Missing Link

Walt Becker
Missing Link

(sfbentry)
Originaltitel: Link (New York : William Morrow 1998)
Übersetzung: Helmut Splinter
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2001 (Knaur Verlag)
463 S.
ISBN 3-426-19579-8
Als Taschenbuch: Dezember 2003 (Knaur Verlag/TB 62546)
463 S.
ISBN-13: 978-3-426-62546-0
Als TB-Sonderausgabe: 2007 (Knaur Verlag/TB Nr. 63591)
463 S.
ISBN-13: 978-3-426-63591-9

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Das geschieht:

In Mali, Westafrika, gelingt Samantha Colby, die nach vor- und frühgeschichtlichen Menschenknochen fahndet, in einer Höhle der archäologische Fund ihres Lebens. Unter dem Staub von Jahrzehntausenden kommt das perfekt erhaltene Skelett eines seltsamen Urzeit-Bewohners zum Vorschein: Dieser Zwei-Meter-Mann mit seinem voluminösen Hirnschädel besaß zwar nur vier Finger an jeder Hand, trug aber ein kunstvoll und offensichtlich maschinell fabriziertes Artefakt bei sich, das buchstäblich nicht von dieser Erde ist.

Die junge (und selbstverständlich bildhübsche) Frau, weiß, wen sie rufen muss: Dr. Jack Austin, ihr dreifacher Ex (Lehrer, Mentor, Geliebter), malträtiert die Welt seit Jahren mit der Theorie, die Erde sei vor Äonen von Aliens aus dem Weltall besucht worden, welche die unkultivierten Bewohner von den Bäumen geholt und zivilisiert hätten. Als Rebell gegen das Kultur-Establishment wurde Austin die Luft gesetzt und muss sich nun als akademischer Tagelöhner in Mittelamerika verdingen.

Samantha ist schon lange auf Abstand zum glücklosen Austin gegangen. Hilfreicher wurde die Verbindung zum Waffenhändler Ben Dorn. Dieser bemüht sich um einen guten Ruf und tritt als Mäzen diverser wissenschaftlicher Projekte auf. Auch in Mali ist Dorn mit von der Partie. Hier liefert er sich mit dem angereisten Austin einen Platzhirsch-Ringkampf um die wenig erfreute Samantha, erweist sich dann aber als Retter in prekärer Lage, als die Dogon sich als Hüter der alienbefeuerten Vergangenheit outen und die Herausgabe des wertvollen Artefaktes fordern. Dieses stellt sich als Teil eines holografischen Wegweisers heraus, der den Wissenschaftlern noch viel größere Wunder verheißt, die sich allerdings in der bolivianischen Ruinenstadt Tiahuanaco hoch in den Anden verbergen. So wechseln die Abenteurer nach Südamerika.

Samantha und Jack machen sich reinen Herzens (und leeren Hirns) daran, das Alien-Rätsel zu lösen. Sie haben keine Ahnung, dass Dorn plant, die außerirdischen Schätze möglichst lukrativ auszubeuten. Dies plant auch ein vertierter Drogenboss, was bald eine wahrlich explosive Situation heraufbeschwört …

Roman als „Missing Link“ zwischen Parodie & Travestie

Lässt die Inhaltsbeschreibung nicht unsere Spannung & Erwartung in nie gekannte Höhen steigen? Waaas – das kommt uns alles doch recht bekannt vor? Kann nicht sein; würde ein großer Buchverlag denn eine Geschichte publizieren und viele Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch auflegen, wenn diese nicht etwas ganz Besonderes darstellte?

Das sind natürlich rhetorische Fragen, gewürzt mit Ironie, einem Stilmittel, das dieser Rezensent gern einsetzt, wenn es gilt, Ärger nicht durch hässliche Flüche abzureagieren, sondern trotz aller Lästereien halbwegs sachlich zu bleiben. Wie die Lektüre des hier vorgestellten Werkes belegt, kann dies zu einer echten Herausforderung werden, oder anders ausgedrückt: Wie viel Dummheit kann oder muss ein Mensch ertragen, bevor es ihm gestattet ist, endlich loszuschimpfen?

Auf der anderen Seite gebietet es der Anstand zu relativieren. Über Menschen mit gewissen Defekten sollte man sich nur in Maßen lustig machen. Leider fällt es schwer, Walt Becker in diesem Punkt richtig einzuschätzen. Ist er wirklich ein Jünger des Möchtegern-Historikers Graham Hancocks und anderer dubiosen Gestalten, die er so stolz in einer langen Literaturliste seinem Publikum nahe bringt? (Mittendrin: Charles Darwin mit „Die Entstehung der Arten“ … und der arme Kerl kann sich nicht mehr wehren.)

Oder bedient sich Becker der beliebten, weil weder zu beweisenden noch zu widerlegenden These von der verschwundenen ersten Hochkultur der Menschheit – ob durch Außerirdische angeschoben oder nicht – nur, um seinem knallbunten Mystery-Vehikel einen Booster zwecks Durchstart zur Spitze der Bestseller-Listen zu spendieren? Das ginge in Ordnung, doch der durchgängig ehrfürchtige Unterton über die trotz aller Sabotage seitens der offiziellen Forscher-Mafia endlich ans Tageslicht drängenden Archäo-Fakten stimmt eher misstrauisch.

Erbarmungslose Jagd auf die Originalität

„Missing Link“ ist lupenreine, von objektiver Sachkenntnis kaum getrübte Fiktion. Beckers scheinbares Fachwissen ist selbst dort, wo er sich auf dem Boden wissenschaftlicher Tatsachen bewegt, sichtlich nur angelesen. Viel verstanden hat der Autor offenbar nicht; vielleicht liegt es aber auch an der unbeholfenen Umsetzung dieser Fakten in eine Geschichte, vor deren Niederschrift der Verfasser ein ihm stets präsentes Schild mit der Aufschrift „Nur nicht originell werden!“ in Augenhöhe angebracht haben mag. (Das wurde dann an den deutschen Übersetzer weitergereicht.) Stattdessen hastet Becker streng nach Schema F von einer pseudohistorischen Sensation zur nächsten und tischt seinen Lesern noch den ältesten Käse wieder auf.

Wo immer auf dieser Welt einst Menschen geduldig schwere Steine hin und her bewegten, hatten demnach die Außerirdischen ihre Finger (oder Tentakel) im Spiel. Noch der baufälligsten frühgeschichtlichen Ruine wohnen angeblich komplexe Geheimbotschaften inne, mit denen die Zeitgenossen aus recht unerfindlich bleibenden Gründen den Standort der Wega zur Wintersonnenwende oder den galaktischen Kopfstand des Doppelspiralnebels Deconoate-XXL im Sternbild Ohweia verschlüsselt haben. Mit Zahlen jongliert Jack Austin stellvertretend für alle Krypto-Archäologen dieser Welt voller Wonne; sie lassen sich so leicht gewinnen und beweisen scheinbar alles: Addiert man die zwölfeinhalbfache Kantenlänge der Cheops-Pyramide drei Mal zum Durchmesser des Westturms der Kreuzritterburg Akkon und multipliziert das Ergebnis mit dem Winkel, den der Mond zu Halloween um Mitternacht zum höchsten Tempelstein von Stonehenge einnimmt, erhält man exakt 4/5 des Abstandes, den der Merkur am 1. April zum dritten Mond des Jupiter hält – und dieser Wert lässt sich glatt durch die Zahl Pi teilen! Na, wenn das nichts zu bedeuten hat …

Kann brachiale Dummheit siegen?

Leider beharren die fantasielosen Skeptiker dieser Welt trotzdem auf handfeste Beweise, wie sie seit jeher durch langwierige und daher für unsere Kryptos langweilige Forscherarbeit der traditionellen Art gewonnen werden. Da ist es einfacher und auch viel spannender, sich jenseits aller durchaus berechtigten Zweifel – die Wissenschaft weiß in der Tat nicht alles – exotische Bröckchen aus der Weltgeschichte zu picken, sie zu einer atemberaubenden ‚Realität‘ zu verwirbeln und ansonsten verwickelte Verschwörungen zu konstruieren, mit denen die Fox Mulders dieser Erde seit jeher von „denen da oben“ ausgebremst werden.

Auch das kann sehr unterhaltsam sein, wird jedoch von Becker mit jenem Bierernst dargeboten, der entweder den verbohrten Fanatiker oder den Ignoranten kennzeichnet. Das Ergebnis ist immerhin ein Feuerwerk unfreiwilliger Heiterkeit, gemischt mit jenem unbehaglichen Fremdschämen, das sich z. B. in der Nähe erwachsener Menschen einstellt, die sich als Klingonen oder imperiale Sturmtruppler verkleiden.

Figuren aus Papier und Sägemehl

Konsequenz beweist der Verfasser in der Figurenzeichnung. Sie ist ebenso flach wie die Handlung, die wenig mehr als seitenlange Beschreibungen wundersamer Alien-Artefakte, Forscher mit durchsackenden Kinnladen und unbeholfene Verfolgungsjagden zu bieten hat. Samantha Colby ist hübsch, klug, hübsch, selbstbewusst und hübsch, aber trotzdem ganz Frau, d. h. nicht gar zu selbstständig und bereit, bescheiden in den Hintergrund zu treten, wenn echte Männerarbeit (Balzen, Prügeln, Schurkenkillen) ansteht. Jack Austin mimt den Indiana Jones für Arme, Ben Dorn grunzt als Schwein vom Dienst.

Hollywood lässt grüßen, denn „Missing Link“ ist eindeutig als Drehbuch-Vorlage konzipiert. Becker kommt vom Film und hat u. a. 2000 als Autor und Regisseur in Personalunion eine Möchtegern-Komödie mit dem schönen Originaltitel „Buying the Cow“ (dt. „Die Hochzeitsfalle“) in den Sand gesetzt. An blöden Details für einen Kinostreifen der Güteklasse „Resident Evil“ oder eine möglichst kostengünstige Fernseh-Serie wurde denn auch in „Missing Link“ nicht gespart. Von wilden Wumba-Wumba-Negern über Aye-Caramba-Desperados bis zu CIA-Geheimagenten, wie der kleine Max sie sich vorstellt, fährt Becker alles auf, was dem Trash-Fan lieb und teuer ist.

Größer, höher, weiter, dümmer …

Man werfe ihm aber nicht vor, er verfüge nicht über Sinn für Humor oder verstehe es nicht, seinen Figuren Konturen zu verschaffen: Ist es nicht ein dramaturgischer Geniestreich, den knorrigen General Wright mit quälenden Hämorrhoiden zu schlagen? Der finstere Drogenbaron ist nicht nur Meuchelmörder aus Passion, sondern zwingt des Nachts gern – ho-ho, wir trauen uns als Autor aber was! – die eigene Nichte ins Lotterbett. Zwischen Helden und Bösewichten tummeln sich ansonsten die üblichen Kumpane & Spießgesellen; gesichtsloses Kanonenfutter, das in regelmäßigen Abständen über die Planke geschickt wird, um den Hauptpersonen Gelegenheit zu publikumswirksamen Abschiedsszenen, Racheschwüren und sonstigen Gefühlsausbrüchen zu geben. Dazu gibt’s als Sahnehäubchen eine brüllkomische ‚Sexszene‘ (Höhepunkt & Finale: „Dann fiel ihr Kopf zurück in das dicke Polster aus Moos, und sie wurden eins.“)

Es endet konsequent grässlich in einem Lara-Croft-ähnlichen Finale, das vor künstlicher Dramatik, lächerlichen Übertreibungen und missglückten Effekten strotzt und die jammervolle Minus-Qualitäten dieses Machwerks eindrucksvoll unterstreicht. Es bleibt die Frage, wieso „Missing Link“ trotz der beschriebenen Mängel erstaunliche Backlist-Standfestigkeit unter Beweis stellt. Können Millionen Fliegen tatsächlich nicht irren …?

Autor

Walter William Becker (geb. 1968) ist ein Schauspieler, Produzent und Regisseur, der sich mit insgesamt eher mäßigem Erfolg in Hollywood betätigt. Nach „Link“ hat er es klugerweise aufgegeben, weitere Romane zu veröffentlichen. Dem neugierigen Masochisten sei abschließend geraten, lieber zur Taschenbuch-Ausgabe von „Missing Link“ zu greifen, da auch der ausgewiesene Trash-Freund nicht gar zu viele Euro für seine Wochenration Schwachsinn ausgeben möchte.

Kurzinfo für Ungeduldige: Archäologen raufen mit Strolchen um die Hinterlassenschaften von Aliens, die in urzeitlicher Vergangenheit die Erde besucht haben … – Aus zusammengeklau(b)ten Krypto-Klischees schustert der Verfasser ein grausig dummes Machwerk zusammen, das gleich mehrere Genres (Abenteuer, SF, Thriller) vergewaltigt: eine grobe Beleidigung jedes denkfähigen Lesers!

[md]

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