Ilias

Unbenannt-1Homer
Ilias

In einer Neufassung von Raoul Schrott
Der Hörverlag, München in Zusammenarbeit mit hr2 kultur,
Frankfurt und Deutschlandfunk, Köln, 10/2008
21 CDs in Plastikhüllen in einer aufklappbaren, stabilen Pappbox,
Hörbuch, Literatur, Geschichte, Kultur, Abenteuer
ISBN 9783867171885
ca. 1180 Min.
Nach dem gleichnamigen Buch „Ilias“ von Raoul Schrott, Hanser Verlag, München, 9/2008
Gelesen von Manfred Zapatka
Akustische Einrichtung, Komposition und Regie: Klaus Buhlert
Wissenschaftliche Beratung: Peter Mauritsch
Aussprachebetreuung: Thomas Poiss
Dramaturgie: Manfred Hess
Titelgestaltung von Yasmin Eroglu/Der Hörverlag nach einer Vorlage von
Peter-Andreas Hassiepen, München, Titelfoto von Westgiebel, Aphaia-Tempel (Glyptothek, München)
Fotos von Noel Tovia Motoff
64-seitiges Booklet mit Informationen und Fotos

www.hoerverlag.de
www.hr2.de/
www.dradio.de/

Jeder kennt Homer und seine berühmten Epen „Ilias“ und „Odyssee“, die den Kampf um Troja und die Irrfahrten des Odysseus beschreiben. Was man über den Dichter weiß, ist wenig, denn die Quellen stammen überwiegend aus späteren Jahrhunderten und sind oft widersprüchlich. Manche Spekulationen gehen dahin, dass Homer ein blinder Wanderdichter gewesen sei, wieder andere vermuten mehrere Verfasser hinter dem Namen. Ebenso abweichend sind die Datierungsversuche der Epen. Aufgrund von Vergleichen mit ähnlichen Werken vermutet man, dass sie um 660 v. Chr. entstanden sind. In der „Ilias“ und „Odyssee“ verarbeitete Homer historische Ereignisse und Sagen, die in der Region verbreitet waren. Anders als viele Bücher, die die Epen in eingedeutschten Hexametern oder in Prosa-Form wiedergeben und sie durch verwandte Erzählungen ausschmücken, konzentriert sich Raoul Schrott in seiner Neufassung auf den Urtext, der mit dem Zorn des Achill, dem Agamemnon eine Beute-Sklavin weg nahm, beginnt und mit dem Tode Hektors, aber vor dem des Achill endet. Die Ereignisse des zehnten Kriegsjahres werden beschrieben, zum einen in der Welt der Menschen, zum anderen in der der Götter – auf der Bühne durch zwei Ebenen verdeutlicht. Die Götter beeinflussen aus Launen heraus die Schicksale der Menschen und liefern mit all ihren Begierden und Intrigen ein Spiegelbild der menschlichen Verhaltensweisen.

Vermutlich am bekanntesten ist die Jugendbuch-Version von Gustav Schwab, „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die nach damaligen pädagogischen Gesichtspunkten gekürzt, interpretiert und kompiliert wurde. So findet man in dieser nicht nur eine chronologisch aufgebaute Geschichte, die mit dem Streit dreier Göttinnen um den Apfel der Eris ihren unheilvollen Verlauf nimmt, neben der Entführung der schönen Helena auch die Opferung der Iphigenie thematisiert und ihren Höhepunkt mit der Einnahme von Troja erreicht; sondern auch verwandte Sagen wie die von „Herakles“, „Die Argonauten“, „Die Aenaeis“ usw. Mit dieser oder vergleichbaren Fassungen hat Raoul Schrotts Bearbeitung überhaupt nichts gemein, und legt man die erste CD ein – die Erinnerung an Gustav Schwab o. a. im Hinterkopf -, wird man sehr überrascht.

Jede CD beginnt mit kurzen, einstimmenden musikalischen Klängen. Der Sprecher Manfred Zapatka trennt strikt zwischen dem narrativen Rahmen und den Dialogen, denen er durch Überbetonung Lebendigkeit und Individualität einzuhauchen versucht. In vielen Fällen wird einem Wortwechsel ein Zitat in Altgriechisch vorangestellt, damit der Zuhörer eine Vorstellung von der Satzmelodie erhält und wie die Aufführungen einst geklungen haben könnten. Besonders gewöhnungsbedürftig sind hierbei die Worte, die den Helden in den Mund gelegt werden. Natürlich handelt es sich bei Menelaos, Diomedes, Nestor auf der einen, Priamos, Paris, Aeneas – und sie sie alle heißen – auf der anderen Seite um raue Männer, die eigentlich Krieger, Piraten und Plünderer sind und keine schöngeistigen Dialoge führen, und auch die Götter, darunter Zeus, Poseidon, Hera und Athene, sind in dieser Hinsicht sehr menschlich. Allerdings wirkt ihre Ausdrucksweise stellenweise schon zu modern und gewollt jugendlich-derb.

Das sehr informative 64-seitige Booklet geht auch auf diesen Punkt ein:
Raoul Schrott bemühe sich, eine zeitgenössische Umsetzung der „Ilias“ zu schaffen, die jedoch nach Kriterien interpretiert wurde, die den Zeitgeist der Antike anhand des aktuellen Forschungsstandes berücksichtigen. Das ist ihm zweifellos gelungen, denn man findet keine Wertung nach heutigen Maßstäben. Ferner wird ausführlich auf den Hintergrund Homers und des Epos’ eingegangen, auf die antike Sprache und Bühnentechnik, den Wandel bzw. Reifeprozess, den die Charaktere durchlaufen, u. v. m., was besonders für Altphilologen, Germanisten, Historiker und Theaterwissenschaftler interessant ist. Die „Ilias“ in der Neufassung von Raoul Schrott wird gewiss so manche Kontroverse auslösen, denn sie ist ganz anders als all die sonstigen Versionen dieses Epos’.

Vor allem an die moderne Sprache muss man sich gewöhnen. Nach zwei, drei CDs ist das für aufgeschlossene Hörer allerdings kein Problem mehr. Dann bietet die sehr schön gestaltete Box mit 21 CDs einen anspruchsvollen Vortrag über rund 20 Stunden. Da nahezu EUR 80.- für ein Hörbuch, von dem man nicht weiß, ob es einem gefallen wird, viel Geld sind, sollte man die Möglichkeit der Hörprobe auf der Verlagsseite nutzen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Interessiert man sich für Literatur und die Antike, sollte man dem Titel eine Chance geben. (IS)

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