Geisterstadt am Amazonas

Mark Hebden
Geisterstadt am Amazonas

Originaltitel: Portrait in a Dusty Frame (London : G. G. Harrap 1969)/Grave Journey (New York : Harcourt, Brace & World 1970)
Übersetzung: Hans-Ulrich Nichau
Dt. Erstausgabe: 1970 (Goldmann Verlag/Goldmann Abenteuer 037)
157 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Das „Porträt im staubigen Rahmen“ (Originaltitel) zeigt die Urgroßmutter von Tennyson Moray Tait. Christina hatte im Schottland des ausgehenden 19. Jahrhunderts den konsternierten Ehegatten verlassen und sich ihren Lebenstraum erfüllt: Sie zog nach Südamerika und führte als Geologin, Entdeckerin und agile Liebhaberin ein erfülltes Leben, bis sie im Jahre 1902 an der Cholera starb.

Christina war auch eine bekannte Dichterin. Ihre Werke erleben gerade eine Renaissance. Neue Verse könnten ihrem Entdecker ein Vermögen einbringen. Das weiß der Ingenieur James Ross, der sich gerade beruflich im Norden Perus aufhält. Er hat Hinweise entdeckt, dass Christinas letzter Lebensgefährte ihr eine Mappe mit unveröffentlichten Gedichten ins Grab gab. Das will er nun finden und öffnen. Damit alles mit rechten Dingen zugeht, wendet er sich an Tait, der nichts gegen eine abenteuerliche Reise und die Aussicht auf ein kleines Vermögen einzuwenden hat. Dritte im Bunde ist die junge Fotoreporterin Melanie Cannon, die für eine Zeitschrift über die Expedition berichten soll.

In Südamerika entdeckt man, dass Christina nicht wie man bisher dachte in der modernen Metropole Iquitos, sondern in der tief im Dschungel gelegenen Stadt Constancia beigesetzt wurde. Die ist seit einem Vulkanausbruch 1935 verlassen und schwer zu erreichen. Der Weg dorthin ist schwierig und gefährlich. Unsere Abenteurer merken zudem, dass sie einander nicht trauen. Ross scheint ein doppeltes Spiel zu spielen. Die schöne Melanie sorgt ebenfalls für Spannungen.

Endlich in Constancia angekommen, finden die Reisenden die Geisterstadt verfallen, bewohnt von wilden Tieren und belauert von unfreundlichen Ureinwohnern vor. Als Christinas Grab endlich gefunden wird, brechen die bisher noch mühsam in Zaum gehaltenen Konflikte offen aus. Die Ereignisse überstürzen sich, und es scheint, als würden nicht alle Schatzsucher das Ende der Reise erleben …

Der Schatz als Symbol

Profis erkennt man unter anderem daran, dass sie Blei zumindest in Bronze verwandeln können. Mark Hebden versucht sich hier mit erstaunlichem Erfolg an einem uralten Thema der Abenteuerliteratur: der Suche nach einem verlorenen Schatz. Der besteht hier zwar nicht aus Gold und Edelsteinen, aber er ist trotzdem wertvoll genug, um zum Katalysator für menschliche Leidenschaften zu werden. Noch über jedem Schatz haben sich seine Finder zerstritten. Aus Freunden oder wenigstens Verbündeten wurden Feinde, die sich nicht selten auf den Tod bekriegten. Ein ‚moralisches‘ Ende lässt gern alle Beteiligten leer ausgehen oder gar umkommen: Merke, Leser, Gier ist von Übel!

Selbstverständlich liegen solche Schätze stets an unwirtlichen Stellen unserer Erde. Dies ist der bitteren Erkenntnis geschuldet, dass die Nachkommen vergrabene Schätze nicht ruhen und sich selbst von grausigen Flüchen nicht davon abhalten lassen, nach ihnen zu fahnden. Der Weg dorthin wird auch zum Ziel; er ist von vielen Gefahren gesäumt und wird in der Regel von allerlei Selbsterkenntnissen gesäumt. Mit entsprechenden Beschreibungen lassen sich manche Seite füllen.

Hebden weicht von diesem Handlungsgerüst im Grunde kein Jota ab. Das stört freilich nicht: Der Plot fasziniert selbst in der x-ten Umsetzung und trotz aller Klischees immer noch zuverlässig. Außerdem weiß Hebden, wie man erzählt. „Geisterstadt am Amazonas“ ist spannend, romantisch & witzig und das alles an den richtigen Stellen. Nur knapp 160 Seiten umfasst dieses Buch; es bildet eine kompakte Einheit. Fleißige Schriftsteller-Handwerker wie Mark Hebden waren in den 1960er Jahren nicht gezwungen, ihre Geschichten auf pseudoepische 500 oder mehr Seiten aufzublähen, wie es heutzutage angeblich notwendig ist, um den Leser zu fesseln.

Exotik Anno 1969

Auch in Sachen Figurenzeichnung verlässt sich der Autor auf das Bewährte und fährt wieder richtig damit. Zwei Männer, der eine ‚gut‘, d. h. redlich, zuverlässig, mutig etc. aber leider auch ein wenig zurückhaltend, der andere gut aussehend, smart aber verlogen, zwischen ihnen eine schöne, leidlich emanzipierte aber letztlich doch von ihren Gefühlen gesteuerte Frau, die zunächst zuverlässig auf den Blender hereinfällt, bis diesem die Maske vom Gesicht gerissen wird und sie sich prompt endlich in den ‚Richtigen‘ verliebt.

Peru ist zumindest in Hebdens Sicht ein Land, das von gerissenen und nie wirklich ‚selbstständigen‘ „Indianern“ bewohnt wird, während wenige Weiße mühsam die Zivilisation in der Wildnis aufrecht zu erhalten suchen. Figuren wie der lebenslustige Dschungelkapitän Mitzler versüßen den altmodischen Kultur-Imperialismus, während der einheimische Führer Quimbo Augen rollend, an „böse Geister“ glaubend und notfalls mit Drohungen bei der Stange gehalten den fröhlich-kindlichen „Eingeborenen“ geben muss. Das klingt in der Verkürzung zynischer, als es sich liest bzw. man es beurteilen sollte, nachdem „political correctness“ längst anders definiert wird.

Immerhin weiß auch Hebden, dass sich die Zeiten geändert haben. Mehrfach finden die kolonialen Sünden vor allem US-amerikanischer Großkonzerne wie Ford Erwähnung. 1969 konnten und wollten selbst Unterhaltungs-Schriftsteller derartige historische Dunkelpunkte nicht mehr ignorieren. Allerdings stand die unterhaltsame Story im Vordergrund – eine Tugend, die im Zeitalter der fortsetzungswütigen Dick-Schwarten viel zu tief in Vergessenheit geraten ist.

Autor

Mark Hebden wurde als John Harris am 18. Oktober 1916 im Süden der englischen Grafschaft Yorkshire geboren. Er führte ein bewegtes Leben, diente im II. Weltkrieg als Seemann und Flieger, arbeitete vorher und später als Journalist, Cartoonist – und Schriftsteller. Als solcher verfasste er spannende, handwerklich solide Unterhaltungsromane, die von seinem Lebenslauf profitierten.

Sein Durchbruch gelang Harris 1953 mit dem Seekriegs-Roman „The Sea Shall Not Have Them“. Bereits 1954 wurde dieses Buch von Lewis Gilbert mit Michael Redgrave, Dirk Bogarde und Anthony Steele in den Hauptrollen verfilmt. Im angelsächsischen Sprachraum wurde Harris außerdem durch seine Krimi-Serie um Chief Inspector Pel bekannt. Unter einem weiteren Pseudonym (Max Hennessy) verfasste er Kriegsgeschichten. John Harris starb am 7. März 1991.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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