Nach der Stunde Null

Alfred Coppel
Nach der Stunde Null


Originaltitel: Dark December (Greenwich/Connecticutt : Fawcett 1960)
Übersetzung: Norbert Wölfl
Deutsche Erstausgabe: 1966 (Heyne Verlag/Heyne Science Fiction 06/3078)
157 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1984 (Goldmann Verlag/TB Nr. 6686)
187 S.
ISBN-13: 978-3-442-06686-5

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Das geschieht:

Der III. Weltkrieg hat die Welt in die postatomare Steinzeit getrieben. Die Sowjets haben wohl angefangen, aber das ist inzwischen ohne Relevanz, denn beide Supermächte sind vernichtet. Die Zahl der Opfer geht in die Millionen, die meisten Überlebenden werden folgen. Hungersnöte, Seuchen und die Verstrahlung fordern ihren Tribut. Um die wenigen verbliebenen Ressourcen toben erbitterte Verteilungskämpfe. Solidarität oder gar Menschlichkeit gibt es nicht mehr in dieser Hölle.

Das ist die Welt, in die Major Kenneth Gavin zurückkehrt. Viele Monate hat er als „Raketenmann“ dem Feind im Osten tödliche Geschosse geschickt. Für ihn war es ein sauberer Krieg, denn er musste nur Knöpfe drücken. Jetzt lernt Gavin auf die ganz harte Tour, dass die Realität eine ganz andere ist und er seinen Teil der Schuld trägt.

Gavin war im Norden des Kontinents war Gavin, während seine Familie in Kalifornien zurückblieb. Dorthin will der Major nun. Aber der Süden der USA steht unter Quarantäne, dort lebt womöglich niemand mehr. Auf eigenes Risiko und allein muss sich Gavin auf den Weg machen. Allgegenwärtig lauert die Strahlenkrankheit, aber viel schlimmer sind die ständigen Attacken zunehmend verrohender Überlebender. Gavin will und kann nicht mehr kämpfen, aber er muss sich entscheiden, ob er sein Ziel erreichen will, selbst wenn dies bedeuten könnte, seine in diesen Zeiten offenbar überholten Prinzipien der Menschlichkeit endgültig aufzugeben.

Als ob dies nicht der Plagen mehr als genug sind, heftet sich auch noch der kriegsverrückte Major Collingwood an Gavins Fersen. Dieser hat inzwischen eine junge Frau und ein Kind um sich geschart. Die kleine Schar will sich nach Kalifornien durchschlagen, obwohl Gavin längst weiß, dass sie dort ganz sicher nicht seine Familie, sondern der Tod erwartet …

Gesiegt und trotzdem verloren

„Wehe, was taten wir vermessenen Menschen? Die Zivilisation ist zerstört, die Welt wurde in einen toten Schlackenball verwandelt! Aber wenigstens haben nicht wir, die Guten aus dem (nordamerikanischen) Westen mit dem III. Weltkrieg angefangen, sondern die fiesen Russen, und denen haben wir es tüchtig gegeben, bevor sie uns leider doch erwischten. Also tragen eigentlich sie die Schuld an dem Schlamassel, in dem wir jetzt stecken.“

Diese Worte lassen sich zwar an keiner Stelle dieses Romans lesen, sondern sind Ihrem Rezensenten eingefallen, aber sie beschreiben anschaulich den Tenor unserer kleinen aber interessanten Geschichte. Der große Knall hat schon stattgefunden, der Krieg ist vorbei; wer ihn aus welchen Gründen begann, bleibt unerwähnt, eine aufwändige Analyse konnte Verfasser Coppel sich ohnehin sparen: Die lesenden Zeitgenossen von 1960 wussten sehr gut, dass und wieso der Kalte Krieg jederzeit in einen heißen umschlagen konnte.

Trotzdem kommt die Einsicht, die förmlich aus den Zeilen tropft, zu spät. Krieg ist die Hölle, und Sieger gibt es nicht, vor allem nicht in einem Atomkrieg. Das wissen alle Beteiligten, aber geführt haben sie ihn dennoch erbarmungslos; Major Gavin, unser Held, war sogar ein „Raketenmann“ und hat die verhassten „Russkies“ viele Monate in Grund und Boden gebombt. Jetzt rührt sich nichts mehr im Osten, und nur das und keineswegs die Tatsache, dass Nordamerika selbst in Schutt und Asche liegt, hat den Krieg beendet.

Faszination des Grauens

„Post-Doomsday“-Dramen à la „Nach der Stunde Null“ wurden viele geschrieben in den 1950er und 60er Jahren, als die Schicksalsuhr des III. Weltkriegs ständig auf 5 vor 12 stand. Sie fanden ihr Publikum und ihre (wohlwollenden) Kritiker, galten sie doch als Mahnung und Warnung vor einer möglichen Zukunft, die man besser vermeiden sollte. Ein eigenes Literaturgenre entstand (Titellisten liefert z. B. www.wsu.edu/~brians/nuclear = „Nuclear Holocausts: Atomic War in Fiction“), das bis heute blüht (obwohl inzwischen der gespielte Weltentod eher genetische Ursachen hat), aber auch Unterhaltungsprofis wie Alfred Coppel lockte, die hier hauptsächlich eine grüne, d. h. einträgliche Wiese witterten.

„Nach der Stunde Null“ ist daher wie die meisten Apokalypse-Thriller reine Action mit nur aufgesetzter Gesellschaftskritik. Schon bald nach dem düsteren Auftakt landen wir nicht nur geografisch im Wilden Westen der USA. Macht- und geldgierige Schurken bedrängen den letzten Aufrechten, und Major Gavin ist der Fremde, der nicht mehr kämpfen will und doch wieder an die Front muss, wofür er immerhin mit der Liebe einer holden Maid belohnt wird.

Weil Coppel zwar ein fixer aber keineswegs schlechter Autor war (und Norbert Wölfls deutsche Übersetzung sich auch heute erstaunlich gut liest), kann „Nach der Stunde Null“ zwar nicht überraschen aber noch immer fesseln – nicht mehr, aber auch nicht weniger: Mancher ‚echte‘ Klassiker hat sich nicht so gut gehalten.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Dieses Buch ist zwar eine ‚realistische‘ Geschichte, gleichzeitig aber auch Allegorie. Folglich spielen die Figuren Rollen und müssen stellvertretend für die Menschheit agieren. Die Majore Gavin und Collingwood bilden die beiden Seiten derselben Medaille. Beide haben sie ihre ‚Pflicht‘ erfüllt und dabei die Welt an den Rand des Verderbens (und darüber hinaus) gebracht. Gavin hat – spät zwar, aber immerhin – begriffen, dass dies falsch war, und ist bereit, die Konsequenzen zu ziehen. Collingwood steht für jene, die nicht begreifen wollen oder können, dass der Krieg vorbei ist. Er ist böse und verrückt geworden, klammert sich an die vertrauten Muster von Hass und Zerstörung. Aber seine Zeit ist vorüber. Folgerichtig überlebt Gavin, schwer angeschlagen aber gestärkt durch seine Erfahrungen, während Collingwood untergehen muss.

Lorry Fielding erfüllt zunächst einmal die Funktion der Eva, die in jeder Schöpfungsgeschichte auftauchen muss. Falls sie für ihre Geschlechtsgenossinnen steht, macht uns Autor Coppel unfreiwillig deutlich, dass er seine Geschichte Anno 1960 schrieb. Lorry ist dennoch weniger Opfer oder Weibchen, sondern vor allem anpassungsfähig und überlebenswillig. In dieser Beziehung gleicht sie dem Jungen Kim, der den hoffnungsvollen Neuanfang der Menschheit verkörpert.

Auch ihm stellt Coppel ein dunkles Gegenstück zur Seite – Tenner, in dem die Katastrophe nur negative Eigenschaften weckte, und der deshalb ebenso verdammt ist wie Collingwood. Tenner symbolisiert zusätzlich die Furcht des konservativen US-amerikanischen Establishments vor den halbstarken „Rebellen ohne Grund“, die sich schon in den 1950er Jahren nicht mehr widerspruchslos in eine scheinbar zementierte Gesellschaftsordnung fügen wollten. Auf Coppels Solidarität konnten sie nicht zählen.

Die übrigen Figuren: eine Galerie von Typen – der Mitläufer, der Pragmatiker, der Idealist, der überforderte Schwächling usw. Aber Coppel versteht es, seine Intentionen nicht gar zu aufdringlich in Worte bzw. Charaktere zu fassen. Mit wenigen Strichen zeichnet er sein mal düsteres, mal leicht optimistisches Bild. Auch in dieser Hinsicht hat sich „Nach der Stunde Null“ wacker gehalten.

Autor

Alfred Coppel (eigentlich Alfredo José de Arana-Marini y Coppel, geb. am 9. November 1921 in Oakland, US-Staat Kalifornien) gilt der Kritik als typischer „Pulp“-Autor, was nur hierzulande zwangsläufig mit einem negativen Beigeschmack behaftet ist, sondern zunächst einen Verfasser charakterisiert, der primär für Magazine und zu Unterhaltungszwecken schrieb.

Coppels Werk deckt praktisch sämtliche Genres der Trivialliteratur (wiederum kein originär abwertender Begriff) ab. Seit 1947 schrieb der Vollblut-Autor, was gerade ‚ging‘. So können von seinen mehr als 25 Romanen weniger als die Hälfte der Science Fiction zugeordnet werden. Abenteuer-, Kriegs- und Kriminalgeschichten, aber auch Edelschmalzer und Sachbücher machen den größeren Rest aus.

Das SF-Hauptwerk ist sicherlich der dreibändige, auf jugendliche Leser zugeschnittene „Rhada“-Zyklus, den Coppel als Robert Chan Gilman zwischen 1968 und 1970 verfasste. (Ein vierter Band erschien 1985.) Mit dem Abschluss der „Glory“-Serie (1993-1996), einem weiteren, bedingt erfolgreichen Versuch, das goldene Zeitalter der Space Opera aufleben zu lassen, zog sich Alfred Coppel von der Schriftstellerei zurück. Am 30. Mai 2004 ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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