Maniac – Fluch der Vergangenheit

preston-child-maniac-cover-tb-2008Douglas Preston/Lincoln Child
Maniac – Fluch der Vergangenheit

(sfbentry)
Originaltitel: The Book of the Dead (New York : Warner Books 2006)
Übersetzung: Michael Benthack
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2007 (Droemer Verlag)
577 S.
ISBN-13: 978-3-426-19723-3
Als Taschenbuch: Oktober 2008 (Knaur Taschenbuch Verlag/Nr. 63654)
577 S.
ISBN-13: 978-3-426-63654-1

Das geschieht:

Von seinem ebenso bösartigen wie verrückten und genialen Bruder Diogenes als Mörder, Verschwörer und Verräter gebrandmarkt, wurde Aloysius Pendergast in das gefürchtete Bundesgefängnis von Herkmoor im US-Staat New York eingeliefert. Von missgünstigen FBI-Kollegen, die den unkonventionell vorgehenden Spezialagenten stets hassten, übel in die Zange genommen, gedenkt Pendergast den Kampf gegen Diogenes keineswegs aufzugeben, zumal ihm dessen bedrohliche Ankündigung weiterer Verbrechen noch in den Ohren klingt. Der Gefangene kann sich auf seine Freunde ‚draußen‘ verlassen. Lieutenant Vincent D’Agosta, Pendergasts ‚Chauffeur‘ Proctor und der brillante Profiler Eli Glinn schmieden fieberhaft einen Plan zur Befreiung.

Derweil geht im „New York Museum of Natural History“ zum wiederholten Male ein Monster um. Wie üblich ist das Haus in Geldnöten, soll eine spektakuläre Ausstellung Besucherströme anlocken. In einem seit 1935 sorgfältig vermauerten Kellerraum der riesigen Anlage findet sich das Grabmal des altägyptischen Wesirs Senef, der um 1400 vor Christus regierte. Um seine letzte Ruhestätte ranken sich Legenden von einem Fluch, die jene, die besagtes Grab für die Ausstellung vorbereiten, selbstverständlich abtun, bis Techniker und Wächter verstümmelt oder gar nicht aufgefunden werden. Wie üblich mauert die Museumsleitung. Laura Hayward, Leiterin der Mordkommission, lässt sich nicht abschrecken. Auch Reporter Bill Smithback ist wie immer am Ball. Die Naturwissenschaftlerin Margo Green könnte Licht in die Sache bringen, doch sie liegt nach einem Mordanschlag im Krankenhaus.

Hinter all dem sieht Pendergast die Hand seines Bruders, aber als er endlich wieder in Freiheit ist, muss er erkennen, dass Diogenes seine Ränken noch viel weiter als befürchtet getrieben und Zweifel im innersten Kreis seiner Feinde gesät hat …

Pseudo-Mystery vom Thriller-Fließband

In zahlreichen Tonlagen hat der Rezensent sich in den vergangenen Jahren über Freud‘ und Leid verbreitet, die von den Pendergast-Romanen des bienenfleißigen Autorengespanns Preston & Child ausgehen. Eine weitere Strophe hinzuzufügen ist ehrlich gesagt ermüdend, denn auch dieses Mal weichen Handlung oder Figurenzeichnung kein Jota vom Bewährten, aber leider auch Bekannten ab.

Das hauptsächliche Publikum der Fließband-Thriller von Preston & Child rekrutiert sich aus den jüngeren Generationen, wenn man sich die heutzutage leicht zugänglichen Kommentare einer überwiegend zufriedenen Leserschaft anschaut. Noch leicht zu begeistern und ohne Wissen um die klassischen und trivialen Vorbilder, die von den Autoren geplündert werden, fehlen ihm außerdem Wunsch oder Willen, das leicht gestrickte Garn einer näheren Prüfung zu unterziehen.

So betrachtet hat „Maniac“ durchaus seine Meriten. Wieder einmal rollt schnell und spannend ein durchgestyltes Geschehen ab. Während „Dark Secret“ als Mittelteil der Aloysius-und-Diogenes-Trilogie quasi ‚offen‘ beginnen und ausgehen musste, werden im dritten Teil endlich die zahlreichen offenen Enden zu einem festen Knoten zusammengeführt.

Wem reine und – wir werden gleich mehr darüber erfahren – kühl konstruierte Unterhaltung genügt, wird sich erfreut durch das Endprodukt lesen (was ein überaus luftig gestaltetes Druckbild mit augenfreundlich groß gedruckten Buchstaben zusätzlich erleichtert). Die so gestimmten Konsumenten mögen getrost die nächsten Absätze überspringen. Sie interessiert es sicherlich nicht, wie geschickt (oder dreist; das hängt vom Standpunkt des Betrachters ab) sie von Preston & Child aufs Kreuz gelegt werden.

Spannung aus der Retorte

„Maniac“ präsentiert sich mehr noch als die ohnehin zunehmend zum Selbstplagiat neigenden früheren Bände der Pendergast-Serie als Best-of schon mehrfach in Anspruch genommener Situationen und Schauplätze. Wieder einmal muss das „New York Museum of Natural History“ als Ort des Geschehens herhalten. Die dunklen, tüchtig eingestaubten und mit obskuren Präparaten und vergessenen Ausstellungsobjekten vollgerümpelten Katakomben dieses Hauses gaben für „Das Relikt“ eine Kulisse ab, die so grandios einschlug, dass die Autoren sich seither denkfaul gern wieder hier einnisten, obwohl der daraus resultierende Überraschungseffekt längst dahin ist.

Bisher haben sich Preston & Child mit den Variationen ihrer vorgestanzten Story-Elemente einige Mühe gegeben. Das ersparen sie sich dieses Mal: Der Höhepunkt des Romans – Diogenes sperrt die High Society von New York in ein unzugängliches Grabgewölbe ein und lässt sie mit einer Mischung aus High Tech und Mumbo Jumbo effektvoll das Zeitliche segnen, während sich die Guten verzweifelt Einlass zu schaffen versuchen – ist eine schamlose Eins-zu-Eins-Kopie des „Relikt“-Finales. (Geht’s noch schlimmer? Aber immer! Wie weiland Sherlock Holmes mit Dr. Moriarty an den Reichenbachfällen ringt auch Diogenes schließlich am Rande eines Abgrunds mit seinem Todfeind.)

Aufgewärmter Mystery-Mischmasch

Bis es soweit ist, müssen wir uns durch einen erschreckend langweiligen Mittelteil quälen. Er ist der Vorbereitung von Pendergasts „Prison Break“ aus einem B-Movie-Gefängnis gewidmet, das von psychotischen Irren bewohnt und von Butzemann-Sadisten geleitet wird. Währenddessen scharwenzelt Diogenes zwischen diversen Schurkentaten um die blasse Constance herum, ringt Knurr-Cop D’Agosta um seine Ehe, die in dieser Geschichte völlig überflüssige Margo Green um ihr Leben und ein ebenso nebensächlicher Smithback um die Wahrheit, die wie üblich von einer intriganten Museumsleitung im Verbund mit skrupelloser Polit-Prominenz verschleiert werden soll. Niemand hat aus den Museumsmorden der Vergangenheit etwas gelernt; exakt dieselben Fehler werden begangen, endlose Streitgespräche geführt und sogar die Langmut hirngedimmter Leser über Gebühr strapaziert. Derweil springt die Handlung ständig von einem Schauplatz zum nächsten; sie bricht nach dem Cliffhanger-Prinzip dort ab, wo es spannend wird, und kehrt erst später dorthin zurück: ein klassischer Kniff, der freilich zum billigen Trick degeneriert, wenn er so inflationär wie hier zum Einsatz kommt.

Schade, denn es begann eigentlich recht viel versprechend. Der Fluch der Pharaonen zieht als Aufhänger einer auf Turbulenz gebürsteten Geschichte auch heute noch. Preston & Child verstehen zudem die handwerkliche Seite ihrer Arbeit. Sie belegen in einzelnen Passagen, wie spannend sie zu schreiben vermögen. Leider ignorieren sie zunehmend die Verpflichtung, ihren Romanen wenigstens einige Tropfen Inspiration hinzuzufügen und so aus Reißbrett-Mysterien richtige Thriller zu machen.

Alte Bekannte ohne neue Eigenschaften

Die Wiederholung des sattsam Bekannten setzt sich selbstverständlich in der Figurenzeichnung fort. Aus „Relic“/„Das Relikt“ und „Attic“ treten Anthropologin Margo Green und Reporter Bill Smithback auf, der zusammen mit einer weiteren alten Bekannten, der Archäologin Nora Kelly, auch in „Thunderhead“ oder „Ice Ship“ Abenteuer erlebt; Profiler Eli Glinn kommt gleichfalls vom „Ice Ship“. Längst gibt es einen eigenen Preston-und-Child-Mikrokosmos, dessen Bewohner immer wieder im Rampenlicht tanzen müssen. (Hier stellen ihn die Verfasser übrigens en detail vor.) Wie sinnvoll das jeweils ist, bleibt Nebensache. Bill Smithback und vor allem Margo Green in „Maniac“ höchstens Statisten, die ihren anscheinend obligatorischen Gastauftritt geben.

Pendergast bleibt Pendergast. Dieses Mal muss er Farbe bekennen und Gefühle zeigen, was ihm schlecht steht. Superhelden mit Schwächen wirken menschlicher, was allerdings geschickter in Szene gesetzt werden muss als hier. Schlimmer als Aloysius muss jedoch Diogenes Federn lassen. Sein monumentaler, 15 Jahre (!) vorbereiteter, unfassbare komplizierter Masterplan entpuppt sich als Rache eines Kindes, das vom eifersüchtigen Brüderlein hereingelegt wurde, welches sich dafür nie entschuldigt hat … Drei dicke Buchbände haben Lincoln & Child uns nicht nur ein kriminelles Superhirn suggeriert, das letztlich nicht nur mit heißer Luft gefüllt ist, sondern auch ein lächerliches Ende findet.

Ähnlich unglaubhaft – und damit angemessen – schildert das Autorenduo das weitere Schicksal von Constance, deren ‚Geheimnis‘ endlich enthüllt wird. Sie muss aktiv werden und sich von der grauen Maus zur globetrotternden Rachegöttin mausern, damit sie im (bereits geschriebenen) Folgeband gemeinsam mit Pendergast den Mysterien dieser Welt nachforschen kann.

Ebenso flach geraten erwartungsgemäß alle in „Maniac“ auftretenden Figuren, an deren oft schlimmen Schicksal wir deshalb keinen Anteil nehmen. Ein Roman ist auch im 21. Jahrhundert etwas anderes als ein Drehbuch, ein Comic-Book oder ein Computerspiel. Dies wird das Autorenduo selbstverständlich für zukünftige Werke nicht berücksichtigen – wieso auch? Sie haben sich ihr Publikum entweder herangezogen oder sich ihm angepasst und liefern zuverlässig und regelmäßig, wonach es giert. Ist dagegen etwas einzuwenden, sind doch alle (oder die Mehrheit) damit glücklich? Natürlich nicht. Insofern ist eine Kritik wie diese, die andere – nennen wir sie ‚‘klassische‘ – Qualitätsmaßstäbe anlegt, vielleicht nur der sprichwörtliche und übertriebene Kanonenschuss auf ein Spatzenhirn …

Autoren

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am „American Museum of Natural History“ in New York an. Während der Recherchen zu einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei St. Martin’s Press von einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“ (1994; dt. „Das Relikt – Museum der Angst“).

Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei St. Martins Press angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er an den Feierabenden mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller. (Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.)

Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Hier wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).

[md]

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Buch24.de

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