Golem

Matthew Delaney
Golem

Originalausgabe: Genom, Inc. (London : Pan Books 2011)
Übersetzung: Rainer Schumacher
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Lübbe Paperback)
557 S.
ISBN-13: 978-3-7857-6037-6

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Das geschieht:

Im New York des Jahres 2049 stellen Biotechnologie-Konzerne die neue ökonomische Elite dar. Seit das menschliche Genom entschlüsselt und somit manipulierbar wurde, können einst tödliche Krankheiten geheilt und der Alterungsprozess radikal verlangsamt werden. Den Patienten werden sogenannte „Samps“ eingepflanzt, die für die gewünschte Abhilfe sorgen. Andere Firmen stellen künstliche Menschen – Transkriptoren – her, die als Arbeitssklaven eingesetzt werden.

Transkriptoren und Samps sind begehrte Spekulationsobjekte geworden. Sie werden wie einst Devisen gehandelt. Dieses Geschäft hat eine eigene Börse geschaffen und generiert astronomische Gewinne. Ganz oben spielt die Firma Genico mit. Als George Saxton, der Gründer und Präsident, in den Ruhestand tritt, verfolgt die Branche dies mit Argusaugen. Wider Erwarten übergibt George die Zügel nicht an Phillip, seinen Sohn und Vizepräsidenten, den er für gierig und moralisch schwach hält, sondern an dessen Stiefbruder Thomas Roosevelt, der Genicos Macht und Geld zum Wohle der Menschheit einsetzen soll.

Damit zieht sich Thomas den Hass des Jüngeren zu. Phillip findet einen Verbündeten in Harold Lieberman, Genicos Geschäftsführer, dem der Profit über alles geht. Skrupellos missbraucht Lieberman das Geheimnis, das Phillip ihm offenbarte: Ohne dass er selbst es wusste, ist Thomas ein Transkriptor! Als solcher gilt er plötzlich als rechtloses Objekt. In einer der Arenen, in denen künstliche Gladiatoren kämpfen, soll der lästige Rivale sein Leben lassen. Aber Thomas gelingt es, sich den Transkriptor-Rebellen anzuschließen, die für ihre Freiheit kämpfen. Gemeinsam mit einem mutigen Polizisten, der einem weiteren Komplott des kriminell umtriebigen Phillip auf die Spur gekommen ist, will Thomas nicht nur den Genicos Machenschaften, sondern auch der Unterdrückung der Transkriptoren ein Ende bereiten …

Kein Ratespiel: Woher kommt diese Geschichte?

Möchte man die Inspirationsquellen nennen, aus denen „Golem“ sich speist, kann man diese vier Filme der jüngeren Gegenwart listen:

– „Blade Runner“ (1981) bzw. „Die Insel“ („The Island“, 2005) – Künstliche Menschen werden als Sklaven missbraucht, begehren gegen ihr Schicksal auf und finden einen Anführer, der sich selbst als Kunstmensch erkennen muss und auf die Seite seiner Brüder & Schwestern schlägt.

– „Robocop“ (1987) – Die eigentliche Staatsmacht liegt schon in naher Zukunft nicht mehr bei der Regierung. Globale Konzerne haben sie übernommen und setzen sie unter Ignorierung von Gesetz und Moral ein, um möglichst hohe Profite zu erzielen.

– „Gladiator“ (2000) – Zwei Brüder buhlen um die Gunst des übermächtigen Vaters; als der ‚Gute‘ zum Erben des Reiches ausgerufen wird, raubt ihm der ‚Böse‘ Status und Familie und lässt ihn anonym im Elend verschwinden, aus dem der ‚Gute‘ sich nicht nur erhebt, sondern auch allerlei Unrecht gutmacht und sich an dem Verräter rächt.

Aus diesen Bausteinen also setzt Matthew Delaney seinen neuen, zumindest in Deutschland sehnlich erwarteten Thriller zusammen. Sieben Jahre hat er sich seit „Dämon“ Zeit gelassen; fünf Jahre waren es hierzulande. Die Fans dieses Erstlings werden auch „Golem“ lieben und die eklatanten Fehler des Nachfolgers entweder ignorieren oder gar nicht bemerken.

Bestseller vom Reißbrett

Das größte Manko ist gleichzeitig das schwerste Pfund, mit dem Delaney wuchern kann: „Golem“ ist ein kühles Konstrukt aus Elementen, die sich anderweitig als unterhaltsam bewährt haben. Dieses Buch soll unterhalten. Originelle Einfälle oder raffinierte Schriftstellerkunst sind dabei sekundär bzw. völlig unwichtig. Bücher wie „Golem“ liest ‚man‘ am Urlaubsstrand, während einer Zugfahrt oder nach einem langen Arbeitstag im Bett kurz vor dem Einschlafen: Ein- und Mitdenken ist überflüssig, die Handlung ist vertraut und gleichzeitig so abgewandelt, dass sie dennoch interessiert. Eine stringente Lektüre ist unnötig, „Golem“ lässt sich auch in kleinen Lesehäppchen goutieren.

Abgeschmeckt wird die nur behutsam durch die Mangel gedrehte Mischung aus bekannten Vorbildern mit aktuellen Reiz-Klischees, unter denen das vom bitterbösen Kapitalisten dank spekulationsbedingter Weltwirtschaftskrise am besten sticht. Serviert wird das Ganze in einem Tempo, das die Handlung über manchen toten Punkt trägt, denn obwohl Delaney sich dieses Mal kürzer fasst als in „Dämon“, drischt er weiterhin gern Buchstaben-Stroh, mit dem sich manche Seite füllen lässt. So tragen Roosevelts Arena-Eskapaden wenig zum Fortschritt der Ereignisse bei, bieten aber jenes atemlose Kampfgetümmel, das sich quasi selbst produziert und in Gang hält.

Thriller-Koloss auf papiernen Füßen

Das Reißbrett als Hintergrund irritiert vor allem den kritischen Leser (und den Rezensenten). Die weiter oben skizzierte und weniger Ansprüche an die Lektüre stellende Klientel wird sich dem sicherlich nicht anschließen, sondern „Golem“ durchaus legitim als rasanten Pageturner verschlingen. Action und Drama können freilich nicht durchweg von Elementen ablenken, die Delaney objektiv nicht in den Griff bekam.

Dazu gehört in erster Linie die Figurenzeichnung, die dem Verfasser nicht wirklich vielschichtiger als in „Dämon“ gelungen ist. „Gut“ und „böse“ markieren die beiden Pole, um die sich die Protagonisten scharen. Dazwischen herrscht gähnende Leere, Schattierungen sind Delaneys Sache nicht. Was im Film funktioniert, wird in einem Roman dieser Länge erst deutlich und wirkt dann störend. Phillip Saxton beginnt als skrupelloser aber glaubwürdiger Spekulant. Im Finale ist er zum dauerkoksenden Monster und zur Karikatur eines Bösewichts verkommen. Umgekehrt wird Thomas Roosevelt – schon zu Beginn ein schwer erträglicher Gutmensch – erst zur Kampfmaschine und schließlich zum Messias der Kunstmenschen.

Während Delaney sehr anschaulich jene Atmosphäre aus Gier, Hybris und Gleichgültigkeit zu beschwören weiß, die über den modernen Finanzzentren der Welt wabert, bleibt die Geschichte, die er erzählt, logikfernes Stückwerk. Zum perfekten Funktionieren der geschilderten Geschäftswelt passt nicht, dass sie schließlich durch einen einzigen Menschen zu Fall gebracht werden kann. Zwar ist dies ebenfalls ein bekanntes Konzept – viele Geschichten singen das Lob des wider alle Erwartungen obsiegenden Einzelgängers –, aber es muss sorgfältig konzipiert werden und zumindest im gewählten Rahmen stimmig sein.

Überhaupt ist die Auflösung schwach (und wieder nur aus zweiter Hand: Delaney ließ sich vom Finale des Films „Fight Club“ ‚inspirieren‘). Der Kampf gegen ein realiter global verknüpftes und somit stabil in sich ruhenden Systems wird eleganzfrei versimpelt: Als Genico fällt und die Herkunft der Transkriptoren gelöscht wird, ist die Macht des Kapitals gebrochen, und bessere Zeiten brechen an. So geht’s nicht, und eigentlich wird es jetzt erst interessant – aber Vorsicht: Setzen wir dem Verfasser keinen Floh ins Ohr; sonst beglückt er seine Fans womöglich mit einer Fortsetzung!

Delaneys treue deutsche Fans

Zumindest in den USA scheint man auf Delaneys zweiten Roman nicht gewartet zu haben. Der Verfasser legte ihn ohnehin verspätet erst 2009 vor, doch kein Verlag griff zu. So stellte die deutsche Veröffentlichung von 2010 auch die Erstveröffentlichung dar. Hierzulande gelang Delaney mit seinem Erstling „Dämon“ ein auflagenstarker Überraschungserfolg, an den sich der Bastei-Lübbe-Verlag nicht nur gern erinnert, sondern an den er mit „Golem“ anknüpfen möchte. Also erschien „Golem“ – dieser Titel hat zwar keinerlei Bezug zur Handlung, klingt aber zugegebenermaßen besser als das originale „Genome, Inc.“ – nicht als Taschenbuch, sondern wurde in ein Paperback gekleidet, das nicht nur stattlicher aussieht, sondern sich vor allem hochpreisiger verkaufen lässt. Erst Anfang 2011 wird eine erste originalsprachige Ausgabe folgen.

Autor

Über Matthew Delaney ist kaum Biografisches bekannt. Am Dartmouth College zu Hanover im US-Staat New Hampshire hat er studiert. Er lebt und arbeitet in Somerville, Massachusetts. 2005 legte er seinen Erstling, den Horror-Roman „Jinn“ (dt. „Dämon“) vor, der (angeblich) verfilmt werden soll, aber seit Jahr & Tag genregerecht in Hollywoods berüchtigter „development hell“ schmort.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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