Krieg der Ratten

David L. Robbins
Krieg der Ratten

Originaltitel: War of the Rats (New York : Bantam Books 1999)
Übersetzung: Ernst Leitner
Deutsche Erstausgabe: 2001 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/13349)
511 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-19001-6

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Das geschieht:

Stalingrad ist eine Industriestadt im Süden der Sowjetunion. Im Oktober 1942 sind die deutschen Armeen an allen Fronten auf dem Vormarsch. Aber im Osten ist der Höhepunkt des rauschhaften Siegeszuges überschritten. In Stalingrad endet der permanente russische Rückzug; vom Diktator Josef Stalin unter Androhung strengster Strafen dazu gezwungen, haben sich die Verteidiger in der Stadt verschanzt und setzen den Eroberern verbissenen Widerstand entgegen. Seit August rennen die Deutschen gegen die sowjetischen Stellungen an. Stalingrad ist inzwischen nur noch eine von Fliegerbomben, Granaten und Gewehrkugeln wieder und wieder durchgepflügte, ausgebrannte, surrealistische Ruinenlandschaft.

Straße um Straße, Haus um Haus, Keller um Keller wogt ein erbitterter, auf beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführter Kampf. Stündlich ändert sich der Frontverlauf, verschiebt sich um wenige Meter. Weder die Deutschen noch die Russen lassen in ihrem Bemühen nach, den Gegner nicht nur zu vertreiben, sondern vollständig zu vernichten. Der Blutzoll ist auf beiden Seiten unfassbar hoch, die Überlebenszeit bemisst sich für unerfahrene Frontkämpfer nur nach Stunden: Die Schlacht degeneriert zum „Rattenkrieg“.

In diesem Inferno treffen zwei Männer aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Starschina (Unteroffizier) Wassili Saitsew wurde als einfacher Soldat der Roten Armee nach Stalingrad geschickt. Dort konnte er seine außergewöhnliche Treffsicherheit unter Beweis stellen. Oberst Batjuk, Befehlshaber der 284. Infanteriedivision, ließ Saitsew zum Scharfschützen ausbilden. Nun jagt Saitsew – allein oder mit Kameraden – in den Ruinen: 42 Deutsche sind ihm in zwölf Tagen zum Opfer gefallen.

Saitsew soll eine Scharfschützen-Einheit aufstellen und ausbilden. Gleichzeitig baut die Kommunistische Partei Saitsew zum Propaganda-Helden auf, dessen Ruhmestaten unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung Zuversicht säen und für Nachahmung und vor allem politische Linientreue sorgen sollen. Auf diese Weise erfahren auch die Deutschen von Saitsew. Man fliegt den besten deutschen Schützen ein: SS-Standartenführer Heinz von Krupp Thorwald nimmt mit Freuden die Herausforderung an. In der Mondlandschaft von Stalingrad tragen Thorwald und Saitsew ein Duell aus, das sie den um sie herum tobenden Straßenkampf vergessen lässt: zwei Menschenjäger in einem privaten Krieg, den nur einer überleben wird …

Krieg als (unterhaltsame) Hölle

Der Roman „Krieg der Ratten“ bot dem französischen Regisseur Jean-Jacques Arnaud die Vorlage zum Filmepos „Duell – Enemy at the Gates“, mit dem das europäische Kino im Millenniumjahr 2000 wieder einmal versuchte, Hollywood buchstäblich mit den eigenen Waffen zu schlagen. Auch dieses Mal blieb der Erfolg aus; stattdessen bezog Arnaud in Europa böse Kritikerschelte, weil er es gewagt hatte, statt eines historisch oder wenigstens politisch korrekten, ‚intellektuellen‘ Krieg-ist-schlecht-Dramas eine Liebesgeschichte mit Action-Elementen zu verfilmen – dies auch noch vor dem Hintergrund des Stalingrad-Gemetzels, das damit auch nach Jahrzehnten seine ungebrochenen Trauma-Qualitäten eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Dieses Problem hatte David L. Robbins nicht, als er 1999 „Krieg der Ratten“ veröffentlichte. In den USA ist Stalingrad nur ein Schlachtfeld von vielen des II. Weltkriegs und dazu eines, auf dem die eigenen Jungs nicht gekämpft haben und gestorben sind. Frei von emotionalen Bindungen fiel es Robbins leicht, die Tragödie zu sehen und sie doch als Folie für eine konventionelle Abenteuergeschichte einzusetzen.

Krieg der Klischees

In jenen Grenzen, die das Genre des (Anti-) Kriegsromans auf der einen und Robbins schriftstellerisches Talent auf der anderen Seite setzten, bietet „Krieg der Ratten“ solide Unterhaltung mit einigem Tiefgang, deren Grund sich allerdings hierzulande auch ohne Echolot leicht erkennen lässt. Zu stark bleiben Robbins Figuren allzu bekannten Klischees verhaftet. Da haben wir den ‚bösen‘ (= überzeugten) Nazi Thorwald sowie den Landser‘ als ‚guten‘ Deutschen (= redlicher Soldat & offenbar kein Nazi). Die Russen – die auch gute Amerikaner bis 1945 als Freunde bezeichnen dürfen, ohne in Gefahr zu geraten, als Kommunisten-Knechte und Fidels fünfte Brigade gejagt zu werden – dieses Mal den (immerhin leicht gebrochenen) Helden und die weibliche Hauptrolle stellen dürfen.

Aber halt: Die kriegerische Tanja Tschernowa ist ja eine in den USA geborene und aufgewachsene Russin. Wahrscheinlich sah sich Robbins zu dieser biografischen Volte gezwungen, damit sein Roman daheim nicht nur von einigen verknöcherten Militärhistorikern zur Kenntnis genommen wurde, sondern auch vom breiten US-Publikum, das menschliche Tragödien außerhalb der amerikanischen Grenzen nur dann spannend findet, wenn Landsleute darin verwickelt sind.

Darf der das?

„Krieg der Ratten“ ist trotzdem keines jener unsäglichen „Bücher zum Film“, die als literarische Abfallprodukte die Merchandising-Feldzüge moderner Kinofilme flankieren und von minderbegabten oder in Geldnöte geratenen, auf jeden Fall aber unglücklichen Autoren fabriziert werden. Trotzdem stellt sich die Frage, ob das Ergebnis solchen Aufwand lohnt. Thorwald, Saitsew & Co. bewegen sich in einem akkurat rekonstruierten historischen Rahmen, doch ist das nötig für eine simple und sehr amerikanische Geschichte, die so auch im Wilden Westen spielen könnte? Nein, ist es nicht, muss man wohl antworten. Robbins‘ Wissen ist primär angelesen; seine hausbackene Biografie des „typischen Deutschen“ Thorwald bemüht sich um Objektivität und beschreibt doch nur den Nazi-Schurken Hollywoodscher Prägung. Schon die unwahrscheinlich-unglaublichen Namen der deutschen Protagonisten (Nikki Mond!) reizen zum Grinsen.

Solche Details machen deutlich, dass Robbins kein ‚echter‘ Historiker ist, sondern ein Jurist, der den Schriftsteller in sich entdeckte. Letztlich schildert (und benutzt) der Autor – überspitzt auf den Punkt gebracht – den Krieg als Abenteuer-Schau- und Spielplatz, während der psychologische Hintergrund die Bandbreite gediegener TV-Mini-Serien nicht überschreitet.

„Krieg der Ratten“ ist Unterhaltung, spannendes Entertainment allemal. Ob der Leser willens oder fähig ist, bei der Lektüre die Schrecken des fiktiven und des realen Stalingrad zu trennen, bleibt wie so oft ihm überlassen. Das Gedenken an eine Tragödie wird freilich nicht zwangsläufig dadurch verharmlost oder ‚entehrt‘, dass man sie populärkulturell einsetzt, auch wenn dies von allerlei politisch korrekten Tugendbolden gern behauptet wird. Von einer Verharmlosung des Themas kann bei Robbins ohnehin keine Rede sein.

Autor

David Lea Robbins wurde am 10. März 1954 in Sandston, einem Städtchen unweit von Richmond im US-Staat Virginia, geboren. Er studierte Theaterwissenschaften und Sprechtheaterdramaturgie am College of William and Mary in Williamsburg. Mit seinem Abschluss stand Robbins 1976 auf der Straße und beschloss, etwas ‚Vernünftiges‘ zu lernen. Er kehrte an das genannte College zurück und studierte nunmehr Jura. Dem Abschluss 1980 folgte die Erkenntnis, dass auch dieser Beruf ihm nicht zusagte, weshalb Robbins nunmehr auf Psychologie umsattelte.

Parallel dazu datieren erste schriftstellerische Aktivitäten. Ab 1981 schrieb er Essays und Theaterstücke. 1997 erschien ein erster Roman („Soul to Keep“), aber erst „War of the Rats“ (dt. „Krieg der Ratten“) brachte den Durchbruch. Dieser Roman resultierte aus einer lebenslangen Faszination. Beide Eltern nahmen aktiv am Kriegsgeschehen ein, das deshalb im Hause Robbins präsent und prägend war.

Der große Erfolg seines Buches ermöglichte Robbins eine Existenz als freier Schriftsteller. Neben weiteren Kriegsromanen erschienen Thriller sowie Alternativwelt-Geschichten. Neben seiner Autorenarbeit lehrt Robbins kreatives Schreiben am Virginia Commonwealth University’s Honors College. Er lebt weiterhin in Richmond.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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