In den Fängen des Meeres

Henry Carlisle
In den Fängen des Meeres

Originaltitel: The Jonah Man (New York : Alfred A. Knopf 1984)
Übersetzung: Jutta Wannenmacher
Deutsche Erstausgabe: 2002 (Ullstein Verlag/TB Nr. 25330)
288 S.
ISBN-13: 978-3-548-25330-5

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Das geschieht:

Die Insel Nantucket vor der nordamerikanischen Ostküste gilt als wichtigster Hafen für Walfangschiffe. Hier wird 1791 George Pollard geboren. Als Sohn eines Farmers kann er der kargen heimischen Scholle wenig abgewinnen. Ihn zieht es zur See, wo selbst ein Mann aus kleinen Verhältnissen sein Glück machen kann. George erweist sich als reiselustiger Abenteurer, der sich als Seemann und Walfänger gut bewährt. Mit Hilfe einiger Gönner erfüllt sich sein Traum: Im Alter von 28 Jahren übernimmt er 1819 als Kapitän die „Essex“. Trotz mancher Unerfahrenheit lässt sich die Fangfahrt hervorragend an. Viele Wale werden gefangen. Der Erfolg verdeckt, dass zwischen Kapitän und Mannschaft wenig Einvernehmen herrscht. Sogar Owen Coffin, der eigene Vetter, schlägt sich auf die Seite der Unzufriedenen.

Im November 1820 geschieht das Unfassbare: Ein wütender Pottwal attackiert die „Essex“ – und versenkt das Schiff! Die geschockten Überlebenden in ihren Fangbooten bleiben mit geringen Wasser- und Lebensmittelvorräten auf offener See zurück. Ein grausamer Leidensweg beginnt, der die Männer schließlich zum Äußersten zwingt: Sie essen die Leichen ihrer Kameraden. Als dieser Vorrat erschöpft ist, wird in schauriger Lotterie ein Opfer gewählt. Das Los fällt auf den jungen Owen, der sich für seine Gefährten schlachten lässt.

Die Crew folgte dem uralten „Gesetz der See“. Deshalb werden die Männer nach ihrer Rettung nicht bestraft, sind aber geächtet. Von Schuldgefühlen zerfressen, sieht sich besonders Pollard in Nantucket einem gesellschaftlichen Spießrutenlauf ausgesetzt. Später wird ihm ein neues Kommando übertragen – und er verliert auch dieses Schiff! Damit ist sein Schicksal besiegelt: George Pollard gilt nun endgültig als vom Schicksal verfluchter „Jonas“, den nie wieder jemand anheuern wird. Jetzt beginnt der härteste Kampf seines Lebens, denn er muss für sich und seine junge Ehefrau einen neuen Platz unter den Menschen finden, die ihn ablehnen oder sogar fürchten …

Endlose See und beschränkte Zeitgenossen

„In den Fängen des Meeres“ ist eine Romanbiografie, die sich lose an der wahren Geschichte des Walfängers George Pollard (1791-1870) orientiert, dessen langes Leben schon von seinen Zeitgenossen ab 1820 stets auf jene 91 verhängnisvollen Tage konzentriert wurde, die dem Untergang der „Essex“ folgten. Das unerhörte, in der Geschichte der Seefahrt absolut singuläre Ereignis – der planvolle Angriff eines Wals auf ein großes Schiff – verblasste indes vor dem grausigen Geschehen in den Rettungsbooten.

Carlisle Fänge des Meeres Stich 1819

Zeitgenössischer Stich des „Essex“-Zwischenfalls

Pollard und seine Männer taten, was in extremster Not getan werden musste. Dafür zahlten sie mit dem Stigma des Überlebenden. Besonders Kapitän Pollard erlebte, dass die Rettung keineswegs das Ende seiner Leiden bedeutete. Deshalb handelt Verfasser Henry Carlisle die „Essex“-Episode zwar ausführlich ab, ohne sie jedoch in den Mittelpunkt zu stellen. Tatsächlich geht es um einen Mann, der vom Unglück verfolgt zu werden scheint: „The Jonah Man“ betitelte Carlisle deshalb sein Werk sehr viel treffender, während die deutsche Übersetzung lieber auf Nummer Sicher geht und eine der üblichen Hornblower-Klon-zeigt‘s-den-Franzmännern-Plotten suggeriert.

Nichts könnte diesem fabelhaften, lakonischen, nie sentimentalen oder pseudo-dramatischen Roman weniger gerecht werden. „In den Fängen des Meeres“ ist nicht nur spannend, sondern liefert das stimmungsvolle Bild einer versunkenen Welt. Völlig zu Recht wird das grausame Abschlachten der großen Meeressäuger heute verdammt. Doch einst gründete sich eine ganze Kultur auf den Walfang, und Männer wie George Pollard waren ihre Helden. Ohne sich des kurzsichtigen Raubbaus bewusst zu werden, waren sie stolz auf ihr Tun. Wieso dies so war und sogar logisch erscheint, wird einem nach der Lektüre dieses Buches deutlich: Das Denken und Handeln des Menschen muss stets in seinem historischen Umfeld betrachtet werden, so schwer dies den Nachgeborenen auch manchmal fällt.

Das Stigma des Überlebens

Normalerweise ist es schwierig, das Leben eines realen Menschen fiktiv aufzugreifen. Henry Carlisle profitiert von der Tatsache, dass George Pollard zwar grell aber eben recht kurz ins öffentliche Interesse rückte. Über seine späteren Jahre ist kaum etwas bekannt. Allerdings geht es dem Verfasser ohnehin nicht um eine möglichst stimmige Biografie. George Pollard ist für Carlisle das personifizierte Musterbeispiel eines Mannes, der sich den Dämonen des Alltags stellt, von ihnen mehrfach niedergerungen wird und letztlich doch – irgendwie – triumphiert.

Pollard ist wahrlich kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, behaftet mit den üblichen Fehlern aber immerhin nicht allein auf dieser Welt, obwohl ihm das sehr lange nicht bewusst ist. Angesichts seiner deprimierenden Erfahrungen stellt dies keines Überraschung dar: Nicht Schiffbruch oder Kannibalismus machen George Pollard zu schaffen, sondern das Trauma des Überlebens und die Unfähigkeit seiner Mitmenschen, die – mit der Gnade der vom Schicksal Verschonten gesegnet – nicht begreifen wollen oder können, das es Situation gibt, in denen Gesetz und Moral außer Kraft gesetzt sind.

Der daraus entstehende Konflikt ist ungemein fesselnd. Pollard wird sich Zeit seines Lebens von den Vorwürfen niemals gänzlich frei machen. Aber er lernt schließlich, sich mit ihnen zu arrangieren und sich unabhängig von Urteil der Mitbürger zu machen. Pollard begreift, dass es so etwas wie einen „Jonas“ nicht gibt und lässt sich nicht mehr in diese Rolle drängen. Damit streift er endlich die Fesseln eines nur scheinbar verpfuschten Lebens ab und findet Frieden. Weil Carlisle dies als ganz einfache Geschichte erzählt, wirkt es ungemein überzeugend und ergreifend im positiven Sinn.

Die jeweiligen Grenzen der Welt

Über die gelungene Figur des George Pollard darf man seine Ehefrau Mary nicht vergessen. Sie repräsentiert die zeitgenössische Frau, ohne dabei als chauvinistisch geknechtete Freigeistin verzeichnet zu werden. Deshalb stellt sie das Los einer Seemannsfrau, die dazu verdammt ist, viele Monate ohne den Gatten an Land zurückzubleiben, niemals in Frage. Später ist sie ihrem angeschlagenen George nicht nur eine treue Gefährtin, sondern auch eine feste Stütze, ohne die er wohl nicht mehr auf die Füße kommen würde.

Übrigens kann man den Männern und Frauen, denen Pollard nach seinem Unglück begegnet, nicht einmal einen Vorwurf machen. Nüchtern konstatiert Carlisle immer wieder, dass der Mensch in existenzieller Krise Unerhörtes zu tun vermag aber anschließend nur begrenztes Verständnis dafür erwarten darf. Seiner Ehefrau, einem alten Kapitän und dem Schriftsteller Hermann Melville („Moby Dick“) gelingt es, während selbst die Gefährten im Leid aus den Rettungsbooten dazu nicht in der Lage sind.

Für die anschauliche Reise zurück in die Vergangenheit konnte Carlisle auf die eigene Familiengeschichte zurückgreifen. Seine Vorfahren stammten aus Nantucket, sein Ur-Großvater war dort selbst im Handel mit Wal-Produkten tätig. „In den Fängen des Meeres“ fügt sich zu einer wunderbaren Lektüre, die zumindest hierzulande leider unter Wert veröffentlicht wurde.

Autor

Henry Coffin Carlisle wurde am 14 September 1926 in San Francisco geboren. Gerade volljährig geworden, rückt er in die Navy ein und diente im Pazifik-Krieg auf einem Zerstörer. Nach seiner Heimkehr studierte Carlisle Literatur und arbeitete als Redakteur u. a. für die Verlage Albert A. Knopf und Rinehart & Company.

Seit 1961 war Carlisle hauptberuflicher Schriftsteller. Sein Werk blieb schmal, fand aber weithin Anerkennung. Sehr aktiv war Carlisle hinter den Kulissen. So war er Mitglied des internationalen Schriftstellerverbandes P.E.N. und wurde 1976 Präsident des P.E.N. American Center. Zusammen mit seiner Ehefrau Olga Andreyeva setzte sich Carlisle für Autoren von jenseits des Eisernen Vorhangs ein, die wie Andrei Amalrik oder Alexander Solschenizyn in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt waren, verfolgt und eingesperrt wurden.

Am 11. Juli 2011 starb Henry Carlisle in San Francisco an den Folgen einer Lungenentzündung.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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