Grünmantel

John Buchan
Grünmantel

Originalausgabe: Greenmantle (London : Hodder & Stoughton 1916)
Übersetzung: Marta Hackel
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1971 (Diogenes Verlag)
365 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: April 1994 (Diogenes-Verlag/Detebe 20771)
365 S.
ISBN-13: 978-3-257-20771-2

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Das geschieht:

Im Jahr 1916 liefern sich die europäischen Großmächte auf dem Kontinent einen erbitterten Grabenkrieg. Noch ist nichts entschieden, die Deutschen halten buchstäblich ihre Stellungen. Dennoch suchen Kaiser Wilhelms Strategen nach einer Möglichkeit, vor allem die britischen Truppen der Front fern zu halten. Im fernen Osmanischen Reich – der späteren Türkei – wird den islamischen Stämmen der Region die Ankunft eines ‚Propheten‘ vorgegaukelt, der sie zum „Heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ aufrufen und durch Persien gen Indien schicken soll. Das Kronjuwel des britischen Empire müssten die Briten auf jeden Fall verteidigen.

Wer ist der unbekannte Meisterspion, dem dieses Schurkenstück zu gelingen scheint? Das britische Kriegsministerium ist tief beunruhigt. Die eigenen Agenten sind jedes Mal aufgeflogen und umgebracht worden. Nun versucht man es mit Major Richard Hannay, der im Vorjahr in Schottland die Verschwörer-Bande „The Thirty-Nine Steps“ auffliegen ließ.

Als treuer Untertan Seiner Majestät lässt sich Hannay auf den gefährlichen Auftrag ein. Doch wo hält der Feind sich auf? Die kargen Nachrichten lassen darauf schließen, dass er auf dem Balkan seine Ränke schmiedet. Hannay beginnt seine Suche in der Höhle des Löwen – in Deutschland, das er als Briten hassender Bure maskiert bereist, der sich als Agitator gegen die Briten anheuern lassen will. Tatsächlich macht Hannay den brutalen Oberst von Stumm auf sich aufmerksam. Ein unglückseliger Zwischenfall zwingt ihn jedoch zur Flucht. Mitten im Feindesland und noch weit entfernt von der Türkei steht Hannay allein. Verfolgt vom unerbittlichen Stumm und seinen mörderischen Spießgesellen, macht er sich auf seinen langen Weg gen Südosten. Immer wieder gerät er in tödliche Fallen, bleibt aber hartnäckig auf der Spur des großen Unbekannten, dessen Decknamen er inzwischen kennt: Grünmantel …

Thrill und Abenteuer

„Grünmantel“: ein lupenreiner Thriller, verfasst von einem frühen Großmeister dieses Genres, das es so zum Zeitpunkt seiner Niederschrift nicht lange gab. Buchan formuliert hier viele seiner Regeln (und Klischees). Außerdem verbinden sich in „Grünmantel“ zwei Elemente – der Autor ist nicht nur talentiert, sondern auch mit den Gepflogenheiten der zeitgenössischen Geheimdienstarbeit vertraut – optimal und lassen einen Klassiker entstehen.

Hinzu treten in Buchans Thriller perfekt inszenierte Elemente des Reise- und Abenteuerromans. Wie in „Die 39 Stufen“ hastet Hannay in „Grünmantel“ durch einen Teil der Welt, in dem sich der Verfasser gut auskennt. Die Kulissen sind überaus detailreich gezeichnet, an Hintergrundinformationen wird niemals gespart (wobei praktisch ist, dass heute nur mehr dem Historiker mögliche Unstimmigkeiten auffallen).

Die Story ist gut ausgetüftelt und wird spannend umgesetzt. Grundsätzlich ist sie einfach strukturiert: Jäger und Gejagte kommen sich allmählich näher, bis sie im großen Finale aufeinander treffen und alle offenen Fragen geklärt werden. Dieses uralte Prinzip funktioniert auch hier fabelhaft. Buchan versteht es, den Deckel auf der Kiste zu lassen, sodass sich das „Grünmantel“-Rätsel nur scheibchenweise entschlüsselt.

Der Leser muss sich freilich an einige Eigentümlichkeiten gewöhnen. „Grünmantel“ entstand 1916, d. h. auf dem Höhepunkt des I. Weltkriegs, und ist nicht nur Thriller, sondern auch Propaganda wider einen Feind, den man überwinden muss, und für Großbritannien, das definitiv siegen wird. Es wimmelt von Textstellen, die man heute als Hurra-Patriotismen bezeichnet. Sie lesen sich hässlich, müssen aber im historischen Umfeld einer Ära gewertet werden, in der erbittert Krieg gegeneinander geführt wurde. Die (sehr gute) Übersetzung spart dies dankenswerterweise nicht aus.

Spion und Gentleman

Zum zweiten Mal gibt Richard Hannay den redlichen, eigentlich von der Situation ständig überforderten Mann, der in der Not über sich selbst hinauswächst – laut Buchan eine typische Eigenschaft des Engländers – und allen Gefahren sowohl mutig als auch lakonisch trotzt. Ein Gentleman handelt tapfer nach seinem Ehrenkodex und schweigt möglichst über damit verbundene Strapazen. Deshalb ist selbstverständlich, dass Hannay zu den Waffen eilt, sobald sein Land ihn ruft. Freilich muss er nicht wie der gemeine Soldat im Dreck liegen – Hannay ist Offizier und plant Attacken auf feindliche Schützengräben, bei denen er seine Männer allerdings persönlich anführt. Das ist geradezu selbstmörderisch, aber Hannay stellt das System nicht in Frage. Opfer sind halt nötig, um den Feind in die Schranken zu weisen. Das eigene Leben ist da Nebensache.

So meldet sich Hannay denn prompt freiwillig für die Jagd auf „Grünmantel“, ein obskures Unternehmen, für das er grundsätzlich außer seiner britischen Männlichkeit keine echte Voraussetzung mitbringt. Das scheint nach Ansicht der hohen Herren im Ministerium – durch Stand, Erziehung und Ausbildung zu den „old boys“ verschmolzen, die das Empire regieren und der Hannay (und Buchan) angehören – vollauf zu genügen. Folgerichtig ist der Nachwuchs-Spion entschlossen und schmiedet Pläne. Leider gehen sie meist schief: Die Tücke des Objekts und das Element des Scheiterns sind fester Bestandteil des Plots. Das fördert die Spannung, da es keine Sicherheiten und Garantien gibt.

Das „Große Spiel“ mit den „Hunnen“

Sehr patriotisch aber auch sportlich geht Hannay seinen Auftrag an. Das „Große Spiel“ nannte man den geheimen Kampf der Spione später. Hier begreift man die Bedeutung dieser Bezeichnung. Europa, Nordafrika und Kleinasien bilden das Spielfeld, auf dem mit großem Ernst, aber durchaus elegant gefochten wird. Hannay zur Seite stehen dabei einige nicht ganz so tüchtige aber treue Freunde. Ein bisschen exzentrisch schildert sie der Autor, was sie sympathisch wirken lässt, doch sobald es darauf ankommt, stemmen sie sich tapfer gegen den Feind.

Die Zeichnung des Gegners ist für den deutschen Leser der Gegenwart besonders interessant. Hannay (und Buchan) sind unbedingte Repräsentanten des britischen Imperialismus’. „Britannia rules“, und zwar nicht nur „the waves“, sondern am besten auch das feste Land dieser Welt. Wer sich dem entgegenstellt, ist per se böse. „Die Deutschen“ haben es gewagt, dafür schildert sie Buchan in denkbar schlechtem Licht. Sein Oberst von Stumm ist – der Verfasser macht gar keinen Hehl daraus – die Karikatur des „dreckigen Hunnen“: stiernackig, borstenköpfig, feist, grobschlächtig, weniger klug als schlau, brutal, verbohrt und unversöhnlich. Buchans Talent als Schriftsteller ist es zu verdanken, dass Stumm dennoch einen faszinierenden Bösewicht abgibt. (Einen hinterlistigen Tiefschlag kann sich Buchan indes nicht verkneifen: Er ‚outet‘ Stumm in der gebotenen Zurückhaltung seiner Zeit als Homosexuellen, um durch diese ‚Perversion‘ das Bild des moralisch verkommenen Schurken zu komplettieren.)

Auch sonst kommen die Deutschen nicht gerade gut davon. Darin ergeht es ihnen wie den Einwohnern der afrikanischen und kleinasiatischen Länder, die Hannay bereist. Sie werden als kaum zivilisierte ‚Wilde‘ abqualifiziert; „white man’s burden“ nannte man die ‚Pflicht‘, solche kindlich in den Tag lebenden Naturvölker zu ihrem eigenen Besten hart an die Kandare zu nehmen …

Selbstverständlich sind nicht alle Deutschen Kriegstreiber oder einig mit ihrem Kaiser, dieser Ausgeburt des Bösen (der Buchan einen bizarren Gastauftritt gönnt). Oftmals leiden sie selbst unter Not und Entbehrungen, die ihre Regierung über sie brachte, aber Vorsicht: Verdächtig bleiben sie trotzdem, denn „ein bisschen fanatisch sind sie alle“, diese Deutschen (S. 92)!

Autor

John Buchan wurde 1875 im schottischen Perth geboren. Er studierte an der University of Glasgow sowie in Oxford. Schon früh erwies er sich als brillanter Poet und Schriftsteller. Mit „Sir Quixote of the Moors“ erschien 1895 ein erster Roman. Weitere historische Erzählungen folgten.

Nach seinem Abschluss arbeitete Buchan als Autor und Journalist. 1901 wurde er Jurist. Er ging er nach Südafrika, wo er im Stab von Lord Milner, dem High Commissioner for South Africa, dabei half, das Land nach dem Burenkrieg wieder aufzubauen. Buchan blieb bis 1903, kehrte dann nach London zurück. 1906 wechselte er ins Verlagswesen.

Den I. Weltkrieg erlebte Buchan als Kriegskorrespondent, bevor er selbst die Uniform anzog. Schon 1914 wurde er krank und schrieb während seiner Genesung „The Thirty-Nine Steps“ („Die 39 Stufen“, den ersten Roman um Richard Hannay. Dieser war nach dem Vorbild des realen Offiziers Edmund Ironside – später Feldmarschall Lord Ironside of Archangel – geformt, den Buchan persönlich kannte und der ihn sehr beeindruckt hatte.

Hannay ist das Spiegelbild seines geistigen Vaters, der Zeit seines Lebens ein überzeugter Konservativer und Imperialist war. Deshalb lässt ihn Buchan gegen allerlei Erzfeinde des ‚wahren‘ England antreten und selbstverständlich obsiegen. Dabei ist Hannay kein Held oder Übermensch, sondern betrachtet sich als ganz normaler Bürger, der für sein Vaterland über sich hinauswächst.

1917 wechselte Buchan vom Schlachtfeld zum Nachrichtendienst. Nach Kriegsende stellte ihn die Nachrichtenagentur Reuters ein. In den 1920er Jahren wurde Buchan politisch aktiv. Für die Konservativen saß er im Parlament. 1935 wurde Buchan für seine Verdienste geadelt; der erste Baron Tweedmuir of Elsfield siedelte nach Kanada um, wo er bis zu seinem Tod am 11. Februar 1940 als Generalgouverneur amtierte.

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