Heldin wider Willen

Elizabeth Moon
Heldin wider Willen

(Serrano-Legacy-Zyklus, Bd. 4)

Originaltitel: Once a Hero (Riverdale/New York : Baen Books 1997)
Übersetzung: Thomas Schichtel
Deutsche Erstausgabe: Februar 2002 (Bastei-Lübbe-Verlag/SF-TB 24297)
588 S.
ISBN-13: 978-3-404-24297-9

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Das geschieht:

Jener Sektor des menschlich besiedelten Universums, auf den sich hier unser Augenmerk richtet, wird neofeudal regiert von einer Allianz mächtiger Adelsgeschlechter. Da Usurpatoren & Freibeuter über-All lauern, hält man sich ein schlagkräftiges Militär. Kühne Kommandanten steuern die gewaltigen Raumkreuzer des „Regular Space Service“ dorthin wo’s brennt. Darin brennen schneidige junge Burschen und Mädels in schicken Uniformen für jene ekstatischen Momente zwischen Befehlsausgabe und „Sir-jawoll-Sir!“-Bestätigung.

Zum Heer der hoffnungsvollen Nachwuchs-Kampfhähne und -hennen zählt Lieutenant Esmay Suiza. Sie ist Mitglied einer Familie mit langer Militär-Tradition, aber leider geschlagen mit den Erinnerungen an eine gar schlimme Jugend auf dem Hinterwäldler-Planeten Altiplano und – was schwerer wiegt – mit der Gabe des selbstständigen Denkens, die in Soldatenkreisen seit jeher als Fluch gilt. Neulich ist es Esmay gelungen, nicht nur eine Meuterei an Bord der stolzen „Despite“ zu vereiteln, sondern sogar mit dem unter ihrer Führung zurückeroberten Schiff in eine Raumschlacht zu ziehen und den vielfach überlegenen Feind in die x-te Dimension zu blastern. Eine tolle Leistung, die aber so leider nicht im Militär-Protokoll vorgesehen ist, sodass sich Esmay weder belobigt noch befördert, sondern als Meuterin vors Kriegsgericht gestellt wird: Wo kämen wir dahin, wenn jeder Soldat sich zukünftig vom Menschenverstand leiten ließe? Esmay sieht‘s ein und ergibt sich gefasst in ihr Schicksal.

Weil sie ja trotzdem irgendwie richtig gehandelt hat, stößt man sie nicht ohne Raumanzug aus einer Schleuse der „Despite“, sondern versetzt sie auf das ölige Reparaturschiff „Koskiusko“ irgendwo am Arsch des Spiralnebels Omega Harrington. Da die Lex Kirk – dramatische Ereignisse spielen sich ungeachtet jeder Logik stets dort ab, wo der Held oder die Heldin sich gerade aufhalten – auch in Esmays Universum Gültigkeit besitzt, tauchen die Piraten und Terroristen der gefürchteten „Bluthorde“ auf, die besagtes Schiff erobern und entführen. Die Besatzung unterwirft sich feige den Schurken, aber tief in den Eingeweiden der „Koskiusko“ rührt sich Widerstand. Angeführt von Esmay und ihrer neuen Liebe, dem Haudegen Barin Serrano, stemmen sich die mutigen Krieger gegen die teuflische Übermacht, bis schließlich – man glaubt es kaum – … aber das soll an dieser Stelle Überraschung bleiben …

Disziplin und Abenteuer

Elizabeth Moon blieb es einst überlassen, diesen Rezensenten mit der aufregenden Welt der „Military Science Fiction“ vertraut zu machen. Wenn man schon Neuland betritt, dann besser in Begleitung eines ortskundigen Führers. Moon hat selbst gedient – sogar in Vietnam! Man darf daher davon ausgehen, dass diese Autorin weiß, worüber sie schreibt, wenn sie nun tief eintaucht in die Soldatenwelt der Zukunft. Wer sich nur einigermaßen auskennt im Militärischen, wird mir bestätigen, dass Strukturen und Rituale hier ähnlich stabil und jeglicher historischen Entwicklung enthoben sind wie sonst höchstens in der katholischen Kirche. Somit kann Moon ihr Hintergrundwissen auch vor imaginärem Hintergrund voll ausspielen.

Ungeachtet der Häme, in die der skeptische Rezensent leicht verfällt, wenn es gilt, ein Werk wie „Heldin wider Willen“ zu würdigen, ist dieses Fachwissen ein Wort der Anerkennung wert. Zudem ist Esmay Suiza kein Kampfroboter aus Fleisch und Blut, sondern ein Mensch mit allen positiven und negativen Charaktereigenschaften. Kadavergehorsam & Drill-Masochismus sind seit den Tagen der „Starship Troopers“ glücklicherweise ziemlich out, was andererseits der pazifistisch eingestellten Kritik auch wieder nicht Recht ist: Der Feind, den es zu bekämpfen gilt, soll sich gefälligst weiterhin als Schwein gebärden.

Esmay und ihre Gefährten sind Soldaten – Punkt. Wer mit dieser Ausgangssituation nicht klarkommt, sollte sich die Lektüre von „Heldin wider Willen“ schenken. Zweitens: Esmay & Co. wurden von der Unterhaltungs-Industrie rekrutiert. Moons Geschichte beschäftigt sich nicht mit dem Mikrokosmos Militär, seinen in die Zukunft extrapolierten Regeln oder gar seinen Schattenseiten, sondern ist primär dem kindlichen Spaß an Remmidemmi und Zerstörung geschuldet.

Alte Werte in ebensolchen Schläuchen

Esmays Universum ist ein Abenteuer-Spielplatz, auf dem sich das Gute stellvertretend für die Leserschaft tüchtig austobt und die Bösen anders als in der frustrierenden Realität endlich einmal auf die Bretter schickt. Die Jugendtraumata der Heldin und andere Indizien scheinbarer Tiefgründigkeit sind nichts als Feigenblätter; es ist schick, wenn ein Held eine kleine Macke hat – es lässt ihn oder in unserem Fall sie menschlicher wirken.

Wer die Regel der populärkulturellen Vereinfachung nicht kennt, zwischen Realität und Fiktion nicht trennen will oder gar zu gern über die Verrohung der Welt, die kühl kalkulierte Befriedigung niederer Instinkte & das nahe Ende der Zivilisation lamentiert, liegt ebenfalls falsch bei unserer „Heldin wider Willen“.

Eng wird es für Elizabeth Moon allerdings, wenn man nunmehr kritisch unter die Lupe nimmt, wie sie sich im Rahmen der selbst gewählten Spielregeln schlägt. Hier fällt Nachsicht schwer, da die Verfasserin ihrem Publikum ein gar zu schlichtes Garn vorsetzt. Was da über fast 600 Seiten abrollt, ist buchstäblich eine Räuberpistole, die schon in den Pulp-Magazinen der 1930er Jahre ein wenig zu oft abgefeuert wurde. Dabei ist grundsätzlich nichts gegen eine Wiederbelebung des wunderbaren Weltraum-Schwachsinns à la Flash Gordon einzuwenden. Die „Star Wars“-Saga zeigt, wie man‘s richtig macht, indem man sich nicht gar zu ernst nimmt. Leider meint Moon es jederzeit bitter ernst mit ihrem Krawall-Epos: Witz und Selbstironie sind Elemente, die in der „Military Science Fiction“ jenseits des berüchtigen Landser-Humors ganz und gar nicht geduldet werden.

Die Seele der Soldatin

Richtig übel wird es, wenn Moon Gefühl ins Spiel kommen lässt – oder das, was sie dafür hält, wobei schriftstellerisches Unvermögen eien gewichtige Rolle spielen dürfte. Esmays Reise ins Herz der eigenen Finsternis ist besonders im ersten Drittel und noch einmal im Finale eine qualvoll in die Länge gezogene Lektion in sentimentalem Edelkitsch und unfreiwilliger Komik.

Echter Ärger kommt auf, wenn Moon Esmays ewigen Clinch mit den Vorgesetzten schildert. Diese gebärden sich als Herrscher über das Universum oder wenigstens jene Bereiche, in denen Rangabzeichen getragen werden. Dort verteilen sie zum Besten der Welt und ihrer ruppig geliebten Untergebenen fleißig Arschtritte, für die sie von den auf diese Weise Niedergestreckten umso heftiger respektiert werden. Esmays Befehlshabern unterläuft vielleicht der eine oder andere Fehler, der hier und da ein paar Köpfe rollen lässt, aber sie haben die Autorität und damit letztlich immer Recht: Hier endet zumindest dieses Rezensenten Bereitschaft, in jene Bereiche der SF-Welt vorzudringen, wo er noch nie zuvor war.

Nicht verantwortlich kann die Autorin indes für jene Verwirrung gemacht werden, die den Leser auf den ersten einhundert Seiten immer wieder befällt. Da rekapituliert Esmay ausführlich dramatische Ereignisse, die sie augenscheinlich gerade überstanden hat. Aus dem Text geht klar hervor, dass der Leser eigentlich mehr darüber wissen müsste. Tatsächlich ist „Heldin wider Willen“ der vierte Teil eines groß angelegten Zyklus‘, der sich locker um den Serrano-Clan rankt. Aus unerfindlichen Gründen startet der Bastei-Lübbe-Verlag mittendrin; ob‘s daran liegt, dass unbedingt eine starke Frau à la Honor Harrington in die Riege der verkaufsstarken SF-Helden aufgenommen werden sollte?

Autorin

Susan Elizabeth Norris Moon wurde am 7. März 1945 in McAllen, einer Stadt im Süden des US-Staates Texas, geboren. Nach einem Studium der Geschichte und einem Intermezzo als Rettungs-Sanitäterin drängte es sie 1968 dazu, Nützliches für ihr Land zu tun. Also meldete sie sich erst zum Marine Corps und ging dann nach Vietnam, wo sie allerdings nicht mit Napalm oder M16, sondern am Computer half, möglichst viele „Charlies“ zu erwischen.

1969 kehrte Moon in die USA zurück und heiratete einen ehemaligen Kommilitonen und Kameraden. Mit ihrem Mann zog sie nach dem Ende ihrer aktiven Dienstzeiten in einen Vorort der texanischen Hauptstadt Austin, wo das Paar noch heute lebt. Moon begann ein Biologiestudium, das sie 1975 abschloss.

In den 1980er Jahren begann Moon Kurzgeschichten zu schreiben. „The Sheepfarmer‘s Daughter“ wurde 1986 ihr Romandebüt sowie Startband einer Fantasy-Trilogie. Anschließend widmete sich Moon der „Military Science Fiction“. Vor dem gemeinsamen Hintergrund eines menschlich besiedelten Universums entstanden verschiedene Zyklen, die Abenteuer mit militärischen Werten boten. Bei einem entsprechend gepolten Publikum bereits sehr beliebt, konnte Moon die Literaturkritik erst mit ihrem Roman „The Speed of Dark“ (dt. „Die Geschwindigkeit des Dunkels“) begeistern, der Geschichte eines autistischen Computerprogrammierers, für den sie 2003 mit einem „Nebula Award“ ausgezeichnet wurde.

Elizabeth Moons Website

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