry Dresden nun in die Knie. Er soll Kemmlers Wort suchen und macht sich auch gleich an die Arbeit.

Ziemlich schnell findet Harry heraus, dass es sich wohl um ein Buch handelt. Und er findet ebenfalls heraus, dass eine Schar an Nekromanten hinter dem Buch her ist. Zudem steht Halloween vor der Türe, für Nekromanten eine ganz besondere Nacht …

Mit „Erlkönig“ hat Jim Butcher einen spannenden Gruselroman verfasst, der heutzutage allerdings den Stempel „Urban Fantasy“ trägt. Klingt zwar moderner, dennoch ist es ein Gruselroman. Besonders witzig an der Sache ist vor allem, dass genau dieser Stil dem deutschen Leser von den Romanheften Bastei Lübbes bekannt ist, die ab den siebziger Jahren verfasst wurden. Eine starke Ähnlichkeit besteht, unter anderem, zu den John-Sinclair-Abenteuern, die von Helmut Rellergerd alias Jason Dark geschrieben wurden. Butcher stammt zwar aus den USA und der Roman spielt in Chicago, aber dennoch kommen da ganz schnell Heimatgefühle auf. Vor allem, da Dresdens Abenteuer zwar in Chicago stattfinden, die Stadt aber zu keinem Zeitpunkt einen unverwechselbaren Eindruck hinterlässt. Der Roman könnte auch in jeder anderen beliebigen Großstadt spielen.

Davon einmal abgesehen, bietet „Erlkönig“ eine tolle Mischung aus Grusel, Fantasy und Humor. Jim Butcher bleibt mit der Erzählung auch immer nahe beim Leser. Es gibt keine altklugen Belehrungen oder ausgefeilte Dialoge mit verschnörkelten Satzkonstruktionen, die einen Stein vor Rührung zum Weinen bringen könnten. Nein! Butcher nutzt einen zeitgemäßen Wortschatz, kommt mit einfachen und nachvollziehbaren Wortwechseln daher. Das er dabei auch ordentlich Zeit und Platz mit Blähwörtern schindet, sei geschenkt. Es gehört einfach zum schlichten Stil des Romans. Auffällig und am Rande des nervigen, ist der inflationäre Einsatz von Dialogauszeichnungen („sagte er“, „flüsterte er“, „kommentierte er“, „sprach er“, „rief er“, „stöhnte er“). Dadurch entsteht zwar Dynamik und der Leser weiß genau, was gerade mit den Figuren vor sich geht, aber manchmal neigt dieser Stil auch zum Grotesken. Eine bildliche Vorstellung der Szenerie erinnert dann nämlich stellenweise an Jim Carrey Fratzenschneiderei aus dem Film „Die Maske“.

Butchers Roman ist einfach und verständlich geschrieben. Und das gilt auch für seine Figuren. Es sind schlichte Charakterkonzeptionen, die aber für den Augenblick wirken und ihre Arbeit verrichten. In der Reflexion verliert „Erlkönig“ zwar ein paar Punkte, dass sorgt aber während dem Lesen für großes Lesevergnügen und lässt die Figuren – im gegenwärtigen Augenblick – authentisch wirken. Dazu kernige Namen, eine ordentliche Portion Drama und ein Held mit sehr viel Nehmerqualitäten, der auch mal seine verletzliche Seite zeigt. Und genau das macht die Figur des Harry Dresden so sympathisch. Er flennt, er macht sich in die Hose, aber er steht zu seinen Freunden und gibt niemals auf. Um so befriedigender für die Leserschaft, wenn Harry dann auch mal triumphiert. Und alles in guter alter Groschenheftmanier – moderner Pulp eben.

Mit „Erlkönig“ erlebt Harry Dresden ein verdammt unterhaltsames Abenteuer, mit einem furiosen Finale. Ein toller Roman, einfach zu lesen und sehr kurzweilig. Die Übersetzung ist gelungen, die Aufmachung klasse und die Umschlagillustration von Chris McGrath erstklassig. Eine gute Arbeit des deutschen Verlags. Der siebte Band von „Die dunklen Fälle des Harry Dresden“ ist eine klare Empfehlung!

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Bei Buch24.de

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